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Ausgabe:

1891

Spalte:

617-619

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Brückner, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die chronologische Reihenfolge, in welcher die Briefe des Neuen Testaments verfasst sind 1891

Rezensent:

Holtzmann, Oskar

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Kiel.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C, Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 25.

12. December 1891.

16. Jahrgang.

Brückner, Die chronologifche Reihenfolge, in
welcher die Briefe des Neuen Teftaments
verfafst find (0. Holtzmann).

Chase, The Lords Prayer in the Early Church
(Dalman).

Kühner, Auguftin's Anfchauung von der Er-

löfungsbedeutung Chrifti (Loofs).
Der Briefwechfel des Conradus Mutianus, gefam-

melt und bearbeitet von Gillert (Kawerau).
Rauwenhoff, Religionsphilofophie (Thoenes).

Kraufs, Lehrbuch der praktifchen Theologie,

I. Bd. (Köftlin).
Rönneke, Pius' IX Encyklika und Syllabus

(Fay).

Bender, Die Stellung des evangelifchen Chriften
zu der römifchen Kirche (Fay).

Brückner, Wilh., Die chronologische Reihenfolge, in welcher
die Briefe des Neuen Testaments verfasst sind, infofern
diefe abzuleiten ift fowohl aus ihrer gegenfeitigen
Uebereinftimmung und gegenfeitigen Verfchiedenheit,
als aus dem in den fpäteren Briefen gemachten
Gebrauch von Worten und Citaten, die in den früheren
vorkommen. Von der Teyler'fchen Theolo-
gifchen Gefellfchaft gekrönte Preisfchrift. Haarlem,
de Erven F. Bohn, 1890. [Leipzig, Harraffowitz.j
(XXV, 306 S. gr. 8.) M. 6.—
Diefe von der Teyler'fchen Theologifchen Gefellfchaft
gekrönte Preisfchrift enthält den gröfsten Theil von
dem, was in der fogenannten fpeciellen Einleitung in das
N. T. vorgetragen zu werden pflegt. Nicht berückfich-
tigt find die Evangelien und die Apokalypfe; die Apoftel-
gefchichte mufste nothwendig vielfach zur Befprechung

Bemerkungen von Schädel im Programm des Ludwig-
Georgs-Gymnafiums zu Darmftadt, Oftern 1887).

Mehr Zuftimmung findet Brückner jedenfalls in den
folgenden Capiteln, in welchen er die Zufammengehörig-
keit der vier paulinifchen Hauptbriefe bezüglich des dog-
matifchen Gehaltes, der bekämpften Gegner und fchliefs-
lich bezüglich der Abfaffung durch den Heidenapoftel
Paulus nachweift. Doch mufs ich auch hier die Ausführungen
Brückners etwas allgemein, wenig fcharf und
darum wenig beweiskräftig finden. Am beften ift wohl
S. 127—132 die Betonung des perfönlichen Moments in
diefen Briefen gelungen. Dagegen kann ich keineswegs
glauben, dafs die Apoflelgefchichte ihre Erzählung von
der Bekehrung des Paulus dem Galaterbrief entnommen
habe (S. 143); vielmehr halte ich Act. 26 für die Quelle
von Act. 9 und 22.

Hinflchtlich der chronologifchen Reihenfolge der
vier Hauptbriefe fetzt Brückner den Galaterbrief hinter

kommen, wenn auch die geftellte Aufgabe fie nicht aus- den erften Korintherbrief. Das .halte ich für möglich;

drücklich nennt.

Brückner geht vom Verhältnifs des erften Petrusbriefes
zu der übrigen neuteftamentlichen Briefliteratur
aus und glaubt, ,mit unzweifelhafter Sicherheit' nachweifen
zu können, dafs die Briefe an die Römer und die
Galater, fowie der an die Hebräer dem Verf. des erften
Petrusbriefes bekannt waren, dafs aber der Epheferbrief,
der erfte Timotheus- und Titusbrief, der Jakobus-, Judas-
und zweite Petrusbrief in Abhängigkeit vom erften Petrusbrief
gefchrieben find und allo einer fpäteren Zeit
angehören, während die fonftigen neuteftamentlichen
Brfefe in keinem deutlich erkennbaren Verhältnifs zum
erften Petrusbrief flehen (S. 66).

Fleifs und Scharffinn des Verf's. in Beftimmung diefer
Verwandtfchaftsverhältnifse können ja nur anerkannt werden
; aber ob feine Ergebnifse überall den von ihm erwarteten
Beifall finden werden, ja ob fie in allen Stücken
diefen Beifall verdienen, ift doch fraglich. Jeder, der
einmal folche Arbeit gethan oder auch nur die Arbeit
Brückner's forgfältig verfolgt hat, weifs, wie unficher
und fchwankend die Entfcheidung über das Früher und
Später in Frage literarifcher Abhängigkeit oft] ift.
Schon das Ob und Wieviel der Verwandtfchaft läfst fich
nicht leicht beflimmen.

Weiter findet Brückner, dafs der erfte Petrusbrief
jedenfalls in die Zeit der Chriftenverfolgung des Trajan
(112—117 n. Chr.) gehört (S. 77). Er behauptet dies mit
gröfster Zuverficht (S. 80). Ich bin ja einer folchen Da-
tirung des Briefes nicht abgeneigt, aber die Zuverficht
des Verf's. kann ich fchon deshalb nicht theilen, weil der
Brief des Plinius und das Edict des Trajan fich doch
nur auf das allerdings in der Adreffe des erften Petrusbriefs
auch genannte Bithynien beziehen, und weil aufser-
dem der Briefwechfel zwifchen Plinius und Trajan überhaupt
nicht von unbezweifelbarer Echtheit ift (vgl. die

dagegen gfaube ich nicht, dafs das zwifchen unferen
erften und zweiten Korintherbrief an diefelbe Adreffe
gerichtete Schreiben des Apoftels mit Hausrath in 2 Cor.
10—13 wiedergefunden werden darf. Die flüchtige Art,
mit der Brückner ftellenweife arbeitet, tritt für mich
deutlich in dem Satze S. 191 hervor: ,Von Felix und
Feftus wird der Apoftelgefchichtfchreiber doch nur durch
Jofephus einige Kenntnifs gehabt haben'. Warum denn?

Den erften Theffalonicher- und den Philemonbrief
betrachtet Brückner als echtpaulinifch; aus dem Philipperbrief
will er 1, 18; 2, 6. 7 und, weil er doch einmal bei
diefer Arbeit ift (S. 222), auch die Bifchöfe und Diakonen
in 1,1 als fpätere Einfchaltungen ausfcheiden. Aber wer
mag fich unterwinden, dem reichen Gemüth des
Apoftels die 1,18 ausgedrückte friedfertige Stimmung
für alle Zeit abzufprechen? Und bei 2, 6. 7 hat Brückner
die Stelle 2 Cor. 8, 9 dt' vpäg snxioxtvaev nkovoiog wv
einfach überfehen. Den Hebräerbrief fetzt Brückner
zwifchen 60 und 112, weil er die paulinifchen Briefe benützt
und felbft im erften Petrusbriefe benützt wird.

Die Abfaffungszeit des zweiten Theffalonicherbriefes
wird dadurch beftimmt, dafs er einmal die chriftliche
Apokalypfe vorausfetze (was nur fehr ungenügend begründet
wird) und andererfeits eine Literatur von unechten
Paulusbriefen kenne (S. 256). Epheferbrief und
Kolofferbrief werden als antignoftifch gerichtete und doch
gnoftifch beeinflufste Werke eines Verfaffers beurtheilt,
nachträglich aber — wieder in fehr oberflächlicher Weife
(S. 275. 276) — eine paulinifche Grundlage des Koloffer-
briefs feftgehalten. Von den ebenfalls antignoftifch gerichteten
Paftoralbriefen gilt der zweite Timotheusbrief
als der ältefte, die beiden andern fetzen Kenntnifs des
erften Petrusbriefs voraus, alle drei flammen aber von
demfelben Verfaffer.

Der Jakobusbrief, deffen griechifcher Briefgrufs

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