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Ausgabe:

1892

Spalte:

263-267

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Müller, Friedrich Max

Titel/Untertitel:

Natürliche Religion 1892

Rezensent:

Besser, M.

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voller Nachrichten und Bilder darbietet; —auch der Inhalt
als folcher ift für die allgemeine Gefchichte des deut-
fchen Schulwefens charakteriftifch. Die Braunfchweigi-
fchen Lande find klein genug, um dem Beobachter einen
verhältnifsmäfsig leichten, ficheren und bequemen Ueber-
blick über ihre äufsere und innere Entwicklung zu ermöglichen
; fie find zugleich, zumal in ihrer eigenthüm-
lichen Zufammenfetzung, grofs genug, um den verfchie-
denartigften Erfcheinungen, Verhältnissen und Ordnungen
in ihrer Gefchichte Raum zu gewähren. Auch abgefehen davon
, dafs das Herzogthum Braunfchweig mehrals einmal den
Nachbarftaaten durch die Einrichtung feiner Unterrichtsanftalten
geradezu als Mufter und Vorbild gedient hat,
wird man fagen können, dafs die Braunfchweigifche
Schulgefchichte in gewiffem Sinne typifch für die ganze
Gefchichte des deutfchen Schulwefens ift. Wer fich alfo
über die letztere in einem engen Rahmen und in der
fachlichften und angenehmften Weife orientiren will, der
vertraue fich der fachkundigen Führung des Koldewey'-
fchen Buches an, welches die allgemeinen culturge-
fchichtlichen und fchulgefchichtlichen Entwicklungen
überall berückfichtigt, ohne abzufchweifen und umftänd-
lich zu werden.

D. Koldewey fchildert im erften Abfchnitt die Zeit
des Mittelalters mit ihren Stifts- und Klofterfchulen,
Pfarrfchulen, lateinifchen Stadtfchulen, deutfchen Schreib-
fchulen und Winkelfchulen; im zweiten behandelt er die
Zeit der Reformation und des reinen Lutherthums nach
den politifch-geographifchen Theilen der braunfchweigi-
fchen Lande (die Stadt Braunfchweig; das Fürftenthum
Wolfenbüttel; die Graffchaft Blankenburg; die Abtei
Walkenried); der dritte Abfchnitt ift mehr nach hervorragenden
fachlichen Gefichtspunkten geordnet (die Stadt
Braunfchweig; die Schulgefetzgebung des Herzogs Auguft;
das braunfchweigifche Schulwefen unter dem Einfluffe
der Schulordnung des Herzogs Auguft; die Ritterakademie
zu Wolfenbüttel); der vierte befchäftigt fich mit
der Zeit der Aufklärung in drei Abfchnitten: a) Zeit
des Herzogs Karl I.; b) Zeit des Herzogs Karl Wilhelm
Ferdinand; c) von der weftfälifchen Zeit bis zum Regierungsantritt
des Herzogs Wilhelm 1831. — Die letzten
60 Jahre fallen alfo nicht in der Kreis der Darfteilung,
werden aber hoffentlich demnächft noch von dem geehrten
Herrn Verfaffer uns gefchildert. Manches der in
diefe neue Gefammtdarftellung aufgenommenen Bilder ift
uns natürlich fchon aus den früheren Arbeiten D. Kolde-
wey's bekannt, viele andere find dagegen neu. AnEinzelheiten
von befonderem Intereffe fei die Gefchichte des
Collegiums Karolinum zu Braunfchweig hervorgehoben
fowie die Nachricht von dem Helmftedter pädagogifchen
Seminar (1779—1810) p. 170 ff. Wirwünfchen dem Werke
D. Koldewey's den heften Erfolg und eine baldige neue
Auflage, in welcher vielleicht noch ein Sach- und Na-
menregifter paffend angefügt wird.

Magdeburg. W. Bornemann.

Müller, F. Max, Natürliche Religion. Gifford- Vorlefungen,
gehalten vor der Univerfität Glasgow im Jahre 1888.
Aus dem Englifchen überfetzt von Dr. Engelbert
Schneider. Autorifierte, vom Verfaffer durchge-
fehene Aug. Leipzig, Engelmann, 1890. (XX, 587 S.
gr. 8.) M. 14. —

Die vorliegenden Gifford-Vorlefungen verdanken
ihre Entftehung einem ebenfo merkwürdigen als grofs-
herzigen Legat des vormaligen Senators des Richter-
collegs in Schottland, Adam Gifford, der einen Theil feines
grofsen Vermögens, nämlich 80000 Pfund Sterling, zur
Errichtung von Profeffuren an vier fchottifchen Univerfi-
täten beftimmte, ,um das Studium der natürlichen Theologie
im weiteften Sinne diefes Ausdrucks zu wecken,
zu fördern, zu lehren und zu verbreiten, mit anderen

Worten, die Erkenntnifs Gottes, des Unendlichen, des
Alls, der erften und einzigen Urläche, der einen und
einzigen Subftanz, des einen und einzigen Seins,
der einzigen Realität und Exiftenz, die Erkenntnifs
der Natur und Attribute Gottes, der Beziehungen
der Menfchen und des ganzen Univerfums zu Gott,
1 die Erkenntnifs der Natur und der Grundlage der
Ethik oder Moral und aller Verbindlichkeiten und
Pflichten, die fich daraus ergeben'. Für die Auswahl
der zu berufenden Profefforen giebt der Teftator
noch folgende bemerkenswerthe Beftimmung: ,Die
zu berufenden Profefforen follen keiner Probe oder
Prüfung unterworfen und die Ablegung irgend eines
Eides oder die Veröffentlichung oder Unterzeichnung
eines Glaubensbekenntnifses oder eine Verfprechung
irgend welcher Art nicht erforderlich fein. Sie mögen
irgend einer beliebigen Glaubensrichtung angehören oder
gar keiner (und viele ernfte und hochgefinnte Männer
ziehen es vor, keiner kirchlichen Glaubensrichtung anzugehören
); fie mögen zu irgend einer Religion oder
Gedankenrichtung oder, wie bisweilen gefagt wird, zu
keiner Religion fich bekennen, fie mögen fogenannte
Skeptiker oder Agnoftiker oder Freidenker fein, wenn
nur die Patrone (der Stiftung) dafür Sorge tragen wollen,
dafs es fähige, achtbare Männer und wahre Denker
find, die lauter die Wahrheit lieben und mit Ernft zu
erforfchen trachten'. Dem fügt er noch den Wunfeh
hinzu, dafs die Profefforen ihren Gegenftand ftreng
naturwiffenfchaftlich behandeln möchten, ohne Bezug
oder Verlafs auf irgendwelche angenommene, fpecielle,
ausnahmsweife oder fogenannte wunderbare Offenbarung
. Doch auch nach diefer Richtung follen fie bei der
Behandlung ihrer Aufgabe in keiner Weife irgendwie
gebunden fein. — So grofsherzig ift dies Teftament,
dafs es von der Verbreitung derjenigen Anflehten, die
der Teftator für fich gewonnen hatte, abfieht und nur
die Förderung einer klaren Erkenntnifs des Wefens der
Religion im Auge hat; und fo ftark ift der Glaube des
Teftators, dafs er nicht nur die Religion für das Wich-
tigfte im menfehlichen Leben, fondern auch die Fundamente
derfelben im Unterfchied von allem Beiwerk für
unzerftörbar hält. Gewifs ein feltenes Zeugnifs weitherziger
und tiefblickender Wahrheitsliebe. Man möchte
fragen, ob in Deutfchland ein folches Teftament möglich
wäre.

Dem Senat der Univerfität Glasgow als einem der
Teftamentsvollftrecker ift es nun aber auch gelungen, in
Max Müller für diefen feltenen Lehrftuhl einen Gelehrten
zu gewinnen, deffen Charakter und Fähigkeit den Abheilten
des Teftators in hervorragendem Mafse zu dienen
geeignet ift. Er ergriff die dargebotene Aufgabe als vorzügliche
Gelegenheit, die geiftige Arbeit feines Lebens
zufammenzufaffen. In einem intereffanten biographifchen
Rückblick zeigt der Verf. den rothen Faden auf, der
fich durch feine literarifchen Arbeiten hindurchzieht, um
zu erklären, dafs die wiffenfehaftliche Thätigkeit, welche
er 1843 in Leipzig begonnen habe, in diefen Vorlefungen
über die Religionswiffenfchaft ihren naturgemäfsen
Abfchlufs finde. Freilich erfcheint ihm die Aufgabe zu
hoch für die Kraft eines einzelnen Mannes, zu grofs für
feine eigenen Kräfte, aber er will den Grund klären,
das Fundament legen helfen und bemerkt endlich: ,das
Gebäude zu errichten, wie es Lord Gifford in feinem
Teftamente in den Umriffen gezeichnet hat, einen Tempel
zu erbauen, weit, feft und hoch genug, um alle Religionen
und alles himmelwärts dringende Sehnen des Menfchen-
gefchlechts zu umfaffen, das müffen wir künftigen Ge-
fchlechtern überlaffen, jüngeren kräftigeren, befferen
Händen'. [Ein Werk Max Müller's bedarf keiner Empfehlung
. Auch derjenige, der feine Anfchauungen nicht
theilt, wird diefelben achten und daraus lernen. Ueberall
werden feine Erörterungen von einem durchfichtigen und
auf reiches Elrkenntnifsmaterial geftützen Zufammen-