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Ausgabe:

1892 Nr. 1

Spalte:

12-15

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schäffer, Ad.

Titel/Untertitel:

Was ist Glück? 1892

Rezensent:

Reischle, Max

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Ii Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 1. 12

wem diefe Hypothefe noch zweifelhaft erfcheint, der
wird diefe Edition als eine in Text wie Apparat und
Noten — mit dem uns bei Lag. ja nicht auffallenden
Reichthum von literarifcher Gelehrfamkeit — meifterhafte
bewundern. Der nunmehr feftgeftellteText wird kaum noch
verändert werden; eine Conjectur enthält er, die mit
einem Schlage einen finnlofen Satz erhellt: ftatt qua rc-
latum est bellum Assyriorum et Saturnum Titanorum regem
cum Jove dimkasse, ostenditur bellum CCCXXII annis Ilia-
cum exitum antecessisse heifst esBelum, reges,Belum. Genau
fo benimmt Theophilus ad Autol. III. 29 das Alter des
Belos! Die Abhandlung enthält noch anderes Werthvolle
; ihr einziger Fehler ift, dafs fie unvollendet ift.
Befäfsen wir doch erft einen ganzen Tertullian mit
folcher Akribie, Sachkenntnifs und Liebe zur Sache re-
cenfirt und commentirt!

Marburg. Ad. Jülicher.

Loewe, Prof. a. D. Dr. Joh. Heinr., Die spekulative Idee |

der Freiheit, ihre Widerfacher, ihre practifche Ver- :
werthung. Hrsg. von der königl. böhmifchen Ge-
fellfchaft der Wiffenfchaften. Prag, [RivnäcJ, 1890.
(XVI, 170 S. gr. 8.) M. 4. —

Von vielen rein theoretifchen Erörterungen der
P'reiheitsidee unterfcheidet fich dies von der Königlich
Böhmifchen Gefellfchaft der Wiffenfchaften herausgegebene
Buch ihres Mitgliedes durch die eingehende Behandlung
der praktifchen Verwerthung der Freiheit, die
als zweiter umfangreicherer Abfchnitt dem erften theoretifchen
Abfchnitt folgt.

Der theoretifche Theil hat die Abficht, die Realität
der Willensfreiheit zu beweifen, d. i. die formale Frei- I
heit, als eine Machtvollkommenheit des Willens, in I
felbftändiger Wahl ohne jedwede äufsere oder innere |
Nöthigung für oder gegen etwas fich zu entfeheiden.
Gegen zwei Hauptgegner diefer Anfchauung von der
Freiheit wendet fich der Verf., gegen den Determinismus
und den Aequilibrismus. Der Determinismus fteht in
Verbindung mit verfchiedenen philofophifchen und theo-
logifchen Standpunkten, welche ihn von vornherein in
lieh einfchliefsen, wie dem atomiftifch-materialiftifchen
Mechanismus, dem monadiftifch-pfychologifchen Mechanismus
, dem Pantheismus, der Lehre von der Welterhaltung
als ununterbrochen fich wiederholender Crea-
tion und den Prädeftinations-Lehren. In diefem Zufam-
menhange werden deshalb auch die Anfchauungen von |
Herbart, Hobbes, Leibniz näher behandelt, Descartes
Spinoza und Kant vielfach geftreift. Insbefondere erfährt
die falfche Deutung des Caufalitätsprincipes, wonach
dasfelbe als Stütze des Determinismus erfcheint, eine
klare und eindringende Behandlung, die deshalb befon-
ders hervorgehoben zu werden verdient, weil fie auf
tief eingewurzelte Denkfehler mit erneutem Nachdruck
hinweift. Denfelben Charakter umfichtiger Befonnenheit
und Klarheit trägt auch die Widerlegung des Aequilibrismus
. Allerdings wird man öfters an die Art fcho-
laftifcher Beweisführung bei dem Verfahren des Verf.'s
erinnert. Das kommt jedoch in einer Hinficht der mo-
nographifchen Behandlung eines Gegenftandes zu Gute,
der fich in fo viele verfchiedene Gebiete des Wiffens
verzweigt und darum Lehnfätze erfordert, die am beften
in Form abfchliefsender Definitionen dem Gange der
Unterfuchung eingebaut werden. Auch diefe feitlichen
Schutzwehren und Vorftöfse laffen den Verf. als
einen Gelehrten erkennen, der feinen Stoff gründlich
verarbeitet hat. In einer andern Hinficht jedoch erweckt
diefe fcholaftifche Art Bedenken. Wo es nämlich gilt,
die Freiheitsidee bis zum letzten und höchften Grund,
bis zum Gottesgedanken, zu verfolgen, da wo der Phi-
lofophie der Athem auszugehen pflegt, macht der Verf.
Anleihen bei der Theologie, ohne diefelben als folche

zu vermerken, vielmehr mit dem Anfpruch, auch diefe
Gedanken auf dem Wege der Speculation gewonnen
zu haben. Hierfür bietet neben dem Abfchnitt VI des
erften Theils, der von der creatürlichen Freiheit und
dem Vorherwiffen Gottes handelt, der zweite Theil
manche Beifpiele. Mag nämlich dort die Idee des Rechts,
oder die perfönliche, politifche, religiöfe und fittliche
Freiheit, oder die Idee des Guten und Böfen befprochen
werden, fo greift der Verf. in letzter Inftanz zurück aut
die Idee des Menfchen und der Welt, wie fie in der
Schöpferidee und dem Willen Gottes liegen. Nun handelt
es fich um die Quelle, aus der man die Erkennt-
nifs des göttlichen Willens zu fchöpfen hat. Darüber
fpricht fich der Verf. aus (S. 144), indem er meint, dafs
für die pofitive theologifche Moral diefe Frage von
vornherein beantwortet fei. Vermittlerin einer philofophifchen
Erkenntnifs vom Ueberfinnlichen könne
jedoch nur die Vernunft fein; und das fei fie auch in
der vorliegenden Frage mittelft der ihr zugänglichen
göttlichen Idee vom Menfchen. Einen anderen
Weg, um die in Rede flehende Erkenntnifs zu gewinnen,
gebe es innerhalb diefes Standpunktes nicht. Auf die
Frage aber, wie denn der fpeculirenden Vernunft die
göttliche Idee vom Menfchen zugänglich werde, fuebt
man beim Verf. vergeblich eine Antwort. Er verneint
ausdrücklich, dafs die Offenbarung des göttlichen Willens
in der Natur und in der Menfchengefchichte einen
Weg zu diefer Erkenntnifs darbiete; denn die von Gott
der Natur vorgezeichneten Gefetze habe er gewifs nicht
für die Freiheit geiftiger Gefchöpfe beftimmt, und was
die Gefchichte der Menfchheit betrifft, fo werde man —
ohne gerade das bekannte Napoleon'fche: Uhistoire
c'est une fable convenue fich anzueignen, die Unzuver-
läffigkeit, jedenfalls das Unzureichende diefer Quelle für
den beabfichtigten Zweck nicht in Abrede ftellen können
. Hat fich aber der Verf. auch diefe beiden Wege
abgefchnitten, dann bleibt es ein ungelöftes Räthfel, auf
welcher Himmelsleiter denn die fpeculirende Vernunft
einen Einblick in den Willen Gottes und feine fchöpfe-
rifche Idee vom Menfchen erreicht.

Salbke b. Wefterhüfen (Elbe). Beffer.

Schäfter, geiftl. lnfp. Dr. Ad., Was ist Glück? oder Entwurf
einer rationellen Apologie des Chriftentums.
Deutfche vom Verf. autorif. Ausg. (Nach der 2. fran-
zöf. Ausg.) Gotha, F. A.Perthes, 1891. (XXXVIII, 296
S. gr. 8.1 M. 5. —

Auch wenn das Buch nicht als Ueberfetzung aus
dem Franzöfifchen bezeichnet wäre, könnte man es doch
mit Sicherheit als folche erkennen. Schon einige In-
correetheiten und Härten des deutfehen Ausdrucks,
der übrigens im Ganzen recht gewandt und flüffig ift,
verrathen die Ueberfetzung (ziemlich oft ,aber' ftatt
,fondern', ,auf dem Kreuz', ,zahlreicher denn einmal'
[ftatt je'], ,ich erkläre mir wohl, dafs . . .', ,fie trugen
bei, den König der Ehren kreuzigen zu laffen', ,wir
entliehen' [ftatt ,entlehnten'] u. dgl.). Noch mehr aber
hat die ganze Art der Darfteilung unverkennbar
franzöfifches Gepräge. Darin ift ein Vorzug des Buchs
begründet. Der Verf. verlieht es beffer, als es deutfehen
Theologen zu gelingen pflegt, ,die Schulformeln
und den falbungsvollen Ton', fowie zu fchwierige Gedankenentwicklungen
zu vermeiden; Worte lebhafter
Zwiefprach mit dem Lefer, rhetorifch packende Schilderungen
, weiche Gefühlstöne, geiftreiche Pointen flehen ihm
zur Verfügung. Die Kehrfeite davon ift die Gefahr, in
pathetifche Declamationen zu verfallen und die Schärfe
des Gedankens zu beeinträchtigen. Nach meinem Eindruck
ift der Verf. diefer Gefahr nicht ganz entronnen.
Doch ift es vielleicht nur der deutfche Lefer, welcher
Einzelnes verfchwommen, überfchwenglich und empfind-