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Ausgabe:

1896 Nr. 1

Spalte:

23-24

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Luthardt, Chr. Ernst

Titel/Untertitel:

Predigten und Betrachtungen 1896

Rezensent:

Drews, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 1.

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fchritt erzielt zuhaben, dafs man die praktifcheTheologie
nicht mehr als Technik, fondern als Wiffenfchaft auf-
fafst. In Wahrheit ift die prakt. Theologie eine Lehre,
welche (allerdings nach wiffenfchaftlicher Methode) unter-
fucht, mit welchen Mitteln ein beftimmter Zweck zu erreichen
ift, alfo Technik (Cap. 1). — Ebenfo ift die jetzt

kannt genug. Auch in diefen Blättern ift fie oft und
von verfchiedenen Federn dargeftellt worden (vgl. 1881,
Sp. 364; 1883, Sp. 468; 1886, Sp. 258; 1888, Sp. 290;
1893, Sp. 217). Was an L.'s Predigten am meinen über-
rafcht, ift das Fehlen des Dogmatifchen. Das hebt fie
hinaus über den engen Parteiftandpunkt. Auch von den

herrfchend gewordene Anfchauung, die prakt. Theologie 1 hier gebotenen 5 Predigten kann das — mit einer Ausnahme
fei Theorie des kirchlichen Handelns, nur ein vermeint- j — gelten. Befonders wohlthuend berührt diefes Fehlen

licher Fortfehritt. Nicht die Kirche, fondern die Frömmigkeit
oder der Glaube ift der Grundbegriff der Theologie,
auch der prakt. Theologie. Diefe ift die Technik des
Glaubens oder die Theorie der Erbauung (Cap. 2). —
Die bisherigen Bemühungen um die Eintheilung der prak-
tifchen Theologie haben ihr Ziel nicht erreicht: entweder
wird die Eintheilung unter dem Schein der Deduction

dogmatifcher Gedankengänge an der Charfreitagspredigt.
Auf Grund von Joh. 19, 30 führt L. zuerft das Leiden
Jefu vor; er erzählt einfach die Leidensgefchichte, meift
mit den Worten der Schrift; dann handelt er vom Werk
der Erlöfung — wieder faft nur in Schriftworten. Dadurch
erhält die Predigt etwas Monumentales; fie mufs
in diefer grofsartigen Schlichtheit und durch diefen litur-

nur empirifch aufgenommen oder wo eine Deduction gifchen Charakter ergreifend gewirkt haben. Ins Dog-
verfucht wird, geht fie nicht von dem richtigen Grund- matifche greift L. hinüber in der Predigt: Von der
begriff, dem der Frömmigkeit, aus (Cap. 3). — Den heiligen Schrift (S. 21 ff). Nicht mit Glück. Die fchillernde

richtigen Ausgangspunkt gewinnt die prakt. Theologie
nur, wenn fie aus dem Zweck, Frömmigkeit zu verwirklichen
oder zu erbauen oder Seelforge zu treiben, und
aus dem Stoff diefes Zweckhandelns, der in den Men-
fchenfeelen gegeben ift, die Methoden ableitet (Cap.4). —
Zu diefem Behuf mufs der Begriff der Frömmigkeit zuerft
beftimmt werden. Dies kann nurgefchehen durch Zurückgehen
auf die letzten Gründe, alfo auf die philofophi-

Art, die man feiner Dogmatik nachgefagt hat, ift hier
mit Händen zu greifen. Wer vermag wohl folgende
Auslaffungen mit einander zu vereinigen?: Dafs die
Schrift Gottes Wort ift, ,das ift natürlich nicht fo zu
verftehen, als ob die Bibel fix und fertig vom Himmel
gefallen wäre! Oder als ob Gott diefelbe den Menfchen
dictirt hätte, fodafs fie nur niederzufchreiben hatten,
was Gott ihnen etwa ins Ohr gefagt, als ob fie nur

fchen Vorausfetzungen. Dies giebt dem Verf. Anlafs, den 1 willenlofe Werkzeuge gewefen wären, fodafs fie felbft

richtigen Begriff der Philofophie und ihre Eintheilung in
Ontologie, Nomologie und Panthenologie in kurzem zu
entwickeln (Cap. 5). Auf Grund hievon wird nun der
Begriff Leben, vernünftiges Leben, dann das complicirte

nichts dabei zu thun hatten, als nur ihre Schreibkunft zu
Dienften ftellen und fonft weiter nichts — da hätte Gott
fich beliebigeWerkzeuge gewöhnlichfterArt wählen können,
und wären keine Männer Gottes, keine Propheten und

Syftem aller Geiftesthätigkeiten feftgeftellt und in diefem 1 Apoftel und wie fie nun heifsen mochten, nöthig gewefen.
Zufammenhang, wieder in fein ausgearbeitetem Schema- I Nein, fo ift es nicht. Man kann aus ihren Schriften ihres
tismus der Begriff der Frömmigkeit mit allen feinen Ver- ! eignen Geintes Art wohl merken' (S. 24f.). Und eine Seite
zweigungen dargelegt. Als Folgerung daraus leitet der j weiter: (Und doch ift es Gottes Wort.....Gott ift es,

Verfaffer ab, dafs fich vier parallele Hauptgebiete der
thetifchen Theologie, die Aefthetik (== Dogmatik) und
Logik (unferer Apologetik verwandt), Ethik und Technik
der Frömmigkeit, ergeben, dafs dagegen die Cultuslehre
als ein befonderes Gebiet neben die Gruppe diefer vier
Disciplinen tritt, alfo auch nicht in die praktifche Theo-

der fie an diefen Platz geftellt, der ihnen diefe Aufgabe
gegeben, der ihre Gedanken leitete und regierte, der
ihnen innerlich nahe legte, was fie fchreiben follten, der
ihre Worte regierte, ihre Feder lenkte, dafs fie, was fie
niederfchrieben, gerade fo niederfchrieben, wie es Gott
und feinen Ablichten dienen follte.....Wenn felbft

logie fällt (Cap. 6 u. 7). — Innerhalb diefer Gedanken- 1 der Hohepriefter Kaiphas weisfagte, da er vom Tode
entwicklung finden gelegentlich Fragen wie die nach dem j Jefu redete, dafs er das Geheimnifs der Erlöfung aus-
Wefen der körperlichen Krankheit und der Seelenftö- i fprach, ohne dafs er es ahnte, wie viel mehr kann Gott
rung, Controverfen wie die über das Verhältnifs von in feiner Diener Wort und Schrift hineinlegen, was fie
Glauben und Bufse, oder von Dogmatik und Metaphyfik 1 gar nicht wiffen'. Ift das nicht ja und nein in einem Athem?
ihre Beleuchtung. — Viel auf einmal für 79 Seiten! fo In den beigefügten, der L.'fchen Kirchenzeitung ent-

viel, dafs ein Referent auf das Wagnifs verzichten mufs,
eine Auseinanderfetzung damit zu verfuchen. Ich bewundere
die Begriffsbaukunft des Verf.'s und finde manchen
guten Gedanken in dem Begriffsgefüge. Einftweilen aber,
bis der Sinn für einen fo kunftvoll gezimmerten Unterbau
unferer Zeit aufgegangen ift, halte ich's für das Befte,
wenn wir fo fimpel wie möglich die praktifche Theologie
definiren und eintheilen, noch fimpler, als es in den
mit Recht von Zimmer kritifirten Einteilungen von Achelis
und Seyerlen gefchehen ift.

Göttingen. Max Reifchle.

nommenen Betrachtungen', die aus fehr verfchiedenen

Zeiten flammen und einen fehr verfchiedenen Ton an-

fchlagen, verleugnet fich durchaus nicht der grofse Zug,

der den Predigten eigen ift. Aber hier geht der Exeget

und Dogmatiker L. weit mehr aus fich heraus, und wir

können nicht finden, dafs das zu feinem Vortheil gereicht.

Hier liegt einmal L.'s wirkliches Charisma nicht. Darum

wiegt auch feine Polemik, fo fcharf er fie führt, nicht

fchwer. Mit harten Worten kann man die Probleme

nicht todt fchlagen. (Vgl. namentlich die Betrachtung:

,Die Heilsthatfachen und der Chriftenglaube'. 1893, S. 157.)

Aber wo L. auf feinem eigenften Gebiet bleibt, der

Praxis, da redet er mächtig und grofs. Die Betrachtung:

Luthardt, D. Chrph. Ernst, Predigten und Betrachtungen. >Die kirchliche Verwahrlofung und die Gefahr der Social-

(Predigten 12. Sammlung.) Leipzig, Dörffling & Franke, äemokr?fe' ^9° L42Uein MeifJerTftü9k gefchriebener
v /txt o oV Rede. Und für folche Gaben wird L. dauernden Dank

1895. (IV, 180 S. gr. 8.) M. 3

Das Vorwort fagt uns, dafs dies die letzte homile-

ernten. — Uebrigens lautet das S. 70 angeführte Lutherwort
nicht: Jefus Chriftus ift der Spiegel des Willens

tifche Gabe ift, die L. uns bieten wird. Es ift eine ftatt- Gottes', fondern: .Chriftus ift ein Spiegel des väterlichen
liehe Reihe von Predigten, die er in diefen 12 Samm- | Herzens' (Gr. Katech. Erl. A. 21, 105).
lungen, deren erfte ins Jahr 1861 zurückreicht, vorgelegt ' jena Drews
hat, ein fchönes Denkmal feiner homiletifchen Kunft,
das dafür forgen wird, dafs fein Name in der Gefchichte
der Predigt weiterklingen wird. Es läge nahe, beim Ab-
fchlufs des Ganzen noch einmal L.'s Eigenart als Prediger
zu fchildern. Aber das ift überflüffig. Sie ift be-