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Ausgabe:

1892 Nr. 10

Spalte:

255-256

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Blau, Ludw.

Titel/Untertitel:

Masoretische Untersuchungen 1892

Rezensent:

Dalman, Gustaf

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 10.

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neben anderem diefen ganzen Abfatz, der aus der ungeheueren
Fülle des Gebotenen doch nur eine ganz kleine
Auswahl halten und die eigene Prüfung des Lefers nicht
erfetzen konnte, zu flreichen, als jene Erwägungen un-
vollftändig und unklar vorzulegen. Für die Ausfüllung
diefer Lücke darf ich jetzt auf Kautzsch's schöne Anzeige
in den Theol. Stud. u. Krit. verweifen.

Auch auf den zweiten Theil des Buches, die Behandlung
der Theologie des Pfalters (S.256—452), einzugehen,
bleibt mir kein Raum mehr; einige Bemerkungen müffen
genügen. Im Ganzen habe ich den Eindruck, als wenn
die Behandlungsweife bei zahlreichen höchft anregenden
Ausführungen und Winken doch einen gefchloffenen Ge-
fammteindruck zu gewinnen nicht leicht mache. Zu Anfang
mag manchen die etwas mifsverftändliche Bezeichnung
des Pfalters als eines Handbuches der kirchlichen
Theologie (liandbook of Church theology) befremden; im
weiteren Verlaufe läfst Cheyne den verfchiedenen reli-
giöfen Strömungen, ja dem Kampfe gegen die herrfchende,
ftreng gefetzliche, alle Gerechtigkeit widerfahren (vgl.
befonders S. 363 ff.). Grofse Sorgfalt ift überall der Frage
nach dem Einfluffe anderer Religionen gewidmet, vor
allem in dem letzten Capitel ,Ewiges Leben, Auferftehung'.
Mit lebhafter Freude begrüfse ich den grundlegenden
Satz S. 267, dafs .Israel von Alters her ein receptives
Volk war'. Freilich gilt mir das viel mehr von feinen
allerälteften Zeiten als von den fpäteften. Alle Gelehr-
famkeit uud aller Scharffinn, die aufgeboten werden,
haben mich wenigftens bisher nicht zu überzeugen vermocht
, dafs ein nennenswerther iranifcher Einflufs zur
Erklärung der Spuren von Unfterblichkeitsglauben, die
fich in den Pfalmen finden, heranzuziehen fei, und ich
mufs es für irreleitend halten, auf Grund diefer Annahme
mehr in den Stellen zu finden, als man ohne dies dazu
Anlafs hätte (vgl. S. 390 fr., befonders 401 f.).

Eine unabfehbare Fülle anregender, vielfach fehr
werthvoller Winke über die verfchiedenften Gegenftände
bergen die auf jede Vorlefung folgenden Anmerkungen.
Mit warmem Danke fühle ich mich verpflichtet, die Ver-
theidigung und Beleuchtung der Geftalt des inzwifchen
zu unfer Aller Trauer abberufenen Meifters Abraham
Kuenen hervorzuheben (S. 209 zu S. 191). Die äufserft
forgfältigen und eingehenden Indices am Ende des Buches
werden es ermöglichen, die überall verftreuten Schätze
zu heben.

Von den beiden Anhängen fei der 2. über die fprach-
liche Seite der Frage (the linguistic affinities of the Psalter,
etwa Sprachliche Wahlverwandtschaften'?) forgfältiger
Beachtung dringend empfohlen. —

Ein Buch, das auf fo ftarken Pfeilern ruht, wie das
vorliegende, das getragen ift von fo tiefer religiöfer
Wärme, fo ausgebreitetem, gründlichemWiffen, jahrzehntelanger
, gewiffenhaftefter Arbeit eines ungewöhnlich fcharfen
und feinen Geiftes, kann nicht anders als reiche Früchte
bringen. Sie werden nicht ausbleiben, felbft wenn alle
hier vorgebrachten Bedenken berechtigt find, wieviel
mehr, wenn ich mich täufche und die neue Strömung,
die hier ihre volle Kraft zum erften Male entwickelt, fie
wirkungslos mit fich fortreifst. Vorläufig habe ich geglaubt
, meinen eigenen Dank dem Verf. nicht beffer be-
weifen und dem grofsen Werke, das er unternommen,
nicht beffer nützen zu können, als indem ich hiemit
diefen grundfätzlichen Bedenken eine neue Form gebe
und um ihre Widerlegung bitte.

Strafsburg i/E. K. Budde.

Blau, Prof.Dr. Ludw., Masoretische Untersuchungen. Strafsburg
i/E., Trübner's Verl., 1891. (61 S. gr. 8.) M. 2.—

Eine Prüfung einiger Bemerkungen der Mafora an
der Hand der bedeutend älteren Mittheilungen in Talmud
und Midrafch war ein verdienftvolles Werk, wenn
auch das Refultat nur eine Befeftigung der Ueberzeugung

ift, dafs die Mafora lediglich über eine zu ihrer Zeit vorhandene
Textgeftalt fichere Auskunft giebt, und dafs ihre
Traditionen auf abfolute Zuverläffigkeit keinen Anfpruch
erheben können. Blau conftatirt S. 6—40 15 Stellen mit
überpunctirten, d. h. für unecht gehaltenen Worten im
Alten Teftament, macht S. 40—45 wahrfcheinlich, dafs
die umgekehrten Nun in Num. 10, 35. 36 und Pfalm
107, 23 ff., 40 für Punkte ftehen, welche ganze Verfe als
kritifch verdächtig bezeichnen follten, nimmt S. 46—49
an, dafs das fchwebende Ajin Job 38, 13 durch Mifsver-
ftand der maforetifchen Bemerkung zu Job 38, 15, das
fchwebende Ajin Pf. 80,14 aus einem die Mitte des Buches
anzeigenden Ajin majusculum entftanden fei, und dafs das
fchwebende Nun Jud. 18, 30 als die Folge einer rabbi-
nifchen Deutung des im Texte fchon vorhandengewefenen
Buchftaben betrachtet werden müffe, während er für das
fchwebende Ajin Job 38, 15 auf eine Erklärung verzichtet
. S. 49—61 folgen Bemerkungen über einige ,Ver-
befferungen der Soferim', ,Worte, die nicht gefchrieben,
aber gelefen werden', und über die dem Midrafch eigene
Ausdeutung von maforetifchen Bemerkungen.

Leipzig. Guftaf Dalman.

Fink, Daniel, Miggo als Rechtsbeweis im babylonischen
Talmud, ein Beitrag zur Kenntnifs der talmudifchen
Methodologie. Inaug.-Diff. Leipzig, [Fock], 1891. (63 S.
gr. 8.) M. 1.50.

Zu den Eigentümlichkeiten des talmudifchen gerichtlichen
Procefsverfahrens gehört es, dafs dem Angeklagten
fo viel Vortheile als möglich gewährt werden,
damit ja keine ungerechte Verurtheilung erfolge. Dem
Angeklagten zu Gute kommende Argumente werden
gern durch die Partikel ,da, weil' eingeführt, was

die Veranlaffung gewefen ift, dafs fpäter der hier in
Frage kommende Rechtsgrundfatz mit dem Namen diefer
Partikel bezeichnet wurde. Die Abhandlung Fink's
befchäftigt fich mit FeiVftellung des dabei zu Grunde
liegenden Princips und fucht die verfchiedenen Möglichkeiten
feiner Anwendung zu erläutern. Wir bedauern,
dafs auf dem Gebiete des talmudifchen Rechts, das
noch fo fehr wiffenfchaftlicher Bearbeitung entbehrt,
kein mehr centraler Gegenftand als Thema gewählt
wurde.

Leipzig. Guftaf Dalman.

Guttmann, Landrabb. Dr. J., Das Verhältniss des Thomas
von Aquino zum Judenthum und zur jüdischen Litteratur.

(Avicebron und Maimonides.) Göttingen, Vanden-
hoeck & Ruprecht's Verl., 1891. (V, 92 S. gr. 8.)
M. 2.40.

Diefe neue verdienftliche Schrift des als genauer
Kenner und forgfältiger Bearbeiter der mittelalterlichen
jüdifchen Religionsphilofophie bekannten Verfaffers behandelt
S. 1—15 Aeufserungen des Kirchenlehrers von
Aquino über das Verhältnis von Juden und Chriften,
nach welchen er fowohl der Kirche als den Landesherren
freie Verfügung über das Vermögen der Juden, die als
Sklaven zu betrachten feien, zuerkennt und in Bezug
auf das Zinsnehmen, das er für Sünde hält, bemerkt,
dafs es zwar nicht angehe, jemanden zu einer Sünde zu
verleiten, indem man ihn veranlafst Geldgefchäfte zu
treiben, dafs es aber erlaubt fei, von folchen, die nun
einmal derartige Gefchäfte treiben, Geld zu leihen, weil
ja auch Gott den Sünden der Menfchen etwas Gutes
abzugewinnen wiffe. S. 16—30 wird gezeigt, wie Ibn
Gabirol's Lehre von der Zufammenfetzung felbft der
geiftigen Subftanzen aus Materie und Form den Wider-
fpruch des Thomas herausgefordert und eine eingehende
Widerlegung diefer Lehre durch ihn veranlafst hat. Zahl-