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Ausgabe:

1893 Nr. 3

Spalte:

81-83

Autor/Hrsg.:

Litteraturdenkmäler, lateinische

Titel/Untertitel:

des 15. und 16. Jahrhunderts. Hrsg. von Max Hermann und Siegfr. Szamatólski. 5. und 6. Hft 1893

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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8i Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 3. 82

gehabt und im Wefentlichen in fo anfprechender Weife
zur Ausführung und Darftellung zu bringen gewufst hat.
Der reiche Stoff ift von ihm in acht Capiteln behandelt.
Im 1. Cap. erhalten wir eine klare Ueberficht über die
byzantinifche Kirchengefchichte vom Anfange der Regierungszeit
Leo's IV. bis zum erften öffentlichen Auftreten
des Theodoros (S. 6 — 19), im 2. Cap. (S. 20—38)
über die Quellen zur Gefchichte diefes Mannes. Das
3. Cap. (S. 39—47) führt uns die Zeit des Werdens und
der Vorbereitung vor, wir hören von Theodoros' Jugend
bis zu feinem Eintritt in's Klofter und von feinem Leben
dafelbft bis zu feinem erften öffentlichen Auftreten in
den Eheftreitigkeiten Konftantin's VI. Das 4. Cap. (S.
47 — 58) verfetzt uns unmittelbar in diefelben, in die
Jahre 795 — 797, während das 5. Cap. (S. 59 — 67) die
Zeit der Ruhe (797—806) behandelt. Das 6. Cap. (S. 67
—95) zeigt uns Theodoros im Streit mit Kaifer Nike-
phoros über die Wiedereinfetzung des Patriarchen Jofeph,
und zwar fchildert der Verf. jenen Streit erftens bis zur
Wahl des Patriarchen Nikophoros, d. h. vom 25. Februar
bis 12. April 806, fodann die Vorgänge bis zum Schlufs
der Synode zu Konftantinopel im Januar 809; ein dritter
Abfchnitt, die Zeit vom Januar 809 bis zum Herbft 811
umfpannend, behandelt Theodoros in der Verbannung
und feinen endlichen Sieg. Das 7. Cap. (S. 95—97) erörtert
Theodoros' Verhalten unter Kaifer Michael I.
Rhangabe. Das 8. Cap. (S. 98 — 138) endlich fchildert
die Erneuerung des Bilderftreits, und zwar zunächft unter
Leo V. dem Armenier in den Jahren 814—820 bis zur
endgültigen Verurtheilung der Bilderverehrung, durch
welche Theodoros' Leiden und Thätigkeit in der Verbannung
bedingt find, und fodann fchliefslich unter
Michael II. 820—826. Klar und anfchaulich — und das
hebe ich befonders hervor — tritt uns in Thomas'
Darftellung die zielbewufste, bei allen Fehlern unbedingt
bedeutendfte Perfönlichkeit jener Zeit, der Klofterabt von
Studion Theodoros (759—826) entgegen, der für die
Bilderverehrung und damit zugleich für die unbedingte
Freiheit der Kirche von jeder ftaatlichen Befchränkung

graphifch orientirt, für die Erläuterung der Epigramme
manches Material liefert, u. A. auch die Ausbeute, die
Leffing aus ihnen gemacht, darlegt, fondern vor allem
auch für die Biographie den Fortfehritt kund giebt, den
feit 1862 des Verf.'s fortgefetzte Nachforfchungen auf
diefem Gebiete erzielt haben. Ift es erfreulich, zu fehen,
wie einige glückliche Funde und an fie anfchliefsend
fcharffinnige Combinationen Kraufe in den Stand fetzen,
jetzt dunkle Partien in der Lebensgefchichte des Cordus,
die er bei feiner älteren Arbeit nicht zu lichten vermochte
, klar zu legen, fo ift es doch auch lehrreich, zu
beobachten, wie fo manche Combination von damals
durch einige fefte Punkte, die ein bisher überfehenes
Document gewährte, umgeftofsen ift. Diefe Erfahrung, die
ein fo vorfichtiger Forfcher, wie Kraufe, hier bei an fich
untergeordneten Punkten hat machen müffen, darf jedem,
der ähnliche Studien betreibt, eine heilfame Lection über
die Grenzen geficherten Wiffens fein. Wo er damals
nach forgfamem Abwägen meinte fchreiben zu dürfen:
,So gut als gewifs ift, dafs —', da belehrt ihn jetzt ein
neues Datum von urkundlichem Werthe, dafs vielmehr
das Gegentheil richtig ift. Es ift hier nicht der Ort, die
Fortfehritte, die hier für die Cordus-Biographie gewonnen
find, zu regiftriren; aber es fei nachdrücklich auf
diefe Einleitung aufmerkfam gemacht, da fie erhebliche
Berichtigungen und Ergänzungen zu der früheren Arbeit
bietet. Die Epigramme felbft enthalten auch für den
Theologen des Intereffanten mancherlei. Auch bei Cordus
wie bei den andern Erfurtern beginnt das Intereffe und
der Anfchlufs an Luther's Sache erft nach der Leipziger
Disputation (III 44; 63). Das Intereffe an Kirche und
Religion äufsert fich bis dahin vorzüglich in der an den
Lchrmeifter Erasmus erinnernden, aber in jugendlicher
Keckheit ihn überbietenden Stachelrede gegen Mönche
und Pfaffen; Franziskaner, Carthäufer, befonders auch die
Berner Dominikaner, bieten dem Epigrammatiker dankbaren
Stoff. Aber derfelbe, der die cölibatäre Unkeufch-
heit in fo viel witzigen Verfen geifselt, verräth zugleich
ein bedenkliches Behagen an Stoffen diefer Art, läfst

mit bewundernswerthem und trotz Verfolgungen und fich fo tief in den Schmutz des nicht mehr zweideutigen

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Anfechtungen aller Art unbeugfamem Muthe gekämpft
und gelitten hat. — Hoffentlich begegnen wir dem Verf.
auch ferner noch auf byzantinifchem Gebiete, dem er
in diefer feiner Erftlingsarbeit fchon fo fchönen Ertrag
abzugewinnen verftanden hat.
Wandsbeck. Johannes Dräfeke.

Litteraturdenkmäler, lateinifche, des XV. u. XVI. Jahrhunderts
. Hrsg. von Max Herrmann und Siegfr.
Szamatölski. 5. und 6. Hft. Berlin, Speyer & Peters,
1892. (8 ) M. 3. 40.

Inhalt: 5. Euricius Cordus, epigrammata. [1520.] Hrsg. von Karl
Kraufe. (LH, III S.) M. 2. 80. — 6. Jacobus Wimphelingius,
Stylpho. In der urfprünglichen Fällung aus dem Cod. UpsaL 687
hrsg. von Hugo Ilolftein. (XVIII, 16 S.) M. — 60.

Mit einer biographifchen Skizze über den Erfurter
Humaninen Euricius Cordus hatte C. Kraufe 1863 ferne
Arbeiten zur Gefchichte des Humanismus begonnen. Es
galt dem heffifchen Landsmann; aber die Befchaftig-
ung mit ihm führte in den Erfurter Humaniftenkreis
hinein. So folgte auf Cordus 1879 die grofse Biographie
des Begabteften unter den Heffen des Erfurter Kreifes,
des Eobanus Heffus. Dann wandte fich die Forfchung
rückwärts zu dem geiftigen Führer jenes Kreifes, zu
Mutian, deffen Briefwechfel er 1885 herausgab. Jetzt ift
der Forfcher wieder zu Cordus zurückgekehrt. Die drei
erften Bücher feiner Epigramme, d. h. die in Erlurt
entftandenen und dort 1517 refp. 1520 zuerft veröffentlichten
, fowie die 1515 erfchienene Defensio m maledi-
cum Thiloninum Phäytnmtn bietet er uns in forglaltigem
Neudruck und dazu eine Einleitung, die nicht nur biblio-

Witzes herab, dafs die Apologie, die er für fich felbft
fchreibt: ,Sit laseiva licetprocaxque Musa, Castus Spiritus
est sacri poetae' (I 29) einigem Unglauben beim Lefer
begegnen wird. Cordus ift, im Unterfchiede von vielen
feiner Poetenbrüder, bereits Ehemann; um fo peinlicher
berührt es zu fehen, dafs feine Gedichte die Frau faft
ausfchliefslich nur in der Geftalt der Kokette oder Dirne
oder Kupplerin kennen. Mag ein gut Theil davon auf
Rechnung der Imitation der geliebten claffifchen Dichtervorbilder
fallen, die Atmofphäre, in der fich diefe Erfurter
,Modernen' bewegen, ift keine ganz reine Luft, und
die Hände, die hier den Tempel reinigen, find felber unrein.
Um einer witzigen Pointe willen wird auch ein Scherz
mit dem Bibelwort nicht verfchmäht (II 14), und auch
die Heiligen müffen zu einer Zeit, wo der Dichter doch
noch auf katholifchem Boden ftand, gelegentlich herhalten
, um einen witzigen Einfall nicht zurückzuhalten
(I 31). — Für die fachliche Erläuterung der Epigramme
hätte der Herausg. nach meinem Dafürhalten noch mehr
Handreichung dem Lefer gewähren können, als auf S.
XLVIII ff. gefchehen ift; I 72 ift z. B. nicht völlig zu
verliehen, wenn nicht auf das Spiel mit dem Worte
Anna aufmerkfam gemacht wird. Der Dichter redet von
der Landgräfin Anna, aber in Worten, die auf die Bedeutung
der h. Anna {Anna divitias largitur, Apol. p.
229 [Hafe]) anfpielen und eben in diefem Doppelfinn
ihre Pointe haben. Zu II 16 wäre auf Hutten's Julius
exclusus zu verweifen.

In Nr. 6 bietet Holftein, der bekannte Forfcher auf
dem Gebiete des Drama's des Reformationsjahrhunderts
die Profa-Comödie Wimpheling's Stylpho, die im Druck
von 1494 und dem Neudruck von E. Martin, Strafsburger
Studien III 472 fr. bekannt war, in der urfprünglichen