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Ausgabe:

1888 Nr. 26

Spalte:

639-640

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stein, Salomon

Titel/Untertitel:

Das Verbum der Mischnahsprache 1888

Rezensent:

Siegfried, Carl

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Seite 1

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639

Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 26.

640

I. 1 S. 82 dazu zu neigen), fo bedürfte es für ihre Annahme
doch ganz anderer Gründe, als bisher und insbe-
fondere hier angeführt find.

Die brauchbarften Abfchnitte des Buches find diejenigen
, in denen Meinhold die Ungefchichtlichkeit der
Abfchnitte nachweift. Der Raum verbietet darauf einzugehen
.

Bei einem zum zweiten Mal bearbeiteten Gegenftand
dürfte man wohl knapperen Ausdruck und befferen Stil
erwarten, als die Schrift durchweg bietet.

S. 62 Anm. 1 1. 60 ft. 58, Anm. 2 1. 58 ft. 60; S. 55
Z. 22 1. Lagiden.

Bonn. K. Budde.

1) Stein, Dr. Salomon, Das Verbum der Mischnahsprache.

Berlin, Mayer & Müller, 1888. (54 S. gr. 8.) M. 1.80.

2) Rosenberg, Dr.J., Das aramäische Verbum im babylonischen

Talmud. Marburg, Ehrhardt, 1888. (III, 66 S. gr. 8.)
M. 2.—

Wir befinden uns in der angenehmen Lage, zwei vortreffliche
Beiträge zur Erkenntnifs der talmudifchen Sprachen
willkommen zu heifsen. — Die Arbeit von Stein
füllt eine der Lücken aus, welche Ref. bei Ausarbeitung
feines kurzen Abriffes der neuhebräifchen Grammatik
(1884) fchmerzlich empfunden hatte. Der Verf. hat die
Verbalbildung der Mifchnafprache nach ftreng hiftorifcher
Begrenzung des Materials auf die eigentliche Mifchna,
den halachifchen Midrafch, die Commentare Mechiltha,
Sifre, Sifra, die Tofefta und die zerftrenten Boraita's
unterfucht. Ueber die Befchaffenheit feines literarifchen
Apparats giebt er S. 67 Auskunft. Die Anordnung des
Stoffes ift nach dem muftergültigen Vorgange von
Noeldeke's mandäifcher Grammatik ausgeführt.

Die Reichhaltigkeit der Beifpielfammlung— bei felte-
neren Bildungen fcheint nahezu Vollftändigkeit erreicht zu
fein — giebt uns nunmehr einen ganz andern Einblick in die
Formentwickelung des Verbums, als man ihn früher haben
konnte. Befonders werthvoll ift die durchgängige Feft-
ftellung der Sachlage nach den drei Gefichtspunkten:
1) Inwiefern zeigen fich Nachwirkungen des Althebräi-
fchen? Wie weit ift dasfelbe feftgehalten worden? 2) Wo
treten die Neubildungen des Neuhebräifchen ein? Wie
find diefelben hiftorifch zu erklären? 3) Wo zeigt fich
Einwirkung des Aramäifchen? — Befonders dankbar find
wir dem Verf. für die trefflichen Unterfuchungen zu
Hitpael und Nitpael S. 14—19, wie für diejenigen über
den Uebergang der intranfitiven Verben in die paffive Bedeutung
S. 20, für die Nachträge zu den Intenfivbildungen
der Verba •$'"$ S. 40, zum Nifal und Hifil der Verba V»
S. 43. 44, zu den Formen der Objectsfuffixe S. 53 u. a. m.
Man kann dreift fagen, dafs auf jeder Seite des Schriftchens
irgend ein gutes Beifpiel, irgend eine fchätzbare
Notiz anzutreffen ift. Es wäre fehr erwünfcht, wenn der
Verf. auch andere Theile der Mifchnafprache einer gleich
forgfältigen Behandlung unterziehen möchte. —

Die Arbeit von Rofenberg war uns keine fremde
mehr. Wir hatten ihre Anfänge bereits im Magazin für
die Wiffenfchaft des Judenthums 1887 gelefen und auf
den Werth derfelben in Lipfius, theol. Jahresbericht VII,
16. 17 hingewiefen. Wir können für das Ganze nur be-
ftätigen, was wir dort über den Theil gefagt hatten.
Der Verfaffer, welcher bei diefem Abdruck nur einzelne j
Berichtigungen und Ergänzungen hinzugefügt hat, giebt
hier für das aramäifche Verbum eine ähnlich erfchöpfende
Darfteilung, wie die oben erwähnte Schrift für das neu-
hebräifche. Die Sache war in diefem Falle nur infofern
etwas verwickelter, als zunächft die Textvorlagen hier eine
viel geringere Sicherheit haben, als die der Mifchnafprache;
denn wie fehr trotz Rabbinowicz' fleifsigen Varianten-
fammlungen die Methode der Textkritik und infolge
deffen der Text felber bei dem babylonifchen Talmud 1

noch im Argen liegen, ift jedem Sachkenner bekannt.
Es wird daher in manchen Fällen, befonders wo nur
wenige Beifpiele für eine Formbildung vorliegen, noch
| grofse Vorficht geboten fein. Ob z. B. eine Perfectform
j wie TlSfiiit S. 43 wirklich zuzulaffen fei, ift uns nicht ganz
ficher. Sollten nicht auch von den abenteuerlichen Infinitivformen
auf S. 29 einige auf Schreibfehlern beruhen?
Vgl. auch S. 47 unter Afel. — Eine weitere Schwierigkeit
lag für die Behandlung der Sache darin, dafs im babylonifchen
Talmud uns nicht wie in der Mifchna eine ganz
feft abgegrenzte Sprachform, fondern ein Dialekt in ver-
fchiedenen Entwickelungsftufen vorliegt. Der Verf. i(t fich
diefer Thatfache auch wohl bewufst gewefen und hat fie
; feft im Auge behalten. Dafs es von befonderen Schwie-
| rigkeiten umgeben ift, Aelteres und Jüngeres in den Formen
fcharf auseinander zu halten und dafs infolge deffen
das Gefammtbild der Verbalflexion nicht überall zur
I vollen Durchfichtigkeit zu bringen war, darf ihm nicht
j zum Vorwurfe gemacht werden.

Er hat uns einen wahren thesaurus von Verbalformen
mit ficher fehr grofser Mühe zufammen gebracht und,
indem auch ihm Noeldeke's Vorbild voranleuchtete, den-
felben in fehr überfichtlicher Anordnung vorgelegt. —
Von den Specialunterfuchungen möchten wir als befonders
werthvoll die über die Imperfectpräfixe 1 b und 3
hervorheben, S. 11 —15. Auf Einzelnes näher einzugehen
, ift bei den Maffen von Formen, die hier vorliegen,
unmöglich. Wir können zum Schlufs nur mutatis mu-
tandis an den Verf. diefelbe Bitte richten, mit welcher
wir die vorhergehende Befprechung gefchloffen haben.

Jena. C. Siegfried.

Link, Privatdoc. Lic. Adf., Die Einheit des Pastor Hermae.

Marburg, Elwert's Verl., 1888. (III, 47 S. gr. 8.)
M. 1. 20.

Selten ift eine Hypothefe von dem gelehrten Publicum
fo unfreundlich aufgenommen worden, wie die von
Hilgenfeld feit dem Jahre 1881 vorgetragene Anficht,
dafs das Buch des Hermas nicht von einem Verfaffer
herrühre, fondern urfprünglich aus zwei von einander
unabhängigen Theilcn beftanden habe (vis. V ■— sim. Vif,
Hermas pastoralis, gefchrieben unter Domitian, und vis.
I—IV, Hermas apocalypticus, gefchrieben unter Hadrian),
welche ein dritter Autor (Hermas secundarius, zur Zeil
des Bifchofs Pius von Rom) mit kleinen Abänderungen
und unter Hinzufügung von sim. VIII—X zu einem
Ganzen verfchmolzen habe. Vor ihm war eine Zweitheilung
des Buches (vis. I—IV. vis. V — sim. X) fchon
von Thierfch angedeutet, von Champagny behauptet
worden, deffen Hypothefe fpäter Haufsleiter, nur umgedreht
, wieder aufgenommen hat. Aufser den genannten
vier Gelehrten, dazu noch Gueranger, hat Niemand, in
der Oeffentlichkeit wenigftens, an der Einheit unferes
Buches gezweifelt.

Es ift dennoch wiffenfehaftlich gerechtfertigt, dafs
die mit vielen Gründen unterftützte Anficht Hilgenfeld's
endlich einer gründlichen Behandlung unterzogen wird.
Da Link Niemanden zu überzeugen hatte als den Angegriffenen
felbft, fo wird es fich auch für uns wefentlich
um die Frage handeln, ob feine Arbeit diefe Aufgabe
gelöft hat. Er hat zunächft die Argumente des Gegners
zu widerlegen gefucht, die zum gröfsten Theil davon hergenommen
find, dafs in den verfchiedenen Theilen des
Buches mit einander unvereinbare Anflehten vorgetragen
werden: die Perfönlichkeit des Hermas erfcheint beim
H. apoc. in anderem Licht als beim H. past. Die An-
fehauungen von der Bufse find bei allen dreien verfchieden.
Die chriftologifchen Ausfagen des H. past. und H. sec.
laffen fich nicht vereinigen. //. past. und H. apoc. find
ftrenge Judenchriften, während Herrn, sec. bereits auf dem
Uebergang zum Katholicismus begriffen fein foll. Refer.