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Ausgabe:

1888 Nr. 26

Spalte:

641-642

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tixeront, L.-J.

Titel/Untertitel:

Les origines de l‘église d‘Édesse et de la légende d‘Abgar 1888

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 26.

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ift fall mit Allem, was Link hierauf zu fagen hat, einver-
itanden, ift aber überzeugt, dafs Hilgenfeld feine Pofition
nicht aufgeben wird. Da er nun einmal glaubt, dafs
Hermas, der Geh für einen grofsen Sünder hält, fich nicht
an anderer Stelle für einen leidlich guten Menfchen ausgeben
kann, fo wird ihn auch Link daran nicht hindern
können. Dafs in den Anfchauungen von der Bufse, bezw.
dem den Gläubigen zur inneren Einkehr noch geftatteten
Termin Schwankungen ftatthaben (die fich übrigens durchaus
leicht erklären), haben auch andere Gelehrte behauptet
. Das Judenchriftenthum' ift heutzutage kein dis-
cutabler Begriff, denn Jeder verfteht etwas Anderes darunter
. Von feiner Auffaffung der chriftologifchen Stellen
wird Hilgenfeld auch nicht laffen wollen.

Dagegen meine ich allerdings, dafs der aus dem Stil
und Wortfehatz des Buches geführte Beweis der Einheitlichkeit
auch Hilgenfeld überzeugen müfste. Was er
felbft in diefer Richtung vorbringt, zeigt doch eben nur,
dafs manche Wörter und Wendungen, die in dem einen
Theil des Buches gebraucht werden, in den anderen oder
einem der anderen nicht vorkommen, was Zufall fein
kann oder durch den Wechfel des Stoffes bedingt iit.
Dafs aber ein Schriftfteller fich ftets mit derfelben monotonen
und langweiligen Breite ausdrückt, dsfs er überall
die gleichen Sprachfehler macht, durchweg dasfelbe
Judengriechifch fpricht, in allen Theilen fich gewiffer
Eieblingswcndungen bedient, überhaupt eine folche |
Gleichmäfsigkeit zeigt, dafs man wirklich von einem Stil
des Hermas reden kann, das — kann man eben drei
Schriftftellern nicht zumuthen. Dazu füge ich, dafs die
Mandate die Bekanntfchaft des Lefers mit dem Autor,
der doch nur in den Vifionen ausführlich von fich redet,
vorausfetzen, und dafs bereits Origenes die Vifionen als
im Hirten flehend citirt. Der Hirt aber kommt eben
nur in den Mandaten, bezw. vis. V vor.

Giefsen. G. Krüger.

Tixeront, Prof. Pretre L.-J., Les origines de l eglise d'r-desse

et la legende d'Abgar. Etüde critique suivie de deux
textes orientaux inedits. Paris, Maisonneuve et Ch.
Leclerc, 1888. (203 S. gr. 8.)

Die dem Abbe Duchesne gewidmete Schrift ift
den Arbeiten diefes ausgezeichneten Gelehrten ebenbürtig
. Das gefammte, auf die alte Kirche von Edeffa
und die Abgar-Legende fich beziehende Material ift hier
befprochen, und die Verzweigungen der Legende find 1
umfaffender nachgewiefen und eingehender unterfucht I
als von irgend einem der Vorgänger. Unter diefen haben 1
fich Zahn und Lipfius die gröfsten Verdienfle erworben
; aber die Ergebnifse ihrer Forfchungen, namentlich
in Bezug auf die Doctrina Addaei, find fehr verfchieden,
ja flehen fich zum Theil fchroff gegenüber. Tixeront |
bezeichnet felbft das Refultat, zu welchem er gelangt ift, ]
als die Mitte zwifchen den Aufftellungen Zahn's und
des ,etwas radiealen' Lipfius. Allein von diefer Mitte
vermag ich nichts zu gewahren; vielmehr beftätigt Tixeront
in den Hauptpunkten die Ergebnifse von Lipfius,
nur ift er infofern ,noch etwas radicaler', als er beweift,
dafs die fyrifch erhaltene Doctrina Addaei ihre gegenwärtige
Geftalt erft zwifchen 390 u. 430 erhalten haben
kann, während fie Lipfius um Weniges früher angefetzt
hatte. Eufebius hat alfo nicht die Doctrina Addaei j
benutzt, fondern die edeffenifchen Acten, die ihm zu Ge- j
böte ftanden, find von jener zu unterfcheiden und enthielten
Vieles nicht, was wir in der Doctrina lefen. Dafs j
fie jedoch Einiges mehr enthalten haben, als Lipfius an- J
genommen hat, hat der Verfaffer recht wahrfcheinlich
gemacht. Ucber das Datum der alten Acten, deren Re-
präfentant für uns lediglich der Text bei Eufebius ift,
läfst fich nicht mehr ausmachen, als dafs es in die zweite i
Hälfte des 3. Jahrhunderts, näher gegen Ende des Jahr- '

hunderts, fallen mufs. Das Alles ift von Tixeront mit
ausgezeichneten Gründen bewiefen, und auch die Grundlinien
der Gefchichte der edeffenifchen Kirche feit dem
Ausgang des 2. Jahrhunderts find mit ficherer Hand gezeichnet
. Die Hiftoricität der Jefus-Abgar-Legende wird
natürlich verneint, auch die Wahrfcheinlichkeit, den Brief-
wechfel bis zur Zeit des erften chriftlichen Abgar hinauf
zu datiren, in Abrede geftellt; allein — und darin erkennt
der Verfaffer wohl feine confervative Ueberlegen-
heit über Lipfius — es wird nun der Verfuch gemacht,
wenigllens die Namen Addaeus undAggäus als gefchicht-
lich zu halten. Man foll fie nur aus dem 1. Jahrhundert
in die Mitte des 2. fetzen und in ihnen die Begründer
der edeffenifchen Kirche erkennen. Das ift möglich;
aber über blofse Möglichkeiten hat der Verfaffer diefe
Hypothefe nicht hinausgeführt, auch die Schwierigkeiten
nicht befeitigt, die ihr entgegenftehen; denn die Doctrina
Addaei läfst vielmehr Palut als den erften Bifchof von
Edeffa erkennen. Ueberhaupt ift das, was über die dunklen
Urfprünge des Chriftcnthums im äufserften Often ge-
fagt ift, nicht die Stärke des Buches. In Bezug auf
Tatian und des Diateffaron will fich zwar der Verfaffer
grofser Zurückhaltung befleifsigen, hat aber gerade die
unficherften Aufftellungen von Zahn aeeeptirt (Syrifcher
Urfprung des Diateffaron, Abhängigkeit des Diateffarons
von dem Syrus Curetonianus). Üeber Bardefanes ift er
fehr kurz, und die Frage, ob das ältefte Chriftenthum in
Edeffa nicht häretifch (gnoftifch) gewefen ift, fertigt der
fonft fo kritifche Verfaffer (p. 13) mit folgender feltfamen
Begründung ab: ,Non. Car, si ton excepte les nestoriens
qui se firent missionaires et allercnt fonder des Eglises sur
les ebtes de Malabar et jusquen Chine, les heresies, dans
les premiers siecles du moins, ne se repandirenl que dans
les communautes chretiennes deja constituees. Lc gnosti-
cisme surtout sc presentait conune l'explication philosophique
du cliristianisme orthodoxe: il liavait rieft ä faire la ou
celui-ci liavait pas mis le pied. Si donc 11011s trouvons vers
fan 2oO des gnostiques a lidesse, nous devons croire que
le c.hristianismc y i-tait etabli depuis quelque temps deja,
c est-a-dire, s'y etait implante au plus tard vers les annies
180—190'. Diefe Argumentation beweift, dafs fich der
Verfaffer das Wefen und die Verbreitung deffen, was
man ,Gnofticismus' und gnoftifche Härefien nennt, nicht
klar gemacht hat.

Um fo erfreulicher ift die kritifche Schärfe, mit welcher
er unter den mit der Abgar-Legende verbundenen
Legenden (Veronika-Legende, Kreuzauffindungs- und
Protonike-Legenden) aufgeräumt hat. Hier hat erft er reine
Luft gefchafft. Für die Gefchichte des fyrifchen Chriften-
thums im 3. und 4. Jahrhundert und für diefe Legenden
ift das Buch von grundlegender Bedeutung.

Berlin. A. Harnack.

Gwynn, Dr. John, Hippolytus and his ,Heads against Caius'.

[Reprinted from Hermathena, vol. VI.] Dublin, printed
by Ponsonby & Weidrick, 1888. (S. 397—418. gr. 8.)

Dr. Gwynn hat eine überrafchende und werthvolle
Entdeckung gemacht. In dem noch unedirten fyrifchen
Commentar des Jacobiten Dionyfius Barfalibi zu der
Apokalypfe, der Apoftelgefchichte und den Briefen —
demfelben Commentar, der auch die Exiftenz eines Com-
mentars Ephraim's zum Diateffaron Tatian's bezeugt —
(Ms. des britifchen Mufeums Rieh 7185, erworben i. J.
1830, sacc. XIV.), hat er fünf Abfchnitte gefunden, in
denen nach Anführung je einer Stelle aus der Apokalypfe
(8, 8; 8, 12; 9, 2. 3; 9, 15; 20, 2.3) erft die Meinung eines
Cajus kurz angeführt wird und dann — viel ausführlicher
— die Widerlegung Hippolyt's. Die fünf Fragmente
, die zufammen ca. 5 Octavfeiten füllen, laffen
darüber keinen Zweifel, dafs hier Bruchftücke aus den
,Capita Hippolyti adversus Caiuni vorliegen, die unter

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