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Ausgabe:

1892

Spalte:

273-276

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Feine, Paul

Titel/Untertitel:

Eine vorkanonische Ueberlieferung des Lukas in Evangelium u. Apostelgeschichte 1892

Rezensent:

Weiß, Johannes

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Kiel.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 11. 28. Mai 1892. 17. Jahrgang.

Feine, Eine vorkanonifche Ueberlieferung des

Lukas (Joh. Weifs).
Fredericq, Geschiedenis der Inquisitie in de

Nederlanden 1. deel (Reufch).
Frederichs, Robert le Bougre (DerC).
Sepp, Het Staatszoezicht op de godsdienstige

letterkunde in de Noorderlijke Nederlanden
(Reufch).

He gl er, Die Pfychologie in Kants Ethik
(Reifchle).

Armknecht, Die Hoffnung der Kirche und ihre
Bedeutung für das chriftliche Leben (Achelis).

Farrar, Ewige Hoffnung (Achelis).

Stockmeyer, Feftpredigten (Achelis).

Sülze, Die evangelifche Gemeinde (von Soden).

Mücke, Die ftaatlich-reformatorifche und die ultramontane
Löfung der focialen Krifis (Stamm).

Feine, Gymn.-Lehr. Dr. Paul, Eine vorkanonische Ueberlieferung
des Lukas in Evangelium u. Apostelgeschichte.

Eine Unterfuchung. Gotha, F. A. Perthes, 1891. (X,

252 S. gr. 8.) M. 4. —

Der Verfaffer hat bereits durch eine Reihe dankens-
werther Unterfuchungen (in d. J. f. pr. Th.) bewiefen, dafs
er dem fynoptifchen Räthfel nicht, wie die Mehrzahl der
Fachgenoffen, fkeptifch gegenüber fleht; wir theilen die
Ueberzeugung, von der feine Forfchungen getragen find,
dafs mit eindringender Arbeit und wirklicher Beherrfchung
des Stoffes im Ganzen und Einzelnen, eine Reihe fefter
Erkenntnifse von dem Wachsthum unferer evang. Ueberlieferung
zu gewinnen feien. Freilich wird gerade der,
welcher den Stoff auch im Einzelnen kennt und beftändig
vor Augen hat, bei Darlegung feiner Refultate leicht
in die Verfuchung kommen, von den mühevollen und

L 32- 35) nicht aulkommen. Zu LQ rechnet F. aber nicht
nur die Stücke, welche in der Synopfe keine Parallele
haben (wie z. B. 4, 14—30. 5, 1 —11. 7, 11—17. 36—50.
15, 11—32. 16 u. a.), fondern auch Reden, Gleichnifse,
Sprüche und Erzählungen (Hauptmann von Kaph.,
Johannesbotfchaft), die auch bei Mtth. ftehen und gewöhnlich
aus den Logia abgeleitet werden. D. h. er
vertritt die fchon von Weizfäcker entwickelte Anfchauung,
dafs Luc. eine fpätere Form der Logia benutzt habe,
die einerfeits durch eigenthümliche Zufätze bereichert
fei, andererfeits die Reden, wie z. B. die Bergrede, fchon
aus zweiter Hand (und zwar im Sinne der Parabeln in
cp. 16 bearbeitet) darbiete. F. hat in diefem Punkte
das Ergebnifs Weizfäcker's durchaus betätigt. Den Beweis
, dafs dem Luc. die ,ebionitifchen' Specialien bereits
in einer feften Verbindung mit den Logiareden vorlagen,
liefert die heutige Geftalt diefer Reden felber. Denn

eingehenden Vorarbeiten, die zur Quellenkritik noth- 1 die Bergrede kann in diefe Geftalt nicht erft von Luc

wendig find, dem Lefer weniger mitzutheilen, als diefer
bedarf, um den Eindruck geficherter Ergebnifse zu erhalten.
Mir fcheint der Verf. in dem vorliegenden Falle etwas
diefer Verfuchung erlegen zu fein. So fehr dies der Lesbarkeit
des Buches zu gute kommt, fo fürchte ich doch,
dafs feine werthvollen Ergebnifse nicht allen einleuchtend
fein werden, weil fie z. Th. mit grofser Sicherheit hin-
geftellt werden, ohne dafs dem Lefer die Nachprüfung
der Gründe durch völlige Darlegung erfpart bliebe.
Ich möchte daher um fo ftärker betonen, dafs die Haupt-
refultate auch einer genauen Nachprüfung gegenüber
fich ftichhaltig erweifen. — Bisher hatte der Verf. fein
Intereffe vorwiegend dem Marcusproblem (im Sinne
einer Urmarcushypothefe, p. 5 ff.) zugewandt; hier befchäf-
tigt ihn einer der reizvollften Gegenftände, die wir auf
diefem Gebiete haben: die Sonderüberlieferung des Lucas.
Im Gegenfatze zu der auch mir als verfehlt erfcheinenden
Annahme Holtzmann's u. A., dafs ein grofser Theil des
dem Luc. eigenthümlichen Stoffes auf die freie Bildung
des Evangeliften führe, erkennt F. fchon in der Vorge-
fchichte (cp. I. 2) diefelbe judenchnftliche Quelle (der
Kürze wegen bediene ich mich der Sigle LQ), die man
auch fonft fchon beobachtet hat (,ebionitifche< Quelle)

gebracht fein, da z. B. die Weherufe jüdifche Verfolger
, alfo eine judenchriftliche Gemeinde, vorausfetzen
. Und fo geht durch alle Lucasreden aus den Logia
der Ton und die Sprache der fogen. ebionitifchen Stücke
hindurch. Diefem grofsen Argument treten einige geringere
zur Seite. So bezieht fich z. B. 22, 35 ein Wort
der Sonderüberlieferung auf ein Logiawort (10^4) zurück,
hat alfo mit diefem bereits in einer feften Verbindung
geftanden. Die' Compofition gewiffer Partien des Evangeliums
(cp. 9—18) ift auch fo undurchfichtig, dafs die
Annahme einer doppelten Redaction natürlicher ift, als
die Zurückführung diefer Anordnung auf Luc. allein.
Judenchriftlich ift jedenfalls der Gefichtspunkt der Anordnung
in cp. 15. 16. Die hier vereinigten Parabeln
ordnen fich dem antipharifäifchen Gefichtspunkt (15, 1.
16,14) nur dann unter, wenn die Pharifäer nicht nur als
die felbftgerechten, fondern auch als qnlagyigni er-
fcheinen. Dies Nebeneinander ift nur denkbar auf jüdi-
fchem Boden (vgl. den Jacobusbrief. Ps. Sal. 1, 3 f.). Dem
Luc. hat diefer Gefichtspunkt gewifs fern gelegen (gegen
F. p. 86 f.). Dafs wir aber bereits ein überzeugendes
Bild von der Compofition der LQ befäfsen, wird
man nicht behaupten können. Noch lange nicht genug

und in den meiften der nur von Luc. berichteten Stücke j beachtet find die von F. in der Leidensgefchichte ge-
zu erkennen meint. Den judenchriftlichen Charakter der [ fammelten Stoffe aus LQ. Diefe dominiren fo ftark und
Vorgefchichte zeigt er im Einzelnen auf unter Ab- die Abweichung von Mc. ift fo i
lehnung des m. E. überzeugenden Nachweifes von Hillmann
(J. f.pr.Th. 1891), dafs die'übernatürliche Erzeugung
in LQ noch nicht geftanden habe. Leider fallen hierbei
einige Worte gegen ,die vorgefafste Meinung', welche
,den grofsen Anftofs' aus dem Wege räumen wolle. Es
handelt fich hier doch lediglich um ein hterarifch kriti-
fchesUrtheil, bei dem uns keinerlei dogmatifches Intereffe
leitet. Der Hinweis auf den hebraiftifchen Parallelismus
in 1, 35 kann gegen die gewichtigen Gründe Hillmann's
(bem. namentlich die doppelte Verwendung von v'iög

grofs, dafs man annehmen
möchte, LQ fei hier für Luc. die Hauptquelle
gewefen: Namentlich die Marken Auslaffungen aus dem
Marcusfaden fprechen hierfür. Aufserdem wäre noch die
Frage zu erwägen, ob nicht auch in Stücken, die Luc.
aus Mc. entlehnt, ein nebenhergehender Einflufs der LQ
anzuerkennen fei, wie mir dies z. B. bei der Verklärungs-
gefchichte wahrfcheinlich ift. — Mit Recht hebt F. die
zahlreichen Berührungen der LQ mit dem Jacobusbrief
hervor, die m. E. für den judenchriftlichen Urfpruno
diefes Schriftftücks ftark ins Gewicht fallen. Ebenfo

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