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Ausgabe:

1888

Spalte:

140-143

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ziegler, Karl Wilh.

Titel/Untertitel:

Zum Entscheidungskampf um den christlichen Glauben in der Gegenwart 1888

Rezensent:

Haering, Theodor

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Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 6.

fchen Wirkfamkeit und Bestrebungen eine angemeffene
und gründliche Würdigung feiner Stellung als Staatsund
Wirthfchaftspolitiker, dazu eine gehörige Vergleich-
ung und Parallelifirung mit den damaligen Zeitgenoffen
und eine angemeffene Einordnung in die Gefammt-
Reformationsgefchichte verlangt, fo kann man fich
nicht leicht ein Werk vorftellen, in welchem diefen
Forderungen des fachverftändigen Recenfenten weniger
entfprochen würde als bei Radlkofer. Ebenfowenig
kann bei diefem von einer lebendigen anfchaulichen
Schilderung des vielbewegten Lebensganges unferes Reformators
' (Schum a. a. O.) die Rede lein; das verhindert
fchon die oben dargelegte chronologifche Methode unferes
Autors, wozu noch kommt, dafs derfelbe es liebt,
zu den einzelnen Lebensnachrichten die bezüglichen
Quellenangaben, felbft in fremden Sprachen, ihrem ganzen
Umfang nach, fammt ausgeführten kritifchen Erörterungen
über diefelben dem Texte einzuverleiben. —
Indefs hat es Radlkofer nicht ausfchliefslich mit Eberlin
zu thun. Zwifchen die Capitel, welche diefen behandeln
, finden fich umfangreiche Abfchnitte eingefchoben,
welche auf den Namen Jakob Wehe's, des Predigers von
Leipheim, eines angeblichen Vetters Eberlin's, gehen,
den, auf diefes Verwandtfchaftsverhältnifs geftützt, Radlkofer
neben E. zum Helden feines Buches gemacht hat.
Freilich wiffen wir über Wehe's Lebenslauf fo gut wie
gar nichts, und wenn trotzdem von den 583 S. des
Textes nur 267 Eberlin gewidmet find, alfo faft 20 Bogen
für Wehe übrig bleiben, fo ift das nur dadurch erklärlich
, dafs hier eine Abfchweifung die andere, ein Auszug
den anderen ablöft. Nach Raifer's Guntia, dann nach
Brunner's Beiträgen zur Gefchichte der Markgraffchaft
Burgau wird uns zuerft die Vorgefchichte von Günzburg
vom römifchen Kaifer Claudius an gefchildert, nach anderen
Werken (z. Th. allerdings auch nach eigenen
archivalifchenForfchungen des Verf.'s) folgt die Gefchichte
von Leipheim, fodann die Reformationsgefchichte von
Memmingen nach Rohling und Dobel, die Reformationsgefchichte
von Ulm nach Keim; dann erft hören wir
einiges über den Pfarrer Wehe, die Hauptfache ift hier
freilich ein 24 Seiten langer Auszug aus Eberlin's diefem
gewidmeter Schrift ,Wie fich ein Diener Gottes Worts etc.'.
Im folgenden ift dann von Wehe noch auf höchftens
10 Seiten zufammenhängend die Rede, die fein bekanntes
Ende fchildern; bis wir aber foweit kommen, haben
wir uns noch durch mehr als 10 Bogen durchzuarbeiten,
welche fich mit den oberfchwäbifchen Bauernerhebungen
befaffen. An fich find diefe Abfchnitte nicht ohne Ver-
dienft. In forgfamer Benutzung des neuerdings durch
Baumann u. A. publicirten Materials zur Gefchichte des
Bauernkrieges, welches Verf. durch eigene archivalifche
Forfchung — in den Archiven zu Augsburg, Ulm, Wertheim
, Stuttgart, München, Innsbruck und Günzburg —
zu vermehren bemüht gewefen ift, wird namentlich die
Gefchichte der fog. chnftlichen Vereinigung und des zu
derfelben gehörigen Leipheimer Haufens eingehend gefchildert
. Aber auch hier würde weniger mehr gewefen
fein; unzählige, ganz unnütze Abfchweifungen oder Zu-
thaten ftören den Gang der Erzählung und ermüden den
Lefer; was für einen Sinn hat es z. B., wenn Radlkofer
ein fünf Seiten langes Verzeichnifs der Beftandtheile des
Leipheimer Haufens Baumann nachdruckt? Man glaubt
manchmal, einen mittelalterlichen Chroniften vor fich zu
haben, der von der Buchdruckerkunft und deren wohl-
thätigtn Folgen noch nichts weifs und es für unerläfslich
hält, alles Material, welches ihm feine Studien erfchloffen
haben, unterfchiedslos in fein Werk einzutragen und aufzunehmen
.

Alles in allem ift die Ausbeute, die aus Radlkofer's
umfangreicher Schrift zu gewinnen ift, eine geringe, be-
fonders für Eberlin. Vielleicht würde Verf. etwas Dan-
kenswerthes geleiftet haben, wenn er etwa die Haupt-
fchriften Eberlin's neu edirt hätte, wobei er dann in

Einleitung oder Noten feine biographifchen Studien ver-
werthen konnte; höhere Aufgaben zu löfen, zumal aber
eine den modernen Anforderungen entfprechende Biographie
zu liefern, reichen bei allem Fleifs in Herbei-
fchaffung des Materials und bei aller Gewiffenhaftigkeit
im einzelnen (fo fei auf die 2. Beilage ,Verzeichnifs der
Druckfchriften Eberlin's' und auf das forgfältige Namens-
regifter aufmerkfam gemacht) die Kräfte unferes Autors
— nach dem vorliegenden Werke zu fchliefsen — in
keiner Weife aus.

Göttingen. W. Friedensburg.

Ziegler, Karl Wilh., Zum Entscheidungskampf um den
christlichen Glauben in der Gegenwart. Ein Wort an
die Suchenden unter Deutfchlands Gebildeten. Tübingen
, Laupp, 1887. (XI, 252 S. gr. 8.) M. 4.—

,Eine der wichtigften Errungenfchaften der neueren
ev. Theologie ift die Einficht, dafs der wahrhaft chriftl.
Gottesbegriff nur auf Grund des erlebten Zufammen-
hangs zwifchen der rein chriftl. Sittlichkeit und der
dazu gehörigen Religion in Glauben und Lehre feft-
geftellt werden kann' (242). In dem vorliegenden Buch,
das, obwohl relativ in fich abgefchloffen (f. u.), nur der
erfte Theil eines umfaffenderen Werkes fein will, ift das
Hauptanliegen des Verf.'s, ,nur das Eine feftzuftellen, dafs
erftens zu aller eigentlichen Sittlichkeit ein Glaube,
und zweitens, dafs zum Glauben, namentlich zum chrift-
lichen Glauben ein ftarker Entfchlufs des Willens gehört
' (250). Wie fchon der Titel andeutet, ift der Zweck
des Buchs ein vorwiegend praktifcher, aber mit Recht
fagt der Verf., dafs ihm die Idee einer wiffenfchaftlichen
Apologetik und zwar von beftimmt ausgeprägtem
Standpunkt zu Grunde liege. Jenem praktifchen Zweck
foll der mehr rednerifche als abhandlungsmäfsige Stil
dienen (V), und entfpricht die Anordnung des Ganzen;
eine forgfältige Inhaltsüberficht ftellt den Gedankengang
auch der in freier Entwicklung gegebenen Abfchnitte
heraus. Der erfte Haupttheil ,Das Schlachtfeld und
die Waffen' entrollt zuerft ein anfchauliches Bild der
gegenwärtigen Lage, und führt, ausgehend von dem
Lofungswort ,praktifches Chriftenthum', und die haupt-
fächlichften Nöthe bezeichnend, zu dem oben vorangestellten
Grundgedanken, als dem einzigen Ausgangspunkt
und Zielpunkt möglicher und wünfchenswerther

[ Einigung, dem einzigen aber auch starken Grund der
Hoffnung, die Gebildeten für den ev. Glauben wieder-

1 Zugewinnen. Es gilt, ihnen die Unabtrennbarkeit des
chriftl. Sittlichkeitsideals vom chriftlichen Glauben aufzuzeigen
. Denn jenes wollen fie fefthalten, diefen lehnen
fie ab. Diefe Stellung ift nur begreiflich, weil fie das
chriftl. Sittlichkeitsideal fich nicht vollkommen deutlich
zum Bewufstfein bringen; oder laffen fie es vielleicht
z. Th. auch nicht unverkürzt gelten? (f. fp.). Sofort mufs
alfo diefes in feiner vollen Confequenz entfaltet werden.
Es ift Nächftenliebe im fittlichen Sinn. Darin ift die Vor-
ausfetzung einer für alle Menfchen gleichen, höchsten
fittlichen Beftimmung eingefchloffen. Diefe Voraus-
fetzung ift ein Glaube. Aber überhaupt alle ,Welt-
anfchauung' kommt nur durch Glauben, Entfchlufs des
Willens zu Stand. Glaube fteht alfo gegen Glaube, nicht
Wiffen gegen Glauben. Mit einer Verhältnifsbeftimmung
beider fchliefst daher diefer erfte Theil. Der zweite hat
die Ueberfchrift ,Wider die Gegner des chriftl.
Glaubens'. In verfchiedenen Wendungen, in wiederholten
Anfätzen, damit eben dem Gegner gewifs nicht
Unrecht gefchehe, damit ihm aber auch jeder Ausweg
abgefchnitten werde, ftellt der Verf. das Sittlichkeitsideal
und die Weltanfchauung, den .Glauben' der .Ungläubigen'
dar. Es ergiebt fich nun genauer als oben, dafs diefe
Weltanfchauung des modernen Bewufstfeins, die Vergötterung
der Natur und des Menfchengeiftes nur fälfch-