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Ausgabe:

1892

Spalte:

158-162

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zahn, Theodor

Titel/Untertitel:

Forschungen zur Geschichte des neutestamentlichen Kanons und der altkirchlichen Literatur. IV. Theil 1892

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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157 Theologilche Literaturzeitung. 1892. Nr. 6. 15 S

theologifche Pofition noch nicht widerlegt. Aber auch
der A. T.liehe Forfcher, der zwar aus einer folchen
Laienarbeit im Einzelnen nichts lernen kann, wird gut
thun, folche Schriften nicht einfach zu ignoriren. Denn
der Verfaffer fpricht in vielem Anfchauungen aus, die
unter den Geiftlichen weit verbreitet find. — Verf. hat
den Eindruck, die A. T.liche Wiffenfchaft fei vor allem
,Kritik', fie ,kritiüre' und ,benörgele' (155) ,das heilige
Bibelbuch', bezweifele feine Glaubwürdigkeit, verwandele
feine Gefchichten meift in Sagen und Mythen (217), ent-
werthe — der Verf. fagt: .verhaue' (249) — feine Schriften
durch fpäte Datirung. Es mufs diefen Kreifen immer
wieder gefagt werden, dafs wir von folcher Bibelfeind-
fchaft wahrlich nichts wiffen. Unfere Wiffenfchaft ift
auch gar nicht vor allem .Kritik', fondern vor allem
.Gefchichte'. Die Gefchichte der Religion in Ifrael will
fie erkennen; alle Prüfung der Tradition, denn nichts
Anderes ift .Kritik', foll dazu nur die Vorarbeit fein.
Auch follte nicht immer wieder der Vorwurf erneuert
werden, dafs die A. T.liche Forfchung negativ fei, dafs
fie die alte Gefchichtsauffaffung zerltöre, ohne eine neue
aufzubauen. Jeder Kundige weifs, dafs fie den Aufbau
fchon feit langen begonnen hat und darin bereits ein
gutes Stück vorwärts gekommen ift. — Dabei darf uns
als Söhnen Luther's das Recht nicht abgeftritten werden,
die Schriften (und Perfonen) des A. T.'s verfchieden zu
werthen. Und die Wiederherftellung der natürlichen
Farben des Bildes darf nicht als ,Pietätlofigkeit' verrufen
werden. Die alte Infpirationslehre freilich, an welche
der Verfaffer ftets zuletzt appellirt, z. B. 38, wird fallen
müffen und ohne Schaden fallen können. Wenn aber
die Kirche, an veralteten Vorftellungen fefthaltend, von
der Wiffenfchaft fich entfernt, wird nicht nur — wie
der Verfaffer meint — die Wiffenfchaft fchweren Schaden
erleiden (254),Tondern noch viel mehr die Kirche,
die, von den Gebildeten verlaffen, aufhören wird, unfer
Volk geiftig zu beherrfchen.

Es geht auch nicht an, gegenüber dem Anfturm der
A. T.lichen Wiffenfchaft auf die Pilatusfrage fich zurückzuziehen
(253) und die Refultate der Forfchung für un-
(ichere Hypothefen auszugeben (254). Verf. geht hierin
fo weit, dafs er fogar den Satz wagt: ,Wir können uns
nicht beugen unter die Wahrheit' (253). Trotzdem zweifele
ich nicht, dafs auch er die Wahrheit lieb hat; und indem
ich an einen beffer zu inftruirenden Verfaffer appellire,
fordere ich auch von ihm die Anerkennung, dafs von
der A. T.lichen Forfchung eine ganze Reihe von Fragen
fchon gegenwärtig faft einftimmig und im Ganzen endgültig
beantwortet ift. Gegenüber der .Heilsgefchichte'
aber, wie fie der Verfaffer bietet, gemüthvoll, aber mo-
dernifirend, haggadifch ausgefchmückt und völlig un-
hiftorifch, darf der A. T.liche Forfcher mit ftolzer Freude
bekennen, dafs die letzten Jahrzehnte ein hiftorifches
Verftändnifs des A. T.'s erarbeitet haben, das, im Einzelnen
gewifs correcturbedürftig, in allen Hauptzügen
aber fchon jetzt gefichert ift, dafs wir z. B. einen Mann
wie Jeremias, oder etwa Jef. 40—66 ganz anders, als es
der Verf. vermag, verftehen und würdigen können. Diefe
erworbene Kraft gefchichtlichen Verftändnifses kann nur
der gering fchätzen, der fie nicht kennt.

Der Verfaffer hat ferner den durchaus richtigen Eindruck
, dafs die moderne A. T.liche Wiffenfchaft dem
Supernaturalismus nicht günftig ift und die,Heilsgefchichte'
(im alten Sinne) zerftört (253) vgl. Wellh., Prol. c. 7,4.
Wenn auch wenige A. T.liche Forfcher der Gegenwart
den antifupernaturaliftifchen Standpunkt eines Kuenen
billigen werden, fo ift doch unzweifelhaft, dafs wir Modernen
da nach pfychologifchen Erklärungen fuchen,
wo unfere Väter unbefangen an Wunder glaubten. —
Der Verfaffer hat diefen Sachverhalt mit Angft und
Schrecken wahrgenommen (252); denn ihm erfchetnt
,felbftverftändlich, dafs diefe Ergebnifse dem religiöfen
Bedürfnifse abfolut nicht genügen' (254). Aber vielleicht

wird ihm diefe Annahme etwas weniger ,felbftverftänd-
lich' erfcheinen, wenn er hört, dafs das grofsartige Bild
israelitifcher Religionsgefchichte, wie es unferem Ge-
fchlechte klar geworden ift, nach der gemeinfamen Ueber-
zeugung aller Theologen, welche die vom Verf. bekämpften
Anfchauungen billigen, den chriftlichen Glauben
und die fromme Betrachtung der Gefchichte nicht aufhebt
, fondern fordert; dafs in diefer Gefchichte mit ihren
gewaltigen Kataftrophen, mit ihren machtvollen
Perfonen und befonders mit ihrem herrlichen Abfchlufs
in Jefu auch nach unferer Ueberzeugung Gott fich uns
offenbart. Sollte diefe fromme Betrachtung des A. T.'s
einem Verf. fo unmöglich erfcheinen, der es felbft aus-
fpricht, dafs ,Gott nicht blofs in Worten, fondern auch
in Thaten zu reden wiffe' (7), und dafs ,die Gefchichte'
,das wefentlichfte Stück' ,der Offenbarung Gottes'
fei (8) ? — Natürlich konnte ihm ein rein hiftorifches Werk
wie Reufs in diefen Fragen nicht Auffchlufs geben.
Das vorliegende Buch lehrt auf's Neue, dafs wir dringend
einer Brochürenliteratur bedürfen, welche unferen
Gebildeten die oben fkizzirte Auffaffung vom A. T. darlegt
. Damit könnte die gefchmähte A. T.liche Forfchung
vielen wieder neuen Muth zu ihrem alten Glauben
geben. Ziegler's ,hiftorifcher Chriftus' würde folchen
Schriften in der Art der Behandlung als Vorbild dienen
können.

Halle a/S. Hermann Gunkel.

Forschungen zur Geschichte des neutestamentlichen Kanons
und der altkirchlichen Literatur. IV. Tl., hrsg. von
Johs. Haufsleiter und Thdr. Zahn. Leipzig, Deichert
Nachf., 1891. (XVIII, 329 S. gr. 8.)

Aufser den beidenHerausgebern hat an diefem4.Bande
der ,Forfchungen' ein Dr. E. Sellin mitgearbeitet mit
einer Abhandlung (S. 225—246) über den Text des von
Ciasca 1888 edirten arabifchen Diateffarons. Der des
Arabifchen und Syrifchen kundige Verfaffer hat feine
Unterfuchung fo eingerichtet, dafs man auch ohne folche
Sprachkenntnifse ihm folgen und ihn controliren kann.
Gröfsere Ueberfichtlichkeit und ein befferes Deutfch
(z. B. S. 228 n. 2: ,Befchaffenheit des Textes diefes',
S. 232: ,ein anderer Text als der jener'!) wären erwünfeht,
kleine Ungenauigkeiten fehlen nicht ganz (S. 244 Z. 5:
Mine ft. illic ift wohl Druckfehler): nach S. 244 Z. 8f.
hätte in Tabelle IV auf S. 238 Mt. 5,46 nicht fehlen
dürfen und der Text der Pefchittha in Mt. 6,19 f. wird
auf S. 245 anders angegeben als S. 238 Z. 3 v. u. Aber
im Wefentlichen findet man hier folide Arbeit. Sellin
hat den Text der arabifchen Evangelienharmonie (A)
mit dem von Zahn 1881 reconftruirten des Tatianifchen
Diateffaron (T) einerfeits, mit dem der beiden fyrifchen
Bibelüberfetzungen, Pefchittha (P) und Philoxeniana (Phil.)
andererfeits verglichen, auch noch einen handfehriftlich
in Leyden aufbewahrten Commentar zu Matthaeus von
demfelben Ben at Tib, der die Harmonie aus dem Syrifchen
in's Arabifche überfetzt hat (f 1043), herangezogen
(L) und vertritt nun die Ueberzeugung, dafs der
Araber, fo gut wie unbeeinflufst durch den ihm fonft
geläufigen Evangelientext, feine fyrifche Vorlage treu
wiedergegeben hat, dafs diefe aber eine, wohl zwifchen
400 und 600, auf Grund der Pefchittha vorgenommene
Ueberarbeitung von T ift. Dafs ,auf Grund einer
durchgängigen Vergleichung' A's mit allen fyrifchen
Evangelientexten, ,wenn man befonnen verfährt', A ein
brauchbares Mittel werden kann, Beiträge zur Recon-
ftruetion des urfprünglichen Tatian'fchen Textes zu liefern
(S. 246), wird man dem Verf. gern zugeben, wenn
man fich auch unter dem ,gewiffenhaften' Verfahren des
Ueberarbeiters nichts denken kann und feine Thefe über
den Zweck der Ueberarbeitung feltfam findet. Nach
Sellin war es der, ,den Text des Diateffarons dem der