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Ausgabe:

1892 Nr. 11

Spalte:

290-291

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mücke, Lic.

Titel/Untertitel:

Die staatlic-reformatorische oder die ultramontane Lösung der socialen Krisis 1892

Rezensent:

Stamm, Wilhelm

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2S9 ■ Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. Ii. 290

Gemeinde in ihren äufseren Formen. Die Grundforderung
ift ihre Ueberfehbarkeit, in niaximo 5000
Seelen, die zweite, dafs fie örtlich gefchloffen ift bezw.
fefte Grenzen habe, — in diefem Zufammenhang werden
einige Weifen gezeigt, wie in unteren Städten die
beftehenden Parochien in Gemeinden umzufchaffen find
(Abfchn. 5), wobei die Einzelheiten felbftredend dispu-
tabel bleiben, — die dritte, dafs das geiftliche Amt
nur durch eine Perfon in ihrer Mitte vertreten fei, was
S. fchon unter Abfchnitt 2 mit überwältigenden, meines
Erachtens unwiderlegbaren Gründen dargethan hat.
Auch die Bemerkungen über die Vorbildung, den Modus
der Wahl des Geiftlichen und die Befugnifse des
Kirchenregiments zur Verfetzung oder Abfetzung aus
Abfchn. 2, welche manchem disputabel fcheinen dürften,
gehören wohl eher hierher, da fie dort den unbedingten
Beifall zu den Grundzügen erfchweren und felbft nicht
zu diefen zählen. Der gegenwärtige Thatbeftand führt
fodann noch auf zwei befondere Prägen (Abfchn. 6 u. 7):
über die Berechtigung der in den Städten um einzelne
irgendwie hervorragende Prediger fich fammelnden Per-
fonalgemeinden und über die Berechtigung des chrift-
lichen und humanitären Vereinswefens, beides gegenüber
dem von S. aufgeftellten Gemeindeideal. Diefe Abfchnitte
gehören zu den Glanzpunkten des Buches. Möchten fie
uberall ernftlich erwogen werden. Betreffen fie doch
zwei wefentliche Hindernifse für das Durchdringen des Gemeindegedankens
, welche, felbft nur ihrDafein dem Fehlen
thätiger Gemeinden in der Vergangenheit verdankend,
deren Schaffung bald thatfächlich erfchweren, bald gar
als entbehrlich erweifen zu können meinen.

Zu den äufseren Existenzbedingungen des Gemeindelebens
fich wendend befpricht S. Abfchn. 8 die finan-
ciellen Mittel und Abfchn. 9 das Kirchengebäude. In
den erfteren Abfchnitt, welcher u. a. die Gebühren- und
Honorarfrage mufterhaft befpricht, gehören im Grunde
auch die Bemerkungen unter 3, 7 über den Gehalt des
Geiftlichen, deren Richtigkeit man vom Standpunkt der

dert hin und her geforderte, in Englands und Amerikas
Sectengemeinden theilweife verwirklichte und deren Kraft
bildende Grundgedanke aller gefunden nachhaltigen Erbauung
im christlichen Glauben, wie ihn Christus felbft
in feinem Zwölferkreis urbildlich dargestellt hat. Aber
Sülze ift, trotz mancher Vorgänger auch in der unmittelbar
vorhergehenden Zeit, wie z. B. des vergeffenen
Henrici (Die christlich-fociale Gemeinde als Heilmittel
für Kirche und Gefellfchaft. Gotha, Perthes, 1877) der
Prophet diefes Gedankens für unfere Zeit. Möchten
bald mit ihm die Thatfachen felbft für die Wahrheit des-
felben zeugen! —

Berlin. von Soden.

Mücke, Lic, Die staatlich-reformatorische oder die ultramontane
Lösung der socialen Krisis. Nach einem Vermächt -
nifse Ign. v. Döllinger's. 2 Hälften. Berlin, Walther
& Apolant's Verl., 1891. (XVI, 219 u. IV, 358 S.
gr. 8.) ä M. 3. —

Worin befteht die ftaatlich-reformatorifche Löfung
der focialen Krifis? Alles Politifche, Volkswirthfchaft-
liche, kurz der ganze weltliche Theil der Aufgabe bleibt
dem Staat, den ,zuständigen Stellen' vorbehalten. Davon
ift alfo in dem Buch gar nicht die Rede. Mücke fpricht
blofs von dem, was die Kirche zu thun hat. Und was
hat diefe zu leiften? Die Geiftlichen müffen mit brennendem
Eifer Seelforge üben, namentlich auch an den der
Kirche Entfremdeten, und fie müffen religiöfe Volks-
verfammlungen abhalten zur Wiedergewinnung der vom
Glauben abgefallenen Maffen. ,Hinein, ihr Pastoren, in
die Arbeiterwohnungen und Volksverfammlungen des
Proletariats in Stadt und Land'. Ift das Alles? Nun,
der Schwerpunkt der Schrift ruht nicht in den pofitiven
Vorfchlägen, fondern in der Kritik. Die evangelifche
Kirche zeigt fich heutigen Tags vollständig unfähig zum
Widerstand gegen die atheiftifche Propaganda, wie fie
focialen Gemeinfchaft, in welcher der Geiftliche mit 1 von der Socialdemokratie betrieben wird. Dagegen ift

feiner Gemeinde flehen foll, bezweifeln kann. Auch der Ultramontanismus äufserft rührig und auch erfolganderes
, was hier über den Rahmen der Fünzelgemeinde j reich. Geht das fo fort, kommt es zum Zufammen-
hinausgehend von der financiellen Verforgung der Pro- ! bruch der Gefellfchaftsordnung oder zum gewaltfamen

vincial- und Landeskirche gefagt ift, wird auf fich beruhen
können, ohne dafs der Gemeindegedanke dadurch
berührt wird.

Vortrefflich ift der letzte Abfchnitt mit dem Nachweis
, wie das, auch für S. unentbehrliche, fefte Bekennt-
nifs der Gemeinde fich feine Geltung in der felbftthätigen
Gemeinde frei erringt und eine allmähliche, nicht revolutionäre
und nicht theoretifch kritifche, fondern aus der
gemeinfamen Glaubenserfahrung undGlaubensbethätigung
erwachfende Fortbildung erfährt, wie in Folge deffen
der Streit der Parteien in gegenfeitige Duldung und
Förderung in gemeinfamer vertrauensvoller Arbeit fich
wandeln wird.

Für das Letztere ift das Buch felbft der beredtefte
Zeuge. Hier fleht eine Frage zur Discuffion, die aufser-
halb aller bisherigen Parteidifferenzen liegt, die aber
das Lebensintereffe des evangelifchen Chriftenthums unmittelbarer
, als viele die Parteien trennende Fragen trifft.
Möchte es dem edlen Vorkämpfer noch vergönnt fein,
zu fehen, wie fich um diefen Gedanken lebendiger, that-
kräftiger Gemeinfchaften evangelifchen Glaubens und
Lebens und feine immer glücklichere Ausgestaltung und
feine energifche Verwirklichung immer gröfsere Schaaren
fammeln. Er ift nicht eine Erfindung Sulze's, womit die
Einen ihn zu ehren, die Andern ihn abzuthun meinen;
er ift der dem Evangelium allein ganz entfprechende,
nie ganz erftorbene, im Urchriftenthum am reinsten
durchgeführte, in allen Reformbewegungen im Laufe der
Kirchengefchichte in irgend welcher Gestalt durchbrechende
, von ungezählten energifchen religiöfen Naturen
erstrebte und erfehnte, auch in unterem Jahrhun-

Niederfchlagen des focialen Radicalismus, fo erfcheinen
die Jefuiten als die Retter aus der Noth. Dann erleben
wir ein fociales Canoffa. Woher fchreibt fich diefe betrübende
Lage der Dinge? Nach Mücke's Meinung trägt
der Synkretismus die Hauptfchuld. Als es den Jefuiten
nicht gelang, den Proteitantismus mit Gewalt zu
unterdrücken, verföchten fie's, mit Lift zum Ziel zu kommen
. Ihr geriebener Emiffär, der Spanier Spinola, bearbeitete
die proteftantifchen Höfe, Univerfitäten und
Kirchenmänner. Er hatte auch bei den Schülern und
Anhängern Calixt's Erfolg genug. Freilich konnte er
feinen Plan, die Wiedervereinigung der getrennten Con-
feffionen, die Reunion der Protestanten mit der alten
Kirche, zunächst nicht verwirklichen. Die Vertreter der
Orthodoxie und des Pietismus leisteten dem Synkretismus
' mannhaften Widerstand. Aber mit der Zeit fand
das .raffinirte Weltevangelium der Jefuiten' bei den Führern
der Evangelifchen dennoch Zugang. Man gewöhnte
fich daran, die confeffioncllen Gegenfätze abzumildern,
auf den Papft Rückficht zu nehmen, man huldigte dem
religiöfen Opportunismus. Darüber wurde das evangelifche
Volk an feiner Kirche und feinem Glauben irre,
der Indifferentismus rifs ein, die Gebildeten fielen der
Aufklärung zur Beute, und die Maffe hat keine Kraft,
der Verführung des Radicalismus zu widerstehen. Die
Nachfolger der ehemaligen Synkretiften und Reunioniften
find die hochkirchlichen Opportunisten und Epifkopaliften
der gegenwärtigen Zeit, ihr Hauptvertreter ift Stöcker.
Sie haben gelernt, den Verhältnifsen Rechnung zu tragen.
Niemand wagt es mehr, wie unfere Reformatoren in dem
Papft den Antichrift zu fehen. Der Papft erfcheint und