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Ausgabe:

1896 Nr. 16

Spalte:

435-436

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Festschrift zur 250jährigen Jubelfeier des Pegnesischen Blumenordens, gegründet in Nürnberg am 16. Oktober 1644 1896

Rezensent:

Kauffmann, Friedrich

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435

Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 16.

436

Widcrfpruch herausfordern, eben damit zum Gedanken- I und Gefchick, wie er die neue Wiffenfchaftslehre vorträgt;
austaufch anregen, was die Zeitfchrift ja gerade anftrebt. ] die niederen wie die höheren Factoren der Erziehung
Den Schlufs bilden Kleine Nachrichten, Bücherfchau, : zur Bildung werden mit derfelben Wichtigkeit abge

Praktifche Winke, Briefkaflen und eine mufikalifche Bei
gäbe (aus H. Schütz' Geiftlichen Concerten, Erftem Theil
nro. 13, bearbeitet von A. Löw-Burckhardt). Wir wün-
fchen lebhaft, dafs die Herausgeber, die mit ganzem
Herzen bei der Sache find, nicht blofs — wie es fo oft
der Fall ift — zuftimmende Worte, fondern kräftige
Unterftützung und fleifsige Handreichung finden, befon-
ders aber, dafs es ihnen gelingen möchte, den Ton edler
Weitherzigkeit, den in überaus wohlthuender Weife das
Eingangswort anfchlägt, allezeit feftzuhalten und von
der rein fachlichen Behandlung der in Frage kommenden
Gegenftände fich weder durch Gunft, noch durch
Ungunft, weder durch Gegner, noch durch Freunde abbringen
zu laffen. In diefem Sinne rufen auch wir dem
neuen Mitkämpfer ein herzliches .Glückauf zu.

Giefsen. H. A. Köftlin.

Festschrift zur 250jährigen Jubelfeier des Pegnesischen

Blumenordens, gegründet in Nürnberg am 16. October

1644. Hrsg. im Auftrage des Ordens von Th.

Bifchoff und Aug. Schmidt. Mit vielen Abbil-
j vr- u T t c- 1 o ,vui c fremden Anregungen von den heimlichen Ueberheterungen

düngen. Nürnberg, J. L. Schräg, 1894. (XVI, 532 S. " - , g. P . nur r diefe Punkte hinzuweifen.

handelt; die technifchen Bedürfnifse werden gleich ausführlich
berückfichtigt wie die aefthetifchen: nur die reli-
giöfen Bedürfnifse werden vernachläffigt: geiftliche Lieder
und Erbauungsbücher fehlen felbftverftändlich nicht, aber
fie gehören zumeift in die fpätere Lebenszeit des Autors
und in die Nachblüthe des Blumenordens; für Religion
intereffirte man fich ernfthafter nur, fo weit fie in das
Gebiet der Moralität einfchlägt. Vorausfetzung bei den
Nürnberger Bildungsbeftrebungen war ihre Allgemeinheit
und Allgemeingültigkeit. So war es für fie felbftverftändlich
, dafs die Mutterfprache das Organ diefer Bildungsarbeit
fein müffe, und dafs namentlich die Frauen,
deren fociale Gleichftellung mit den Männern einen Haupt-
fatz des Programms bildete, für die Bildungsideale gewonnen
und für die Agitation in den Kreifen der Männer
gefchult werden müfsten — fo wird man in vielen
Punkten lebhaft an die Bewegung erinnert, die fich in
der Gegenwart in der amerikanifchen Gefellfchaft Boden
erringt. Es kann hier nicht meine Aufgabe fein, den
Zufammenhang der Nürnberger Beftrebungen mit dem
italienifchen Gefellfchaftswefen zu erörtern, deffen Leitgedanken
bei den Nürnbergern nachzuweifen und die

, zu fondern, ich habe nur auf diefe Punkte hinzuweilen,
§r- °0 M. 8. —; geb. M. 9. — i um meinUrtheil zu begründen, dafs Bifchoff feinen Gegen-

Der hübfch ausgeftattete Band enthält zwei Abhand- ftand nicht im Sinne der wiffenfchaftlichen Literaturge

lungen: 1) Georg Philipp Harsdörfer, ein Zeitbild aus
dem 17. Jahrh. von Th. Bifchoff (S. 1—474 [S. 301 —
403 Harsdörfer als tnathematifch-naturphilofophifchtr
Schriftfteller flammen von Kafpar Rudel)) 2) Sigmund
von Birken, genannt Betulius 1626—1681 von Aug.
Schmidt (S. 476—532). Nach Verdienft ift Harsdörfer
weit eingehendere Behandlung gewidmet als Birken,
deffen Werke aufgezählt und mit kurzen Inhaltsangaben
erledigt werden. Von Intereffe ift vielleicht die Notiz,

fchichte, die in erfter Linie auf Bildungsgefchichte dringen
mufs, bearbeitet hat. Sein Hauptzweck fcheint gewefen zu
fein, die heutigen Ordensmitglieder möglichft völlig über
die fchriftftellerifche Arbeit Harsdörfer's zu orientiren.
Für diefen Zweck dürfte die Feftfchrift wohl geeignet er-
fcheinen. An Einzelheiten hebe ich hervor, dafs Bifchoff
S. 236 die Ueberfetzung von Loredano's Dianen ins Jahr
1644 verlegt, und die in diefem Jahr erfchienene Ueberfetzung
nicht Dietrich von dem Werder zufchreibt, dafs er

dafs der Orden eine Handfchrift des Androfilo befitzt; I S. 405 ff. ein chronologifches Verzeichnifs der gedruckten
unbekannt fcheint aber dem Verfaffer geblieben zu fein, 1 Schriften Harsdörfer's und S. 423 ff. Poetifches aus
dafs der Androfilo 1656 im Druck erfchienen ift. Von '■ Harsdörfer's Werken zufammengeftellt hat.
der Bedeutung Harsdörfer's ein Bild zu geben, dürfte Fr. Kauffmann.

Bifchoff gelungen fein. Aber auch fein Verfahren be- | _[__'__

fteht im Wefentlichen darin, den Inhalt der zahlreichen ! _ __ _ .. _ , „ _ • -

Publicationen breit auseinanderzulegen, Proben der Dar- Dechent, Pfr. Dr. Herrn., Goethes Schone Seele, Susanna
ftellung zu geben und gelegentlich Ausblick auf Ver- Katharina von Klettenberg. Ein Lebensbild, im An-

gangenheit oder Gegenwart zu halten. Ich vermiffe
durchaus eine zufammenfaffende Betrachtung des Lebensarbeit
des Mannes, in der fie auf ihre realen Tendenzen
geprüft wäre. Wenn bei einer Perfönlichkeit des 17.
Jahrhunderts, fo mufste bei Harsdörfer die Leiftung für
die Gefchichte der deutfehen Bildung hiftorifch
begründet und entwickelt werden. Die deutfehe Erziehung
war bis ins 16. Jahrh. herein wefentlich Anftands-

fchluffe an eine Sonderausgabe der Bekenntnifse einer
fchönen Seele entworfen. Gotha, F. A. Perthes, 1896.
(VII, 231 S. gr. 8.) M. 3. 60

Es war des Autors Wunfeh, mit feinem Buch nicht
nur eine Lücke der Literaturgefchichte des 18. Jahrhunderts
auszufüllen, fondern auch mitzuhelfen, dafs die
Bekenntnifse einer fchönen Seele in unferem Volk mehr

lehre; im 17. Jahrh. ift der Erziehung ein höheres Ziel gelefen werden, zumal fie Fragen berühren, die für unfere
gefleckt worden, und gerade Harsdörfer hat auf die Ehre ' Frauenwelt gründlicher Erwägung Werth feien.
Anfpruch, unter die Begründer des modernen Bildungs- ,Wilhelm Meifters Lehrjahre fetzen ein weit reiferes

ideals gerechnet zu werden. Es wäre eine reizvolle Auf- literarifches Verftändnifs und Intereffe voraus als die
gäbe gewefen, die Arbeit an diefem Bildungsideal aus Bekenntnifse, welche man vielen in die Hände legen
dem Gedankenkreife eines Baco heraus zu entwickeln, j kann, die diefen Goethe'fchen Roman nicht richtig zu
Die Grundlage jener Männer war der Glaube an einen würdigen im Stande find und deshalb feiten bis zum
tieferen Zufammenhang zwifchen Aufklärung und Moralität. I fechften Buch vordringen' — das find bedenkliche Worte

Der gemeine Mann war unmoralifch, ,den gröbften
Schanden und Laftern unterworfen' weil es ihm an theo
retifcher Einficht fehlte; man begreift, wie fchwer es
wurde, zuzugeben, dafs in Glaubensfachen ein einfältiger

die eine mehr als einfeitige Beurtheilung verathen und
unferem Lefepublicum zugleich mit dem Dichter Unrecht
thun. Das Buch wird eingeleitet durch einen Abdruck
der Bekenntnifse (nach Düntzer's Ausgabe) S. 1—68.

Glaube der angenehmffe vor Gott fei. So wurde die I Es folgt S. 69—78 der Nachweis, dafs die Bekenntnifse
Aufklärung der Erziehung als Aufgabe geftellt, neben ! wefentlich das literarifche Eigenthum des Frl. von
der Anftandslehre. Harsdörfer ging darin auf, Anleitungen Klettenberg ausmachen und als zuverläffige Biographie
für diefe moderne Erziehungskunft zu liefern und in j gelten dürfen, die um 1773 kurz vor ihrem Ende nicht
praxi durch den gefelligen Ordensverkehr für das neue j tagebuchartig, fondern in einem Fluffe niedergefchrieben
Bildungsideal zu wirken: er giebt Anftandslehren (z. B. fei. Goethe's Antheil wird nicht verkannt und da und
Trincirkunff) und Sportanweifungen mit demfelben Eifer I dort bald mehr, bald weniger ficher zu beftimmen ge-