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Ausgabe:

1896 Nr. 13

Spalte:

344-347

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Studia biblica et ecclesiastica 1896

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 13.

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beweifen ja die Ueberfchriften an fich noch nichts, da
auch in den Londoner Evangelienfragmenten, die einem
Lectionar angehören, y.sq>cdaia notirt werden (Land,
Anecd. Syr. IV, lat. Text S. 204), und auch der Umftand,
dafs in beiden Fällen der Text fortläuft, liefert noch
keinen ficheren Beweis, da fich unter jenen Londoner
Fragmenten eins mit fortlaufendem Text (Matth. 256_34,
in Lands fyrifchem Text S. 129—131) findet, innerhalb
deffen fogar zwei Capitelüberfchriften vorkommen; aber
eine ziemlich grofse Wahrfcheinlichkeit hat jener Schlufs
immerhin, namentlich bei dem Fragment aus der Weisheit
, zu dem Stenning S. 22 mit Recht bemerkt: ,The
break between the chapters is so distinct that it is incon-
ceivable that both, or parts of both, shoidd be included
in the same lection". War aber fogar ein Buch wie die
Weisheit Salomos vollftändig in den paläftin.-fyrifchen
Dialekt übertragen, fo liegt der weitere Schlufs fehr nahe,
dafs auch andere Bücher, womöglich das ganze Alte
Teftament vollftändig in diefem Dialekt vorhanden war.

Ueber den in den Fragmenten vorliegenden Sep-
tuaginta-Text geben Gwilliam und Stenning das Ur-
theil ab, dafs er fich mit Lucian's LXX-Recenfion eng
berühre oder geradezu lucianifch fei. Als Hauptbeweis
dafür wird angeführt, dafs das auf S. 33 veröffentlichte
Stück aus Kön. I 2 fich nur in der Recenfion Lucian's
finde, und dem entfprechend nimmt Stenning in den
Specialtitel S. 29 geradezu ,according to the recension of
Lucian1 auf. Aber hier find die fonft fo umfichtigen
Herausgeber in einen fchwer begreiflichen Irrthum gefallen
; das Stück findet fich nicht blofs bei Lucian,
fondern in allen LXX-Ausgaben und Handfchriften, fogar
den hexaplarifchen, an derfelben Stelle und in faft genau
derfelben Form wie bei Lucian (nach Swete's Zählung
ift es Regn. III 235k„36). Vergleichen wir nun aber die
paläftinifche Verfion mit Lucian einerfeits und den übrigen
Zeugen andererfeits, fo fehen wir, dafs fie die fpecififch
lucianifchen Lesarten gerade nicht hat: v. 36 hat fie nicht
x«i dnoozeilctg ev.aXtaev 6 ßaaiXslg Zohopwv zbv —sfiesi vibv
rtjQa, fondern nur xai ixahsosv b ßaatlelg zbv Ssussi
wie B etc., und auch in v. 3511 (nach Swete's Zählung)
hat fie gewifs nicht Lucian's aavazcöoto ae, fondern lia-
vazw-d-rjoezai, denn das von Stenning edirte * ■ ift un-
conftruirbar und kann auf keinen Fall ,1 will slay thee'
heifsen, es wird za.^. zu lefen fein. Ebenfo, wie hier,
fleht es auch mit den Fragmenten aus Exod., Num. (in
der früheren Publication) und Kön. I 9, die nach Stenning
(S. 32) und Gwilliam (S. 16) fich ebenfalls eng mit Lucian
berühren follen. Auch fie haben nichts fpecififch Lu-
cianifches, flehen vielmehr da, wo Lucian finguläre Lesarten
hat, gegen ihn-, fo hat die paläftin. Verfion in Num.
4 47 sv zfj axrjvTj gegen Lucian erci zrjg öv.ijKfjc, fo hat fie
in Num. 54 die bei Lucian fehlenden Worte 01 rioi Io-
garf, y.al s§a7ctGTstlav avzovg sg~co zrjg 7cc/QS/.ißnl'fjg,
während ihr umgekehrt in Num. s7 das von Lucian zu
tt)v df.iaQTiav hinzugefügte avzijg fehlt. — Sehr auffällig
ift auch ein anderer Fehler, den Gwilliam (S. 17—20) und
Stenning (S. 32) bei der Heranziehung der LXX gemacht
haben: fie halten den Text des von ihnen benutzten
Abdruckes der fixtinifchen LXX-Ausgabe für
identifch mit dem des cod. Vaticanus (B) und conftatiren
daher in Exod. 28j_12 vier Abweichungen des paläfti-
nifchen Textes von dem Texte des Vatic, die gar nicht
vorhanden find, denn nicht B, fondern nur die römifche
Ausgabe von 1587 hat in Exod. 28 v. 1 xot vor ex zwv
vuöv, v. 3 aocplcxg y.al vor alalr^asiog, v. 7 sgz]Qziqi.isvai.
ftatt s^rjQziajiisvai, v. 8 xalragoö hinter 7010101: So weit
liegt Oxford doch nicht von Cambridge entfernt, dafs
man dort nichts von der neuen Cambridger LXX-Ausgabe
follte vernommen haben; aber zu kennen fcheinen
fie die beiden Oxforder Gwilliam und Stenning in der
That nicht, nur der Cambridger Burkitt benutzt fie in
feinen mit Sachkunde gefchriebenen Bemerkungen über

den in dem Hiobfragmente vorliegenden LXX-Text
(S. 44). 0

Von den Homilien würde die letzte in früheren
Zeiten entfchieden Auffehen erregt haben, da fie, die
ältere proteftantifche Auslegung von Matth. 16 ,8 antici-
pirend, ausführlich nachzuweifen fucht, dafs unter dem
Felfen, auf dem die Kirche gegründet ift, nicht Petrus,
fondern Chriftus felbft (,der Leib, mit dem der Herr bekleidet
war' S. 6oa 41) zu verliehen ift. Es ift möglich,
dafs darin eine Spitze gegen Rom liegt, aber ficher ift
es nicht, da wenigftens in den uns erhaltenen Bruchftücken
eine folche Spitze nirgends hervorgekehrt wird; zur Da-
tirung der Homilie wird man dies alfo nicht verwerthen
dürfen. Ueberhaupt läfst fich, fo viel ich fehe, über Zeit
und Herkunft der Sammlung wie der einzelnen Stücke
noch nichts ausmachen; zwar ift durch einen glücklichen
Zufall die Unterfchrift einer Homilie erhalten, in welcher
der Name ihres Verfaffers angegeben wird, aber unglücklicher
Weife heifst er gerade Johannes, und wie viele
Johannes hat es nicht gegeben!2) Sicher fcheint mir
nur, dafs auch die Homilien aus dem Griechifchen überfetzt
find, denn wenn man auch in original fyrifchen
Schriftftücken allerlei griechifche Wörter zu treffen gewohnt
ift, fo geht doch ein Wort wie /nöyig (S. 69b 13)
weit über das übliche Mafs hinaus und darf wohl zum
Beweife für griechifches Original verwendet werden.s)

Dem Werke find drei Photographien beigegeben,
von denen nur die letzte etwas mifsglückt (vgl. S. 105
Anm. 2), dagegen befonders die erfle hervorragend fchön
gelungen ift. Auch ift auf S. 102—106 ein Excurs über
paläft.-fyrifche Paläographie angehängt, der Land's diesbezügliche
Unterfuchungen (Anecd. Syr. IV 212 ff.)
weiter führt; im Einzelnen ift hier natürlich manches noch
unficher und wird es bleiben, fo lange wir nur eine da-
tirte Handfchrift (das römifche Evangeliar vom J. 1030)
haben, aber im Ganzen fcheinen mir Gwilliam und
Stenning durchaus auf der richtigen Fährte zu fein.

Göttingen. Alfred Rahlfs.

Studia biblica et ecclesiastica. Essays chieffy in biblical
and patristic criticism by members of the University
of Oxford, vol. IV. Oxford, Glarendon Press, 1896.
(V, 324 p. gr. 8.) 12 s. 6 d.

Die erften drei Bände diefer Sammlung find 1885—
1891 erfchienen und in der Theol. Litztg. 1885, 578
und 1891, 496 befprochen. Der vierte reiht fich feinen
Vorgängern würdig an. Er enthält fünf Abhandlungen.

1. Hicks, St. Paul and Hellenism (p. i—14), ein
Vortrag, welchen der verdiente Infchriftenforfcher in
einem Ferien-Curfus zu Oxford 1893 gehalten hat.
Hicks findet, dafs die Bildung des Apoftels Paulus im
Wefentlichen die helleniftifche war. Nicht nur feine
Sprache, feine Bilder und fonftigen rhetorifchen Mittel,
fondern auch die Art der Gedankenentwicklung fei
griechifch (p. 9: his method of exposition is really Greekf);
ja auch in feinen fittlichen und religiöfen Anfchauungen
zeige fich griechifcher Einflufs. Leider ift dies alles, wie es

1) Nebenbei möchte ich bemerken, dafs ich auch hier (S. 101) wieder,
wie fchon öfter, Lagarde's nachgelaffenes Werk als ,Bibliothecae syriacae'
citirt finde. Das Werk führt den Titel ,Bibliothccac syriacae a Paulo
de Lagarde collectae quae ad philologiam sacram pertinenl1; es follte
eigentlich nicht nöthig fein zu bemerken, dafs hier bibliothecae Genetiv
Singularis und quae Neutrum Pluralis ift, alfo abgekürzt Bibliotheca syriaca
citirt werden mufs.

2) Auch die Beobachtung, dafs in der einzigen Parallelftelle, einer
Ueberfchrift in den Petersburger Homilienfragmenten (Land, Anecd. Syr.
IV 177, citirt von Gwilliam und Burkitt S. 80), gerade auch ,Herr Johannes'
vorkommt, der hier durch den Zufatz ,Erzbifchof von Conftantinopel'
als Johannes Chryfoftomus benimmt wird, hilft uns nicht weiter.

3) Nicht einmal in Luc. g39 wird fiöyig in der paläft. Ueberfetzung
beibehalten, fondern durch ]Zaa_*»aa wiedergegeben. — Vgl. übrigens
Burkitt auf S. 49, der jedoch auch Gegengründe anführt, die mir aber
nichts zu beweifen fcheinen.