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Ausgabe:

1888

Spalte:

565-568

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dieckhoff, Aug. Wilh.

Titel/Untertitel:

Luthers Lehre in ihrer ersten Gestalt 1888

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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natürlich nicht der Ort. Gelehrte, welche über einzelne
der von Lea behandelten Materien fpecielle Studien gemacht
haben, werden wohl an feiner Darflellung einiges
zu berichtigen finden, und bei den eben jetzt (ehr fleif-
fig betriebenen Forfchungen auf dem Gebiete der mittelalterlichen
Ketzergefchichte und deffen, was damit zu-
fammenhängt, wird fich vielleicht im Laufe der Zeit
einiges anders herausftellen. Das würde aber dem Werthe
des Luches im Ganzen und Grofsen keinen Eintrag thun.
Man kann dem Verf. für dasfelbe nur dankbar und nur
erfreut fein über die Ausficht, die er in der Vorrede eröffnet
, dafs er eine Darflellung der zweiten Periode der
Inquifition werde folgen laffen, welche im allgemeinen
mit der Reformation, in Spanien etwas früher, mit der
Regierung Ferdinand's und Ifabella's beginne.

Der Verf. hätte, wie 3, 86 bei Johannes de Rupe-
feiffa, fo auch noch bei einigen andern Perfoncn die ver-
fehiedenen Namen oder Namensformen, unter denen fie
erwähnt werden, angeben follen. Heinrich von Laufanne
heifst im Römifchcn Index HenricttS Tolosamts, Armanno
Pongilupo Henuanniis Itelus, Arnoldo Mutaner Arnoldvs
Montanerii, Ramon de Tarraga (ein getaufter Jude) Rai-
iiinndus Neophyius. Der 1, 536 erwähnte Heinrich Ka-
leyfcr wird H. Kalteyfen fein, und der Dominikaner-
Bruder, der 1507 zu Bern eine fo traurige Rolle fpielte,
hiefs nicht Letfer, wie 3, 605 ff. wiederholt gedruckt hl,
londern Jetzer. (Die Urkunden des Jctzcr-Proccffes find
von Georg Rettig im Archiv des hift. Vereins des Cantons
Bern XI [1886J, 179fr. veröffentlicht worden.) — Die 1, 240
citirtc Storia generale delF Inquisizione (Mailand 1862 ff.)
wird dem Prof. Pietro Tamburini zu Pavia (f 1827) mit
Unrecht zugefchrieben (Reufch, Index 2, 961). Viel In-
tereffantes über mittelalterlichen Aberglauben enthält
das ,wie es fcheint von Lea nicht benutzte, auch fonft
zu wenig beachtete Buch von J. B. Tliicrs, Trade des
superslitions (Reufch, Index 2, 421;*).

Bonn. F. H. Reufch.

Dieckhoff, Confiü.-R. Prof. Dr. Aug. Wilh., Luthers Lehre
in ihrer ersten Gestalt. Roftock, [Kahl], 1887. (VII,
199 S. gr. 8.) M. 3.60.

Mit Dank mufs es begrüfst werden, dafs D. Dieckhoff
feinen vorangegangenen dogmengefchichtlichen
Studien über die initia Lutheri (,die Stellung Luthcr's
zur Kirche und ihrer Reformation in der Zeit vor dem
Ablafsftrcit' 1883 und ,der Ablafsftreit' 1886) jetzt noch
diefe Darfteilung des erften Stadium der Luthcr'fchen
Theologie nachfolgen läfst. Solche Arbeit ift nicht
leicht; ihre Schwierigkeit liegt ebenfo in der Nothwendig-
keit, die mittelalterlichen Ausgangspunkte feftzu-
ftellen, von denen aus er fich losringt, und die Ein-
flüffe zu erwägen, die aus der Leetüre von Kirchenvätern
und mittelalterlichen Theologen auf ihn gewirkt
haben, wie in dem Unfertigen und Flüffigen in Luther's
Ausfagcn felbft, der Mifchung neuer Anfchauungen mit
überlieferten Ausdrucksweifen. Dazu kommt auch, dafs
es nicht eben leichte Arbeit ift, aus dem von den Willkürlichkeiten
der Allegorefe erfüllten Material, mit dem
man es hier zu thun hat, den Gedankengehalt heraus-
zufchälen. Dieckhoff ift fich diefer Schwierigkeiten wohl
bewufst und verbucht mit wohldurchdachter Methode
derfelben Herr zu werden. Er bietet uns, da er in dem
Durchbrechen des fcholaftifchen Begriffs der contritio den
entfeheidenden Punkt für die Neubildung einer Luther'-
fchen Theologie erblickt, forgfältige Unterfuchungen über
diefen tenninus in der Dogmatik des Mittelalters. Er
legt auch in den weiteren Ausführungen nicht etwa ein
herkömmliches dogmatifches Schema zu Grunde, in

*) Kine ausführliche Kecenfion des liuehes von Lea von Lord Acton
lieht in der lliftorical Review Vol. 3, N. 10, p. 773.

welches er dann Beweisstellen einfchachtelte, fondern
geht den wichtigsten auf den Heilsprocefs bezüglichen
Anfchauungen Luther's nach — mit Recht räumt er
diefen den weitaus gröfsten Raum in feinen Unterfuchungen
ein. So folgen Abfchnitte über das erbfünd-
liche Verderben; Gcfetz und Evangelium; die Gerechtigkeit
des Menfchen vor Gott; Bekehrung, Reue und

: Glauben; Rechtfertigung; Heiligung. Nur das letzte
Viertel des Buches behandelt dann noch Chrifti Perfon
und Werk, freien Willen und Prädestination, Wort Gottes,
Sacramente, Gottesdienst, Heiligen- und Mariencult,
Mönchthum. Und was wir in diefen Abfchnitten erhalten
, das ift mit grofser Sorgfalt zufammengetragen
und mit der ihm eigenen nüchternen Klarheit dargestellt.
Freilich erheben fich gegen diefe Behandlung doch noch
einige Bedenken. Ift hier nicht doch noch zu viel
fyftematifches Denken in Luther gelegt? Ift es fo, dafs
fich von einem Punkte aus feine Theologie entwickelt,
oder find es nicht verfchiedenartige Punkte, an welchen
ihm religiöfe Licht- und Tiefblicke zu Theil werden, die
dann einen Complex neuer Gedanken nach fich ziehen?

1 Theils find es religiöfe Erfahrungen, die ihn vorwärts

: treiben, theils Erleuchtungen, die ihm in der Leetüre bei
diefer oder jener Bibelstelle kommen. Um nur eins
hervorzuheben: wenn ich beachte, wie Luther fo oft und
fo nachdrücklich auf die fchlichten Worte 1 Mof. 4 ,Gott
fah Abel an und fein Opfer' (vgl. Opp. var. arg. i, 179.
Weim. Ausg. III 101. 526. IV 605. [I 591. II 425] Enders
I 64) verweift und in ihnen die grofse Reichsordnung
Gottes enthüllt fielst: erst mufs die Perfon Gott Wohlgefallen
, dann ihre Werke, und damit vergleiche, wie fchon
Gabriel Biel (de Fcstis Christi Sermo XIV) ähnlich lautende
, aber doch fo im Grunde verfchiedenc Gedanken
an diefes Bibelwort anknüpft, fo meine ich hier einen

J Punkt festlegen zu können, an welchem Luther ein Grund-

I dement feiner Theologie offenbar geworden ift*). Sodann
fehe ich in diefem Aufrifs der Lehre Luther's
Lücken; gehört nicht hierher eine Unterfuchung über
feine Stellung zur Schrift als Plrkenntnifsquclle religiöfer
Wahrheit? Die zahlreichen elogia Luther's über Kraft
und Bedeutung der Schrift find gefammelt; aber ein fo
bedeutfames Wort wie Weim. Ausg. III 419 Script//ra
nihil curat quidditates reru/u, sed qualitates tantum ift nicht
berückfichtigt. Ueber Chrifti Menfchwerdung und wahrhaftige
Menfchheit find Stellen zufammengetragen, aber
an der hochbedeutfamen Ausführung Luther's IV 645 ff.
ift Dieckhoff vorübergegangen, wo er lehrt, dafs die
Menfchheit Jefu, fein irdifches Leben für den Christen
die viva scriptura, viva lex, viva doctrina fei; Chrifti

, menfehliche Erfcheinung fei das, was die Seele ergreife
und entzünde: anima inspectis Christi operibus,
laboribus, passionibus etc. mox accenditur et i/>sa ad
similia facienda ferendaque. Diefes Leben Chrifti fei
jedem zugänglich, dazu bedürfe man kein Griechifch,

, Lateinifch und Ilebräifch: quilibet idiota potest hic legere.
Jeder andere asecnsus ad Cognitionen/ Dei fei gefährlich,
allein diefes Chriftum in feiner Erniedrigung erfaffen fei

j die rechte Jakobsleiter zum Himmel hinauf. Doch indem
ich Dieckhoff auf Weim. Ausg. IV 645 hinweife, berühre
ich einen Punkt an feiner fo verdienstlichen Arbeit, der
mir fchwer verständlich ift. Hat er feine dem Rectorats-
jahr 188788 gewidmete Arbeit fchon Vorjahren vollendet
und jetzt erft aus dem Pulte herausgeholt, dafs ihm gar
nicht in den Sinn gekommen ift, von dem Erfcheinen
der Weimarer Ausgabe Notiz zu nehmen? Die Wolfen-
[ büttler Pfalmengloffen exiftiren für ihn nur in Walch's
mangelhafter und unvollständiger Ucberfetzung; nur für
die 7 Bufspfalmen verwerthet er daneben Riehm's Programm
; weifs er nicht, dafs inzwifchen der vollständige

*) Eine ähnliche Bedeutung haben für ihn die Stellen Jef. 28, 21
(Unterfcheidung von Gottes opus a/ienum und opus suum) 1 Sam. 2, 6
(Dominus mortificat et vivificai) u. a.