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Ausgabe:

1892 Nr. 9

Spalte:

229-231

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Lateinische Literaturdenkmäler des XV. und XVI. Jahrhunderts. 3. u. 4. Heft 1892

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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22g Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 9. 230

halten. — Dafs W. fich diefe Methode nicht zu eigen
gemacht hat, dürfte die oben gegebene Inhaltsüberficht
zur Genüge erweifen. Die einzelnen Themata ftehen in
lofer, vielfach recht unklarer Verbindung; es fei noch
auf S. 18, 30, 32, 34, SS, 57, 58 in diefer Beziehung ver-
wiefen. Die lateinische Sprache dient nicht dazu, ein
tieferes Verftändnifs des Zufammenhangs zu befördern,
zumal der Ausdruck hie und da ein recht fchwerfälliger
ift. Möchte der Verfaffer, der fich mit dem Stoff nun
völlig vertraut gemacht hat, noch einmal die Unterfuch-
ung aufnehmen und dabei dem hiftorifchen Problem
näher treten.

Marburg i. H. Bernhard Befs.

Lateinische Literaturdenkmäler des XV. und XVI. Jahrhunderts.

Hrg. von Max Herrmann und Siegfr. Szamatölski.

3. u. 4. Heft. Berlin, Speyer & Peters, 1891. (8.)
M. 4. 60.

Inhalt: 3. Thomas Naogeorgus, Pammachius. Hrsg. von
Johs. Bolte und Erich Schmidt. (XXVI, 151 S.) M. 2. 80. —

4. Philippus Melanchthon, declamationes. Ausgewählt und hrsg.
von Karl Hartfelder. (XXXIX, 68 S.) M. 1. 80.

Auch Heft 3 und 4 der Sammlung, deren erfle Hefte
im vorigen Jahrgang Sp. 380 angezeigt wurden, bringen
Schriftftucke zum Abdruck, deren Verfaffer ebenfo wie
die Gegenftände, die fie behandeln, dem Theologen Inter-
effe bieten. Der Verf. der erftgcnannten Schrift, Thomas
Naogeorgus (Kirchmeyer) wird zwar in Herzog's Rcal-Enc.
nicht genannt, ift aber dem Reformationshiftoriker ebenfo
wegen feines Conflictes erft mit Aquila, dann mit den
Wittenberger Theologen, wie wegen feiner zahlreichen
fatyrifch-polemifchen Dichtungen gegen das Papftthum
wohl bekannt (vgl. Strobel, Miscellaneen III 107 ff.; Döl-
linger, Reformation II 134 ff.; Holftein, Die Reformation
im Spiegelbilde der dramat. Liter. S. 198 ff.). Was uns
J. Bolte und E. Schmidt hier in getreuem Abdruck und
mit vorzüglicher Einleitung bieten, ift das erfte jener
fatyrifchen Dramen, die wir von Naogeorg befitzen, fein
Pammachius. Diefes enthält fich der Bezugnahme auf
die Reformationsgefchichte felbft. Mit dem 4. Act fchliefst
das Stück; ,einen 5. Act giebt es nicht; den hat ja Luther
felbft gelebt und gefchrieben'. Der Gegenftand, den der
Dichter behandelt, ift das Wachsthum und Ausreifen des
Papftthums zur Höhe feiner Machtanfprüche, zur Herrfchaft
über das Kaiferthum, — aber eben darin zur völligen
Verleugnung der Wahrheit und zur Aufrichtung des
Antichriftenthums. Da wird in Act 4 die vom Papfte
vertriebene /Wahrheit', von .Paulus' geleitet, zu dem
,Theophilus' in der kleinen Stadt an der Elbe gefchickt:
. . . Illuvi Utas doce vias, Ut papatus cuncta patefaciat
ulcera, Ut somnolentos Germanos excitet et ut E templo
rursus pellat nutntnularios . . . Das Stück erhebt fich be-
fondcrs im 3. Act zu dramatifcher Höhe, wenn der
fchwache Kaifer dem Papft zu Füfsen liegt und diefer
triumphirend fein ,Super aspidcm basiliscumque ambu-
labis etc.' ausruft, oder wenn der Papft als zweiter Gott
feine 6 Schöpfungsworte fpricht und auf fein Geheifs
Cardinäle, Mönche, Canoniker, Tempel, Reliquien, Heiligenbilder
erflehen, fodafs der Rathgeber des Papftes
felbft, erfchrocken vor der Fülle diefer Creaturen, ihm
zuruft: ,Cessa, rogo, et die quiesce septimo! Equidem
Satanas creaturas has mirabitur . . : Das Auffehen, das
diefe 1538 vollendete, Thomas Cranmer gewidmete, aber
auch mit poetifchem Grufs an Luther ausgeftattete Dichtung
hervorrief, beweifen uns die zeitgenöffifchen Ueber-
fetzungen. Neben einer verlorenen englifchen und einer
noch erhaltenen böhmifchen verzeichnen die kundigen
Herausgeber 4 (refp. 5) deutfche, und zwar von einander
unabhängig erfchieneneUebertragungen; die 5., von Georg
Bömiche (Magdeb. 1565), ift eine freie, ftark verkürzende
Bearbeitung. Einen befonderen kritifch-äflhetifchen Ge-

nufs bietet die von den feinfinnigen Herausgebern gebotene
Charakteriftik und Vergleichung diefer verfchie-
denen deutfchen Ueberfetzungen in Bezug auf die ver-
fchiedene Weife, wie fie die Ueberfetzerkunft ausüben.
Es ift merkwürdig, dafs dabei die vom Dichter felbft
befürwortete und empfohlene Ueberfetzung Tirolfs (1540)
am fchlechteften wegkommt; die von Tirolf gekannte
und vermeintlich übertroffene Arbeit von J. Menius ift,
wie die Herausgeber überzeugend darthun, bei weitem
der feinigen vorzuziehen. Ein lehrreiches Beifpiel dafür,
dafs der Autor felbft nicht immer in eigener Sache der
competentefte Beurtheiler ift. — Ich habe zu der trefflichen
Ausgabe nur anzumerken, dafs der Lefer unter
den Literaturangaben einen Hinweis auf die bekannte,
oben angeführte Schrift Holftein's vermifst. — In Nr. 4
hat Hartfelder, der verdiente Verf. des Werkes .Melanchthon
als Praeceptor Germaniae1, Berlin 1889, ein erftes
Heft Melanchthon'fcher Declamationes zufammengeftellt,
und zwar folche, welche fich auf Pädagogik und Schul-
wefen beziehen: de artibus liberalibus (1516?), Corp. Ref.
XI 1—14; de corrigendis adulescentiae studiis, die Wittenberger
Antrittsrede 1518, CR. XI 15—25; eloquentiae
encomium 1523, CR. XI 50—66; in landein novae scholae,
Nürnberg 1526, CR. XI 106—III; de miseriis paedago-
gorum (1526? jedenfalls vor 1533) CR. XI 121 —130.
Höchft dankenswerth find die mannigfaltigen Zuthaten
des Herausgebers in der ausführlichen Einleitung. Er
orientirt hier über den Begriff Declamatio und deren Einführung
in Wittenberg, erläutert die verfchiedenen Gattungen
diefer Reden je nach den verfchiedenen Anläffen,
um deren willen fie angefertigt wurden, namentlich die
Declamatio als regelmäfsig angeftellte Redeübung und
als Gelegenheitsrede. Dann erörtert er auf Grund eines
reichhaltigen Zeugenverhörs die Frage nach der Echtheit
der in den Sammlungen unter Mel.'s Namen überlieferten
Declamationes, auch in den Fällen, wo die erften
Sonderdrucke andere Verfaffer nennen. Er macht glaubhaft
, dafs auch angefehene akademifche Docenten es
nicht unter ihrer Würde hielten, von Mel. (ich Reden
ausarbeiten, zugleich aber diefelben unter ihrem eigenen
Namen drucken zu laffen. Mit Recht aber erhebt er
die Forderung, dafs bei den hier etwa in Frage kommenden
Schriften in jedem einzelnen Falle der Nachweis
Melanchthon'fcher Herkunft befonders zu erbringen fei.
ivin nachfolgender Abfchnitt befpricht den Werth jener
zahlreichen Reden nüchtern und unbefangen. Dann giebt
der Herausg. Erläuterungen zu den einzelnen in diefem
Heft mitgetheilten Reden, zunächft in Bezug auf Anlafs
und Thema, dann in bibliographifcher Beziehung, endlich
auch einen fachlichen Commentar, der über die in den
Reden erwähnten Perfonen und Kunftausdrücke belehrt
und — eine recht mühfame Arbeit — die zahlreichen
Citate, befonders aus den Claffikern, nachweift. Diefe
Arbeit ift um fo dankenswerther, als der Abdruck der
Declamationes im Corp. Ref. in diefer Hinficht gar nichts
geleiflet hat. In fpäteren Heften der Sammlung follen
weitere ausgewählte Declamationes veröffentlicht werden.
—Auch hier bleibt dem Referenten nur wenig anzumerken.
Zu S. 32, 2, wo Mel. über elegantiae contemptores klagt,
welche überfetzt hätten: ex multis facierum personis, notirt
Hartf. mit Recht 2 Kor. 1, 11. Nur wäre daran zu erinnern
, dafs Mel., aus dem Gedächtnifs citirend, den
Vulgata-Text ungenau wiedergab; er lautete damals
— die jetzt gültige Vulg.-Recenfion hat corrigirt —: ,ex
midtarum personis facierunr. Schon Erasmus hatte fich
daran geftofsen und es einen locus obscure redditus genannt
. Mel. fchwebte wohl diefes Tadelwort in Erinnerung
. Zu 18, 16 (über das Doctrinale Alexandri) erwartet
man den Hinweis auf Neudecker's Arbeit, Pirnaer Programm
von 1885; denn Hartfelder's eigener Auffatz in
Hiftor. Zeitfchr. 64, 94, auf den er ftatt deffen verweift,
bringt ja an diefem Punkte nur einige Auszüge aus Neu-
decker. Betreffs der Ausg. der Rede de corrig. adolesc.

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