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Ausgabe:

1892 Nr. 9

Spalte:

231-234

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ficker, Johs.

Titel/Untertitel:

Die Konfutation des Augsburgischen Bekenntnisses, ihre erste Gestalt und ihre Geschichte 1892

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 9.

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studiis, Basti. 1519, die dem Herausg. nicht zugänglich
gewefen ift (S. XXXIII, Anm. 3), bemerke ich, dafs Tie
auf der Univ.-Bibl. in Kiel fowie in Wernigerode vorhanden
ift. Sie ift offenbar Nachdruck des Originals,
deffen Titel fie genau copirt; fie enthält gleich diefem
auf der Titelrückfeite das Gedicht des Joh. v. d. Often,
dann das Widmungsfehreiben an Beckmann, am Schluffe
das griech. Gedicht Mel.'s auf Luther. Angehängt ift aus
Rud. Agricola's de inventione dialectica IIb. II cap. 1. —
Dafs Mel. in diefer Rede (S. 18, 20) unter den von ihm
verächtlich abgelehnten fcholaftifchen Dialektikern auch
Eck nennt, ift von Hartf. mit Recht als ein befonders
bemerkenswerther, ja auffälliger Zug hervorgehoben, da
ja der Ingolftädter Theologe bisher ftets den Freunden
humaniftifcher Bildung beigezählt worden war. Meines
Erachtens zeigt fich an diefer Stelle recht deutlich, wie
fchnell Mel. dem Einflufs des Wittenberger Kreifes, in
den er eben eingetreten war, zugänglich gewefen war.
Es fpiegelt fich hier die Umftimmung des Urtheils wieder,
die Eck's obelisci bewirkt hatten. Dies abfehätzige ihn
den Scholaftikern Zuzählen dürfte fomit wohl das erfte
in einer Druckfchrift über den neuen Gegner gefällte
Urtheil fein, die erfte öffentliche Kriegserklärung.

Kiel. G. Kawerau.

Ficker, Johs., Die Konfutation des Augsburgischen Bekenntnisses
, ihre erste Gestalt und ihre Geschichte. Leipzig,
J.A.Barth, 1891. (CXXXVIII, 194 S. gr.8.) M. 10.—

Man darf es wohl auf Brieger's Anregung zurückführen
, dafs Johannes Ficker feine ganze Kraft eingefetzt
hat, um die durchaus nothwendige Gefchichte der Con-
futation zu einer endgiltigen Löfung zu bringen. Denn
Brieger war es, der zuerft auf die Acten im Vatikanifchen
Archiv und den reichhaltigen handfehriftlichen Apparat
Joh. Fabri's in der Wiener Hofbibliothek aufmerkfam
gemacht hat. Jetzt ift es Ficker gelungen, die erfte
Widerlegung der Augsburgifchen Confeffion, die ,Catho-
lica et quasi extemporalis responsio' aus dem Vatikanifchen
Archiv ans Licht zu ziehen und dazu ein nicht ganz
vollftändiges Exemplar in der Wiener Hofbibliothek bei-
zufchaffen. Allerdings ift die vatikanifche Handfchrift
nur eine im Auftrag Aleander's 1536 gemachte Ab-
fchrift einer Vorlage, die aber dem Originalconcept Eck's
entnommen fein dürfte. Die Wiener Handfchrift hat den
Vorzug, dafs fie als Abfchrift von Eck's Entwurf in den
Sitzungen der Theologen zu Grunde gelegt wurde und
hier eigenhändige Correcturen der Gelehrten erhielt, wie
fie fich aus der Berathung ergaben. Dazu kommt noch
eine Reihe kleinerer Bruchftücke, fodafs es nun möglich
war, die Catholica responsio im lateinifchen Text nach
der vatikanifchen Handfchrift vollftändig, im deutfehen
Text bis zum neunten Artikel mit einem reichhaltigen
kritifchen Apparat und einem Commentar, der aus den
Handfchriften Eck's und Fabri's die Belege giebt, zu
veröffentlichen. Hier fteckt eine gründliche, für weitere
Forfchungen anregende Arbeit, der offenbar Brieger's
treffliche Bearbeitung der Aleander - Depefchen zum
Vorbild gedient hat. Sodann giebt Ficker S. CXIII bis
CXXXIV einen fehr reichhaltigen kritifchen Apparat zu
den folgenden Redactionen der Confutation, die erft recht
verftändlich macht, wie mangelhaft die bisherigen Texte,
auch der von Bindfeil mit Bienenfleifs bearbeitete Text
im Corpus Reformator um, find. Unwillkürlich erwartet
man unmittelbar hinter der catholica responsio nun einen
neuen Text der officiellen Widerlegungsfchrift zu finden.
Aber Ficker begnügt fich, die bei der öffentlichen Ver-
lefung des deutfehen Textes aus Verfehen weggebliebenen
Stücke (Art. XXIV Schlufs, XXV und XXVI), begleitet von
einem kritifchen Commentar mitzutheilen. Im Anhang
folgen u. A. die von Fabri wahrfcheinlich fchon fertig
nach Augsburg mitgebrachten Haereses in sacris conaliis
antea datunatae, per Lutheranos itcrum ab inferis reduetae,

die wohl von Eck für den Kaifer bearbeiteten Monstra
sectarum ex Lutkero et Lutheranis enata (vgl. Ficker's
Nachweis der Parallelen in Eck's Schriften) und Luthcrani
evangelii abominabiles nimiumque perniciosi damnatissimi
fruetus, eine Arbeit, welche nach Ficker Fabri's Geift
athmet. Man lernt fo das ganze Belaftungsmaterial kennen
, mit welchem Eck, Fabri und die ihnen verwandten
Geifter den neuen Glauben, der foeben feinen Zufammen-
hang mit der altchriftlichen Kirche und feine Begründung
in der Schrift glänzend nachgewiefen hatte, bei dem Kaifer
fchlecht zu machen gedachten. Was Ficker hier bietet,
war ein ungemein werthvolles Material für jenen Theil
der Altgläubigen, welcher von vornherein der Reformation
alle Berechtigung beitritt und als letztes Ziel Ausrottung
derfelben mit Feuer und Schwert anftrebte.

Den Gewinn aus den neuerfchloffenen Quellen legt
Ficker in einer ausführlichen Abhandlung über die Gefchichte
der Confutation S. I—CIX dar, in der die Verhandlungen
desReichstagsin Augsburg vielfach in ein neues Licht
treten. Karl V. erfcheint hier von einer viel günftigeren Seite
als früher. Nur allmählich läfst er fich aus der Vermittlerrolle
in die des Vogts und Schirmherrn der Kirche herüberziehen
, aber überall will er noch auf gütlichem Wege
vorgehen. Seine fpanifchen Rathgeber, die aus einer
immerhin bis auf einen gewiffen Grad reformirten Kirche
hervorgehen, find andere Leute als Eck, Fabri etc. und
flehen auch Rom viel unabhängiger gegenüber, als jene.
Maurenbrecher's Aufftellungen gewinnen durch Ficker
an innerer Berechtigung. Ficker hätte fich feine Arbeit
wefentlich erleichtert und manche Frage, die er noch
ungelöft laffen mufste, zum Abfchlufs gebracht, wenn er
den Männern, welche an der Confutation von Anfang
an mit gearbeitet, genauer nachgegangen wäre. Aber
er findet den Lefer mit einer kurzen Anmerkung S. XX
Note 1 ab und verweift auf Veefenmeyer .Kleine Beiträge
zur Gefchichte des Reichstags in Augsburg'. Aber wie
lückenhaft ift dies kleine Buch! V. wufste z. B. noch
nicht, dafs Joh. Burkhardi Dominikaner war. Erft aus
den Aleander-Depefchen wiffen wir, dafs er fchon
in Worms eine Rolle gefpielt hatte. Falfch ift, dafs er
1531 nur als Stellvertreter Balth. Sattler's in Efslingen
war. Für Dietenberger ift zwar in den letzten Jahren
Manches gefchehen, aber es genügt nicht. Joh. Wierten-
berger ift ein Schreibfehler für Dietenberger (/. c). Von
Thoman weifs Veefenmeyer gar nichts zu fagen. Bruder
Medardus, der Hofprediger K. Ferdinand's, ift felbft nach
feinem Familiennamen noch unbekannt und doch predigte
er fchon 1529 neben Joh. Fabri und Bruder ,Fyen-
zelig' d. h. Ant. Pirata in Speier. Ueber Joh. Menfing find
wir noch gründlich fchlecht unterrichtet. Bei näherer
Befchäftigung mit diefem Manne wäre Fickern wohl
klar geworden, dafs kaum ein anderer als er der Ver-
faffer der Bearbeitung des vierten Artikels im erften
Verfuch der Confutation fein kann. Vgl. S. XXX. Man
vergleiche die Charakteriftik Menfing's bei Veefenmeyer,
man beachte, wie Menfing gerade den von Eck in die
Catliolica responsio herübergenommenen, wenn auch überarbeiteten
vierten Artikel veröffentlichte (S. CXII). Den
endgiltigen Beweis könnte allerdings nur eine Hand-
fchriftenvergleichung liefern. Genauere Nachforfchung
über den Lebensgang und Charakter der Theilnehmer
wie Vergleichung der Handfchriften kann auch fonft
helfen, wo Ficker mit einem non liquet fchliefst. Man
wird volle Klarheit gewinnen über die Commiffionsthätig-
keit, welche Eck's Arbeit an der Catholica responsio gewidmet
war, weiter z. B. über die beiden Gelehrten, deren
Hand Ficker nicht feftftellen konnte (M III und M IV),
wie über die Männer, welche die von Ficker fcharf
und klar charakterifirte Revifion vornahmen, ebenfo die
Räthe, die noch einmal änderten (S. LXXVII vgl. noch
LXXXVII und XCVI). Ganz befonders dürfte man zu-
nächft die Frage ins Auge faffen, wie weit der badifche
Kanzler Dr. Hieronymus Venus bei der Confutatio