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Ausgabe:

1896 Nr. 24

Spalte:

623-631

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gunkel, Herm.

Titel/Untertitel:

Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit 1896

Rezensent:

Wrede, William

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623 Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 24. 624

die Form lnagy(i)'ut) 25 , üA ft. enagyaiq, wie B gedankenlos
nach 23 24 conformirt, E HLP dann als richtig
beibehalten hätten; anagyigi, deffen Entftehung nicht zu
begreifen wäre, bedeute nicht Provinz, fondern Statt-
halterfchaft als Amt. Leider giebt B. Weifs hierfür
keine Belege. Die von Blafs zu Act 25 , beigebrachten
Stellen fprechen dagegen; denn Eufebius trägt zweimal
das ihm auch fonft geläufige snagyaigi in den Jofephus-
text, deffen fämmtliche Codices snagyiq haben, ein in
keinem anderen Sinne als dem der Provinz, und ebenfo
fleht enagxeiw auch infchriftlich. Alfo bieten XA hier
nur fpäteren (paläftinenfifchen?) Sprachgebrach.

Vergleicht man endlich den fo von Weifs conftituirten
Text mit dem von Tifchendorf und dem von Weftcott-
Hort, fo zeigt fich die gröfste Uebereinftimmung: was
fich auf Grund der Majusceln in der bisherigen Methode
erreichen läfst, ift erreicht, und eine Textform, von der
man vielleicht behaupten darf, dafs fie am Schlufs des
zweiten Jahrhunderts vorhanden war, gefichert. In den
fünf erften Capiteln mit 178 Verfen finden* fich nur an
59 Stellen Differenzen: 23 mal geht Weifs mit Tifchendorf
gegen W-H., 25 mal mit W-H. gegen Tifch., wozu
6 Randlesarten bei W-H. hinzutreten; nur 4mal ent-
fcheidet fich Weifs gegen den Confenfus von Tifch. und
W-H.; einmal, in der Orthographie von axeXÖctfiax, gehen
alle drei ihre eigenen Wege. Dabei ift jedoch zu bemerken
, dafs die Uebereinftimmung mit Tifch. mehr
formale, diejenige mit W-H. mehr die wichtigeren fachlichen
Varianten betrifft, was fich durch die beider-
feitige Hochfehätzung von B fehr wohl erklärt.

Auch diefem Text hat B. Weifs einen knappen Com-
mentar beigefügt, der hier um fo willkommener ift, als
wir bisher zur AG noch keine zufammenhängende Bearbeitung
von ihm befafsen. Weifs hat befonderen
Werth gelegt auf Feftftellung des Sprachgebrauchs, und
ohne eine Quellenfcheidung durchzuführen, die nöthigen
Materialien für eine folche befchafft. Auch in diefem
nicht minder wichtigen Theile der Arbeit auf Einzelheiten
einzugehen, müffen wir uns vertagen. Der Nachdruck
liegt, wie fchon der Titel fagt, auf der textkritifchen
Seite des Werkes und diefe galt es vor allem zu wür- |
digen.

So fchliefsen wir mit dem wärmften Danke für
die in diefem Heft wie in den vorigen niedergelegte
reiche Arbeit und werthvolle Zufammenfaffung und mit
dem Wunfche, dafs bald der Text der Paulusbriefe und
dann vor allem der befonders fchwierige, aber auch
hervorragend wichtige dritte Theil, für den der hochverehrte
Herr Verfaffer durch feine intenfive Befchäfti-
gung mit der synoptifchen Frage vor allem vorbereitet
ift, folgen möge.

Jena. von Dobfchütz.

Gunkel, Prof. Herrn., Schöpfung und Chaos in Urzeit und
Endzeit. Eine religionsgefchichtliche Unterfuchung
über Gen I u. Ap Joh 12. Mit Beiträgen von Prof.
Heinr. Zimmern. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht
, 1895. (XIV, 431 S. gr. 8.) M. 10. —; geb.

M. 11. 80.

Gunkel's Buch, das ich längft an diefer Stelle hätte
anzeigen follen, hat eine fehr verfchiedene Aufnahme
gefunden. Ed. Meyer (Beilage zur Allg. Ztg. 1894, Nr.
287) hat es als eine epochemachende Erfcheinung gekennzeichnet
, E. Maafs (Orpheus 2527), um nur den
Gegenpol zu nennen, hat äufserft abfällig geurtheilt, auch
R. Smend (Deutfche Lit -Ztg. 1895, Nr. 26) hat gemeint,
das Buch beweife, dafs der Verfaffer für die Erforfchung
des AT's nicht gemacht fei.

Ungewöhnlich bedeutend ift es nun jedenfalls. Es
behandelt ein im Grunde neues und religionsgefchicht-
lich wichtiges Thema nach einer für die theologifche

Forfchung im Grunde neuen und mit grofser Sorgfalt
durchgebildeten Methode, es zeigt eine Fähigkeit aus
zerftreuten Fragmenten einer Vorftellungswelt eine Ge-
fchichte abzulefen, aus einem Chaos eine Schöpfung zu
machen, die man wohl ohne Uebertreibung feiten nennen
darf; es verbindet (was nicht immer verbunden ift) tiefdringenden
Scharffinn und pfychologifchen PVinfinn; dazu
kommt literarifcher Gefchmack und umfaffende Ge-
lehrfamkeit. Selbft wenn das Buch fachlich einen Fehlgang
darftellte, würde man aus ihm noch immer erheblich
mehr lernen können als aus manchem „anerkannt
trefflichen" Werke.

Ebenfo mufs von vornherein der Werth der fchrift-
ftellerifchen Leiftung anerkannt werden. Das Buch ift
ausgereift. Mag man in ihm Einfälle finden, hinaus-
gefchleudert ift nichts, alles ift überlegt. Der Beweis der
Reife ift die Knappheit. Ein Anderer hätte zwei Bände
ftatt des einen geboten, Gunkel hat alles ungemein
bündig und doch gar nicht trocken vorgetragen, dem
Lefer meift das Räfonnement überlaffen, dabei geforgt,
dafs das Beiwerk die Durchfichtigkeit und den fauberen,
kunftvollen Bau des Ganzen nicht ftöre. So verftärkt
die Form den Eindruck der wiffenfchaftlichen Energie.
Wirkt die Gleichförmigkeit mancher Beweisgänge gegen
den Schlufs hin vielleicht etwas ermüdend, fo forderte fie
doch die Präzifion. Im Uebrigen hat Gunkel es vorzüglich
verftanden, den Reiz, den feine Forfchungen für ihn
felbft fichtlich gehabt haben, auf den Lefer zu übertragen
.

Die Bezeichnung „eine religionsgefchichtliche Unterfuchung
über Gen 1 und Ap Joh 12" neben dem prägnanten
Haupttitel (f. p. 369) ift eine Abbreviatur. Gen I
und Apok 12 ftehen nur im Mittelpunkte einer ganzen
Reihe von Unterfuchungen, in denen Gunkel zu zeigen
fucht, wie der Schöpfungs- und Chaosmythus von
Babylon auf die kosmologifchen und eschato-
logifchenVorfte Hungen der Bibel eingewirkt hat.

Der kosmogonifche Mythus, um den es fich handelt,
— wir kennen ihn durch Damascius und Beroffus wie
durch die Keilfchrifttexte — erzählt, wie Marduk (Bei),
der Gott der Frühfonne, der Stadtgott von Babel, gegen
die Tiämat (= Tehom, Urmeer), den Chaosdrachen,
und ihre Helfer, an deren Spitze Kingu fleht, zum
Kampfe auszieht, fie befiegt, den Leichnam der Tiämat
fpaltet (in „die Waffer oben und unten") und aus ihm
die Welt bildet.

Gunkel beginnt mit der Thefe, dafs Gen I, obwohl
dem gegenwärtigen Beftande nach jung, doch nicht Erdichtung
des Verfaffers von PC fein könne (Wellhaufen).
Kosmogonien ruhen überhaupt ftets auf Tradition; fo-
dann aber; Gen 1 enthält eine ganze Reihe von Zügen,
die in und aus dem jetzigen Berichte nicht mehr wirklich
verftändlich find, vielmehr als Bruchftücke eines
älteren Zufammenhanges, als Nachklänge mythologifcher
Traditionen gelten müffen. Neben dem Chaos, dem
Brüten des Geiftes (Vorftellung vom Weltei) u. a. gehört
dahin z. B. das: Laffet uns Menfchen machen;
hinter dem Plural fleht das Bild einer göttlichen Raths-
verfammlung, von der der jetzige Text nichts mehr weifs.
Nun weift manches in diefer Tradition unmittelbar
darauf hin, dafs ihre urfprüngliche Heimath Babylonien,
jedenfalls nicht Ifrael war. Die Anfchauung, dafs die
Welt einft Waffer war, konnte nur in einem Stromlande
entftehen. (Anders Gen 25.6 (kanaanäifch), wo das
Waffer Wohlthat der Gottheit ift, nicht zu überwinden-
i der Feind.)

Die Unterfuchung wendet fich hier einftweilen anderen
1 Stellen zu. Sie laffen eine reiche Gefchichte des Schöpfungs
- und Chaosmythus erkennen, die feine urfprüngliche
Identität mit dem Marduk-Tiämat-Mythus aufser
Zweifel ftellt. Es find alle die bis auf Henoch und
4. Efra reichenden Worte, die von Rahab, den Un-
gethümen Leviathan und Behemoth, dem Drachen im