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Ausgabe:

1893 Nr. 11

Spalte:

281-283

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Winckelmann, Otto

Titel/Untertitel:

Der schmalkaldische Bund 1530 - 1532 und der Nürnberger Religionsfriede 1893

Rezensent:

Virck, H.

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. ii.

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bracht. Michael erinnert ihn dringend daran, dafs er nun
gehen muffe. Er aber weigert fich auch jetzt noch,
worüber Michael abermals an Gott Bericht erftattet
(c. 15). Gott fendet nun den Tod, befiehlt ihm aber,
ein freundliches Ausfehen anzunehmen. Der Tod nimmt
die glänzende Geftalt eines Erzengels an. Auch dies
nützt aber nichts, da Abraham fich beharrlich weigert
zu gehen (c. 16). Es folgen dann noch längere Verhandlungen
zwifchen Abraham und dem Tode, bis diefer
endlich feinen Zweck durch Lift erreicht. Er fpiegelt
dem Abraham vor, dafs er Leben und Kraft empfangen
werde, wenn er die Hand des Todes küffen werde. Dies
gefchieht und Abraham ftirbt. Alsbald wird feine Seele !
von Michael und einer Schaar von Engeln ins Paradies |
erhoben, fein Leib aber bei der Eiche Mamre's begraben
(c. 17—20). . ,

Die Grundzüge der Erzählung, welche wir hier nach
der längeren Recenfion fkizzirt haben, find in der kürzeren
diefelben, wenn auch das Detail mannigfaltig abweicht.
Zur Entfcheidung der Frage, ob der Grundftock
identifch ift mit dem alten von Origenes erwähnten
Apokryphum, haben wir keinen andern Anhaltspunkt,
als eben jene Stelle des Origenes. Diefer fagt nun, dafs
in der ihm bekannten Schrift die Rede fei von einem
Streit der guten und böfen Engel super Abra-
hami salute et inte r/tu. Wie man fieht, findet fich
davon in unferem Apokryphum keine Spur. Trotzdem
glaubt James an die Identität (f. bef. S. 26, 28), indem
er einen Gedächtnifsfehler des Origenes annimmt. Dem
Origenes habe jene Stelle vorgefchwebt, wo Abraham
in der Ekftafe eine Seele fieht, deren gute und böfe
Handlungen fich die Wage halten, und die dann durch
Abrahams refp. Michaels Fürfprache gerettet wird (c. 12
bis 14). Dies habe Origenes verwechfelt mit der Legende
von dem Streit der guten und böfen Engel über den
Leichnam Mofis, und dadurch fei das irrige Citat ent-
flanden Harnes S. 15—16). Mir fcheint zu diefer gewagten
Annahme kein zureichender Grund vorzuliegen.
In der Erdichtung apokrypher Erzählungen war ja auch
die fpätere chriftliche Zeit noch fehr fruchtbar. Wir
haben z. B. aufser den jüdifchen Mofes- und Efra-Apo-
kryphen auch chriftliche Mofes- und Efra-Apokalypfen,
die mit jenen gar nichts gemein haben. Aehnlich wird
es fich wohl mit unferem Abraham verhalten. Es ift
eine recht alberne chriftliche Dichtung, für welche eine
jüdifche Grundlage nicht nachweisbar ift. Trotzdem
mufs man dem Herausgeber für feine mühevolle und
forgfältige Arbeit dankbar fein. Denn wenn diefe neuen
Texte auch nicht das gefuchte jüdifche Apokryphum in
fich bergen, fo find fie doch höchft lehrreich für die
Würdigung des religiöfen Gefchmackes der griechifchen
Kirche.

Kiel. E. Schürer.

Winckelmann, Archivar Otto, Der Schmalkaldische Bund
1530—1532 und der Nürnberger Religionsfriede. Strafsburg
i/E., Heitz, 1892. (XIII, 3r3 S. gr. 8.) M. 6 —

Die Refultate diefes vortrefflichen Buches find der
Hauptfache nach fchon durch den 2. Band der Gefch.
Karl's V von Baumgarten bekannt geworden. Denn der
Verfaffer hatte letzterem das Manufcript feines Buches
noch vor dem Druck zur Benutzung überlaffen. Die
Darfteilung, die Baumgarten von der Entwickelung des
Schmalkaldifchen Bundes in den entfcheidenden erften
Jahren feines Beftehens, von der Wahl Ferdinands, dem
Tag zu Schweinfurt, dem Reichstag zu Regensburg und
den Verhandlungen giebt, die zu dem Nürnberger Religionsfrieden
führten, beruht faft ganz auf Winckelmann.
Wenn in Folge diefes Umftandes dem Buche der Reiz
der Neuheit zum Theil verloren gegangen ift, fo wird
doch natürlich hierdurch fein Werth in keiner Weife ge-

fchmälert. Denn erft durch Winckelmann erhalten wir
die Begründung jener Darftellung im Einzelnen. Aber
auch aufser den vorhin genannten Partien enthält das
Buch eine überrafchende Fülle neuer Refultate. Dies
tritt fchon in dem über den Augsburger Reichstag
handelnden Theile hervor. So weift z. B. Winckelmann
darauf hin, dafs der Grund, warum der Landgraf fo
plötzlich am 6. Auguft den Reichstag verliefs, höchft
wahrfcheinlich darin zu fuchen ift, dafs die Nachricht
von der Annahme des Heffifchen Burgrechts durch die
Züricher Schöffen in Augsburg eingetroffen war. Gegenüber
Lenz und Elcher macht Winckelmann ferner darauf
aufmerkfam, dafs Mansfeld, als er den Oberländern am
iö. October ein Bündnifs antrug, nicht etwa im Auftrag
des Kurfürften, fondern aus eigener Initiative handelte.
Befonders wichtig aber ift der Nachweis der Wandlungen
, welche die fächfifche Politik feit Mitte October
in Folge der Verhandlungen über die Verkündigung
eines Landfriedens durchmachte. Erft der ungünftige
Verlauf diefer Verhandlungen und daneben die am
28. November beim Kurfürften eintreffende Einladung
zur Theilnahme an der Wahl Ferdinand's haben für die
Annäherung Sachfens an die Oberländer den Ausfchlag
gegeben. Ueber die Bemühungen Bucer's 1530 und 31,
eine Concordie und im Anfchlufs daran ein politifches
Bündnifs zwifchen den Schweizern und den Lutheranern
zu Stande zu bringen, ift von Lenz und Efcher fo ausführlich
gehandelt worden, dafs man meinen follte, es
gäbe hier nichts Neues zu fagen. Zu wirklicher Klarheit
aber wird diefe Angelegenheit doch wieder erft durch
Winckelmann gebracht. — Die Politik des Landgrafen in
den erften Zeiten des Bundes ift bisher faft durchweg
gelobt worden. Winckelmann zeigt, dafs dies Lob denn
doch mancher Einfchränkungen bedarf. Seine Haltung
wurde faft allein von dem Plan der Reftitution Ulrich's
von Württemberg benimmt. Um diefen Preis war er
1531 bereit, dem Kaifer die gröfsten Zugeftändnifse zu
machen, deren Annahme den Bund gefprengt und die
Proteftanten in die gröfste Gefahr gebracht haben würde.
Jener Plan verführte ihn auch im Sommer desfelben
Jahres, das Bündnifs mit den Schweizern über das mit
Sachfen zu ftellen. Nur die Befonnenheit Jakob Sturm's
hielt ihn von weiteren Schritten auf diefem Wege ab.
Der Erfolg bewies, wie recht Sturm gehabt hatte, dem
Landgrafen entgegenzuarbeiten. Wie Winckelmann zeigt,
hätten jene Schritte nur dahin geführt, die Evangelifchen ■
in Deutfchland zu fpalten ohne ihnen die Hülfe der
Schweizer zu fichern. Denn nachdem Zwingli feit dem
Sommer 1531 feine politifche Machtstellung in Zürich verloren
hatte, war an eine Verbindung der evangelifchen
Schweizer mit den deutfchen Proteftanten überhaupt nicht
mehr zu denken. — Von ganz befonderem Intereffe find diejenigen
Partien des Buches, in denen W. uns die Beziehungen
der Proteftanten zu den rein politifchen Gegnern des Haufes
Habsburg aufdeckt: zu Frankreich, Zapolya, Dänemark
und vor allem zu Bayern. Ueber die Verbindung, welche
zwifchen den Fürften des Schmalkaldifchen Bundes und
den Bayerifchen Herzögen beftand, waren wir bisher nur
höchft ungenügend unterrichtet. Indem W. die bis dahin
bekannten Nachrichten durch archivalifche Nach-
forfchungen namentlich in dem Wiener und Dresdener
Archiv ergänzen konnte, ift es ihm gelungen, uns von
jener merkwürdigen und fo folgenreichen Verbindung
eine deutliche Vorftellung zu geben. Beffer, als es bis
jetzt möglich war, erkennen wir daraus, wie fehr doch
die Bayerifchen Herzöge, die fich fo gerne als Vorkämpfer
des Katholicismus hinzuftellen liebten, durch ihre
antihabsburgifche Politik zur Erftarkung des Proteftan-
tismus beigetragen haben. — Die Verhandlungen zu
Schweinfurt und Nürnberg find von W. überhaupt zum
erften Mal ausführlich gefchildert worden, hauptfächlich
auf Grund der in der Politifchen Correfpondenz der
Stadt Strafsburg veröffentlichten Actenftücke, die indefs

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