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Ausgabe:

1892 Nr. 12

Spalte:

314-315

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Scheven, Carl

Titel/Untertitel:

Evangelien-Predigten für Sonn- und Festtage des Kirchenjahres 1892

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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313 Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 12. 314

die Verfammelten zu wirken, kann ich überhaupt keinen
Gemeindegottesdienft, keine Bethätigung der von Gott
durch feine Heilsoffenbarung gefchaffenen und in den
Heilsbefitz verfetzten Gemeinde Gott gegenüber erblicken,
fondein nur ein pädagogifches Inftitut, bei dem die
Ehre verkürzt wird, welche Gott feiner Gemeinde ge-
fchenkt hat. Es erfcheint mir lediglich als eine theore-
tifche Decoration, die nicht im Gemeindebewufstfein,
fondern nur im Kopf des Liturgikers Wirklichkeit hat,
wenn A. dennoch die Gemeinde als letztes Subject diefer
Handlungen zu denken gebietet. Gebete vollends, die nicht
den Zweck haben, dafs die Gemeinde dem Gott, der fich
ihr in feiner Offenbarung erfchloffen hat, antworte und
ihm ausfpreche, wovon ihr Herz voll ift, und in diefem
Verkehr mit Gott unmittelbar die Seligkeit der Gottes-
kindfehaft geniefse, fondern die den Zweck haben, die
Verfammlungin die für die Predigt erforderliche Stimmung
zu verletzen und den Eindruck der Predigt zu fixiren,
kann ich überhaupt nicht für Gebete halten. Auch will
es mir als eine Verengung des chriftlichen Lebens er-
fcheinen, wenn A. einzig die Bewährung von Glaube und
Liebe im Beruf als den rechten Gottesdienfl bezeichnet,
daneben aber dem Gebetsverkehr mit Gott keine felb-
ftändige Stellung einräumt. Wenn aber A. gegen die
Anfchauung, der evang. Gottesdienfl fei feinem Wefen
nach Lob und Dank der erlöflen Gemeinde, einwendet,
fie verletze den religiöfen Charakter des Gottesdienftes,
weil dann das Richtunggebende das menfehliche Thun,
nicht das Empfangen von Gott wäre, fo überfieht er,
dafs das rechte Danken nichts anderes ift als die freudige,
demüthige Anerkennung deffen, was wir von Gott
empfangen haben und empfangen. Hätte er aber Recht,
wie könnte dann fein ,rechter Gottesdienfl', für den der
öffentliche Gemeindegottesdienft nur Mittel ift, die Bewährung
des Glaubens in Nächftenliebe und Berufstreue,
Gottesdienfl heifsen, da ihm das nach A. hierfür conflitutive
Merkmal der Receptivität offenbar in weit höherem Mafse
fehlt, als dem gemeinfamen Dank und Lob im Gebet? A.
wendet ferner ein, bei jener Auffaffung erhalte die Predigt
nur eine .wegbereitende' Stellung, während fie nach der Anficht
der Reformatoren das Hauptftück des Gottesdienftes
fei. Nun, abgefehen davon, dafs die letzteren dies in dem
Zufammenhang der pädagogifchen Anficht fagen, während
Luther fonft die praedicatio gerade als Wegbereitung, der
invocatio fafst (ppp. ex. III, 191), fo theilte die Predigt
dann nur das Schickfal der göttlichen Offenbarung, die
ja auch nichts ift als eine Wegbereitung für das chrift-
liche Leben, und es würde nur auf die Predigt befchränkt,
was bei A. von dem ganzen Gemeindegottesdienft gilt,
dafs er nur Wegbereitung für den eigentlichen Gottesdienfl
ift. Gegen feine Conftruction der Anfangsliturgie
aber macht von vornherein der Umftand mifstrauifch,
dafs ihre Bcftandtheile und deren Reihenfolge im Wefent-
lichen der katholifch-lutherifchen Mefsliturgie entnommen
find. Jener liegt aber überhaupt kein einheitliches
Princip zu Grunde, jedenfalls nicht das von A., dafs die
Anfangsliturgie die Gemeinde für die Predigt conftituiren
folle; denn das Credo bildet von Haufe aus den Eingang
der der Predigt folgenden Abendmahlsliturgie.

Die Liturgik ift durch das fehr reichhaltige hiftorifche
Material, welches fie bietet, ausgezeichnet, fowie durch
die Entfchiedenheit, mit der A. die Ausmerzung der
katholifchen Refiduen fordert, die in den Riten der
felbftändigen liturgifchen Handlungen bei uns noch
vielfach zu finden, find z. B. im Exorcismus, in der
heffifchen Confirmationsformel, der zufammenfprechenden
Trauformel, der Einfegnung der Leiche, dem Gebet für
die Verftorbenen u. f. w. Von der Homiletik gilt be-
fonders, was im Eingang von A.'s energifcher Betonung
der theologia regenitorum und von feiner lebendigen
Auffaffung des Evangeliums gefagt ift. Aber auch der
formalen Seite der Predigt hat A. forgfältige Berück-
fichtigung zugewandt. Nur vermiffe ich hier, dafs die

Gedanken von Theremin, Vinet, Schweizer, Kraufs über
den finalen Charakter der Predigt in der Lehre von
ihrer Eintheilung nicht zum Princip gemacht find.

Auch die Poimenik enthält in den Anforderungen an
die Perfönlichkeit des Paftors wie in den Anweifungen
zur Ausübung der feelforgerlichen Thätigkeit eine Fülle
vortrefflicher Gedanken. Befonders inftruetiv ift die Lehre
von den freien Vereinigungen. A. giebt eine eingehende
Darftellung der gefchichtlichen Entwicklung, die die freie
Vereinsthätigkeit in der evangelifchen Kirche genommen
hat, und tritt dafür ein, dafs die betreffenden Thätigkeiten
mehr und mehr von der Kirche, den Localgemeinden wie
den Provinzial- und Landeskirchen übernommen werden,
ohne darum das Recht und den Werth der ftaatlichen
und bürgerlichen Armenpflege fowie der freien humanen
Wohlthätigkeit zu beftreiten und ohne zu verkennen,
dafs die Kirche immer freie Vereine brauchen wird, die
es mit neu fleh aufdrängenden Aufgaben verfuchen.
Ebenfo befonnen ift die ,Kybernetik'. Ihr Grundgedanke
ift, dafs es der evangelifchen Kirche principiell gleichgültig
ift, wer über fie regiert und von wem ihre Regierer ins
Regiment gekommen find, wenn nur fo über fie und in
ihr regiert wird, dafs dem Worte Gottes Raum gefchafft
wird und fie fich ihrem göttlichen Beruf gemäfs erbauen
kann, dafs die gefchichtliche Entwicklung und die gegenwärtige
praktifche Zweckmäfsigkeit allein darüber ent-
fcheiden, in welchen Händen das Kirchenregiment ruhen
und in welcher Art es verwaltet werden foll. Von
diefen Principien aus kommt er zu dem Ergebnifs, dafs
das landesherrliche Kirchenregiment evangelifcher Fürften
eine praktifche zweckmäfsige Inftitution ift, wenn er es
auch mit einer Reihe von Cautelen umgeben wiffen will.

Tübingen. J. Gottfchick.

Scheven, f Confift.-R. Dr.Carl, Evangelien-Predigten für
Sonn- und Festtage des Kirchenjahres, hrsg. von Paft.

W. Scheven. Wismar, Hinftorff's Verl., 1891. (IV,
548 S. gr. 8.) M. 4.50; geb. M. 6.—

Aus dem Nachlafs feines Vaters hat der Sohn diefe
Sammlung von Predigten herausgegeben. Es find ihrer
fiebzig; die Texte find die herkömmlichen evangelifchen
Perikopen. Bei der Auswahl der Predigten ift auch der
Geflchtspunkt mafsgebend gewefen, eine Sammlung zu
liefern, die zum Gebrauch bei etwa vorkommenden Le-
fegottesdienften geeignet fei. Diefer Zweck ladet zum
Vergleich der vorliegenden Sammlung mit den Predigten
Römheld's ein, die in immer neuen Auflagen erfchienen
find und das Prädicat der .Popularität' für fleh infon-
derheit in Anfpruch nehmen. Der Vergleich fällt keineswegs
zu Ungunften Scheven's aus. Hier ift nichts Abficht-
liches, Gemachtes; nirgends eine Anftrengung, die Sprache
des .gemeinen Mannes' zu reden, und doch fo allgemein
verftändlich, fo herzerfrifchend und religiös
anregend, —der Prediger felbft ift .populär', darum find's
auch feine Predigten. Ueberall thut fleh ein warmes,
von dem Inhalt der Predigt erfülltes Chriftenherz kund,
welches der Gemeinde das, was ihm felbft Lebensfache
geworden ift, in Herz und Gewiffen rufen möchte. Dafs
der Prediger ein Mann traditioneller lutherifcher Orthodoxie
ift, verfteht fich von einem mecklenburgifchen
Conflftorialrath von felbft; allein Referent kann nicht
fagen, dafs diefe Orthodoxie in fcholaftifchem Gewände
auftritt; die religiöfe Wärme fluthet jeden Anfatz von
Scholaftik ftets bald hinweg. — Allerdings hat die Sprache
etwas Unruhiges, faft Aufregendes: ein Mann von tiefem
Gefühlsleben redet, und das Pathos feines Herzens
ftöfst fleh etwas gewaltfam an's Licht. Ein anderer
Fehler liegt wohl in der Theologie des Predigers, in
feiner Anhängerfchaft an Kliefoth's Kirchentheorie. Die
Gemeinde exiftirt für ihn nicht; er redet daher fie wohl
nirgends an ; feiten ift die Communicativform feiner Rede;