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Ausgabe:

1894 Nr. 5

Spalte:

131-138

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kabisch, Richard

Titel/Untertitel:

Die Eschatologie des Paulus in ihrem Zusammenhängen mit dem Gesamtbegriff des Paulinismus 1894

Rezensent:

Wrede, William

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I31 Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 5. 132

Theilen von C. Th. Müller beforgt; C. Th. Müller hat
nur den zweiten Theil überfetzt, während der erfte von
dem inzwifchen verdorbenen Prof. Dr. Th. Weber ins
Deutfche übertragen ift. S. 351 erkennt Cheyne auch noch
an, dafs auf der Infchrift eines in Samaria gefundenen
Gewichtes, das dem 8. Jahrh. v. Chr. zugefchrieben wird,
b© zu lefen fei, worin Driver einen Grund fah, fich nicht
ficher und beftimmt für die fpäte Entftehung des Hohen
Liedes auszufprechen. Nach Julius Euting (vgl. Eduard
König, Einleitung in das Alte Teftament, 1893, S. 425)
ift jedoch auf dem Gewichtsftücke, das Euting obendrein
für unecht hält, von diefem fraglichen b© keine Spur zu
entdecken.

Muttenz (bei Bafel). Karl Marti.

Kabisch, Sem.-Lehr. Lic. Rieh., Die Eschatologie des Paulus
in ihren Zufammenhängen mit dem Gefamtbegriff
des Paulinismus. Göttingen, Vandenboeck & Ruprecht,
1893. (VIII, 338 S. gr. 8.) M. 7.-

Der erfte Abfchnitt diefes Prof. Spitta gewidmeten
Buches (1—70) will zeigen, dafs für Paulus die Zukunftshoffnung
der eigentliche Angelpunkt des religiöfen Be-
wufstfeins (12) ift. Die Rettung {ocoxt]Qid) vor dem künftigen
Zorne, der ewige Lohn, die Befreiung vom fterb-
lichen Leibe erfcheint überall als letztes Ziel feiner
Sehnfucht und feines Denkens. Den Beweis führt Ka-
bifch, indem er eine ganze Reihe einzelner Stellen durch-
fpricht (12 ff.). Er bekämpft dabei lebhaft eine moder-
nifirende Exegefe, die den fehr entfehiedenen ,Eudämonis-
mus' des Paulus, den Gedanken des Lohnes als der
Triebfeder der fittlichen Arbeit verflüchtigt und den
gegenwärtigen Befitz der Heiligung, Rechtfertigung, Gnade

nicht als .Mittel', fondern als .Zweck', d. h. als die eigent- I Bäume, Steine!) ,in Thatfünden fich nicht äufsern kann,
liehe Seligkeit felbft betrachtet. — Zu den Auslegungen doch ihre tötliche Wirkung' ausüben (151 f., 167). — Seit
K.'s wären nicht ganz wenige Fragezeichen zu machen, es Sünde und Tod giebt, gehört die Welt nicht mehr
In der Hauptfache ift er im Rechte, und man mufs an- j Gott, fondern dem in der Welt und ihrem Stoffe ,mit
erkennen, dafs manche feiner exegetifchen Ausführungen phyfifcher Gegenwart' weilenden (174) Satan und feinen

Mächten, den dyxovmg und egovöicu. Solche §govöiai

der Eschatologie mit dem Gefammtbegriff des Paulinismus
' nennt, ift hier zu finden. Die zweite Hälfte (228—
333)> welche den einzelnen Momenten der eigentlichen
Zukunftserwartung gewidmet ift (Gericht u. f. w.), ruht
ganz auf jenen Darlegungen.

Das höchfte Gut ift für Paulus die £0/7, das gröfste
Uebel der {hdvazog. Dies Leben aber ift das ,phyfifche'
d. h. das unzerftörbare, ewige Leben, der Tod ebenfo
nicht geiftiger, fittlicher Tod, fondern der phyfifche Tod,
,das Vergehen'. Höchftes Gut ift das Leben als folches,
nicht erft durch die Güter, die es mit fich bringt,
gröfstes Uebel der Tod als Vernichtung der Exiftenz, eine
andere Sündenftrafe kennt Paulus nicht. — Die irdifche
Welt ift der <p#opa unterworfen, beftändiges Sterben
ihre ,Thätigkeit' (141). Urfache diefes .eudämoniftifchen
Uebels' (!) ift das .moralifche Uebel', die Sünde. Seit
Adam ift der ganze y.oOfiog von der Sünde .durchfeucht'
[term. techn. bei Kabifch). Satan wohnte nämlich der
Eva bei, fo kam die Sünde in Eva, auf dem gleichen
Wege wurde dann die potenzielle Sündenfähigkeit'
(154 sie) in Adam ,gefät'. (Verf. trägt diefe .Theorie'
zwar zunächft mit einiger Referve vor, fetzt fie jedoch
fpäter einfach voraus.) Durch Adam aber kam die
Sünde keineswegs blofs in die Menfchheit, fondern
auch in die ,kreatürliche Schöpfung' (!) und zwar ,in
den kosmifchen Stoff (156). Denn die Sünde kann
nach Paulus ,ohne Mittelglied des Geiftigen im Stofflichen
allein häufen und darin wirken' (149), fie ift eine
,phyfifch wirkende Potenz' (151); Rom. 7 wird fie ja ausdrücklich
an den Stoff des Leibes ,geheftet' (149). So
kann fie denn ,mit einer unaufhaltfamen Diffufionskraft'
von Adams Herzen aus ,alles Stoffliche' durchdringen
und ,felbft da, wo fie wegen der fittlichen Indifferenz des
Subjects' (man denke bei diefem Ausdruck z. B. an

(z. B. über 1. Theff. 1, 9 f., 1. Kor. 1, 18, 2. Kor. 4 u. 5)
den eschatologifchen Gehalt der betr. Stelle treffend
und kräftig herausftellen und geeignet find, einen ,mo-
dernifirenden' Gegner ftutzig zu machen. Auch zu überzeugen
? Ich zweifle. Wer hier überzeugen will, darf
nicht blofs einzelne Stellen unterftreichen, denen leicht
andere entgegengeftellt werden möchten, er mufs vielfind
auch {hdvazog und dfiagzia, die Hypoftafen Satans,
perfönliche Wefen (165) mit .eigener Subftanzialität' (164);
des weiteren die zahllofen Engelmächte, die Elementar-
geifter u. f. f. — Der vergehenden Erdenwelt fleht gegenüber
die Welt des Lichtes. Ihr Stoff ift das jevevf/a;
denn stvevfia ift eine Subftanz fo gut wie die Erdenma-

mehr aus der Gefammtanfchauung beweifen, mufs terie. Ihre Eigenfchaften find dcp&aoaia, dög« (Lichtglanz)
zeigen, dafs alle Hauptbegriffe der Heilslehre und gerade j und 6vva(iig, d. h. die .Emanationskraft', ,die Fähigkeit,
auch die, welche man gern anders verlieht, in fich wie feiner, leichter Aether alle Wefen und Dinge zu
felbft den Hinweis auf die Zukunft tragen oder durchdringen' (193) und fie zu pneumatifchen umzu-
durch die Zukunftserwartung entfeheidend beftimmt, bzw. ! geftalten (194, 205). Diefe Himmelsmaterie befitzt aber
von ihr umfafst werden. K. hat fich hier alfo die Sache I als Gottesemanation zugleich ethifche Qualität: ,fie ift
doch zu leicht gemacht. ,Die Bedeutung der Eschatologie im j gleichzeitig räumlich ausgedehnt . . . und heilig' (206).
Evangelium des Paulus' wollte er darlegen und fchwieg j Aufserdem hat fie auch die Eigenfchaft der Erkenntnifs-
vom .Evangelium'. Insbefondere vermag ich die Ausein- ! fähigkeit: als ,vieltheilbarer' und .leichtbeweglicher' Stoff
anderfetzung des Lohngedankens mit der Rechtfertigungs- [vermag der Geilt natürlich in die .finnlich-himmlifche
lehre nicht für genügend zu halten. — Vielfach wird in Welt' und die dort verborgenen Myfterien einzudringen
diefem Abfchnitte des Paulus .Lechzen nach Seligkeit' der (209 ff). Die Sehnfucht des Apoftels ift nach alledem
.eifigen Höhe' der Ethik Kant's (22) entgegengefetzt, und Befreiung vom .erdftoffliehen* Leibe, überhaupt vom
Kant wird mit der — in mancher Hinficht glücklich — xoö/iog, Theilnahme am herrlichen pneumatilchen Sein,
bekämpften abfehwächenden Exegefe in Verbindung ge- Bei der Parufie nun ftrömt die Geiftfubftanz ,aus den
bracht. Darüber liefse fich viel fagen. Sind dieAuferftehungs- ' geöffneten Himmelspforten' ,in voller, auch für irdifche
leugner in Korinth wirklich Männer, ,die fittlichen Kampf i Augen fichtbarer Glorie' alles durchdringend, erleuchtend
kämpfen wollen ohne Hoffnung auf Lohn' (17f., 22f.), : und kraft ihrer Feuernatur das ihr Fremde verzehrend
alfo wie es fcheint .Kantianer'? Wer redet bei Paulus | hervor (234, 281). Die Gerechten — fie allein — er-
von einer ,intereffelofen Erftrebung des Guten um des flehen vom Tode; d. h. bei ihnen tritt das fchon vor-
Guten felbft willen'(7)? Und Kant ift doch wohl ziemlich ; handene 7iv£Vf.ia einfach aus feiner Verborgenheit her-
unfchuldig, wenn man ,das rein religiöfe Bewufstfein der vor (282). Denn bei ihnen hat das neue Sein freilich
Rechtfertigung* (49) als gegenwärtiges Gut zur Haupt- fchon auf Erden begonnen. Durch die ,finnlich-wirkliche'
fache bei Paulus macht. (325) Vereinigung mit Chriftus ift das jtVEVfia in phyfi-

Ganz überwiegend nimmt der zweite Abfchnitt ' icher Wirklichkeit in fie eingegangen (269), innerhalb
(71—333) das Intereffe in Anfpruch; namentlich feine 1 des Fleifchesleibes bildete fich ein unzerftörbarer Geift-
erfte Hälfte (71—228). Was der Titel die,Zufammenhänge ' leib. Ebenfo ift durch das im Tode Jefu vollzogene