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Ausgabe:

1896 Nr. 7

Spalte:

189-192

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Köhler, Walther E.

Titel/Untertitel:

Luthers Schrift an den christlichen Adel deutscher Nation im Spiegel der Kultur- und Zeitgeschichte 1896

Rezensent:

Bossert, Gustav

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189 Theologifche Literaturzeitung. 1896. Nr. 7. 190

hinausgedrungen find. Auch er fchreibt .anerkennt' und
läfst einen anfragen. Dem leichten Verftändnifs des Ge-
fchriebenen dient es nicht, wenn häufig die Wörter diefer,
jener, der erftere, der letztere begegnen und den Lefer
erft zwingen, wieder rückwärts zu fuchen, wer diefer und
wer jener ift. Dazu wird S. 166 .diefer' fubftantivifch im
gen. plur. gebraucht ,die Eigenfchaft diefer als kirchlicher
Inftitute'. Provinzialismen find S. 353 ,äufnen', nach Grimm
,ein gutes Schweizerwort' für mehren, emporbringen — ich
weifs nicht mehr, ob ich es auch fchon bei Gottfried
Keller oder Jeremias Gotthelf oder wo fonft gelefen
habe; aber wir Nichtfchweizer müffen doch immer erft
nachfchlagen. S. 238 und 280 .Mifsftände, denen das
Eigenkirchenwefen je länger je mehr rief d. h. wohl =
die es hervorrief? S. III .allfällig' für etwaig. S. 283
.anfonft' für während fonft. — Beffer wäre es auch wohl,
das Wort .deutfch' nicht im Sinn von germanifch zu
gebrauchen: es entftehen dadurch oft ganz falfche Eindrücke
, fo dafs man fpeciell an Zuftände in Deutfchland
denkt, während das germanifche Element in den Inftitu-
tionen aller abendländifchen Staaten des MA's gemeint
ilt. — Endlich noch ein Wunfeh, der fich wie auch die
vorangegangenen nicht blofs an den Verf. wendet: die
Namen der Verfaffer in den Anmerkungen zu fperren,
und weil das bisher nicht gefchehen ift, dem zweiten
Halbband ein Verzeichnifs der citirten Schriften beizugeben
, mit deffen Hilfe man im einzelnen Fall leichter
feitftellen kann, was gemeint ift.

Breslau. Karl Müller.

Köhler, Dr. Waith. E., Luthers Schrift an den christlichen
Adel deutscher Nation im Spiegel der Kultur- und Zeit-
gefchichte. Ein Beitrag zum Verftändnis diefer Schrift
Luthers. Halle, Niemeyer, 1895. (VII, 334 S. gr. 8.)

M. 6. —

Diefe Erftlingsfchrift beweift energifches Eorfchen,
reiches Wiffen, fcharffinnige Beweisführung, aber man
merkt ihr die Jugend des Verfaffers an. Ref. findet fchon
die Urtheile über feine Vorgänger in der Behandlung
des Gegenflands etwas jugendlich, fo das Urtheil über
den gediegen arbeitenden Walther S. 15, über Knaake
S. 17. Das Urtheil über Werckshagen S. 17 flicht ftark ab
von dem Brieger's ZKG 10, 502. Jugendliches Pathos
zeigt die Art, wie der Verfaffer immer wieder über
Reindell urtheilt. Das zufammenfaffende, nach Orthodoxie
oder NichtOrthodoxie meffende Urtheil S. 328 ift nicht
gerade wiffenfchaftlich reif.

Mehr Reife wäre dem Verfaffer auch in der Beur-
theilung Luther's zu wünfehen gewefen. Man gewinnt
den Eindruck, dafs der Verf. von den Humaniften her
an Luther herantritt und fich nicht genug mit Luther's
Eigenart vertraut gemacht hat. Geblendet vom Glanz
des Humanismus, wird er der gewaltigen Perfönlichkeit
Luther's nicht gerecht. Er weifs von Luther's Schwankendem
Verhalten'. Der Mann, der fein Leben lang zu
nichts weniger taugte, als zum Politiker und Diplomaten,
ift für K. ein Künftler, welcher die Fäden ,des diploma-
tifchen Spiels in der Hand hält' und ,fich der Unter-
ftützung des Adels verfichert hält, ohne fich auf deffen
revolutionäre Pläne einzulaffen' (S. 280. 289). Kampfes-
freudigkeit und Wagemuth für die Schrift an den Adel
hat Luther erft durch Crotus und Hutten gewonnen.
Denn der arme Mönch ift ein Wackelmännchen, wie ihn
der nervöfe Hutten fich vorftellt (Vgl. feinen Brief an
Mofellan bei Böcking 4, 689. Enders 2, 411). K. hat
Luther's Stimmung fcharf beobachtet (S. 279). Beweis:
1) Luther fchreibt am 1. Mai: nunc spes, nunc timor regnat
(S. 277). 2) Seine Stimmung am 20. Februar verrathen
feine Worte an Spalatin: Vale interim et pro nie ora,
Worte, die in den Briefen der drei folgenden Tage
wiederkehren (S. 274). Das find intereffante Entdeckungen,

j aber bei näherer Betrachtung Fata morgana. In der
erften Stelle hatK. den Zufammenhang gar nicht beachtet.
Luther fährt fort: sed mea nihil refert. Alfo um den
eigenen Stimmungswechfel will er fich nichts kümmern,
das läfst ihn kühl? Nein, es handelt fich um die ver-
fchiedenen Stimmungen feiner Freunde, berichtet er doch
unmittelbar vorher von Hoffnungen Staupitz' und W.
Linck's, denen Befürchtungen anderer Freunde gegenüber
flehen. Die Stimmungen der Freunde bilden die Waffer-
berge und Abgründe, zwifchen denen fein Schifflein
fluetuat. Er aber fleht kaltblütig auf Deck (Enders 2,396),
Noch auffallender ift das Milsverftändnifs der zweiten
Stelle. Ein Beter wie Luther mufs in gedrückter Stimmung
fein, wenn er einen vertrauten Freund bittet: ora
pro nie. Vergleichen wir den erlten uns erhaltenen
Spalatinbrief Enders 1, 16 und blättern weiter 1, 21, 30,
32, 39, 41, ja durch alle Bände von Luther's Briefen,
vergleichen wir zum Ueberflufs noch einen Brief des
Angftmanns von Bretten aus jener Zeit, der am 17. April
an Joh. Hefs fchreibt {CK. 1, 16b): Nos omnia ingenti
anivio expectamus. Tu pro nobis ora, dann llaunt
man über den Mangel an Kenntnifs von Luther's Briefftil
und feiner wirklichen Stimmung. Gegenüber dem Ver-
fuch, Luther's Muth erft auf den Einflufs der Humaniften
zurückzuführen, hat Knaake's unmuthsvolle Frage (Weimarer
Lutherausgabe 6, 383) ihr volles Recht.

K. betont, dafs Luther zweimal fich an Hutten gewandt
, bevor diefer ihm direct gefchrieben, aber er ver-
gifst, dafs der vorfichtige Hutten am Hofe Albrecht's
von Mainz nur Melanchthon's Namen als Deckadreffe
gebrauchte, um an Luther zu fchreiben. Und wer fchrieb
denn Anfang Mai an Hutten? Uterque nostrum, womit
nur Luther und Melanchthon gemeint fein können (Enders,
2, 397). Diefer Brief wird kühl neben denen an Kapito,
Pellikan und Erasmus genannt, in keiner Weife von ihnen
unterfchieden, hat alfo in Luther's Augen keine höhere
Bedeutung. Am 31. Mai fchreibt er an Hutten und
Sickingen und giebt die Briefe Spalatin zur Beforgung.
Kann dann etwas drin geftanden haben, was Spalatin
nicht wufste, werden fie etwas anderes enthalten haben,
als Dank für das Schutzanerbieten, von dem Luther
ficher nicht anders dachte als von dem Sylv. v. Schaumberg
: Quod ut non contemno, ita nolo, msi Christo pro-
tectore niti (Enders 2, 402)? Von .revolutionären Plänen'
Hutten's und Sickingen's hat Luther ficher nichts gewufst.
Wenn an dem Citat des Cochläus aus dem verlorenen
Lutherbrief etwas Wahres ift, fo ift es jedenfalls nicht
wörtlich und hat kaum etwas anderes als das Bedauern
zum Inhalt, dafs Sickingen's Muth und Unabhängigkeits-
finn gegenüber von Rom nicht auch die Fürften befeele.

Vollends haltlos fcheinen die Schlüffe aus Luther's
Widmung feiner Schrift an den Adel und feinen Vorfehl
igen in Betreff der adeligen Domttifter, als hätte fich
Luther von den Fürften abgewendet und fich dem .revolutionären
' ritterfchaftlichen Adel in die Arme geworfen.
Wer ift denn der Adel in Luther's Augen? Ift denn das
nur der ritterfchaftliche Adel? Für Luther ift alles Adel,
was ,edles Blut' hat, der Kaifer, die Reichsfürften und
ihre nicht regierenden Brüder, Grafen, Reichsfreiherren und
Ritter. Oder fanden fich denn an den Domftiftern nur
Glieder des ritterfchaftlichen Adels, keine Herzöge, Markgrafen
, Fürften, Grafen? Wer in dem ,edeln Blut', wie
Luther Karl V. nennt, eine befondere captatio benevolentiae
ficht, der kennt die Zeit und auch die Volkslieder nicht.
Und verräth es denn nicht einen gefunden Blick, wenn
Luther dem romfreien Reich gelehrte, an den Domftiftern
gebildete Männer von Adel wünfeht, wie etwa fpäter
den Fürften Georg von Anhalt?

Aber Luther, der um die Gunft des Adels in feiner
Schrift werben foll, hat auch demokratifche Gefinnung,
weil er die Förderung des Ackerbaues .göttlicher' findet
als die des Handels. Wahrfcheinlich find die heutigen
Agrarier auch Demokraten, wahrfcheinlich hat Rfehl