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Ausgabe:

1892

Spalte:

489-492

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Berger, M. Philippe

Titel/Untertitel:

Histoire de l‘écriture dans l‘antiquité 1892

Rezensent:

Kautzsch, Emil

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Kiel.

Erscheint . Prei^

alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 20.

1. October 1892.

17. Jahrgang.

Berger, Histoire de l'^criture dans l'antiquite.
(Kautzfeh).

Holtzmann, Lehrbuch der hiftorifch-kritifchen
Einleitung in das N. T. 3. Aufl. (Schürer).

Funk, Die apoftolifchen Konflitutionen (H.
Achelis).

Bernard, On some fragments of an uncial

MS. of Cyril of Alexandria (Preufchen).
"0 fV KfovaxavcLvovnö'i.u ''EXXrjvixbg <l>ilo-

Xoyixbg ZvlXoyog. ZwyQÜfpstog Äywv,

Tofiog A' (Meyer).
Herzog, Abrifs der gefamten Kirchengefchichte,

2. Aufl. bef. von Koffmane, 2.Bd. (Kawerau).

Hurt er, Nomenclator literarius recentioris theo-

logiae catholicae (Reufch).
Berger, Die Lehre vom Reiche Gottes, ein

Leitfaden für den Unterricht (Fay).
Brinkmann, Kirche und Humanität im Kampfe

gegen die leibliche und fittliche Noth der

Gegenwart (Stamm).

Berger, M. Philippe, Histoire de l'ecriture dans l'antiquite.

Paris, Imprimerie nationale, MDCCCXCI. (XVIII,
389 S. gr. 8.)

Bei Gelegenheit der Parifer Weltausftellung von
1889 erhielt Herr M. Ph. Berger den Auftrag, die Ge-
fchichte der Schrift durch eine Zufammenftellung charak-
teriftifcher Denkmäler zu veranfehaulichen. Zu diefem
Behufe wurden in den Galerien des Patpis drs Arts
libirau* eine grofse Anzahl von Specimina aller möglicher
Schriftarten ausgeftellt; aufser dem Louvre und
dem ethnographifchen Mufeum desTrocadero haben auch
andere reiche Sammlungen, fo u. a. das britifche Mufeum
und das ethnographifche Mufeum zu Dresden, dazu bei-
gefteuert. So war es möglich, auf engem Räume für
einige Zeit Schätze von höchftem Werth und Intereffe zu
vereinigen, unter ihnen Denkmäler, die (wie der Stein
vonRofette) eine neue Welt von Erkenntnifsen erfchloffen
oder doch (wie der Mefaftein) über dunkle Gebiete ein
ungeahntes Licht verbreitet haben. Der Wunfeh, die
Eindrücke von diefer einzigartigen Zufammenftellung
auch für die Folgezeit zu fixiren, wurde der Ausgangspunkt
für die Abfaffung des vorliegenden, prächtig aus-
geftatteten Werkes. Obwohl aus umfaffenden epigra-
phifchen Studien hervorgegangen, beabfichtigt es doch
nicht, eine vollftändige Gefchichte der Schrift zu geben,
fondern will nur ein ,Manuc/1 heifsen, das feinen Ur-
fprung aus dem oben erwähnten Anlafs nicht verleugnet.
So erklärt fich vor allem auch, dafs die Verweife auf
den wiffenfehaftlichen Apparat ziemlich ungleichmäfsig,
ja z. Th. auffällig fummarifch find.

Die allgemeine Einleitung, welcher eine äufserft
warme Zueignung des Werkes an Erneft Renan vorangeht
, betont u. a. in treffender Weife, dafs die erfpriefs-
lichften Umbildungen der Schrift fo gut, wie alle anderen
Fortfehritte in der menfehlichen Induftrie, eine Frucht
der Faulheit (,des Gefetzes der möglichft geringen An-
ftren^ung') find, und weiter, wie faft alle urfprünglich
ideographischen Schriftarten allmählich zum fyllaba-
rifchen Syftem übergegangen find.

Der erffe Haupttheil (,die Schrift vor dem Alphabet')
befpricht das Capitel der .Zeichnungen und mnemoni-
fchen Zeichen', der Knotenfchnüre (Quippo's), der Bilder-
fchriften und Tätowirungen, der Azteke'fchen und
anderer Amerikanifchen Hieroglyphen. Leider ift der
Verfaffer gleich auf S. 2 einer böfen Myftification zum
Opfer gefallen: das auf Rennthiergeweih eingravirte
.weidende Rennthier' (das als Werk eines prähiftorifchen
Höhlenmenfchen in der That zu fprachlofem Erftaunen
berechtigen würde) ift das Product eines allermodern-
ften Fälfchers, dem die Höhlenfunde zu Thayingen bei
Schaffhaufen zu dem etwas plumpen Scherze Anlafs
gaben; vergl. darüber L. LinrJenfchmit im Archiv für

Anthropologie, Bd. IX (1876), S. 173 ff., wo an einigen
Beifpielen nachgewiefen wird, dafs der Fälfcher eine 1868
bei O. Spamer erfchienene Jugendfchrift als Vorlage benutzt
hat. Referent kann nicht leugnen, dafs er durch
diefes eleganteRennthier auch gegen den darunter flehenden
prähiftorifchen Auerochfen von Laugerie-Baffe etwas
fkeptifch geftimmt worden ift.

In den Bereich der voralphabctifchen Schriftarten
find weiter auch die chinefifche und japanifche Schrift,
die verfchiedenen Arten der Keilinfchriften und die cy-
prifche Schrift, fowie die ägyptifchen und hethitifchen
Hieroglyphen gezogen. Unfer Intereffe gebührt jedoch
naturgemäfs vor allem dem zweiten Haupttheil, dem phö-
nieifchen Alphabet und feinen Abkömmlingen. Der Verfaffer
fetzt das Auftauchen des fogen. phönieifchen Alphabets
an derKüfte Syriens ca. 1500 v. Chr. an — ohne
Zweifel viel zu früh. Denn wenn ein verhältnifsmafsig
fo bequemes Verkehrsmittel bereits exiftirt hätte,
würden die ägyptifchen Vafallen in Syrien und Paläftina
(Jerufalem) Schwerlich bis ca. zur Mitte des 14. Jahrh. v.
Chr. in Keilfchrift mit den Pharaonen correfpondirt
haben, wie uns dies feit 1887 in den Funden von Tel
el-Amarna vor Augen liegt. Ein Kenner der unendlich
viel bequemeren phönieifchen Lautfchrift wäre aus dem
benachbarten Paläftina doch mindeftens ebenfo leicht zu
holen gewefen, als ein Keilfchriftkundiger aus dem fernen
Often.

In Betreff des eigentlichen Urfprungs des Alphabets,
das als eine Tochter des praktischen Bedürfnifses wohl
bei den Phöniciem (nicht den Aramäern oder Hebräern)
aufgekommen fei, begnügt fich der Verfaffer, über die
verfchiedenen Herleitungen aus den ägyptifchen Hieroglyphen
(Levy, Halevy) oder der älteren hieratifchen
Schrift (de Rouge) oder aus den hieratifchen graffiti
(Mafpero) zu referiren. Die S. 118 und 119 mitge-
theiltenVergleichungstafelnlaffendie beiden erftgenannten
Hypothefen fehr wenig plaufibel erfcheinen. Jedenfalls
hat der Verfaffer Recht, wenn er — die Richtigkeit der
Herleitung aus den Hieroglyphen vorausgefetzt — den
Uebergang nicht fo direct und fo einfach vollzogen
denkt, wie dies meift angenommen worden ift. Und
noch mehr Recht hat er mit der Forderung, dafs bei
derartigen Unterfuchungen die Belege jedesmal einem
und demfelben Schrifttypus zu entnehmen feien. Wie
viele Fälfchungen würden fchneller entlarvt worden fein,
wenn man diefes Hauptgrundfatzes wiffenfehaftlicher
Epigraphik eingedenk gewefen wäre! Eine Infchrift, die
mitten unter lauter Mefatypen das Kaph der ägypto-
aramäifchen Infchriften zeigt (ich denke hierbei an ein
concretes Factum aus dem Bereiche der Moabitüd) ift
fchon durch diefes eine Zeichen gerichtet. — Die Namen
der Buchftaben follen nach dem Verfaffer nichts über
den Urfprung lehren; es feien künftliche Erklärungen,

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