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Ausgabe:

1892 Nr. 10

Spalte:

260-262

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spiegel, Bernh.

Titel/Untertitel:

Hermann Bonnus 1892

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 10.

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reden. Die herzliche Frönimigkeit,die geiftige Beweglichkeit
, die dialektifche Schärfe, die Gewandtheit im Angriff
, das ökumenifche Herz Butzer's, das raftlos an der
Vereinigung des gefammten Proteftantismus arbeitet, hat
Erichfon trefflich gefchildert. Im Einzelnen dürfte da und
dort ein Strich im Lebensbild Butzer's fchärfer gezeichnet
fein. Für den inneren Entwickelungsgang Butzer's ift
beachtenswerth, dafs feine Bekanntfchaft mit Luther auf
der Heidelberger Disputation 1518 doch Butzern noch
keine volle Erkenntnifs der eigentlichen Bedeutung
Luther's gab. Der Briefwechfel des Beatus Rhenanus
zeigt recht deutlich, wie Luther damals für Butzer
noch ganz in einer Linie mit Erasmus und den Hu-
maniften fland. Es ift Luther's wiffenfchaftlicher Werth,
den Butzer bewundert, aber die Erkenntnifs, dafs es
fich um ein neues religiöfes Princip bei Luther handelt,
hat ihm erft die Verfenkung in Luther's Schriften
z. B. in den Galaterbrief gebracht. Gegenüber den
fchmählichen Angriffen der Ultramontanen wäre eine
genauere Unterfuchung der Zeit vonButzer's Verehelichung
fehr erwünfcht gewefen. Matern Hatto nennt Brenz
Hattenus (Preffel, Anecdota Brentiana S. 1). Ueber Doktor
Jefus wäre ein kurzer Nachweis erwünfcht. Auffallend
ift, dafs Erichfon den füddeutfchen Reformator Blaurer
nennt. Hier hat fchon Keim in feinem kleinen, aber fehr
reichhaltigen Büchlein über Blarer Wandel gefchafft.
Wer heute noch von Blaurer redet, mufs auch den
Ulmer Sam Saum und den Reutlinger Alber Aulber
nennen. Die Oheime des Reformators Abt Gerwig von
Weingarten und den kaiferlichen Finanzbeamten Chri-
ftoph wie das ganze Gefchlecht nennt alle Welt Blarer.
Etwas fchärfer dürften auch die Gefahren hervorgehoben
fein, die aus dem Drang des ökumenifchen Herzens
Butzer's und feiner gefchäftigen Unionsmacherei
hervorgingen. In derFrage der Doppelehe Philipp's (S. 57)
hat Erichfon Luther und Butzer zu hart nebeneinander
gerückt, fo dafs Luther's Name auch Butzer decken
mufs, während doch beide fehr verfchieden zur Sache
flehen. Erichfon fieht mit Recht als letztes Motiv Butzer's
dieBemühung an,den Landgrafen feft bei der Fahne des
Proteftantismus zu erhalten. Die gefchloffene Einheit des
Proteftantismus fleht für Butzer obenan. Dagegen hat
der Anonymus in den Studien und Kritiken, der zuletzt
Luther's Stellung in diefer Frage behandelt hat, gewifs
Recht, wenn er für Luther eine Gewiffensfrage aus der
feelforgerlichen Cafuiftik in Anfpruch nimmt. Der Mann,
der ftets feine eigenen Wege ging, wenn fein Gewiffen
gefangen war, hätte niemals in den Handel Philipp's
blofs deshalb gewilligt, weil diefer fich dem Kaifer hätte
nähern können. Dagegen hatte Butzern fein Unionsdrang
fchon einmal im Abendmahlsftreit einen böfen Streich
gefpielt. Er hat an Blarer das wohlgemeinte, aber zweideutige
Wort vom Jortiter dissimulard gefchrieben;
Zwingli hat fich unwillig und grob von der Vertufchungs-
und Bemäntelungstheologie Butzer's abgewandt. Wenn
Butzer in Gefahr ift, auf dem Altar der Einheit des
Proteftantismus die Reinheit der inneren Ueberzeugung
zu opfern, fo mag der Ultramontanismus, ehe er Butzer
höhnt, in den eigenen Bufen greifen. Der Proteftantismus
aber mufs lernen, welche Gefahren der ungeduldige Einheitsdrang
in fich birgt, der mit theologifchen Diploma-
tenkünften die ruhige, gefunde Entwickelung des kirchlichen
Geifteslebens befchleunigen oder augenblickliche
Schwierigkeiten heben will. Die Schwächen Butzer's aber
werden weit aufgewogen durch den Adel feines Geiftes,
den man nicht fchöner bezeichnen kann als mit dem
Wort eines Zeitgenoffen: ,Wer kam je mit Butzer zu-
fammen, der nicht als ein Befferer von ihm wegging?'

Die zweite der oben genannten Schriften ift nur
für den Gelehrten beftimmt. Sie giebt zunächft ,die Sum-
mary der Predig zu Weifsenburg gethon' in möglichft
genauem Neudruck mit dem alten Holzfchnitt und der
Druckermarke, fo dafs fie als Probe der älteften Druck-

fchriften Butzer's gelten kann. Gerade diefe Erftlingsfchrift
ift geeignet, die ganze Geiftesart Butzer's, wie feine
evangelifche Anfchauung im erften Stadium ihrer Entwicklung
kennen zu lehren. Hier hätte Referent nur den
einen Wunfeh gehabt, dafs in einem Anhang ebenfo
kurze fprachliche Erläuterungen Seite für Seite beigegeben
worden wären, wie fie die Braunfchweiger Lutherausgabe
,für das chriftliche Haus' am Fufs der Seiten
giebt. Die Sprache Butzer's liegt unferer modernen Sprache
fern, hier finden fichAusdrücke, Redensarten, Sprüchwörter
, die für unfer Gefchlecht der Erläuterung bedürfen
. S. 99—164 folgt eine bibliographifche Zufammen-
ftellung der gedruckten Schriften Butzer's. Eine Verglei-
chung mit dem Verzeichnifs, das Baum in feinem Capito
und Butzer gegeben, beweift die Verdienftlichkeit diefer
Arbeit vonDr.Mentz.Eineganze Reihe von Werken Butzer's
war Baum noch entgangen. Mentz führt auch alle einzelnen
Ausgaben von Butzer's Werken auf. Endlich aber
giebt er eine genaue bibliographifche Befchreibung der
einzelnen Druckwerke entfprechend den Grundfätzen
der heutigen Bibliographie mit Angabe der Bibliotheken,
wo diefe Schriften zu finden find. Gerade diefer letztere
Nachweis ift noch befonders dankenswerth. S. 165—174
fetzt Erichfon mit Notizen über den handfehriftlichen
Nachlafs und die gedruckten Briefe Butzer's ein. Erft
weift Erichfon die Standorte für die Originale, zumal für
die Briefe nach. Nach den Originalen giebt Erichfon eine
Ueberficht über die bis jetzt bekannten Sammlungen von
Abfchriften von Butzer's Briefen. Sodannfolgtein Verzeichnifs
der Schriften, in welchen fich gedruckte Briefe von
Butzer finden. Hier wäre noch weitereNachforfchung überaus
erwünfcht. So fehlt bis jetzt noch jeder Nachweis über
den nicht unbedeutenden Briefwechfel Butzer's mit den Predigern
undritterlichen Herren imKraichgau. Im Archiv der
Herren von Gemmingen liefs fich bis jetzt nichts finden.
Gerade diefe Correfpondenz wäre für die Abendmahlsverhandlungen
im Süden von hohem Werthe. S. 175—180
folgen Nachweife über die Literatur, die Butzer behandelt.
Man kann mit Erichfon nicht rechten, dafs er die Werke
über Religionsgefpräche, Reichstage, Unionsbeftrebungen,
Sectenwefen, die Reformationsgefchichten derjenigen
Städte und Länder, in welchen Butzer gewirkt, übergangen
hat. Das Verzeichnifs wäre bei einem fo viel-
feitig in Anfpruch genommenen Mann wie Butzer ftark
angefchwollen, und doch kann man es nur bedauern.
Erichfon und Mentz haben für eine künftige Biographie
Butzer's fo treffliche Vorarbeiten geliefert, dafs man ftets
genöthigt fein wird, fich von ihnen leiten zu laffen. Aber
man kommt jetzt leicht in Verfuchung, diefe und jene
Quelle zu überfehen. So behandelt z. B. Keim in den
Efslinger Reformationsblättern die Butzerifchen Concor-
dienverhandlungen im Kraichgau. Niemand fucht diefe
Dinge bei Efslingen, das mit dem Kraichgau nichts zu
thun hat, und fonft findet fich diefer Gegenftand nirgends
genauer behandelt. Ebenfo giebt Keim überall Auszüge
aus Butzers' Briefen, fo in feinem Blarer, in den Efslinger
Reformationsblättern. Endlich findet fich eine Reihe von
Auszügen aus Butzers Briefen in der Simlcrifchen
Sammlung im 3. Band von Heyd's Herzog Ulrich.
Nicht zu überfehen find die trefflichen Reichstagsberichte
von Hans Ehinger aus Memmingen vom Reichstag in
Augsburg 1580, welche Dobel in feinem Werk: die Reichs-
ftadt Memmingen im Reformationszeitalter abdrucken
liefs, mit ihren Bemerkungen über Butzer.

Nabern bei Kirchheim u/Teck. G. Boffert.

Spiegel, Bernh., Hermann Bonnus, erfter Superintendent
von Lübeck und Reformator von Osnabrück, nach
feinem Leben und feinen Schriften dargeftellt. Nebft
14 Anlagen und 1 Bildnifs von Bonnus. 2. umgearb.