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Ausgabe:

1896 Nr. 12

Spalte:

327-330

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schultze, Leopold

Titel/Untertitel:

D. Julius Müller als Ethiker und die Glaubensfrage in Bezug auf das Apostolicum 1896

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 12.

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höheren Religionen. In Israels eigentlicher Religion blieb
die einzigartige Stellung der Seher, denen Gott nach feinem
freien Willen begegnet, und deren Wort vom Gericht
über Israel als Geheimnifs wirkt. Mit der Fortbildung
der Religion Israels aui Grund der Schriften der Propheten
durch ihre Schüler zieht das Laienthum in fie ein, während
das Geheimnifs als künftliche Form in der Apokalyptik
fortwuchert; die Religion wird mit Theologie verwechfelt.
Im Chriftenthum lebt das Geheimnifs der Religion unver-
fälfcht, fchöpferifch wieder auf. In Chriftus als dem
Ahnherrn der göttlichen (pneumatifchen) Menfchheit,
dem Retter aus dem Gerichte der materiellen Welt, mit
dem man im Abendmahle geheimnifsvoll verbunden wird,
ift das Reich Gottes verkörpert. Die Kräfte der über-
irdifchen Welt fteigen nieder und wirken an den Glaubensfähigen
durch Beweife des Geiftes und der Kraft. Die
mittelalterliche Kirche hat das Geheimnifs als Kern der
Religion feilgehalten, wenn auch materialifirt. In den
Heiligen, d. h. den geheimnifsvoll mit Gott verbundenen
Wundermenfchen, bleibt die urreligiöfe Form des Ge-
heimnifses lebendig. Der Proteftantismus hat das Geheimnifs
zurückgedrängt; aber es lebt unter uns in der
Form des wahren Gebetes fort, in welchem wir vor dem
lebendigen Gott flehen und feine Antwort vernehmen.
Das Geheimnifs, wenn es echt' ift, mufs den Ausfchlag
in der Frage nach dem Wefen der Religion geben; es
ift die Urzelle des Baums der Religion. Und obgleich
ein irrationaler Reil für den Forfcher nach diefem Ge-
heimnifse übrig bleibt, wird der Fromme doch lieber mit
den Seelen der Propheten verkehren, als ihre Gräber
fchmücken.

Das find die Hauptgedanken diefes in fchöner kraftvoller
Sprache gefchriebenen geiftreichen Vortrages, in
dem das durch keinerlei Rationalifiren getrübte Achten
auf die wirkliche Gefchichte der Religion und die fromme
Hingebung an das Geheimnifs der überfinnlichen Welt
erfrifchend und anregend berühren. Duhm hat gewifs
Recht darin, dafs alle höhere Religion entweder als
blofse Illufion verbanden oder auf Offenbarung zurückgeführt
werden mufs, d. h. aul einen Verkehr Gottes
mit den Menfchen, der durch ein freies geheimnifsvolles
Sichkundgeben Gottes hergeftellt wird, und Menfchen
vorausfetzt, die Gott für diefen Verkehr organifirt hat.
Wir Alle leben religiös nur aus der Kraft folcher Offenbarung
, und erleben die Religion nur foweit diefe Offenbarung
fich unferm Glauben bezeugt und in uns wirkt.
Aber unter den Worten .Geheimnifs, übernatürlich,
Wunder' bergen fich Verfchiedenheiten der Vorftellung,
die man fchwerlich fo einfach erledigen kann, wie Duhm
es thut. Und er verkennt zu fehr, dafs die Frage nach
dem Wefen der Religion für uns doch wefentlich auch darauf
hinauskommt, wie diefer gefchichtlich durch Offenbarung
hergeftellte Verkehr Gottes mit den Menfchen nun in
unferm individuellen Seelenleben zum Bewufstfein kommt,
warum wir ihn mit innerer Nothwendigkeit für uns gelten
laffen, wie wir ihn von Illufionen unterfcheiden und was
er für unfer perfönliches Leben bedeutet. Die Religion,
wenn fie überhaupt Wahrheit in, will als eine Wahrheit
für Alle, als Angelegenheit auch der geiftig Geringen,
als Bedürfnifs und Pflicht jedes in der Sinnenwelt lebenden
Vernunftwefens verftanden fein. Sie ift in diefer
Beziehung nicht der Kunft und der Poefie, fondern eher
der Sittlichkeit vergleichbar, fo verfchieden fonft beide
find. Nach diefen Seiten hin angefehen wird die Darfteilung
Duh'ms als einfeitige Betonung eines einzelnen
Zuges in der Frage nach der Religion erfcheinen.

Göttingen. Schultz.

Schultze, Pafl. Gymn.-Prof. Jul. Leop., D. Julius Müller
als Ethiker und die Glaubensfrage in Bezug auf das Apo-
stolicum. Eine ethifche und eine ethifch-dogmatifche

Studie. Bremen, C. E. Müller, 1895. (VIII, 245 S.
gr. 8.) M. 4.80

Als Julius Müller im September 1878 zu feiner Ruhe
eingehen durfte, glaubte man eine Veröffentlichung feiner
Hauptvorlefungen, derjenigen überDogmatik und Ethik, die
Jahrzehnte lang einen Strom von Studirenden nach Halle
gezogen und wohl alle, die fie hörten, mit Befriedigung,
ja vielfach Begeifterung, erfüllt hatten, erwarten zu können.
Aber es verlautete bald, dafs M. eine Publication feiner
nachgelaffenen Hefte unterfagt habe. Nun hat einer feiner
Enkel, Herr J. L. Schultze, Paftor und Profeffor am
Joachimsthal'fchen Gymnafium zu Berlin, gemeint, doch
irgendwie forgen zu dürfen, dafs die Geiftesfchätze, die
der Verewigte in feinen Collegienheften hinterlaffen hat,
nicht dem Moder der Vergeffenheit anheimfallen möchten.
Da M.'s dogmatifche Gedanken durch feine literarifchen
Arbeiten in viel weiterem Umfange bekannt feien, als
feine ethifchen, die eben wefentlich nur in Vorlefungen
zum Ausdruck gekommen waren, fo hat Schultze gemeint
, der Theologie und Kirche den beften Dienft
zu thun, wenn er aus den ethifchen Collegien M.'s
eine Reihe von Mittheilungen mache. Sofern er fich
durch M.'s ausdrücklich kundgegebenen letzten Willen
behindert fand, das Heft unmittelbar vorzulegen, hat er
einen Mittelweg eingefchlagen, indem er ein Referat
über M.'s Vorträge mit eingeftreuten gröfseren Excerpten
und unter Verbindung der einzelnen Stücke durch eigene
Reflexionen, zugleich unter Beleuchtung des von M.
eingenommenen Standpunkts an der Hand kritifcher
Vergleichung desfelben mit dem Standpunkte anderer, zumal
neuerer Theologen, verfucht hat. Er meint auf diefe
Weife den beflimmten Willen feines Grofsvaters befolgt
zu haben und dennoch dem Wunfche der Familie, dafs
möglichfl Vieles von M.'s reichem Geifte der Nachwelt
zu Gute komme, Erfüllung zu verfchaffen. Dafs M. es
unterfagt hat, feine Vorlefungen zu publiciren (auch
A. Ritfehl hat dies unterfagt), ift ein Zeichen feiner ftrengen
Selbftkritik und erweckt einen tiefen Eindruck von der
Befcheidenheit des hochgefinnten und ohne Frage bedeutenden
Theologen. Ich möchte mit Herrn Schultze
nicht hadern, ob er feinem Grofsvater gegenüber in der
rechten oder nicht ganz rechten Weife verfahren ift; er
hat es fichergut und ehrerbietig gemeint. Ich geftehe auch
ausdrücklich zu, dafs es durchaus erlaubt heifsen dürfe,
wenn etwa ein Biograph M.'s die geiftigen Erbftücke desfelben
vollftändig verwerthete, u. a. auch gerade die nachgelaffenen
Vorlefungen. So auch mochte der Enkel, den
zunächft die perfönliche Pietät getrieben haben wird,
fich in die ethifchen Gedanken M.'s zu vertiefen, fich
felbft hinein zu denken und fie fleh zu affimiliren, foweit
er es vermochte, andere einladen, Theil zu nehmen an
den Schätzen, die er da gefunden. Man kann nur fragen,
ob nicht M. vielleicht gerade das nicht gewollt habe, dafs
man ihn noch in den Streit der Zeit nach ihm mit-
hineinftelle. Sch. hat auch eine Arbeit mit eigentümlichem
Doppelgeficht gegeben. Seine eingewobenen Begleiteinführungen
geftatten zum Theil wirklich kein
volles Urtheil über M.'s Ideen. Sch. hat etwas Aehnliches
empfunden und erbietet fich, ,einem Profeffor der Theologie
innerhalb Deutfchlands, welcher die vorftehend gemachten
Mittheilungen in Bezug auf ihre Genauigkeit zu
controliren wünfeht', das von ihm benutzte Material ,zur
Einficht vorzulegen'. Dafs er fubjectiv durchaus forg-
fältig und gewiffenhaft verfahren ift, bezweifle ich keinen
Augenblick; ich möchte fagen, man fehe das auch bald
an der Art feiner Behandlung des Gegenftands. Aber
es ift doch fo viel individuelle Urtheilszuthat vorhanden,
und die Auswahl der Mittheilungen ift fo fehr bedingt
durch den Wunfeh, M. gerade noch zur Gegenwart reden
zu laffen, dafs es darum fchwer wird, fich einen ungeteilten
Eindruck von M. felbft zu verfchaffen. Das
Angebot, welches Sch. mit Bezug auf fein Material macht,