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Ausgabe:

1892

Spalte:

358-362

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bassermann, Heinrich

Titel/Untertitel:

Geschichte der evangelischen Gottesdienstordnung in badischen Landen 1892

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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Ausfagen W.'s ermöglichen nun auch eine authentifche Bassermann, Prof. Dr. Heinr., Geschichte der evangelischen

Interpretation feiner Worte. Gottesdienstordnung in badischen Landen, zugleich ein

,Die Ritter- und Landfchaft, wie die Bürgerfchaft Beitrag zum liturgifchen Studium. Stuttgart, Cotta

Livlands ift deutfch, — und dafs wir heute nicht fagen XT uc „ ,,,, „.„ c o m ,

können, ganz Livland fei deutfch, ift von uns felbft vor- ■ Nachf" lS9u (VI> 259 b- g*- 8-) M- 4- -

nehmlich verfchuldet, als wir, in unklarer Pietät gegen ; Es ift neuerdings mehrfach der Weg eingefchlagen

die Bruchtheile aus der Gefchichte verfchwindender worden, mit der liturgifchen Forfchung in geographifch

Volksftämme, ihre Nationalität zu erhalten uns bemuhten, und gefchichtlich eng begrenzten Gebieten einzufetzen,

gegenüber ihrem, in der Natur und Lage derfelben und fomit die Gefchichte der Liturgie auf's engfte mit

begründeten Drange zur Germanifirung, und damit auch der Territorialkirchengefchichte zu verbinden. Ich nenne

zur nationalen wie bereits zur confeffionellen Gleich- aus dem katholifchen Lager die höchft verdienftliche

ftellung mit ihren Herren'. Diefe Worte der Landtags- Arbeit von Hoeynck, Gefchichte der kirchlichen Liturgie

predigt (S. 93) bieten den Schlüffel zu der ganzen Lebens- des Bisthums Augsburg Augsb. 1889, welche uns für die

arbeit Walter's. Dafs Efthen und Letten nicht ger- Kenntnifs der mittelalterlichen Cultusfitten reichen Ertrag

manifirt worden find, hat er nicht als thatfächliches gebracht hat; ferner von evangelifcher Seite die anfpruchs-

Verfäumnifs, fondern als eine Schuld der Deutfchen lofe, aber viel brauchbaren Stoff fammelnde Arbeit von

empfunden, die als Herren im Lande die Güter ihrer Hock, der Ritual- und Agendenfchatz der luth. Kirche

höheren Cultur jenen Völkerfplittern vorenthalten haben in Schleswig-Holftein, Kropp 1888. Auch Baffermann

und vorzuenthalten fortfuhren. Relata refero. Walter , hat diefen Weg betreten. Der Stoff, den er zu bearbeiten

ift der Schöpfer des Livländifchen Landfchulwefens 1 vorfand, ift weit mannigfaltiger und intereffanter, als er

(S. 142 ff). Aber er hat feine Pläne nur unter heftigem I es für ein Kirchengebiet wie Schleswig-Holftein ift.

Kampf durchzufetzen vermocht. Und wie in diefem, fo > Lutherthum und Calvinismus wechfeln zweimal mit einhat
er in manchem andern Fall über den Particularismus
und die Parteigegenfätze feiner Heimath bitter zu klagen
gehabt (vgl. S. 88 f. 305 ff. 359 ff). Man mag diefe
Dinge gefchichtlich begreifen, vielleicht auch z. Th. ent-
fchuldigen, aber man kann fie nicht verfchweigen, wenn
man die heutige Lage verftehen will.

Den Anfang der eigentlichen Gräcifirungsverfuche
datirt Walter vom Erlafs des Kirchengefetzes von 1832.
Damit fteht diefer berufenfte Zeuge in Gegenfatz zu der
Darftellung von der Entftehung diefes Geletzes, die wir
Dalton verdanken (Verfaffungsgefchichte S. 311 ff). Es
müffen hier Dinge vorgekommen fein, in die wir bis jetzt
noch gar keine Einficht befitzen. Denn Walter bemerkt
über die abfchliefsende Redaction diefes Gefetzes: ,Die
dem Kaifer zur Beftätigung vorgelegte K. O. von 1832
war während der Ueberfetzung in das Ruffifche behufs
der Beftätigung und der Rücküberfetzung in's Deutfche
in vielen Punkten fo verändert, dafs die Comiteglieder
fie nicht wieder erkannten' (S. 155). Walter ift aber
auch im Klaren darüber, wer im letzten Grunde an
dem Umfchwung der Verhältnifse die Schuld trägt. Er
berichtet über ein Gefpräch, das er 1860 mit dem
damaligen Thronfolger Nikolai geführt hat. ,Er ging
darauf ein, dafs ich auf feine Aeufserung: „die grie-
chifche Kirche habe bei ihren feften hiftorifchen Grundlagen
nie Bedürfnifs, noch Neigung zur Profelyten-
macherei gehabt", antwortete: nicht die griechifche
Kirche, fondern die ruffifche Regierung fei früher
tolerant gewefen' (S. 335). Endlich aber kann man von
Walter auch Auskunft darüber erhalten, inwieweit evan-
gelifche Kreife an diefem Aufleben ruffifch-kirchlicher
Actionsluft betheiligt find. Ich meine damit nicht feinen
Kampf gegen Herrnhut (S. 138 ff.), fondern eine trotz
ihrer fcheinbaren Ifolirtheit gefchichtlich höchft bedeut-
fame Notiz. Walter fchreibt am 27. Januar 1845 aus
Petersburg: ,Ich bin hinter ein Paar Bände Acten über

ander; cultifche Unionsverfuche hier fchon im ij.Jahrh.,
dann wieder aufgenommen feit der Wende unferes
Jahrhunderts. Dazwifchen auch hier das Intermezzo des
Rationalismus oder ration. Supranaturalismus; endlich
der Bähr'fche Reactionsverfuch mit dem leidenfchaft-
lichen Agendenftreit der 50er Jahre und feiner endlichen
Klärung. Kurz, es liegt hier ein überaus reiches Material
an Agenden und Kirchenordnungen vor, darunter die
nur handfehriftlich einft verbreitete, leider noch nicht
wieder aufgefundene Unionsagende von 1677—80. Dazu
kommen Entwürfe und Privatarbeiten ohne officiellen
Charakter. Aber der Verf. hat auch die Mühe nicht
gefcheut, durch archivalifche Forfchung die Gefchichte
der Liturgie möglichft zu klären und aufzuhellen. Und
es ift eine kundige Hand, die uns durch diefe mannigfaltigen
Gottesdienftordnungen hindurchleitet; B. verlieht
es, aus der Kenntnifs der Landesgefchichte heraus die
einzelnen Phafen diefer Cultusgefchichte trefflich zu beleuchten
, die Phyfiognomie der einzelnen Agenden richtig
zu erkennen und zu beurtheilen. Und fo entrollt er uns
an der Hand diefer liturg. Urkunden ein farbenreiches
Bild der Kirchengefchichte diefer Stücke deutfchen
Landes und dazu ein gutes Stück Culturgefchichte.
Nicht nur die confeffionellen Gegenfätze zwifchen
Lutherthum und Calvinismus, auch der Wechfel des
religiöfen Gefchmacks, des kirchlichen Sprachgefühls,
der Widerfchein der jeweiligen politifchen Lage des
Landes und dergl. treten hier in vielen intereffanten
Zügen hervor. Daher kann ich auch denen, welche fleh
für liturgifche Studien nicht näher intereffiren oder
denen die fpeciellen badifchen Verhältnifse fern liegen,
die Leetüre diefes Buches empfehlen. Es ift deutfche
Kirchengefchichte von mehr als 300 Jahren, die in ihren
charakteriftifchen Wandlungen an uns hier vorüberzieht.
Ich bekenne, mit fteigendem Intereffe dem Bericht des
Verfaffers gefolgt zu fein. Und das Facit feiner Dar-

unfere Kirche gekommen, die mich höchlich über- l legungen, ,dafs die fchönfte liturgifche Theorie ohne
rafchten. Da hat man 1819 z. B. fleh nicht entblödet, , die Grundlage territorial-gefchichtlicher Ueber-

eine Vereinigung mit der griechifchen Kirche vorzu-
fchlagen und der Fürft Galizin hat darunter gefchrieben:
von Sr. Kaiferl. Maj. mit grofser Befriedigung gelefen.
Hinter diefen Couliffen fleht man manche faubere Stücke
derer, die fleh die IAommen hiefsen und heifsen' (S. 195).
Vgl. dazu eine Bemerkung über Frau von Krüdener in
diefem Blatte 1889 S. 39.

Rumpenheim. S. Eck.

lieferung in unferer Zeit nicht zur Wirklichkeit gebracht
werden kann' (S. 250), wird m. E. als ebenfo
richtig wie für jede liturgifche Neuarbeit unferer Tage
beachtenswerth pure anzuerkennen fein. In Speele mufs
gerade lutherifcherfeits anerkannt werden, dafs es einen
füdweftdeutfehen Typus in liturgifchen Dingen giebt, der
als ein Mittelglied zwifchen dem liturgifchen Gepräge
des übrigen Lutherthums und dem der reformirten
Kirchen in feiner Eigenart Exiftenzrecht hat und nicht
Theorien zu Liebe geftört werden foll. Auch das
kann ich dem Verf. zugeben, dafs es nicht wohl gethan
ift, ,die liturgifchen Schöpfungen des Rationalismus,
und wären fie noch fo mangelhaft, gänzlich zu