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Ausgabe:

1888 Nr. 5

Spalte:

120

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Palmer, Christian

Titel/Untertitel:

Evangelische Homiletik. In 6 . Aufl 1888

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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n9

Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 5.

120

Prof. Wilhelm Wundt. Berlin, G.Reimer, 1887. (VII,
131 S. gr. 8.) M. 3._

Nach der Meinung des Verf.'s handelt es fich in
diefer Schrift um den Kampf zwifchen zwei Weltanfichten,
zwifchen dem alten ethifchen Idealismus und der modernen
Schwärmerei für den blofsen Culturfortfchritt.
Das ift ein Irrthum. Zu der erfteren Weltanficht gehört 1
nicht, was dem Verf. das A und O bei ihr ift, nämlich
die ungeheuerliche Behauptung, dafs das Gewiffen des
Einzelnen der ftets antwortsfähige und unfehlbare Richter
über feine fittliche Aufgabe fei, und nicht die Erklärung
der gefchichtlichen, fittlichen Entwicklung üatt aus der
Fülle ihrer realen Factoren aus einer Fiction, aus einem
angeborenen Kriterium, das jedem in jedem Fall das j
Richtige fagt; wohl aber gehört zu ihr, was der Verf.
über der gerührten Begeifterung für die beglückende 1
Kraft des Sittlichen und die edlen Triebe der Menfchen-
bruft vergeffen zu haben fcheint — die Ehrfurcht vor
der Heiligkeit des Guten. Zum Repräfentanten der
zweiten Weltanficht ferner hat der Verf. fehr mit Unrecht
die Ethik Wundt's gemacht. Diefelbe zeigt vielmehr
offenkundig das ernfte Beftreben, gegenüber der
modernen Zeitrichtung und ihrer wiffenfchaftlichen Vertretung
in der utilitariftifch-darwiniftifchen Ethik das
Recht der Lebens- und Weltanficht eines ethifchen
Idealismus allfeitig zu erweifen, und bemüht fich gegenüber
den politifch-focialen Anfchauungen jener die Wege
zur Umgeftaltung unferer Gefellfchaftsordnung nach
ethifchen Principien aufzufuchen. Diefen Gegenfatz
Wundt's zu der fogenannten modernen Zeitrichtung hat
auch der rundweg anzuerkennen, der in den letzten Spitzen I
der Formulirungen W.'s ein fehlerhaftes Zufammentreffen
mit derfelben erblickt (vgl. meine Befprechung in der
Th. L.-Z. 1887 Nr. 11). Die Schrift Sommer's hat alfo
kein principielles Intereffe. Wohl aber ein pathologifches.
Sie ift eine neue Scene in einem Drama, das mit der
Ethik Wundt's begonnen und mit einem Auffatz Sommer
's über W.'s eth. Evolutionismus in den preufs. Jahrbb.,
mit einer Entgegnung W.'s und einer Replik S.'s, mit
einer Streitfchrift W.'s ,Zur Moral der literarifchen
Kritik' fich fortgefetzt hat. Die Handlung des Drama ift
trotz der neuen Namen und Couliffen keine neue, fondern
eine, vornehmlich uns Theologen noch aus der jüngften
Zeit wohlbekannte. Es erfcheint ein Werk, das mit umfallender
Gelehrfamkeit, eindringendem Scharffinn, forg-
fältiger Methode, ernfter Liebe zum Gegenftande die
wichtigflen Probleme des menfchlichen Lebens unter
neuer Frageftellung und mit neuen Ergebnifsen behandelt
. Darauf tritt ein Kritiker auf, der nicht die Geduld
hat, fich in die eigenen Zufammenhänge des Werkes
gründlich hineinzudenken, der vielmehr die fertige Schablone
feiner eigenen Stellung und Löfung der Probleme
an dasfelbe anlegt und mit ihrer Hülfe in ihm herumlieft
, nun natürlich das, was er fucht, nicht findet und
auch das Nothwendige da nicht findet, wo er es fucht,
der in Folge deffen aus einzelnen Fragmenten mit Hülfe
von Ausladungen, Mifsverftändnifsen, Confequenzen fich
ein Bild der neuen Gefammtanfchauung conftruirt und
dem Charakter des Gegners aufbürdet, das doch lediglich
ein vom Kritiker gemachter Popanz ift. Nun repli-
cirt der über folche Mifshandlung empörte Autor und
zeigt, dafs er das Incriminirte nicht, das Vermifste doch
lehre, dafs die nach Janffen's Methode mit Gänfefüfschen
citirten Beweisftellen im Buch theils ganz anders lauten,
theils einen ganz anderen Sinn haben. Der Kritiker aber
vermag es nicht über fich, auch nur fchweigend feine
Fahrläffigkeit und fein Unrecht einzugeftehen. Die augen-
fälligften Mifsverftändnifse giebt er preis, aber nur, um
an die Conceffion neue höhnifche Ausfälle zu knüpfen.
Dagegen beharrt er dabei, dafs er beffer wiffe als der
Autor, was der Grundgedanke desfelben fei, wirft fich
in die Bruft als einen Mann, dem es nur auf die Sache,

auf die Principien ankommt, während der Autor ein
empfindlicher Menfch ift und Lappalien aufbaufcht, ver-
ftockt fich nothgedrungen in der auf den erften Anlauf
gewonnenen Auffaffung und bietet nun alles auf, diefelbe
als richtig darzuthun, indem er wirkliche P"ehler
ausbeutet, nach Belieben Confequenzen zieht, Voraus-
fetzungen unterftellt, exprefs Gelehrtes wegdecretirt —
felbftverftändlich alles mit der fubjectiven bona fidcs, die
man in einer moralifchen Zwangslage leicht erwirbt. Das,
wie gefagt, ift die alte Gefchichte, die hier wieder einmal
in neuem Gewände auf die Bühne tritt. Sommer
hat die ihm zugefallene traurige Rolle virtuos durchgeführt
. Und man kann es verftehen, dafs Wundt ihm
fchon vor diefer Schrift für die Zukunft einen Freibrief
ausgeftellt hat; aber richtig ift das nicht. Denn die grofse
Maffe des Publicums ift erfahrungsmäfsig fehr geneigt,
über den als Heiligthumsfchänder Denuncirten auf das
Beweismaterial des Denuncianten hin das Urtheil zu
fprechen.

Giefsen. J. Gottfchick.

Palmer, f Dr. Chrn., Evangelische Homiletik. In 6. Aufl.
bearbeitet von Diac. Lic. O. Kirn. Stuttgart, J. F.
Steinkopf, 1887. (VIII, 569 S. gr. 8.) M. 8.—

Zu der vorliegenden neuen Ausgabe der allbekannten
und viel gebrauchten Palmer'fchen Homiletik hat der
Bearbeiter zahlreiche Bemerkungen des verftorbenen
Verfaffers in feinem Handexemplar benutzen können.
Mehrere Abfchnitte, wie den über die Gefchichte der
Predigt, den Vortrag der Predigt, über Dispofition und
Thema u. f. w. find einer Umarbeitung unterzogen und
die Sammlung homiletifcher Beifpiele ift in ziemlichem
Umfange vermehrt worden. Der individuelle Charakter
des Buches ift jedoch durchweg unverändert geblieben.
— So ift es der alte Palmer, welcher nur in neuem Gewände
, aber auch dies in altem wohlbekannten Schnitt,
den Zeitgenoffen fich zum Dienft anbietet. Er foll
willkommen geheifsen fein, obgleich er uns etwas veraltet
anmuthet und die Zeit feiner Wirkungskraft vorüber
zu fein fcheint. Wir wünfchen heutzutage fchärfere Be-
ftimmtheit der zu Grunde liegenden theologifchen Begriffe
und eine energifchere Durchführung derfelben, als Palmer
fie bietet; die ftrengere Schulung,welche die jüngere theologifche
Generation in anderen Disciplinen erfährt, darf in
der praktifchen Theologie, fpeciell in der Homiletik, nicht
mehr einer vermitteln wollenden Unbeftimmtheit und
Verfchwommenheit Platz machen. Dasfelbe gilt auch
für die Seite des Palmer'fchen Werkes, welche als vor-
zugsweife praktifch brauchbar ftets erfunden ift, die fehr
reiche Sammlung homiletifcher Beifpiele. Namentlich
etwas unbeholfene jüngere Geiftliche gewinnen dadurch
eine Fülle von Anregung, fie können lernen, wie es gemacht
wird, fo, aber auch fo, und wiederum auch fo,
auf alle mögliche Weife, aber eine fichere Methode
homiletifcher Schriftbehandlung werden fie kaum daraus
entnehmen; denn es fehlt jene grofse Hauptfache, ohne
welche es auch in der praktifchen Theologie keinen
ficheren Schritt giebt: die von feften Grundfätzen aus gehandhabte
fcharfe Kritik.

Praktifch brauchbar wird die neue Ausgabe von
Palmer's Homiletik Vielen erfcheinen; aber eine Förderung
der Disciplin ift von dem Buche wohl nicht zu erwarten.

Marburg. Achelis.

Rothe's,Dr. Rieh., Entwürfe zu den Abendandachten über
die Pastoralbriefe und andere Pastoraltexte. Gehalten im
Prediger-Seminar zu Wittenberg. Aus Rieh. Rothes
handfehriftlichem Nachlafs hrsg. von Paft. em. Karl
Palmie. [In 2 Bdn.] 1. Bd. Die Briefe Pauli an