Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1888 Nr. 5

Spalte:

123-125

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ficker, Johs.

Titel/Untertitel:

Die Darstellung der Apostel in der altchristlichen Kunst 1888

Rezensent:

Dopffel, Hermann

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

123

Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 5.

124

feiten einem faft undurchdringlichen Gewirre gegenüber,
während einfache Weglaffung der nicht mehr anwendbaren
Theile das Verftändnifs der heutigen Rechtslage
nur noch mehr erfchweren würde. In den Anmerkungen
find kurze, fachgemäfse Erläuterungen, namentlich in Ver-
weifung auf die jedesmal beizuziehenden verwandten
Gefetzesftellen beftehend, beigefügt. Das gebotene Material
umfafst das unter der Verwaltung des Oberkirchenraths
flehende Gebiet, d. h. die acht alten Provinzen.
Das Ganze bildet eine fowohl für den praktifchen Gebrauch
, als für Zwecke des gefchichtlichen oder fyfte-
matifchen Studiums äufserft brauchbare Gabe, welche
gewifs allfeitig willkommen fein wird, da das betreffende
Material nirgend fonft, zumal in diefer Vollftändigkeit und
Ueberfichtlichkeit, zufammen anzutreffen ift. Wünfchens-
werth wäre aufser dem Mitgetheilten noch die Aufnahme
der Inftruction für die Generalfuperintendenten vom
14. Mai 1829 gewefen, ferner des ßreve Quod de fide-
liitiii als nothwendiger Ergänzung der Bulle De salute
animarum, endlich der rheinifch-weftfälifchen Kirchenordnung
, welche neben der Kirchengemeinde- und Synodalordnung
von 1873 die Grundlage der Generalfynodal-
ordnung von 1876 bildet.

Darmftadt. K. Köhler.

Ficker, Johs., Die Darstellung der Apostel in der altchristlichen
Kunst. Eine ikonographifche Studie. [Beiträge
zur Kunftgefchichte. Neue Folge V.] Leipzig, Seemann
, 1887. (VII, 156 S. gr. 8.) M. 3.—

Eine dankenswerthe Monographie, in der das Material
mit grofsem Fleifs zufammengetragen und um-
fichtig und gründlich beurtheilt ift. Freilich können die
Zeichnungen bei Garrucci, deren Unzulänglichkeit der
Verf. felbft betont, die Anfchauung der Originale nicht
crfetzen. Zum minderten wäre die Beiziehung von Photographien
durchaus gefordert gewefen. In einem einleitenden
Teil werden die literarifchen Belege für die künft-
lerifchen Darftellungen gegeben. Auf Vollftändigkeit
konnte es dabei natürlich nicht abgefehen fein. F. entnimmt
feine forgfältig zufammengeftellten Citate zur
Darlegung der für die Kunft in Betracht kommenden
Vorftellungen hauptfächlich denjenigen Quellen, welche
für die Bildwerke von befonderer Bedeutung find, der
homiletifchen, poetifchen, liturgifchen Literatur. Wenn
befonders Le Blant auf die Bedeutung der Sterbegebete
für die Kunft hingewiefen hat, fo kann fich F., was die
Bedeutung der altchriftlichen Dichtungen für die Bildwerke
betrifft, auf eine eigene lehrreiche Abhandlung
über diefes Thema berufen, die in der Feftfchrift für
Springer publicirt ift, in der jedoch nur ein Monument,
ein vielbefprochener Sarkophag des Laterans, zur Ver-
gleichung beigezogen wird. Eine genaue Zufammen-
ltellung der Notizen über die Art, wie man fich die
Geftalt der Apoftel dachte, und über die bildlichen Darftellungen
derfelben ergiebt das Refultat, dafs das Be-
ftreben der Individualifirung nur auf einzelne Haupt-
apoftel gerichtet ift, befonders auf Petrus und Paulus,
ein Beitreben, das bei Paulus etwa gegen Ende des vierten
Jahrhunderts zu einem fixirten Typus führte, wogegen
bei Petrus auch fernerhin zunächft noch verfchiedene
Typen nebeneinander ftehen. Diefes Refultat wird von
den Monumenten beftätigt. F. befpricht nach einander
die Goldgläfer, Katakombenmalereien, Sarkophage, Mo-
faiken, Miniaturen, Kleinkunft. Jede diefer Techniken
illuftrirt die Bedeutung der Apoftel für den Glauben und
die Phantafie der altchriftlichen Zeit. Dafs die fpäter
für die Hauptapoftel feftftehenden Typen das Ergebnifs
eines Entwicklungsganges find, wird auf jedem diefer
Kunftgebiete nachgewiefen, wobei den Phafen diefer Entwicklung
eingehend nachgefpürt wird. De Roffi hat
im Bidlettino di arch. crist. von 1864 namentlich auf

Grund eines von ihm aus ffiliftifchen Gründen dem Anfang
des dritten Jahrhunderts zugefchriebenen Bronze-
plättchens, worauf Petrus und Paulus als gut gearbeitete
Charakterköpfe einander gegenübergeftellt find, eine
römifche Localtradition über das Ausfehen der beiden
Apoftel nachzuweifen verfucht, wobei er die römifchen
Petrusdarfteilungen als Beglaubigung der Anwefenheit
von Petrus in Rom verwerthete. F. fpricht, gewifs mit
Recht, jenem Medaillon diefe Beweiskraft ab. Es würde,
fo frühe angefetzt, allen andern Monumenten vereinzelt
gegenüberftehen. Es wird bei dem auch fchon von
V. Schultze (Die Katakomben S. 150) ausgefprochenen
Satz bleiben, dafs ,der traditionelle Typus ein Product
gefchichtlicher Entwickelung ift'. (Das genannte Medaillon
wurde übrigens weder im Cömeterium der Pris-
cilla noch in dem des Calliftus, wie es S. 141 heifst, gefunden
, fondern in dem der Domitilla. Auch fonft follte
F. feine im Allgemeinen nach Garrucci gegebene Nomen-
clatur der Cömeterien auf Grund von de Roffi theilweife
revidiren.) — Die mannigfaltige Art der Verwendung der
Apoftelbilder, ihre Ausftattung mit Attributen etc. wird
von F. vollftändig (mit Ausnahme einiger freilich nicht
allgemein auf Apoftel bezogener Malereien) und in ge-
fchickter Gruppirung befprochen. Die Unterfchiede, die
mit der Verfchiedenheit der Zeit, des Orts, der Beftim-
mung zufammenhängen, werden deutlich herausgeftellt.
Die Frage, ob die altchriftliche Kunft den das Quellwunder
vollziehenden Mofes im Allgemeinen mit Petrus
identificirte — von de Roffi eines der wichtigften Themen
der chriftlichen Ikonographie genannt — wäre wohl beffer
zufammenhängend befprochen worden, anftatt an drei
Stellen des Buchs. Die Ergebnifse wären dann präcifer
zu Tage getreten. Die Identification wird von F. mit
Recht auf die drei infchriftlich beglaubigten fpäten Bei-
fpiele befchränkt, die in Wahrheit als Ausnahme zu be-
| trachten find, während fie nach de Rofffs Meinung und
| Ausdruck {Bidlettino 1868 S. 2) als Schlüffel für die
übrigen Mofesdarftellungen zu verwerthen wären. Freilich
bleibt die virga in der Hand des Petrus immer auffallend
. Wenn auch die typologifche Beziehung zwifchen
Mofes und Chriftus zuzugeben fein wird, fo dürfte doch
die Behauptung, dafs ,die Monumente fehr häufig Chriftus
an die Stelle von Mofes fetzen' (S. 67), trotz der Ueber-
einftimmung mit Garrucci, de Roffi und Kraus fchwer
zu beweifen fein. Warum foll auf dem Sarkophag tai
323, 6 'S. 97) der an den Felfen fchlagende = Chriftus
fein? Die beiden Typen, in denen Chriftus fonft auf
jenem Sarkophag erfcheint, find von jener Geftalt durch-
! aus verfchieden. — Nun noch eine Reihe von Einzel-
I bemerkungen. Auch im Text follte gefagt fein, was nur
in einer Anmerkung S. 95 gelegentlich gefagt ift, dafs
nicht die Verleugnung felbft, fondern die Vorausfage der
| Verleugnung dargeftellt ift (trotz Schultze, Archäologifche
S Studien S. 166). Dafs Chriftus bei diefer Scene auf den
Sarkophagen durchweg en face aufgefafst fei, ift nicht
richtig. Die beiden Apoftelbüften (S. 65) find nicht am
Arcofol der Vitalia angebracht, fondern diefem gegenüber
an einem andern Grab. Ebendort ift die Deutung
der Malerei (,Paulus die Krone von Laurentius empfangend
') nicht richtig. Die Beziehung von Garr. tav.
29, 4 (S. 65) auf Petrus ift fehr zweifelhaft. Eine be-
fondere Beziehung der Palme auf die Apoftelfürften
(S. 89) läfst fich nicht erweifen, fchwerlich auch des Phönix
auf Paulus. Nicht die Technik des Mofaiks erklärt die
Wahl ruhiger Scenen (S. 114), fondern der Ort, wo das
Mofaik angebracht war. Schon von der claffifchen Kunft
wurde das Mofaik auch zur Darfteilung fehr bewegter
Scenen benützt, und die früheften Beifpiele hiftorifcher
Bilder auf dem Gebiet der chriftlichen Mofaiken liegen
weit vor den von F. S. 120 angeführten Beifpielen (vgl.
den Mofaikenfries in Sta Maria maggiore; auch die Verkündigung
ift fchon am Triumphbogen diefer Kirche
dargeftelltl In Beziehung auf die Mofaiken von Ravenna,