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Ausgabe:

1892 Nr. 5

Spalte:

125-126

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Smith, George Adam

Titel/Untertitel:

The Book of Isaiah. Vol. II 1892

Rezensent:

Budde, Karl

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Seite 1

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125 Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 5. 126

Stilleftehen der Sonne von Jof. 10 deutlich gemacht
hat. Auch die Aufrechterhaltung der Naturgefetze bei
der Auferftehung wäre eine lohnende Demonftration ge-
wefen. — Ein befonders verwickelter Vorgang find die
Offenbarungen. Der Propheten Gehirn wird völlig blofs-
gelegt, wir können hineinfehen und beobachten, was
Gott da auf die Windungen und Nervenfubftanzen
für Reizungen ausübt, damit aus dem natürlichen Denken
der Propheten und Gottes Einwirkungen auf das-
felbe fchliefslich eine Offenbarung zu Stande kommt.
Wenn nämlich die Bibel fagt, Gott habe zu den Propheten
geredet, fo haben diele das Wort Gottes durchaus
nicht mit leiblichen Ohren vernommen (S. 84), aber
fie haben es trotzdem gehört, denn ,es waren wirklich
von aufsen von Gott her auf die Seele des Propheten
ausgeübte Reizungen, welche diefe nöthigten, Worte
fich vorzuftellen1 und ihre Seele zu der Meinung zwangen
, ,das Ohr habe auch diefe Laute zu ihr gebracht'
(S. 85). Diefe Wortvorftellungen brauchten natürlich
eine befondere Klangfarbe nicht zu haben, obgleich fie
zu klingen fcheinen mufsten' (S. 86). — Ebenfo fteht
es mit den prophetifchen Gefichten. Die Propheten
haben alle diefe Dinge: den Feigenkorb, die Heu-
fchrecken etc. ganz gewifs gefehen, aber nicht mit leiblichen
Augen, fondern auch hier ,wirkten durch Gottes
Veranftaltung auf die Seele des Propheten Reize ein,
durch welche fie genöthigt ward, die betreffenden Bilder
im Raum befindlicher beleuchteter Gegenftände fich
vorzuftellen' (S. 96 f.). — Nun fragen wir jeden gefunden
Kopf, ob er fich einen vernünftigen Zweck
derartiger göttlicher Operationen zu denken vermag?
Unfere alten Dogmatiker waren in ihrem Standpunkte
befchränkt, aber in ihrem Denken und Wollen durch
und durch gefund, klar und beftimmt. Vor der phan-
taftifchen Unnatur, welche in den hier probeweife mit-
getheilten Ausführungen des Verf.'s liegt, verdienen fie
bei Weitem den Vorzug. — Wer noch Weiteres wünfcht,
dem empfehlen wir die Mittheilungen über Adam's
Denkvermögen und religiöfe Anfchauungen vor und nach
dem Fall S. 31, ja felbft über die Gemüthsftimmung der
erften Menfchen, welche fie beim Austritt aus dem Pa-
radiefe hatten (S. 266), oder den Roman über dasZuftande-
kommen der biblifchen Urgefchichte (S. 233 f.) oder
die Darlegung des Grundes, warum Gott nach dem
Sündenfall der Weltgefchichte kein Ende gemacht habe
(S. 246). Doch dürfen wir den Lefern die Erklärung der
Befeffenheit (S. 169) nicht vorenthalten. ,Sie wird zu betrachten
fein als die Beherrfchung einer an ihrer fittlichen
Willenskraft gelähmten Seele durch einen eigenthümlich
in fich zufammengefchloffenen Kreis von Gedanken, hervorgerufen
durch einen böfen Trieb, der fich in der Seele

in diefer Zeitfchrift (1889 Nr. 12) eine ausführliche Be-
fprechung gewidmet wurde. Von jenem war bei Er-
fcheinen des 2. Bandes fchon die 5. Auflage, vermuth-
lich wie die erften von je 2000 Abzügen, gedruckt, ein
Beweis, dafs das Buch auch in England nicht zu den
gewöhnlichen Erfcheinungen gehört, da keiner der vor
ihm erfchienenen Bände derfelben Sammlung einen fo
grofsen Erfolg aufzuweifen hatte. Der zweite Band ift
des erften würdig; er zeigt diefelbe Sorgfalt wiffenfchaft-
licher Arbeit, denfelben Muth des wiffenfchaftlichen
Gewiffens vor der Gemeinde, diefelbe Kraft und Tiefe erbaulicher
Auslegung, diefelbe Feinheit in den Excurfen,
wie XIV ,Die Gerechtigkeit Ifraels und die Gerechtigkeit
Gottes' und XVII ,Der Knecht des Herrn im Neuen
Teftament'. Wie bedachtfam der Verfaffer zu Werke
geht, beweift gleich zu Anfang die geiftvolle Ueberficht
der Gefchichte Ifraels von Jefaia bis zur Verbannung
S. 26—68, voll von anregenden Winken auch für jeden
Fachmann. Ueber feine Stellung zu den kritifchen Fragen
und deren Rechtfertigung vor der Ueberlieferung
laffe ich dem Verf. felbft das Wort. Er fagt S. 21 f.:

,Wir find alfo in unferem Rechte, wenn wir zu dem
vorläufigen Ergebnifs gelangen, dafs der Zweite Jefaia
keine Einheit ift, infofern er aus einer Anzahl von
Stücken verfchiedener Verfaffer befteht, die Gott zu ver-
fchiedenen Zeiten, vor, während und nach der Verbannung
erweckte, zur Tröftung und Vermahnung unter
den wechfelnden Verhältnifsen und Stimmungen Seines
Volkes; dafs er andererfeits eine Einheit ift, infofern
diefe Stücke von einem Herausgeber fehr bald nach
der Rückkehr aus der Verbannung gefammelt find, und
zwar in einer Anordnung, nach Zeit und Gegenftand, fo
folgerichtig, als der ziemlich ungleichartige Stoff es ge-
ftatten wollte. In diefem Sinne werden wir im ganzen
Verlaufe diefes Bandes von ,unferem Propheten' oder
,dem Propheten' reden; bis zu c. 49 zum mindeften
werden wir fühlen, dafs der Ausdruck buchftäblich wahr
ift; weiterhin ift die Einheit, die zum Vorfchein kommt,
mehr eine redactionelle als eine urfprüngliche'.

,Möge man nicht denken, ein Ergebnifs, wie das,
zu dem wir geführt wurden, fei lediglich ein Dogma
der modernen Kritik. Hier, wenn irgendwo, ift der
Kritiker nur der beharrliche Schüler der Schrift, der
nach dem Selbftzeugnifs des heiligen Textes forfcht und
ihm feinen Ausdruck verleiht. Sollte es fich finden,
dafs folches Zeugnifs mit der kirchlichen Ueberlieferung,
gleichviel wie alt und allgemein, in Streit geriethe: um
fo fchlimmer für die Ueberlieferung. In proteftantifchen
Kreifen wenigftens haben wir keine Wahl. Litera
Scripta manet. Wenn wir wiffen, dafs der einzige Beweis
für die jefaianifche Abfaffung der Capitel XL—

hat einniften dürfen und nun den feften Punkt bildet, I LXVI die Ueberlieferung ift, unterftützt von der ge
durch welchen gleichfam die vorübergehenden Gedanken- dankenlofen Auslegung neuteftamentlicher Citate, wäh-
bewegungen gerade fortzufchreiten verhindert, im Bogen rend das Selbftzeugnifs diefer Schriften in feinem ganabgelenkt
und fchliefslich in einem feftftehenden Wirbel j zen Umfang ( leugnet, dafs fie von Jefaia find, fo kön-
fich zu drehen gezwungen werden'. Hinfichtlich der zuletzt
genannten Wirkung hat diefer Satz wohl einige Aehnlich-
keit mit der Befeffenheit. — Wir brechen ab. Der Le-
fer wird uns darin beiftimmen, dafs wir in dem vorliegenden
Buche einen Ausläufer jener krankhaften Rieh

nen wir nicht anders, als unfere Wahl treffen und das
Zeugnifs der Schrift annehmen. Erweifen fie fich uns
darum im geringften weniger wunderbar und göttlich?
Spenden fie weniger Troft? Reden fie mit geringerer Gewalt
zum Gewiffen? Legen fie mit unfichererer Stimme Zeug-

tung haben, welche Hupfeld in feiner Schrift: Die heutige i nifs ab für unferen Herrn und Heiland? Es wird die

theofoohifche oder mythologifche Theologie 1861 S
8—14 fo treffend gefchildert hat.

Jena. C. Siegfried.

Aufgabe der folgenden Seiten fein, zu zeigen, dafs diefe
fiebenundzwanzig Capitel, wenn man fie im Zufammen-
hang mit der Gefchichte auslegt, aus der Gottes Geift
fie nach ihrer eigenen Ausfage gefchöpft hat, nur defto
mehr auf Chriftum weisfagen, und zugleich troft- und
lehrreicher für uns Menfchen werden, als vordem'.

Strafsburg i/E. K. Budde.

Smith, George Adam M. A., The Book of Isaiah. Vol.

II. Isaiah XL—LXVI. With a sketch of the history

of Israel from Isaiah to the exile. London, Hodder

and Stoughton, 1890. (XVI, 474 S. gr. 8.) M. 7. 50. j Kurzgefasster Kommentar zu den heiligen Schriften Alten und
Es ift eine angenehme Pflicht, von der Vollendung ! Neuen Testamentes, sowie ZU den Apokryphen. Hrsg.
des fchönen Werkes zu berichten, deffen erftem Bande ! von Proff. D. Herrn. Strack u. Konfift.-R. Otto