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Ausgabe:

1896 Nr. 21

Spalte:

540-541

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gould , Ezra

Titel/Untertitel:

A critical and exegetical commentary on the gospel according to St. Mark 1896

Rezensent:

Weiß, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 21.

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welche diefer Frage S. 24—51 gewidmet find, wird man
aber auch nicht einen Schimmer eines einzigen fetten
Datums erkennen können. Die Befcheidenheit ift fonft
nicht die ftarke Seite des Verfaffers, aber in Bezug auf
Gründe für feine Behauptungen zeigt er fich fehr an-
fpruchslos. ,Wer anders' fagt er S. 45, ,als David konnte
fagen: ,meine Seele lebt ihm, mein Same wird ihm
dienen' (Pf. 22, 30 f. LXX)? — Hundert Andere konnten
das fagen, alle die zu den Chafidim gehörten (vgl. die
ähnliche Behauptung S. 21). — Aehnlich oberflächlich
ift S. 38 zum Erweife der Davidifchen Verfafferfchaft
von Pf. 2 die Behauptung: eine folche Situation habe
fleh nur zu David's Zeit gefunden, S. 43 die Vertheidigung
des Wortes: ,an dir allein habe ich gefündigt! in Pf.
51, 6 mit der flachen Redensart, dafs jede Sünde ein
Vergehen an Gott felbft fei, als ob damit das Tj'rpb erklärt
wäre. — Die ganze Theorie vom Durchbruch' der
religiöfen Individualität bei David ift auf Luft gebaut und
bewegt fleh in fortwährenden Cirkelfchlüffen. Weil ge-
wiffe Pfalmen einen folchen Durchbruch zeigen, fo müffen
fle von David fein, bei dem ein folcher Durchbruch
ftattfand, und dafs ein folcher Durchbruch bei David ftatt-
fand, beweifen die erwähnten Pfalmen. Wie es thatfächlich
mit diefem ,Durchbruch' ftand, in dem David ,durch den
Glauben . . . feiner Sünde und feines Elendes Meifter
geworden war' (S. 94), kann man aus I K 2, 5—9 entnehmen
. —

Aehnlich fleht es mit dem Beweis für die falomo-
nifche Spruchdichtung. Sie bieten nach dem Verfaffer
Volksweisheit — diefe Sprüche, aber der Quell ift ge-
fafst durch keinen Anderen als durch den König Salomo
felbft (S. 115); man erkennt, wie unter dem Einflufs der
glänzenden Regierung des Königs Salomo das mobile
Eigenthum, das Capital, feine Macht zu zeigen angefangen
hat (S. in). Das follen Beweife nicht blofs für
falomonifches Zeitalter, fondern für falomonifche Verfafferfchaft
fein. Genug davon! —

Wir hatten, um dem Verfaffer in jeder Beziehung
gerecht zu werden, urfprünglich die Abficht, hier zum
Schlufs einen ganz objectiven Bericht über den Aufbau
der Religionsentwicklung in Ifrael folgen zu laffen,
wie ihn der Verfaffer fleh denkt. Wir haben diefe Abficht
aufgeben müffen, weil es fleh als abfolut unmöglich
erwies, in den fleh drängenden Nebelmaffen hierüber
etwas Greifbares zu erfaffen, und in beftimmten Sätzen
des Verfaffers Vorftellungen über diefen Entwicklungsgang
zu formuliren. Wir müffen uns daher begnügen,
hier die Capitelüberfchriften mit einigen kurzen Erläuterungen
des Inhaltes mitzutheilen. Vielleicht ift der Lefer
fo glücklich, den leitenden Faden zu faffen. Es werden
nach der Reihe abgehandelt:

I. Das religiöfe Lebensideal.

[Dies wird gefunden durch eine Analyfe einer
Reihe von Pfalmen David's, in dem angeblich
zuerft die religiöfe Individualität zum Durchbruch
gekommen ift.]

II. Das praktifche Lebensideal in Altifrael.

[Wir haben es in den Sprüchen und didaktifchen
Dichtungen, in denen das thätige Leben des Einzelnen
und das fociale Verhältnifs des Volks unter die
Beleuchtung der ewigen Normen Gottes geftellt werden.]

III. Das Gemeinfchaftsideal in Altifrael.

[Wir finden es aufgeftellt in den Schriften der
Propheten, die die religiöfen Erfahrungen David's
und Salomo's d. h. der Lyrik und der Spruchweisheit
, welche in beiden Schriftkreifen nur für das
Einzelleben gelten, zur Norm für die ideale Volksgemeinde
Ifraels erheben.]

IV. Das Gefammtleben Altifraels unter dem
Einflufs des Gefetzes.

[Ift dem Nachweife gewidmet, dafs von Anfang
an gewiffe Grundfätze des mofaifchen Gefetzes Ifraels
Leben beherrfcht hätten.]

V. Die Ueberlieferung der Gefchichte in Altifrael
.

[Bietet den literarifchen Aufbau der Pentateuch-
quellen nach der Anficht des Verfaffers: E. ET. EJP.
EJPD. S. 336 ]

VI. Die Aufgabe Neuifraels.

[Sie befteht darin, das Volk dem Gefetz und der
Prophetie zu unterwerfen.] —
Wir fragen jeden Hiftoriker, ob in diefer theolo-
gifchen Conftruction Grundfätze und Methode der Ge-
fehichtswiffenfehaft gewahrt find? —

Jena. C. Siegfried.

Gould, Prof. Ezra P., S. T. D., A critical and exegetical
commentary on the gospel aecording to St. Mark. [The
international critical commentary.] Edinburgh, T. &
T. Clark, 1896. (LVII, 317 S. gr. 8.) Geb. 10 s. 6 d.

Das vorliegende Buch bildet einen Theil des neu-
teftamentlichen internationalen' Commentars, der benimmt
ift, die Refultate der kritifchen Wiffenfchaft
zwifchen Deutfchland und England zu vermitteln (über
einen Theil des altteftamentlichen Commentars flehe die
Anzeige in Nr. 11 diefer Zeitung). Der angenehm lesbare
und belehrende Commentar follte auch in Deutfchland
benutzt werden. Quantitativ bietet er etwas mehr als
Holtzmann's Hand-Commentar, etwas weniger als der
Meyer'fche. Nur dadurch ift er umfangreicher, dafs die
Fragen des ,Lebens Jefu' hier ftärker herangezogen
find, als bei Meyer. Die Ausftattung ift elegant und
fplendid.

Der kritifche Standpunkt des Verfaffers ift etwa der
von Holtzmann, was die literarifchen Probleme anlangt.
Faft etwas unheimlich berührt die Siegesgewifsheit, mit
welcher die Zweiqu ellenhypothefe als die definitive
Löfung der fynoptifchen Frage angefehen wird. Dafs
es hier immer noch einige recht erhebliche Fragezeichen
giebt, wird nirgends angedeutet. Uebrigens gefleht Gould
in befcheidenen Grenzen auch eine Abhängigkeit des
Marcus von den Logia im Sinne von B. Weifs zu. Das
Verfahren des Evangeliften ift zum Theil eklektifch, er
fchöpft aus einer breiteren Ueberlieferung und kürzt die
Stoffe, je nachdem fie für feine Zwecke eine Bedeutung
haben, befonders natürlich die Reden. — Die Analyfe
des Evangeliums, welche der Verfaffer unter der Ueber-
fchrift ,the person and principles of Jesus' giebt, fcheint
mir nicht genügend zu fein. Die hier verfuchte Arbeit
ift noch zu thun. Dabei dürfen folgende Gefichtspunkte
nicht überfehen werden: Die Schrift enthält evayytliov,
fie ftellt den Tod Jefu in den Vordergrund, fie erörtert
die Urfachen desfelben und widmet der Stellung des
Volkes Ifrael zu Jefus grofse Aufmerkfamkeit. Befonders
können aber die fchwierigen Fragen nach der Compo-1
fition des Evangeliums nicht befriedigend beantwortet
werden, wenn man nicht darauf achtet, dafs fein Autor
fchon bis zu einem gewiffen Grade durch eine geformte
Tradition gebunden war und nicht ganz aus freier Fauft
geftalten konnte. — Die Erklärung, welche leider oft in
dogmatifch-hiftorifche Erörterungen von zweifelhaftem
Werthe übergeht und dadurch vom Texte abfehweift,
ift reich an grammatifchen und lexikalifchen Bemerkungen,
während fie die Stil- und Spracheigenthümlichkeiten des
Evangeliften im Unterfchiede von anderen und an fich
felbft nicht genug beleuchtet. Es ift doch wohl von
grofser Bedeutung, die ganz merkwürdige Ausdrucksweife
des zweiten Evangeliften in die feinften Einzelheiten
hinein zu ftudiren. Nur fo ift doch überhaupt ein fachliches
Verftändnifs, gefchweige denn eine Löfung des
fynoptifchen Problems möglich. Auf folche Dinge
müffen auch die Studenten aufmerkfam gemacht werden,
wenn fie aus der Sündfluth der Hypothefcn wieder zum
liebevollen Detailftudium der Texte kommen follen.