Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1892 Nr. 15

Spalte:

371-373

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kunze, Joh.

Titel/Untertitel:

Die Gotteslehre des Irenaeus 1892

Rezensent:

Jülicher, Adolf

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

371

Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 15.

372

hebr. o'fjj? oder TD^.ffl entfpricht. Die neue englifche
Concordanz verzichtet auf eine folche Dispofition und
giebt fämmtliche Stellen, an welchen ein griechifches
Wort vorkommt, nach der Reihenfolge der Fundftellen
ohne Rückficht auf die entfprechenden hebräifchen
Worte. Zur Orientirung über die hebräifchen Aequi-
valente find diefelben aber an der Spitze jedes grie-
chifchen Artikels aufgezählt and numerirt, und die entfprechenden
Ziffern bei jeder Fundftelle am Rande in
Klammern angegeben, fo dafs man fich auch hiernach
das nach den hebräifchen Aequivalenten Zufammen-
gehörige leicht zufammenftellen kann. Es ift nicht zu
leugnen, dafs die Dispofition von Trommius für manche
Zwecke ihre Vorzüge hat. Für andere Zwecke aber ift
die Anordnung in der neuen Concordanz die praktifchere.
Und für diefelbe fpricht namentlich der Umftand, dafs
in vielen Fällen einem griechifchen Worte überhaupt
kein hebräifches entfpricht oder das hebräifche Aequi-
valent unficher ift. Die neue Concordanz hat auch diefe
Fälle durch Zeichen (— und +) angedeutet. Die Un-
ficherheit in der Beurtheilnng folcher Fälle läfst aber die
von Trommius gewählte Dispofition allerdings als mifs-
lich erfcheinen. In einem fuhr wichtigen Punkte bietet
auch die neue Concordanz nicht mehr als Trommius, indem
nämlich auch fie in allen den Fällen, in welchen die LXX
einen von unterem maforethifchen abweichenden hebräifchen
Text vor fich gehabt haben, auf die Reconftruction
desfelben verzichtet. Der Herausgeber rechtfertigt dies
damit, dafs die Löfung diefer Aufgabe undurchführbar
gewefen wäre without altering the scope of the whole
work. Letzteres ift doch fchwerlich zutreffend. Man
kann zur Entfchuldigung nur die Schwierigkeit der Sache
geltend machen. Aber in vielen Fällen hätte doch fchon
auf Grund der vorhandenen exegetifchen Arbeiten der
von den LXX vorausgefetzte hebräifche Text angegeben
werden können. Freilich wäre dadurch das Mafs der
aufzuwendenden Arbeit noch um ein bedeutendes ge-
wachfen; und wenn fie nicht mit der gröfsten Umficht
und Befonnenheit ausgeführt worden wäre, hätte leicht
mehr gefchadet als genützt werden können. Wir wollen
daher mit dem Herausgeber über die getroffene Ent-
fcheidung nicht rechten, vielmehr fchliefsen mit dem
wärmften Dank für das Gebotene und der Hoffnung auf
baldige Vollendung.

Kiel. E. Schür er.

Kunze, Dr. Johs., Die Gotteslehre des Irenaeus. Leipzig,
Dörffling & Franke, 1891. (III, 71 S. gr. 8.) M. 1.20.

Kunze's Monographie über die Gotteslehre des
Irenaeus ift klar geichrieben, folide gearbeitet und vertritt
ganz überwiegend unzweifelhaft Richtiges. Der
Verf. ift mit Irenaeus recht vertraut; feiten nur vermifst
man die Erwähnung einer Quellenftelle, die für das gerade
behandelte Thema von Bedeutung fein könnte.
Es fehlt nicht an fchätzbaren Beiträgen zur Erklärung
der Texte, z. B. n. 5 auf S. 66f. zu Iren. II, 33, 2. Anderswo
würde ich mich feiner Exegefe nicht anfchliefsen, z. B.
S. 70 n. 2, wo er das von Iren. IV, 6, 2 angeführte Juftin-
Citat nicht weiter reichen laffen will, als es bei Eufeb.
h. e. IV, 18, 9 reicht, nicht mit irgendwelcher Sicherheit
entfcheiden. Und noch weniger kann ich die n. 4 auf
S. 41 f. durchgeführte Auslegung bezw. Verbefferung
von Iren. II, 3, 2 acceptiren, obwohl ich die Correctur
von visibilem in invisibilem und von falls vor qualis in
talem auch für unumgänglich halte, tlaereticos zwifchen
dem secundum eos und Dens fieht mir fehr wie eine
Gloffe aus, doch daraufkommt nichts an; 6 xaf avrovq
#£rjc wird im Urtext geftanden haben. Aber wenn nun
Iren, von diefem gnoftifchen Gott, ihrem sttmmus Dens,
behauptet aut aeternum mundum mente concepit aut temporalem
, (d. h. die Welt, die er gedacht hat, mufs doch
entweder eine ewige oder eine vergängliche gewefen

fein) und fortfährt quae utraque incredibilia, fo finde
ich dies incred. nicht mit K. finnlos, fondern fehr naheliegend
, nämlich: welche Annahmen beide gleich unhaltbar
find, zu gleichen Ungeheuerlichkeiten führen —
natürlich, auf gnoftifchem Standpunkte, bei Euren Vor-
ausfetzungen von der Verfchiedenheit Gottes und des
Demiurgen. Für credibilia kann Irenaeus doch nicht
gnoftifche Thefen über den gnoftifchen Gott erklären.
In den Zufammenhang pafst auch das incred. vortrefflich.
,Dies ift beides nicht haltbar. Sondern (Sed) es ift dagegen
vielmehr zu fagen: Wenn er die Welt als eine
ewige und geiftige und unfichtbare gedacht hätte, fo
hätte fie auch fo gefchaffen worden fein müffen. (Da
fie das nicht ift, ift die Incredibilität der erften Annahme
erwiefen; denn der Demiurg hätte nicht die Idee des
auch nach Euch Gnoftikern ebenfo allmächtigen wie
allwiffenden Gottes fälfehen können.) Wenn er fie aber
fo gedacht hat, wie fie ift, d. h. temporalem, fo (ift nur
von einer anderen Seite wieder die Unglaublichkeit Eurer
Anfchauung erwiefen) et ipse fecit eum talem qui talem
quidem mente coneeperat, fo fällt jeder Grund zur Unter-
fcheidung des faciens von dem mente coneipiens fort,
dann ift das Schaffen eines mundus temporalis die notwendige
Folge des Denkens einer folchen Welt, dann
liegt die Verantwortlichkeit für die Temporalität der Welt
doch allein auf Gott'. Das ,autl des nächften Satzes
ift allerdings unhaltbar, — ,mit anderen Worten' (Kunze)
ift doch eine fehr gezwungene Uebertragung — es ift
wie fo oft aus et verdorben und der Hauptbegriff des
neuen Satzes ift voluit: Und es ift fein Wille gewefen,
dafs fie fo feinem Gedanken entfprechend fein follte,
et compositum et mutabilem et transeuntem — wodurch
jede Schmähung und Bekrittelung der Welt zu einer
Schmähung gegen den göttlichen Willen, zu einer Blasphemie
wird. Den Satz: quutn autem sit talis qualem
Pater deformaverat apud semetipsum, dignam esse Patris
fabricationem möchte ich als eine Randgloffe betrachten,
die den Gedanken des zweiten Abfchnittes von § 2 kurz
zu formuliren verfucht. Andernfalls müfste das regierende
Verbum ausgefallen fein; den Acc. c. Inf. auch von
voluit abhängen zu laffen, ift doch zu gefchraubt. Wohl
aber könnte das et voluit enge zu coneeperat gehören;
denn bei Gott kann doch das velle nach dem in mente
coneipere nicht ausbleiben, ebenfowenig freilich dann das
facere nach dem velle: an dem Stoff wird in allen drei
Inftanzen nichts geändert. Das in praesentia Patris
zwifchen qui und voluit ift finnlos, fchon Grabe hat an
praescientia P.' dafür vorgefchlagen, noch beffer pafst
vielleicht das ,in potentia P.' des cod. Voss. Hiermit
fcheint mir eine unanftöfsige Gedankenfolge in den Ab-
fchnitt hineingebracht zu fein.

Allein nicht einzelne discutable BehauptungenKunze's
find es, die m. E. den Werth feiner Abhandlung ftark
einfehränken, fondern zwei fundamentale Fehler. Einmal
ift die Anordnung des Stoffes eine fehr unglückliche.
Ich habe dabei nicht die Ueberfchriften der Capitel
oder die Inhaltsüberficht von S. 1 im Auge, obwohl es
feltfam genug ift, dafs Cap. 7 ,den Gottesbegriff' behandelt
, während fchon Cap. 2 ,den höchften Gott' zum
Gegenftande hatte: dafs es fich Cap. 2 um den Gott
der Gnoftiker, Cap. 7 um den des Irenaeus handelt,
hätte wohl gefagt werden müffen. Auch die ausführliche
Darfteilung der gnoftifchen Theologie, die beinahe die
Hälfte des Buches füllt, will ich jetzt nicht bemängeln:
dafs man fie hinter dem Titel nicht erwartet, fteht ja
feft, und dafs des Iren. Gotteslehre blofs auf dem Hintergrunde
der gnoftifchen verftändlich würde, konnte K.
nicht beweifen. Aber auch, wo er fein eigentliches
Thema erörtert, S. 30—71, werden Schemata verwendet,
die nicht aus dem Gegenftande felber entnommen, fondern
von aufsen an ihn herangebracht find. Cap. 7 ift
dem Gottesbegriff gewidmet, erft Cap. 9 der Näherbe-
ftimmung des Wefens und der Eigenfchaften Gottes,