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Ausgabe:

1892 Nr. 19

Spalte:

482-484

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ziegler, Theobald

Titel/Untertitel:

Die soziale Frage eine sittliche Frage. 2. Aufl 1892

Rezensent:

Stamm, Wilhelm

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481 Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 19. 482

fchichte wohl nicht zugeflehen. Es läfst (ich gegen fein
Syflem, — von welchem das Vorftehende nur ein fehr
unvollständiges Bild geben konnte, — zunächft einwenden
, was von jedem der grofsen idealiftifchen Systeme
gilt, nämlich dafs es eine mifsliche Sache ift um eine
weltumfpannende idealiftifche Conception, fo lange noch
nicht die gewiffenhafte Einzelforfchung ihr Werk gethan
hat, und von diefer ift bei Rohmer fo gut wie nichts zu
finden. Ob ferner durch den in Gott gefetzten Dualismus
die Perfönlichkeit Gottes hinreichend d. h. zwingend
begründet fei, lieht doch dahin, und wenn man hin und
wieder lieft, dafs die Schaffung des Mikrokosmos durch
Gott ,aus Liebe' gefchehe, fo findet man fich einiger-
mafsen überrafcht, denn die Prämiffen enthalten nichts,
was auf den Gedanken einer fchaffenden Liebe in Gott
hinführte. In der Pfychologie ift die durch das Ganze
durchziehende Anfchauung von den fechzehn Grundkräften
des Geiftes fchwerlich überzeugend begründet.
Und was den Anfpruch betrifft, das Chriftenthum .logifch
zu rechtfertigen', fo ift zu fragen, ob es üherhaupt möglich
ift Einen, durch die Mittel der Logik (Speculation)
zur Anerkennung des Chriftenthums zu zwingen. Wohl
ebenfo wenig, als es jemals gelingen wird, auf dem lo-
gifchen Zwangswege Einen, der nicht will, dahin zu
bringen, dafs er die Gedichte Homer's fchön findet oder
zugefteht, dafs es füfs und ehrenvoll fei für das Vaterland
zu Herben. Es ift nicht oder nicht ausfchliefslich,
wie Rohmer wiederholt verfichert, die Schuld eines
Denkfehlers (des grofsen ,Weltirrthums'), dafs die
Menfchheit abgefehen von Chriftus ihren Gott nicht
gefunden hat. Paulus nennt andere Gründe dafür.
Rom. 1.

In der Anwendung, die Rohmer von feinen Anfchau-
ungen auf Politik und Gefchichte macht, findet fich
Vortreffliches mit, gelinde gefagt, Sonderbarem in merkwürdiger
Mifchung. Vortrefflich find die Auseinander-
fetzungen, die Rohmer über die politifchen Parteien zu-
erft in einer Reihe von Zeitungsartikeln (März 1842)
gab (I, 284 ff). Er unterfcheidet vier nothwendige und
in irgend einer Weife immer vorhandene Parteien, auf
der liberalen und auf der confervativen Seite je zwei,
eine extreme und eine gemäfsigte, und empfiehlt einen
Zufammenfchlufs (ein Kartell fagen wir jetzt) der
beiden mittleren Parteien zur Bekämpfung der äufserften.
Rohmer's publiciftifche Thätigkeit (im Bunde mit Blun-
tfchli) hat damals wefentlich zur Bildung der ,liberal-con-
fervativen' Partei in Zürich mitgewirkt, welche fich in
den dortigen Kämpfen heilfam bewährte. Aber man fleht
nicht recht den nothwendigen Zufammenhang jener An-
fchauungen mit Rohmer's Pfychologie; ein einfichtiger |
Politiker hätte alles das auch fagen können, ohne von
der Rohmer'fchen Wiffenfchaft das Geringfte zu wiffen,
felbft die geiftvolle Parallele zwifchen den vier Parteien
und den vier menfchlichen Altersftufen (Knabe, Jüngling,
Mann, Greis) fetzt eine pfychologifche Theorie gar
nicht voraus. Das Jahr 1848 und die folgenden hat
Rohmer in München zugebracht und auch dort an der
politifchen Bewegung lebhaften Antheil genommen, ohne
doch bedeutenden politifchen Scharfblick zu bewähren.
Wenn er, um die 48er Bewegung in die rechte Bahn zu
bringen, darauf drang, dafs Baiern, als an der Theilung
Polens nicht mitfchuldig, die Löfung der polnifchen Frage
in die Hand nehme, und als Mittel zur Hebung der
fchleswig-holfteinifchen Schwierigkeiten den Eintritt Dänemarks
in den deutfchen Bund empfahl, fo waren das
felbft für 1848 fonderbare Einfälle. Später arbeitete er,
bis er fich von der Politik zurückzog, für die Triasidee,
d. h. den Gedanken eines engeren Bundes der Mittel-
und Kleinftaaten unter Baierns Führung neben den beiden
Grofsmächten. Geradezu prophetifch redet er dagegen
in der, Ende März 1848 entftandenen Flugfchrift: der
vierte Stand und die Monarchie (I, SU)- Der Zeit
vorauseilend entwickelt er dort den Gedanken: ,Wenn

die Monarchie in der endlichen Sicherung des Loofes
der niederen Claffen ihre vornehmlichfte Aufgabe erkennt
, und wenn fie die Löfung diefer Aufgabe ent-
fchloffen und felbftthätig in die Hand nimmt, fo ift fie
nicht nur gefichert, fondern wird fich auf eine Höhe erheben
, auf der fie noch niemals geftanden hat. Die
Krone und der vierte Stand find aufeinander angewiefen'.
Andererfeits kann Rohmer's Conftruction der Weltge-
fchichte (800jährige Weltperioden mit je 16 Unterab-
fchnitten zu 50 Jahren I, 236), vermöge welcher z. B.
a priori erwiefen wird, dafs die Revolution von 1848
gerade in dem Zeitabschnitt kommen mufste, der am
21. December 1840 um 5 Uhr 51 Minuten feinen Anfang
nahm (I, 510 vgl. 417), im betten Fall nur eine geiftreiche
Spielerei heifsen.

Alles dies berechtigt indeffen nicht, den wirklich
hohen Werth, der Friedrich Rohmer's philofophifcher
Arbeit eignet, zu verkennen oder zu verkleinern. Er
hat fich unter den Kämpfen und Bitterkeiten feines
Lebens oft damit getrottet, dafs die Gegenwart für feine
Gedanken noch nicht reif fei; erft nach hundert oder
mehr Jahren werde die Zeit kommen, wo fie verftanden
und wirkungskräftig werden würden. Und es ift gewifs,
die gegenwärtige Periode des unbedingten Realismus,
der Abwendung von jedem idealiftifchen Zuge kann
nicht immer währen. Es wird eine Zeit kommen, wo
fich das Verlangen geltend macht, aus dem maffenhaften
Wiffensftoffe, den die Einzelforfchung auf allen Gebieten
zufammenhäuft, eine einheitliche Gefammtanfchauung zu
bilden. Dann wird der Trieb zur Speculation wieder
zu feinem Rechte kommen, und dann wird auch das
geiftige Erbe eines Friedrich Rohmer nach Gebühr gewürdigt
und weiter verarbeitet werden. Es enthält
fruchtbare Keime, namentlich in feinem religionsphilo-
fophifchen Theil, und es kommt in feiner Tendenz
dem tiefften Bedürfnifs entgegen, von dem das geiftige
Leben der Zeit bewegt wird, nämlich nach Ueberwindung
des fchlechten Gegenfatzes zwifchen Pantheismus und
Deismus und Gewinnung einer Gottes- und Weltan-
fchauung, welche gleichermafsen den Forderungen des
Gott fuchenden Gemüthes und des denkenden Geiftes
genugthun kann.

Friedrich Rohmer hat fich Jahre lang mit dem Plan
eines grofsen Werkes getragen, welches feine Lehre in
umfaffendem Zufammenhang der Welt kund machen folle.
Es ift nicht zu Stande gekommen. Erft gegen Ende
feines Lebens find einige Einzelfchriften erfchienen, welche
die Grundzüge feiner Gotteslehre darftellen, nicht einmal
unmittelbar von feiner eigenen Hand. Dahin gehört die
,Kritik des Gottesbegriffs in den gegenwärtigen Welt-
anfichten' und ,Gott und feine Schöpfung', beide unter
Friedrich Rohmer's fteter Mitwirkung verfafst von feinem
ihm eng verbundenen und völlig von ihm abhängigen
Bruder Theodor Rohmer, dann von demfelben ,der
natürliche Weg des Menfchcn zu Gott'. Sie haben den
Stoff zu dem erften Bande des Gefammtwerks .Friedrich
Rohmer's Wiffenfchaft und Leben* dargeboten, deffcn Bearbeitung
feine Freunde im Verein mit dem fpäter hinzugetretenen
Dr. Seyerlen unternommen und jetzt zu Ende
geführt haben. Er hatte, fo einfam er fonft durchs Leben
ging, einen kleinen Kreis treu ergebener Freunde um fich
gefammelt, welche noch über den Tod hinaus den
Glauben an ihn bewahrten, der hervorragendfte darunter
J. K. Bluntfchli, dies allein ein Beweis für die geiftige
Bedeutung feiner Perfönlichkeit.

Darmftadt. K. Köhler.

Ziegler, Prof. Dr. Theobald, Die soziale Frage eine sittliche
Frage. 2. Aufl. Stuttgart, Göfchen, 1891. (III,
183 S. 8.) M. 2.50.

In dem vorliegenden Buch hat ein Vertreter der
Ethik das Wort genommen zur Befprechung der focia-