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Ausgabe:

1892

Spalte:

574-575

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Laemmer, Hugo

Titel/Untertitel:

Institutionen des katholischen Kirchenrechts. 2., vielfach verm. u. verb. Aufl 1892

Rezensent:

Frantz, Adolf

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Seite 1, Seite 2

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Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 23.

Keinem bewiefen werden kann, der aber auf dem Wege
der Erfahrung als eine Kraft (ich erweift und darin die
Bürgfchaft der Realität bietet. ,Was keine anhaltende,
ruhige fittliche- Kraft giebt, das ift nicht wahr, und was

Werdens kann und foll nicht erklärt und bewiefen,
fondern geglaubt und fodann perfönlich erfahren werden'.
In der Hingabe an Gott um jeden Preis, in dem Herausgehen
aus fich felbft, um eine beffere Natur zu

folche Kraft verleiht, das mufs die Wahrheit wenigftens j empfangen, liegt die entfcheidende Wendung, die noth-
in fichtragen — das ift der Satz, der an die Spitze jeder wendig ift, um zu einem Zuftand der Befriedigung zu
künftigen Philofophie gehört, welche der Menfchheit gelangen, die nicht blofs ein Phantafiegebilde ift, ein
etwas mehr werth fein (oll als die bisherige' (S. 135). Traum des Glückes, fondern eine Realität, eine Thatfache.

Diefen Grundgedanken führt jedoch der Verf. nun In dem gleichen Gedankengange bewegt fich auch

nicht etwa fyftematifch durch, fondern er beleuchtet von der zweite Auffatz über den Stoiker Fäpictet, deffen
verfchiedenen zum Theil an der Peripherie liegenden 1 wenig gekanntes Enchiridion hier in einer vorzüglichen
Punkten aus den Unterfchied zwifchen der fogenannten , Ueberfetzung, mit einer Einleitung und treffenden Anmer-
modernen Weltanfchauung, wie fie im Materialismus oder kungen verfehen, dem gebildeten Leier zugänglich
im Peffimismus concrete Geftalt annimmt, und der chrift- gemacht wird. In den Anmerkungen weift der Verf.
liehen Weltanfchauung, letztere freilich nicht im Sinne auf den Unterfchied zwifchen Stoicismus und Chriden-
einer beftimmten kirchlichen oder dogmatifchen Formu- thum hin, den beiden einzigen Weltanfchauungen, welche
lirung verftanden. So wendet er fich im erften Auffatz dem Ernft des Lebens entfprechen. Der Stoicismus
vor Allem gegen die ,Arbeitslofen'in den oberen Ständen , macht den Verfuch, die Leiden des Lebens zu leugnen
und (teilt den Satz auf: Das erfte, was heute in unterer , und jedenfalls durch überlegene Geifteskraft zu verachten,
Welt gefchehen mufs, ift die Verbreitung der Einficht, das Chridenthum erkennt fie in ihrer vollen Realität an,
dafs zweckmäfsige Arbeit nothwendig ift zur Erhaltung j aber es verfpricht eine Kraft und ein höheres Glück, das
der geiftigen und körperlichen Gefundheit der Menfchen fie erträglich, ja fogar bedeutungslos macht. Der Stoi-
und m Folge deffen zu ihrem Glück. ,Sechs Tage folllt 1 cismus erdrebt fein Ideal aus eigener Kraft; das Chriften-
du arbeiten, nicht mehr und nicht weniger — mit diefem j thum glaubt überhaupt nicht an eine Tugend aus eigener
Recept würden die meiden nervöfen Krankheiten unterer Kraft, fondern das Leben nach Gottes Willen erfordert
Zeit geheilt werden und Curärzte und Irrenärzte ihre j eine vorherige völlige Umgedaltung des natürlichen Seins,
Praxis verlieren'. Der Kundgriff aber, in wahrhaft be- > durch welche das, was früher fruchtlofe Andrengung
friedigender Weife arbeiten zu lernen, bedeht vor Allem 1 war, nun natürlich und leicht wird, indem es eben der

darin, (ich einer grofsen Idee ganz hinzugeben und feine
Kräfte in den Diend derfelben zu dellen. Oder wenn
der Verf. im vierten Auffatz ,Gute Gewohnheiten'eine Anzahl
auf feiner pfychologifcher Beobachtung beruhender
Lebensregeln aufdellt, wie z. B. die: ,Das Böfe braucht
keinen harten Tadel oder Vorwurf; es genügt in den
meiden Fällen, dafs es ans Licht gebracht wird, dann
richtet es fich felbd in jedes Menfchen Gewiffen, auch
wenn er äufserlich widerfpricht', fo kommt er fchliefslich

neuen Natur entfpricht.

Mit diefen Beifpielen id jedoch nur der gemeinfame
Grundgedanke der verfchiedenen Auffätze hervorgehoben.
Von dem reichen Inhalt im Einzelnen, den vielen oft
nur in kurzen Anmerkungen hinzugefügten treffenden
Bemerkungen und Belegen (mit befonderer Vorliebe wird
neben der Schrift Dante herangezogen) läfst fich in dem
hier zugemeffenen Raum auch nicht annähernd ein Bild
geben. Dafs bei der Fülle der zum Theil nur angedeu-

auf die Frage, wie es möglich id, die natürliche Selbd- teten Gedanken Manches auch zum Widerfpruch reizt,
fucht aus dem Herzen zu entfernen, und antwortet darauf: ift natürlich. Wenn z. B. in berechtigter Kritik des
,Das mufs durch eine Kraft gefchehen, und das id eigent- Hafchens nach Erfolg der Verf. den Satz aufdellt: ,Das

lieh das ganze Problem aller Philofophie und Religion:
Wo id diefe Kraft zu finden, die den Menfchen fo zum
Rechten und Guten disponirt, fo geidig gefund macht,
wie es eben zu einem richtigen Lebenslauf erforderlich
id. Ebenfo läuft der Vortrag über die Kund, Zeit zu
haben, nachdem eine Reihe praktifcher Rathfchläge gegeben
id, zuletzt darauf hinaus, dafs es ein wefentlicher
Bedandtheil unferes auf Erden erreichbaren Glückes id,
nicht viel Zeit zu haben, und dafs der weitaus gröfste

Geheimnifs der gröfsten Erfolge liegt im Nichterfolg,
fofern nur die Sache eine bedeutende id', fo erfordert
trotz der Hinweifung auf das Kreuz diefe Behauptung
doch eine Einfchränkung. Oder wenn er mehrfach mit
fcharfem Spott der zahllofen Schaaren gedenkt, die feine
fchönen Schweizerthäler alljährlich in Spitäler verwandeln,
fo fcheint er zu vergeffen, dafs es auch einen berechtigten
Naturgenufs und ein berechtigtes Erholungsbedürfnifs
giebt. Oder wenn er am Schluffe des letzten Auffatzes

ichen Wohlbefindens aus einer bedän- | meint: .Kirchlich und bürgerlich freie, fich felbd regierende
r aXZ hSt und dem Segen, der darauf ruht. ; Gemeinden find die allein ganz paffende und ficher-
digen Arbeit 1beeht und oern ^ 'em Götze„ werden | Hch die Zukunftsform des Chridenthums', fo möchte
Nur muis man fondern mit ihr dem wahren Gott ! Ref. auch diefen Satz mindedens mit einem Fragezeichen

laffen, dem man dient, lonoern verfehen. Aber damit foll die Bedeutung der kleinen

diene°m führlichden hat der Verf. feinen Grundge- i inhaltsreichen Schrift keineswegs herabgefetzt werden,
danken ausnefnrochen in dem letzten Auffatz, der die Allen, die unter dem Einflute einer der antichridlichen

Strömungen unterer Zeit oder unter dem Druck eines kirchlichen
oder dogmatifchen Formalismus am Glauben irre
geworden find und die doch aufrichtig nach einer feden
eigenen Ueberzeugung fuchen, werden diefe Auffätze
fehr wefentliche Diende leiden.

Lübeck. H. Lindenberg.

Antwort giebt auf die in der Ueberfchrift aufgedellten
.Fragen' des bekannten Heine'fchen Gedichtes. Nach
einer längeren Ausführung, dafs es der Philofophie nicht
gelungen fei, eine befriedigende Erklärung der Welt aus
fich felbd heraus zu geben, kommt er zu dem Refultat,
dafs die letzte Form der Wahrheit nicht die abdract
philofophifche oder theologifche Speculation fein könne,
fondern die hidorifche Erfahrung, wie fie in den Schick- 1
falen ganzer Völker fich ausgeprägt hat. In diefer Form j Laemmer, Prof. etc Dr Hupo Institntinnm, ri« l*«,«
id eine beffere Philofophie als die abdracte fchon längd |ischPn Kr«h«n Tui g°! ,n«««'Onen des katho-

vorhanden gewefen in der ifraelitifchen und nunmehr J , Klrchenrechts. 2, vielfach verm. u. verb. Aufl.
chridlichen Weltanfchauung, die den Urgrund aller Dinge J 5 1''B-' Herder, 1892. (XV, 742 S. gr. 8.) M.8. —;

nicht fpeculirend aus ihnen felbd erklären will, fondern, 1 §eb- M- l0- —

geleitet von Lebenserfahrungen, ihn in ein wirklich leben- j Der Herr Verfaffer bezeichnet die neue Auflage fei
diges Geideswefen hinein verlegt, welches der Schöpfer ner Inditutionen (der Titel I ehrbuch würde hei SP
und Erhalter fowohl der Welt im Ganzen wie jedes ein- liegenden Gedalt WmLmm^^^^^ü K
zelnen Menfchen id. ,Gott als Urgrund alles Seins und | felbd als eine vielfach vermehrte vnd fer&Se, und