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Ausgabe:

1891 Nr. 17

Spalte:

420-421

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Laible, H.

Titel/Untertitel:

Jesus Christus im Thalmud. Mit einem Anhange: Die thalmudischen Texte 1891

Rezensent:

Siegfried, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 17.

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Buch der Jubiläen (S. 193—236), nach D. wie nach
den meiften Kritikern fpäter als Henoch, aber früher als
die Teftamente der zwölf Patriarchen. — 7. DieAfcenfio
Jefajae (S. 236—275), bei deren Analyfe fich D. ganz an
Dillmann anfchliefst. — 8. Die fibyllinifchen Orakel
(S. 276—344), welche von D. ebenfalls im Anfchlufs an
die jetzt durchfchnittlich herrfchenden Anfchauungen
befprochen werden.

Schon diefe Andeutungen zeigen, dafs Deane's Re-
fultate nicht gerade neu find. Mit gefundem Tacte,
welcher ihn nur bei den Teftamenten der zwölf Patri
archen verlaffen hat, folgt er denjenigen Anfchauungen,
welche fich der Mehrzahl der neueren P'orfcher bewährt
haben. Seine Kenntnifs der Literatur ift für diefen
Zweck ausreichend, aber freilich nicht erfchöpfend. Der
Hauptwerth feiner Darftellung liegt in den reichhaltigen
Mittheilungen über den Inhalt der befprochenen Schriften
. Ueber manche andere Punkte find dagegen —■
diefe oratio pro domo mag noch geblattet fein — in des
Referenten auch ins Englifche überfetzten ,Gefchichte
des jüdifchen Volkes' genauere und vollftändigere Nachweife
zu finden.

II. Die Arbeit Thomfon's fucht, wie der Titel befagt,
einen directen Einflufs der apokalyptifchen Literatur auf
Chriftus und die Apoftel nachzuweifen. Im erften Theile
werden die allgemeinen Zuftände des jüdifchen Volkes im
Zeitalter der Apokalyptik gefchildert (S. 19—189). Es
werden die politifchen Zuftände kurz gezeichnet, dann der
Reihe nach die verfchiedenen Parteien und geittigen Strömungen
vorgeführt: Samaritaner, Sadducäer, Pharifäer,
Effener, die Apokryphen-Literatur, der Alexandrinismus,
die nicht -apokalyptifche paläftinenfifche Literatur. Am
eingehendften find die Effener behandelt, weil der Verf.
ihnen die gröfste Bedeutung für die behandelte Frage
zufchreibt. Er glaubt, dafs die apokalyptifche Literatur
wefentlich aus ihren Kreifen hervorgegangen ift; fie find
the writers of the Apocalyptic books (p. 97); und er glaubt,
dafs Chriftus ,in gewiffem Sinne ein Mitglied der Secte
der Effener war' (p. 120: that our Lord was in some
Sense a member of the sect of the Essenes). Er fei es
zwar nicht in dem Sinne gewefen, wie Paulus ein Pharifäer
war (p. 120). ,Wir meinen nicht, dafs er durch ihre
Grundfätze gebunden oder ganz durch ihie Lehren gebildet
war. Er war göttlich und ftand darum in einer
völlig freien Beziehung zu der Schule und ihren Meinungen
'. Aber ,betreffs des Ausgangspunktes feiner
Seibitoffenbarung war er Einer vom Orden der effeni-
fchen Secte' (S. 121). Trotz diefer Einfchränkung ift die
aufgehellte Thefe doch eine recht unerfreuliche Aufwärmung
eines Einfalles der Aufklärung, den man für
abgethan halten durfte. Wie dürftig find die Berührungspunkte
des Evangeliums Jefu Chrifti mit der effe-
nifchen Lehre und wie völlig entgegengefetzt ift der
geiftige Gehalt beider Erfcheinungen. Hier eine Steigerung
des pharifäifchen Wefens, (trengfte Sabbathfeier,
endlofe Wafchungen, ein peinliches und ängftliches Rein-
heitsftrcben, welches noch über das pharifäifche hinausgeht
— alfo eine fittliche Anfchauung, deren Wefen die
innere Unfreiheit, das gefetzliche Gebundenfein an äufsere
Obfervanzen ift; in der Verkündigung Chrifti dagegen
die principielle Oppofition gegen den Pharifäismus, die
Bekämpfung alles gefetzlichen Wefens, die freiefte Stellung
gegenüber dem Sabbathgebot, die Aufhebung des
Principes der levitifchen Reinheit durch Aufhellung des
Gefichtspunktes, dafs nichts, was in den Mund eingeht,
den Menfchen verunreinigt, eine Ethik, welche nur die
Gefinnung für das entfcheidende erklärt, nicht irgend
welches äufsere Thun als folches. Wer fich nicht an
ein paar einzelne Berührungspunkte hält, fondern die
geihigen Erfcheinungen in ihrem Kernpunkte erfafst,
wird hier nicht an eine Abhängigkeit denken können. —
Auch die andere Thefe Thomfon's, dafs die Effener ,die
Schreiber der apokalyptifchen Bücher' gewefen feien,

ih in diefer Allgemeinheit fehr unwahrfcheinlich. Sie
bleibt nur für einzelne derfelben eine Möglichkeit.

Im zweiten und dritten Theile behandelt Thomfon
die wichtigften uns erhaltenen jüdifchen Apokalypfen,
und zwar in der Art, dafs im zweiten Theile Inhaltsüberfichten
gegeben, im dritten die Bntftehungsverhält-
nifse unterfucht werden. Eingehend find namentlich
folgende fünf Werke behandelt (von welchen einige
freilich nur im weiteren Sinne als .Apokalypfen' bezeichnet
werden können): 1) Das Buch Henoch (S.225

— 248, 389—411). Für die älteften Stücke desfelben
hält der Verf. die Bilderreden Cap. 37—71 und Cap. 92

— 99, welche er demfelben Verfaffer zufchreibt; darauf
folgen die in beide Abfchnitte eingefprengten noachi-
fchen Stücke, hierauf Cap. I—36, 72—91, 100—107
welche drei Stücke von einem Verfaffer herrühren, endlich
als letzte Zuthat Cap. 108 (f. die Ueberficht S. 397,
wo aber Cap. 92, 99 nach S. 401 zu corrigiren ifl in 92

— 99). Die Bilderreden fetzt Th. noch in die vor-
makkabäifche Zeit, die übrige Hauptmaffe in den Anfang
der makkabäifchen Zeit um 160 vor Chr. (S. 405). Seine
Anficht berührt fich alfo am nächften mit derjenigen
Ewald's (Priorität der Bilderreden vor dem Uebrigen),
nur dafs er in der Anfetzung der Abfaffungszeit noch
höher hinaufgeht als diefer. — 2) Am originellften ift
feine Anficht über die Apokalypfe des Baruch
(S. 253—267, 414—421), in welcher er nicht die Zer-
Itörung Jerufalems durch Titus, fondern die Eroberung
Jerufalems durch Pompejus vorausgefetzt findet, weshalb
er die Abfaffung um 59 vor Chr. anfetzt (S. 421). —
3) In den Pfalmen Salomo's (S. 268—296, 423—432)
erkennt auch Th. wie alle neueren Forfcher die zwcifel-
lofe Bezugnahme auf den Sturz der Hasmonäer durch
Pompejus und den Tod des Pompejus an. — 4) Das
Buch der Jubiläen (S. 297—320, 433—439) fetzt er in
das Decennium zwifchen 5 vor und 6 nach Chr., eine
Anfetzung, gegen welche nur einzuwenden ift, dafs wir
die Dinge leider nicht fo genau wiffen können. —
5) Dasfelbe gilt auch in Betreff der Assumptio Mosis
(S. 321—339, 440—450), welche nach Th. genau im J. 6
nach Chr. verfafst ift.

Thomfon geht häufiger als Deane feine eigenen
Wege. Die Neuheit der Anflehten ift aber nicht immer
ein Gradmeffer ihres Werthes. Auch bei Th. dürfte
diefe Wahrheit zutreffen.

Kiel. E. Schürer.

Laible, H., Jesus Christus im Thalmud. Mit einem Anhange
: Die thalmudifchen Texte, mitgeteilt von Lic.
Dr. Guftaf Dalman. [Schriften des Institutum Judaicum
in Berlin, Nr. 10.] Berlin, H. Reuther, 1891. (VI, 96
u. 19 S. gr. 8.) M. 2.40.

In der Zeitfchrift ,Nathanael' Jahrg. VI (1890) S. 1—39.
73—127 hat L. eine Studie veröffentlicht über die thalmudifchen
Stellen, in denen Ausfagen über Jefus, feine
Perfon, fein Wirken und feinen Tod vorkommen. Diefe
mit grofsem Fleifs und vieler Sorgfalt ausgeführte Unter-
fuchung erfcheint hier in einem Sonderabdruck, der dadurch
einen höheren Werth erhält, dafs ihm von dem
rühmlichft bekannten chriftlichen Forfcher in jüdifcher
Literatur G. Dalman ein genauer Abdruck der thalmudifchen
Originaltexte und zwar nach uncenfirten
Drucken beigefügt ift. Da folche Thalmudausgaben fehr
fchwer zu erlangen find, fo ift diefe Zugabe aufserordent-
lich dankenswerth, denn nun können Polemik wie Apologetik
in diefer Frage von einem urkundlich geficherten
Boden aus vorgehen. Zu bedauern ift, dafs L. den wiffen-
fchaftlichen Charakter feiner Arbeit an einzelnen Stellen,
vgl. z. B. S. 73, dadurch beeinträchtigt, dafs er den chriftlichen
Quellen gegenüber auf diejenige Kritik verzichtet,
welche er bei den jüdifchen recht gut zu handhaben