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Ausgabe:

1892 Nr. 22

Spalte:

551-553

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Köstlin, Friedrich

Titel/Untertitel:

Leitfaden zum Unterricht im Alten Testament für höhere Schulen 1892

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 22.

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Staat wefentlich nur Rechtsanftalt ift, oder ob er zugleich
die Aufgabe hat, das ganze Gemeinleben des Volkes zu
ordnen und für alle Bedürfnifse und Intereffen des Volksganzen
, alfo für alle Seiten des nationalen Culturlebens
mit den Mitteln und Kräften der Gefammtheit zu forgen.
Durch die Faffung des Unterfchiedes zwifchen Gut, Tugend
und Pflicht, die der Verf. verräth, find die betr. Definitionen
Schleiermacher's und Rothe's (Güter = object. Pro-
ducte, Tugend = fubj. Productionskraft, Pflichten = Formeln
oder Regeln des Handelns oder Producirens) nichts
weniger als verbeffert. Der Begriff der Verbindlichkeit
liegt im Pflichtbegriff nur infoweit, als auch letzterer ein
Ausdruck des allerdings verbindlichen Sittengefetzes
ift, aber nicht in fpecififchem Grade, womit auch die
Etymologie übereinftimmt (Pflicht von Pflegen). Die
Coordination der Fürforge für die leibliche Gefund-
heit mit den Imperativen: ,Wahre deine geiftige Ge-
fundheit, überwinde und fei Charakter!' (§ 20) ift nicht
unbedenklich, fo wichtig auch im Uebrigen die Pflicht
der leiblichen Selbfterhaltung ift. Ueber die Methode im
Einzelnen könnte man an vielen Punkten mit dem Verf.
rechten, namentlich was Doubletten im 1. und 3. Theile,
Einordnung der einzelnen Gegenftände in diefe oder jene
Abtheilung und Ausführlichkeit über einzelne Fragen
betrifft. Charakteriftifch (echt preufsifch) ift, dafs ein
volles Drittel der Lehre vom Staat die Wehrpflicht und
den Krieg betrifft. Aber alle jene Ausftellungen heben
das Gefammturtheil des Ref. nicht auf, welches dahin
geht, dafs Runze nicht wenig des Eigenthümlichen und
Neuen und zugleich Werthvollen in diefem Buche geliefert
hat.

Kiel. F. Nitzfeh.

Köstlin, Dek. Dr. Friedr., Leitfaden zum Unterricht im
Alten Testament für höhere Schulen. Freiburg i/B.,
J. C. B. Mohr, 1892. (VIII, 123 S. m. 6 Textabbildgn.
gr. 8.) M. 2.—

In zwölf Capiteln giebt der Verf. viel mehr, als man
von einem Leitfaden zum Unterrichte im Alten Tefta-
ment für höhere Schulen zu erwarten berechtigt ift.
Es ift eine vollftändige, die Quellen ftets berückfichti-
gende Gefchichte des Volkes Ifrael in kürzefter Faffung,
reich ausgeftattet mit einer umfichtig getroffenen Auswahl
von fchönen Lefeftücken, die meiftens den poeti-
fchen und prophetifchen, hin und wieder aber auch wie
z. B. die Siegeslieder Mofe's, Debora's und Barak's den
gefchichtlichen Büchern des Alten Teftaments entnommen
find. Gerade folche Stellen der hebräifchen Literatur
find ganz befonders zur Behandlung in höheren
Schulen geeignet, um ihre Zöglinge vor einfeitiger
Ueberfchätzung der alten Claffiker zu bewahren und in
ihnen Verftändnifs für die vom Geifte Gottes getragene
Redekunft und Poefie der Propheten und Dichter des
Volkes Ifrael zu wecken. Die Erfahrung lehrt, dafs dies
Beftreben nicht vergeblich ift.

Wie weit die Schüler mit den Ergebnifsen der Kritik
bekannt zu machen feien, ift eine zur Zeit noch viel
umftrittene Frage. Diejenigen Religionslehrer, die überhaupt
von Kritik nichts wiffen wollen, berühren fie entweder
gar nicht oder nur, um vor dem Unglauben der
modernen Wiffenfchaft zu warnen, wodurch, namentlich
bei Primanern, fehr leicht die Luft hervorgerufen werden
kann, felbft diefe verbotene Frucht etwas näher kennen
zu lernen, wovon dann in der Regel nichts gutes herkommt
. Andere Religionslehrer verwerfen keineswegs
die Berückfichtigung der Kritik, erinnern an Luther's
Verhalten zu einzelnen Büchern der Heiligen Schrift wie
z. B. zur Offenbarung Johannis, betonen den Unterfchied
zwifchen Fragen des Glaubens und des Wiffens, begnügen
fich aber damit, nur folche Ergebnifse der wiffen-
fchaftlichen Forfchung mitzutheilen, die einer gewiffen

allgemeinen Anerkennung fich erfreuen, wohin wir die
verfchiedenen Quellenfchriften des Hexateuchs, den fpä-
teren Urfprung des zweiten Theiles des Jefaja, des Buches
Daniel, vieler Pfalmen und des Predigers Salomo,
fowie auch desjonasbuches, rechnen. Unfer Verfaffer geht
weiter. Seiner ganzen Gefchichtsdarftellung liegt, wenn
wir richtig gefehen haben, die neuefte Hypothefe zu
Grunde, die fich an Wellhaufen's Namen knüpft. Ref.
würde das nicht wagen. Hat aber jemand die Freudigkeit
es zu thun, dann möge es fo gefchehen, wie Köft-
lin die Anleitung dazu giebt, nämlich einfach und klar,
mafsvoll und anfpruchslos.

Vorzüglich find die Charakteriftiken, die er von einzelnen
hervorragenden Perfönlichkeiten entwirft, meifter-
haft ift die Darfteilung der fo fchwer zu behandelnden
Propheten, von denen er fchon gleich zu Anfang fagt:
,Sie find Gottes Mund, Gottes Stimme, Gottes Knechte
und Boten. Ihre Wirkfamkeit bildet den wichtigften Theil
der Gefchichte Ifraels' (S. 2). Was jene, die Charakteriftiken
betrifft, fo fei hier mitgetheilt, wie Mofe gefchil-
dert wird, ,1m Oftjordanland ftirbt Mofe, der Knecht
Jahwe's, ohne das Land der Verheifsung betreten zu haben:
einer der gröfsten Männer der Weltgefchichte, erfüllt
vom Gottesgeift, begabt mit einer die Volks- und Zeit-
genoffen weit überragenden Weisheit, Gefetzgeber, Organifator
, Staatsmann und Heerführer, vor allem Prophet
feines Gottes Jahwe, voll Liebe und Hingebung an die
Sache Jahwe's und Ifraels, bereit fogar, fein Leben
zum Opfer für das fündige Volk hinzugeben, durch
keine Enttäufchung entmuthigt, durch keine Kränkung
verbittert, perfönlich voll Sanftmuth (4. Mof. 12, 3), wo
es die Ehre Gottes gilt, entfchloffen und unerbittlich
bis zur Härte (2. Mof. 32, 25), hat er der Entwicklung
feines Volkes die fefte Richtung angewiefen' (S. II. 12).
Von David heifst es: ,David ift in den eigentlichen
Gefchichtsbüchern des A. T. keineswegs als ein Heiliger
gezeichnet. Sein Bild hat finftere Schatten . . . aber das
Licht überwiegt weit in feinem Bilde. Voll Dankbarkeit
und Liebe gegen Jahwe, feinen Gott, als deffen Diener
und Streiter er fich ebenfo fühlt, wie die alten Richter,
und unter deffen Schutz er vor keiner Gefahr zurückbebt
, begeiftert für die Hoheit feines Gottes und für die
Ehre feines Volkes, ausgeftattet mit einem regen Gefühl
für Recht und Gerechtigkeit, grofsmüthig und hochfinnig

auch Feinden gegenüber.....ein gewaltiger furcht-

lofer Krieger, nebenbei gefegnet mit den Gaben des Dichters
, Sängers, Redners, ift David eine grofsartige Herr-
fchergeftalt, ein König von Gottes Gnaden, ein Mann,
der die Herzen der Menfchen gewinnt, der alle Kräfte
um fich her zu wecken verlieht, der überall Begeifterung
für feine Perfon und für das junge Königthum hervorruft
.....Und ferne Zeiten fchauen auf ihn zurück

als auf den Mann nach dem Herzen Jahwe's, als auf das
Ideal eines ifraelitifchen Königs, deffen Züge: Frömmigkeit
, Tapferkeit, Weisheit, Gerechtigkeit und Güte auf
das Bild des erwarteten Meffias übertragen werden'
(S. 30. 30-

Hierzu werden mit Recht Jef. 9 und 11 angeführt.
Für das Verftändnifs der Prophetenbücher aber wird
darauf hingewiefen, dafs ftets auf einen vierfachen Gedankenkreis
zu achten fei: ,a. die Schilderung des fitt-
lichen Zuftandes (Aufdeckung der Schuld); b. Hinwei-
fung auf das fchon vorhandene oder Ankündigung eines
drohenden Strafgerichtes; c. der Ruf zur Umkehr; d. die

1 Verkündigung des dereinftigen Heils' (S. 42). Diefe Verkündigung
des dereinftigen Heils ift ,die meffianifche Weis-
fagung, welche man nicht vereinzelt betrachten darf.

i Ein feiner Wink, den wir gar fehr zur Beachtung empfehlen
möchten.

Viel Schönes und Gutes findet fich auch noch in den
Abfchnitten, welche die Räthfel der fittlichen Weltordnung
(^ 60—62), die Frömmigkeit im Leben (§ 68),
die fromme Weltbetrachtung i. Mof. 1, Pf. 104, Pf. 8 ($ 69)