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Ausgabe:

1888

Spalte:

555-556

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Talmage, T. de Witt

Titel/Untertitel:

Predigten 1888

Rezensent:

Lindenberg, H.

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forgerlicher Weisheit zu bezeichnen. Ebenfo einfach wie inhaltreich
, ebenfo warm und eindringlich wie abgerundet
in der Form, ebenfo textgemäfs wie zeitgemäfs, läfst
fie den Wunfeh der Hörer, diefelbe dauernd zu befitzen,
vollkommen begreiflich erfcheinen. Wenn der Verf. durch
Hinzufügung der beiden anderen eine Confirmationsgabe
hat herftellen wollen, fo ift nur zu bedauern, dafs er
nicht der Vollftändigkeit wegen noch eine Predigt über
Beichte und Abendmahl hinzugefügt hat. Eine Erweiterung
nach diefer Richtung hin dürfte für eine neue
Ausgabe als wünfehenswerth bezeichnet werden.

Nufse. H. Lindenberg.

Talmage, T. de Witt, Predigten. [Schwert und Kelle,
7. Jahrg.] Hamburg, Oncken Nachf., 1887. (IV, 296 S.
gr. 8.) M. 2. 50.

Unter den gefeierten Kanzelrednern Nordamerika^
nimmt gegenwärtig T. de Witt Talmage. Paflor am
Brooklyn-Tabernacle in New-York, eine der erften Stellen
ein. Es ift daher ein dankenswerthes Unternehmen, wenn
die Redaktion von ,Schwert und Kelle', nachdem die
früheren Jahrgänge Proben von Spurgeon und Moody
gebracht haben, nun auch eine gröfsere Anzahl von Predigten
diefes originellen Mannes in guter Ueberfetzung
weiteren Kreifen in Deutfchland zugänglich gemacht hat.
Wer diefelben lieft, wird es begreiflich finden, dafs die
gröfste Kirche Nordamerika^, die für 6000 Menfchen
Raum bietet, allfonntäglich überfüllt ift und dafs diefe
Predigten, in zahlreichen Zeitfchriften abgedruckt, von
einem noch weit gröfseren Leferkreife allwöchentlich
Verfehlungen werden. Das Geheimnifs diefes beifpiel-
lofen Erfolges dürfte vor Allem darin liegen, dafs Talmage
unübertrefflich die erfte Grundregel aller populären
Beredfamkeit anzuwenden verfteht, Alles concret
darzuftellen und Alles rein Abftrakte zu vermeiden, ohne
doch die oft fehr feine Grenzlinie zwifchen ,populär' und
,plebejifch' zu überfchreiten. Biblifche Bilder und Situationen
, mit draftifcher Lebendigkeit ausgeführt, durch
treffende Beifpiele aus der Wirklichkeit, durch fchlagende
Bilder und Gleichniffe aus allen Gebieten namentlich
auch des modernen Lebens, durch zahlreiche immer kurz
pointirte Gefchichten erläutert, bilden den Hauptinhalt
der meinen Reden. Die Form ift völlig ungezwungen,
kein Thema, keine Partition. Die ganz kurzen, meift nur
aus einem Verfe beftehenden Texte bilden den Faden,
der die einzelnen Bilder zufammenhält. Mit dramatifcher
Lebendigkeit werden bald die Perfonen der Textge-
fchichte, bald die Zuhörer redend eingeführt, fo dafs fich
oft die Predigt zu einem Dialog zwifchen dem Prediger
und den Perfonen, die er vorführt, geftaltet. Mehrfach
erhebt fich auch die Darfteilung zu hohem poetifchem
Schwung wie in der Frühlingspredigt oder in einer ,Willkomm
und Verbannung' überfchriebenen Rede, einer mit
glühender Phantafie ausgeführten Ausmalung des Weltgerichts
.

Aber bei aller Anerkennung der oft geradezu hin-
reifsenden Darftellung, bei aller Anerkennung des lebendigen
Geifteshauch.es, der diefe Predigten durchweht,
laffen fich doch ernfte Bedenken gegen die Methode
nicht unterdrücken. So richtig der Satz ift, dafs die
befte Predigt nichts wirkt, wenn fie den Zuhörer langweilt
, fo berechtigt die Polemik gegen Predigten in
,Marokko-Ledereinband, die nach kölnifch Waffer und
Rofenöl duften,' fo gefährlich ift es andererfeits, mit
fenfationellen Mitteln das Intereffe der Hörer erzwingen
zu wollen. Der Zweck der Predigt ift nicht zu feffeln,
zu unterhalten, aufzuregen, fondern zu erbauen. Dafs
der Verf. diefen Zweck mit allem Ernft verfolgt, foll
ficher nicht in Zweifel gezogen werden; aber die Mittel,
die er dazu anwendet, erregen mehrfach Bedenken.
Seine Predigten find oft nicht Auslegungen der Schriftworte
, fondern Einlegungen geiftreicher Gedanken in
diefelben. Wenn Mephibofeth, an beiden Füfsen gelähmt
, (2 Sam. 9,13) als ein Bild des natürlichen Menfchen
hingeftellt wird, der unter der Herrfchaft der
Sünde fleht, wenn das ,um Jonathans willen' unvermittelt
in ein ,um Chrifti willen' umgefetzt wird, oder wenn gar
in einer Predigt über die Arche der Verf. folgende Anwendung
macht: ,Dafs die Thür der Arche fehr hoch
und fehr weit war, das deutet mir an, dafs die Thür der
Gnade Gottes fehr weit ift. Wie die Thür der Arche
fich in der Seite der Arche befand, fo geht die Thür in
Gottes Gnadenreich durch die durchbohrte Seite Chrifti',
fo ift das ein Allegorifiren, mit dem man fchliefslich
Alles in die Worte der Schrift hineindeuten kann. Wer
über diefe Behandlung des Schriftwortes, die aus dem
buchftäblichen Infpirationsbegriff des Verf.'s hervorgeht,
hinwegfehen kann, wird in diefen Predigten eine reiche
Fülle treffender Gedanken, praktifcher Winke, pfycho-
logifcher Detailbilder von grofser Feinheit finden. Ins-
befondere möchte Ref. allen praktifchen Geiftlichen, die
die Einwirkung der theologifchen Schule auf die Predigt
als eine Klippe anerkennen, die fie zu vermeiden trachten,
diefe Predigten zu forgfältigem Studium angelegent-
lichft empfehlen.

Nufse. H. Lindenberg.

BoIiiger, Pfr. Dr. Adf., Die Botschaft vom Gottesreich.

Sechs Predigten. Bafel, Schwabe, 1888. (98 S. gr. 8.)
M. 1. 60.

Die 2. diefer Predigten ift als am 17. October 1887
in der Grofsmünfterkapelle zu Zürich gehaltene Probepredigt
bezeichnet, die 3. erfcheint als Antrittspredigt.
Der von dem Unterzeichneten nicht getheilte theologifche
Standpunkt des Verf.'s, der übrigens zwar mit offener Ent-
fchiedenheit, aber nur ganz feiten und kurz polemifch
hervortritt, wird befonders durch folgende Stelle (S. 86)
deutlich: Jefus Chriftus ift unter uns zum Erfchrecken
unbekannt. Und warum? Mit eigenen Augen zu lefen,
ift in allen Fällen keine ganz leichte Sache ; es ift doppelt
fchwer, wo uns beim Lefen eine fo gewaltige Ueberliefe-
rung beeinflufsr, wie denn doch die Kirchenlehre ift. Da
lefen wir unverfehens die Evangelien durch die Brille
eben diefer Lehre, und dadurch wird das Bild des Herrlichen
, in dem alle Hoheit gottbegnadeter Menfchennatur
in nie gefehener Schöne offenbar wurde, bis zur Unkenntlichkeit
verzeichnet und verzerrt'. — Auch aus rein homi-
letifchen Gründen würde der Unterzeichnete weder das
Angeführte fagen, noch (S. 16) von den Barmherzigen:
,Ob im übrigen ihr Bekenntnifs fo oder fo laute, was thut
das?' — noch (S. 75): .Hinfällig wird das Sabbathgebot
. . . . Gott will von uns nicht den fiebenten Tag, fondern
alle Tage'. Im letzten Falle würde gewifs der Verf. auch
von feinen Anflehten aus dem Sonntage und Gottesdienfte
ihr Recht wahren können, und leicht faffen manche Zuhörer
oder Lefer die drei erwähnten Stellen in einem
Sinne auf, der dem Verf. felber, den diefe Predigten als
einen wohlbegabten, wiffenfehaftlich tüchtigen, religiös
warmen Theolog. n bezeugen, wenig zufagen dürfte.
Ihm fcheinen freilich die unmittelbaren Bedürfnifse der
einfachen Gemeindeglieder noch weniger nahe zu liegen
als theologifche Gedankengänge. Die ganze Darfteilung
trägt demnach mehr ein wiffenfehaftlich hohes und vornehmes
Gepräge, als das gemeindemäfsiger Anfchaulich-
keit; im übrigen ift fie eine klare, einfache, edle, leere
Worte meidende. Es mangelt nicht an recht fchönen,
feinen Bildern und Gedanken. Die Predigten find gründlich
gearbeitet, haben viel Gehalt, wandeln nicht auf ausgetretenen
Geleifen und befprechen unter weiten aber
wichtigen Thematen (oder Ueberfchriften) theologifch
bedeutfame Wahrheiten. Die Dispofitionen find meift
fehr einfach und immer ebenfo wie die Textbenützungen
wohlüberlegt. Die Perfönlichkeit des Verf.'s tritt, wie