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Ausgabe:

1892

Spalte:

249-255

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cheyne, Thomas Kelly

Titel/Untertitel:

The origin and religious contents of the Psalter 1892

Rezensent:

Budde, Karl

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Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Kiel.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 10. 14. Mai 1892. 17. Jahrgang.

Cheyne, The origin and religious contents of

the Psalter (Budde).
Blau, Maforetifche Unterfuchungen (Dalman).
Fink, Miggo als Rechtsbeweis im babylonifchen

Talmud (Derf).
Guttmann, Das Verhältnifs des Thomas von

Aquino zum Judenthum und zur jüdifchen

Litteratur (Derf.).
Epftein, Eldad ha-Dani (Derf.).

Epftein, Mofes ha-Darfchan aus Narbonne
(Derf.).

Epftein, Rabbi Simon Kara und der Jalkut

Schimoni (Derf.).
Strack, Der Blutaberglaube bei Chriften und

Juden (Derf.).
Erichfon, Martin Butzer (Bollert).
Zur 400jährigen Geburtstagsfeier Martin Butzers

(Derf.).

Spiegel, Hermann Bonnus (BolTert).
Koldewey, Gefchichte des Schulwefens im Herzogtum
Braunfchweig (Bornemann).
Müller, Natürliche Religion (Befier).

Richter, Die Stimme des Herrn auf den Waffern
(Köftlin).

Prochet, Offener Brief an Herrn Lic. Paftor
Karl Roenneke (O. Harnack).

Cheyne, Prof. Thomas Kelly, M. A., D. D., The origin
and religious contents of the Psalter in the light of Old
Testament criticism and the history of religions.
With an introduction and appendices. Eight lectures
preached before the university of Oxford in the year
1889 on the foundation of the late Rev. JohnjBampton,
M. A., Canon of Salisbury. London, Kegan Paul,
Trench, Trübner, & Co. Ltd., 1891. (XXXVIII, 517 S.
gr. 8.) geb. 16 s.

In einem flarken Bande liegt die lange erwartete Ergänzung
zu Cheyne's Pfalmen - Commentar (vgl. diefe
Z. 4. Mai 1889), die höhere Kritik und die Theologie
der Pfalmen umfaffend, vor uns. Jede Seite zeugt von
raftlofer, hingebender, gewiffenhafter Arbeit; aber der
eigentliche Stempel des Buches, der ihm den gröfsten
Werth, feine eigentliche Anziehungskraft, verleiht, ift der
der Tapferkeit. Die Einleitung entrollt auf S. IX—XXXIV
ein Bild des unermüdlichen Ringens, in dem der Verfaffer
feit mehr als einem Vierteljahrhundert einer freieren, ge-
fchichtlichen Anfchauung vom Alten Teftament in feinem
Vaterlande den Boden bereitet hat, ein Abfchnitt, der
gerade dem deutfchen Lefer viel Neues und Werthvolles
bieten wird. Mufs der Verf. dabei auch von tief fchmerz-
lichen Erfahrungen berichten, find ihm folche auch auf
Grund diefer Vorlefungen nicht erfpart geblieben, fo theilt
er nur das Gefchick aller tapferen Vorkämpfer einer
guten Sache. Möchte es ihm befchieden fein, den Sieg
feiner Sache zu erleben und durch den Dank der Beften
entfchädigt zu werden.

Dafs ihm die höchfte Anerkennung und der warmfte
Dank feiner deutfchen Mitftreiter ficher ift, bedarf nur
darum hier der ausdrücklichen Bezeugung, weil der Bericht-
erftatter, fo fehr er fich der Geilles- und Arbeitsgemein-
fchaft mit dem Verf. bewufst ift, fo gerne er auch fich
die Warnungen vor vorfchnellem Urtheil (S. X) gefagt
fein läfst, doch fchwere Bedenken gegen die Voraus-
fetzungen wie die Ergebnifse des Verf. s um der Sache
willen nicht verfchweigen darf.

Die erfte etwas gröfsere Hälfte des Buches ift der
literargefchichtlichen Frage, der Entftehung des
Pfalters, gewidmet. Im Gegenfatz gegen Hupfeld s Zurückhaltung
der auf die Beftimmung des Zeitalters der einzelnen
ITalmen fo gut wie vollftändig verzichtete .vertritt Cheyne
mit grofser Entfchiedenheit die gefchichtliche Erklärung
(vgl. u. a. S. 93 ff.), fein Zielift es, einem jedenPfalm
feine Entftehungszeit zuzuweifen und ihn aus ihr zu verliehen
Nicht dafs er fich getraute, in jedem einzelnen
Liede ausreichende Zeichen für feine Entftehungszeit aut-
weifen zu können; aber durch das vergleichende Vcr-
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fahren glaubt er der Aufgabe gewachfen zu fein. Schon
oft und an den verfchiedenften Stellen hat Cheyne
auf die Nothwendigkeit aufmerkfam gemacht, gröfsere
Gruppen und Maffen altteftamentlicher Stücke zugleich
ins Auge zu faffen und aus ihrer allgemeinen Haltung
ihre Gleichzeitigkeit zu erfchliefsen, um dann von den
ficheren Zeitmerkmalen des einen aus die übrigen zu be-
ftimmen. Hier wird diefer Grundfatz im umfaffendften
Mafsftabe und mit grofsartiger Umficht zur Anwendung
gebracht. Vom letzten Psalmenbuche aus fchreitet er
rückwärts bis zum Anfang, zieht Gruppe um Gruppe mit
feftem Griff heraus, hebt ihre Verwandtfchaft oder ihren
Gegenfatz hervor, um immer neue Merkmale zu entdecken
, durch die fich dann neue Gruppen zufammen-
fchliefsen und erobern laffen. In des Verf.'s Heimath ift
(im Atlienaeum) die Behauptung gefallen, die Schlufs-
folgerungen feines Buches feien in der deutfchen und
holländischen Schule feit lange feftgelegt worden. Das ift
unrichtig und ungerecht. Die Arbeit Cheyne's ift überall
neu, überall aus einem, eigenem Guffe, fo fehr es fich
von felbft verlieht, dafs Grundfätze und Verfahren nach
ihren einzelnen Seiten hier nicht zum erften Male auf-
geftellt und angewandt werden. Im Unterfchiede von
allen Vorgängern, unter denen zweifellos Julius Olshaufen
den erften Rang einnimmt, umfafst und verwerthet Cheyne
zum erften Male den ganzen Umkreis der Merkmale und
weifs er feine Ergebnifse fo fein zu gliedern, dafs er
Gruppen von Pfalmen aus allen einzelnen Abfchnitten der
nachexilifchen Zeit gewinnt: der Zerubbabel's, der folgenden
Zeit vor Ezra und Nehemia, der Zeit der Reform felbft,
dem Ende der perfifchen, dem Anfang der griechifchen,
der makkabäifchen Zeit, abgefehen von ganz genauen
Datirungen für die einen, der offenen Wahl für eine Reihe
von anderen Pfalmen. Trotz feiner ungemein umfaffenden
Literaturkenntnifs, die fich befondersinden jedem einzelnen
Vortrag folgenden Anmerkungen glänzend offenbart, geht
Cheyne doch überall ganz felbftändig vor und benutzt
die Anfätze der Vorgänger nur als erwünfchte Ausgangspunkte
.

Gerne geftehe ich, dafs ich im Gegentheil ftärkere
Berückfichtigung der Ueberlieferung gleich beim Beginn
der Unterfuchung gewünfcht hätte. In der Einleitung zu
dem Commentar von 1888 S. XIV f. giebt der Verf. ganz
kurze Andeutungen über die Bcifchriften der Pfalmen,
verfpricht von den Ueberfchriften anderswo zu handeln,
aber diefer Band thut der Zufage kein Genüge. Irre ich
nicht, fo läfst fich aus den Buchfchlüffen, den Paralleltexten
, der Elohim-Redaction der mittleren Bücher, den
durch Ueberfchriften bezeichneten Sonderfammlungen,
eine höchft fchätzenswerthe Grundlage für die Gefchichte
des Pfalmbuches gewinnen, und ich fehe nicht ab, warum

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