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Ausgabe:

1888

Spalte:

506-508

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmeling, Alex

Titel/Untertitel:

Evangelische Christenlehre 1888

Rezensent:

Köstlin, Heinrich Adolf

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505 Theologifche Literaturzettung. 1888. Nr. 20 506

den naturwiffenfchaftlichen Monismus als berechtigt zu- wehren und den naturgemafsen Sieg über die Hinfälligen

giebt, aber fo, dafs diefer Monismus auch das geiftige
und moralifche Leben als eine befondere Naturerfchei-
nung nach eigenen Gefetzcn anerkennt. Drei Argumente
find es, welche Verf. in den verfchiedenften Wendungen
gegen N. vorführt, nämlich dafs er entweder unrichtige
Behauptungen aufftelle oder dafs er aus unvollständiger
Induction feine Schlüffe ziehe oder endlich, dafs er Behauptungen
aufftelle, die feinen eignen Vorausfetzungen
widerfprechen. Wenn N. findet, dafs gegenwärtig eine
troftlofe, verzweifelte Stimmung herrfche, fchlimmer als
beim Untergang der alten Welt; dafs die gegenwartige
Gefellfchaft das wüfte Handgemenge blut- und weinbe

zu einem todeswürdigen Verbrechen machen. Darin
foll die Lüge und Heuchelei der Gefellfchaft beliehen.
Aber wenn die Antilope fich nicht beklagen darf, dafs
der Wolf fie frifst, fo dürfen auch die Wölfe fich nicht
beklagen, wenn die Antilopen den Löwen zum König
wählen, damit er fie gegen die Wölfe fchütze. Die Con-
fequenz diefer Theorie ift der rückfichtslofefte Kampf
um's Däfern und darüber erbittert zu fein ift dann
lächerlich. Aber H. weift nach, dafs N.'s Widcrfpruch
mit fich felbft noch weiter geht. Er fordert, das Ziel
der Gattung müffe uns trotten über die Noth der indi-
vidualen Exiftenz; der einzelne müffe fich aufopfern für

raufchter Gurgelabfchneider fei, fo trifft das doch nur j das Ziel der Gattung, nämlich für das Behagen der
bei einem kleinen Bruchtheil der Gefellfchaft zu. Ebenfo kommenden Gefchlechter. Darum proclamirt er den
unwahr ift, dafs jeder Vollmenfch derCultur von grimmer ; Grundfatz der Solidarität: alle für einen und einer für
Erbitterung ergriffen fei; der behagliche Lebensgenufs alle. H. weift mit Grund nach, dafs diefer Grundfatz
vieler Culturmenfchen beweift das Gegentheil und nur 1 feinem Princip widerfpreche, dafs er noch ein Ueber-
einige gefallen fich darin, von Zeit zu Zeit mit affectirtem lebfei aus dem Kindesalter der Menfchheit, eine ihm
Pathos die Entrüsteten zu fpielcn. Wenn N. feinen anklebende Sentimentalität fei. Unfere modernen Cultur-
Lefern erzählt, die Bibel fei etwa wie ein Buch, das bei- ! menfehen zehren vorläufig noch von dem fittlichen Ca-
fpielsweife die Nibelungen, eine Civilprocefsordnung, pital des von ihnen verachteten Christenthums; aber das
Mirabeau's Reden, Heine's Gedichte und einen Leitfaden j kann auch verzehrt werden. Ihre Nachfolger werden
der Zoologie fortlaufend gedruckt, stückweife durchein- : vielleicht die rechten Confequenzen ziehen mit dem
ander gewürfelt und in einem Band vereinigt enthielte, Hammer in der Fauft.

fo ift diefer Vergleich weder geiftreich noch wahr; die Nur feiten weift H. auf die klägliche Geftalt hin, in

geiftige Einheit des Buches ift doch nicht fo fchwer zu j welcher der Culturmenfch fich felbft präfentirt. So wenn
erkennen, auch wenn man fich durch Ergebnifse der er klagt, dafs alle Formen des bürgerlichen und gefel-
kritifchen Forfchung zunächst hat verwirren laffen. Wenn ligen Lebens feiner Weltanfchauung widerfprechen und
N. fich befchwert über unnöthige Polizciwirthfchaft, Ver- ihn zur Lüge und Heuchelei nöthigen. Ei, wer nöthigt
geudung der Steuern, Anftellung von hochbefoideten ihn denn? Hat er nicht Freiheit, ohne fonderlichen NachBeamten
ohne Zweck, und zu dem Urtheil kommt, !'/io theil alle religiöfen Cermonien zu verwerfen und nach
aller Gefctze und Behörden könnte man ohne Schaden 1 feiner fa(on zu leben? Ift die Monogamie wirklich ein
abfehaffen, fo heifst dies einen Frofch zum üchfen auf- | Hindernifs zur Befriedigung fchrankenlofer Begierden?
blähen. Öder wenn N. behauptet, nach dem Chriften- ; Oder foll dies als das Rechte und Gute gelten und die
thum fei die Gefchlechtsgemeinfchaft ein abfeheuliches als Störenfriede, welche nicht zultimmen? Die Chriften
Verbrechen, fo ift das eine Verzerrung felbft der ka- haben eine folche Zeit durchlebt und durch geduldiges
tholifchen Lehre, welche N. im Auge zu haben fcheint. Leiden fiegreich überwunden. Dazu fehlt dem Cultur-
Ebenfo oft begeht N. den Fehler, offenkundige menfehen die Kraft, weil er nur ein diesfeitiges Ziel
Thatfachen zu überfehen und aus mangelhafter Induc- : kennt; felbft wo er fich zu fittlichem Pathos erhebt,
tion Schlüffe zu ziehen. Mit Recht weift H. darauf hin, : klingt feine Rede wie eine hohle Schelle. Ebenfo kläg-
dafs die Religion allgemein fei; daraus folgt für den lieh ift das Geftändnifs: unbedingte Treue liege nicht in
unparteiifchen Porfcher, dafs fie für die species Iwmo ! der Menfchennatur; die Einehe fei dem Menfehen un-
eine ebenfo normale Lebensfunction ift, wie für die natürlich und läftig. Statt auf diefe fittliche Niedrigkeit
Pflanze das Streben nach dem Lichte; fo dafs irreligiöfe hinzuweifen, macht H. zuweilen Verfuche, die Grund-
Menfchen abnorme Mifsbildungen find. Ebenfo allge- ! anfeheinung N.'s wiffenfehaftlich zu widerlegen. So vermein
ift der Glaube an Unfterblichkeit. H. folgert da- ; fucht er einen Beweis für das Dafein Gottes zu er-
raus mit Recht, dafs der Menfch ein Bewufstfein feines I bringen oder die Meinung einer ewig bewegten Materie
hohen Werthes habe, wahrend die Leugnung der Un- zu bekämpfen; Darlegungen, die Niemand überzeugen,
ltcrblichkeit auf geiftiger Kraftlofigkeit beruhe. Wenn j zumal bei ihrer Kürze. Doch des Guten in dem Büch-
N. die Monogamie als unnaturlich verwirft, fo ignorirt ! lein ift foviel, dafs jeder Lefer dem Verf. dankbar fein
er, dafs fie bei weitaus den meiften Menfehen thatfäch- j wird.

lieh ift und die Polygamie nur als Ausnahme vorkommt; Herhnm c 1 r

eine Inftanz, die von naturwiffenfehaftlichem Standpunkt | " _ öachlse.

aus fehr fchwer wiegt. Wenn jeder Menfch, felbft kleine I

Kinder, fragen: woher die Welt und wozu? fo weift das S c h meli ng, Superint. a. D. Pfr. Alex., Evangelische Christenauf
ein unzerftörbares Bedürfnifs hin, welches fich mit lehre. Materialienfammlung in ausführlichen Dispo-
Achfelzucken nicht abfpeifen läfst So darf H. wohl j fitionen für den Katechismus - Unterricht. Berlin,
fagen, dafs N. die allgemeinften und tiefften Bedurfmfse r N . „QQ ,T„ , c „ . M , '
des Menfehen ignorirc, und dafs alle Lügen, die im In- £ Nauck' l888" (IV> 260 b- Sr- P 3- ~5 geb.
tereffe der Religion aufgebracht feien, nur Kinderpoffen 4- —

feien neben der grofsen Lüge, dafs Naturwiffenlchaft ' Das Buch bietet fich dem Religionslehrer als Hilfsund
Religion unverföhnliche Gegenfätze feien. j mittel zur Vorbereitung auf die Unterrichtsftunde an. Es
Aber dafs N. auch mit fich felbft nicht übereinftimmt, ! giebt überfichtliche, wohlgeordnete, im Ausdruck knapp
weift II. mit Recht nach. Alfo es fei, das Princip alles j gehaltene und mit biblifchem und gefchichtlichem Stoff,
Seienden ift bewegte Materie, der Kampf ums Dafein | bezw. Fingerzeigen reich verfehene, forgfältige Entwürfe!
das oberfte Gefetz alles Lebenden, der Urfprung aller : Das Bemühen um die Einheitlichkeit des Religions-
Moral und alles Rechts. Wie kommt dann N. dazu, über | Unterrichts in Kirche und Schule, bezw. durch Pfarrer
die Gurgelabfchneider ergrimmt zu fein? fich über Poli- j und Lehrer, giebt fich äufserlich darin zu erkennen, dafs
zeiwirthfehaft zu befchweren? Sie machen ja nur von der von dem Lehrer zu behandelnde Stoff in lateinifcher
dem oberften Recht Gebrauch! N. tadelt es, dafs wir l Schrift, das im kirchlichen Unterricht Hinzukommende
täglich Gefetze geben, welche das freie Spiel der Kräfte in deutfeher Schrift gedruckt vorliegt, fo dafs der Lehrer
hindern, den Starken den Gebrauch ihrer Fähigkeiten das von ihm zu Behandelnde leicht überfehen kann. Die