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Ausgabe:

1888 Nr. 20

Spalte:

493-499

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Massebieau , L.

Titel/Untertitel:

Le traité de la Vie Contemplative et la question des Thérapeutes 1888

Rezensent:

Ohle, Rudolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 20.

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H'i&tjd (Eufeb., Nist.eccl.il, 18,2); vgl. Hieronymus, De
viris illustr, c. 11: de agricultura duo, de ebrictate duo.
Auch der fogenannte Johannes Monachus ineditus, d. h.
der Verfaffer der sacra parallela in derjenigen Recenfion,
welche der codex Rupefucaldinus darbietet, hat zwei
Bücher neoi fiifhfc gekannt (f. meine Gefch. d. jüd. Volkes
II, 843; und über die Handfchrift: ebendaf. 6.835!.,
Harris, Fragments of Philo Jndaeus 1886 introd., Theo!
Litztg. 1886, 482). Von jenen vier Büchern des Eufebius
find uns drei erhalten: die beiden Bücher /noi ytwgyiag
[= de agricultura No'e (Mangey I, 300—328), de plan-
tatione No'e (Mangey I, 329 — 356)] und ein Buch ttsqi
ittüijg (Mangey I, 357—391). Es fehlt alfo ein Buch ?r«p<
(ii&qg. Da Philo, wie überhaupt die alten Schriftfleller,
bei der Beftimmung des Umfangs feiner Bücher fehr
wefentlich von technifchen Gründen, nämlich von der
im Handel üblichen Gröfse der Buchrollen, abhängig
war (f. Birt, Das antike Buchwefen 1882), fo fcheint mir
der wahrlchcinliche Sachverhalt folgender zu fein: Philo
hat noch am Schluffe des Buches de plantatione No'e angefangen
, die Anflehten anderer Philofophen über die
Trunkenheit mitzutheilen, hat dann aus technifchen Rück -
fichten abgebrochen und der Eortfetzung diefes Gegenstandes
das ganze folgende, uns nicht erhaltene Buch
gewidmet, und giebt endlich in dem uns erhaltenen
Buche ncgi fitOng feine eigenen Anfchauungen über den
Gegenftand.

Giefsen. E. Schür er.

Massebieau, Prof. L., Le traite de la Vie Contemplative et
la question des Therapeutes (extrait de la revue de l'hi-
stoire des religions). Paris, Leroux, 1888. (65 S. gr. 8.)
Fr. 2.—

Auf Grund langjähriger Befchäftigung mit den Werken
Philo's und vorurtheilsfreier Leetüre der Vita Contemplativa
ift Maffebieau zu der Ueberzeugung gelangt,
dafs diefe von Lucius angegriffene Schrift ein echtes Werk
des jüdifchen Philofophen ift. Seine Anficht ift kurz die:
die V. C. gehört eng zu Philo's , Apologie der Juden' (p. 2),
gleichfam als eine Fortfetzung der dort fich findenden
Effäerbefchrcibung (p. 12) [Zweifel an der Echtheit diefes
Fragments fcheinen dem franz. Gelehrten nicht auf-
geftofsen zu fein]. Sie foll einen Verein jüdifcher Philofophen
, die eine Art J'ol/cgium' bildeten, vertheidigen
(p. 2). Da Philo durch den Abfall feiner Glaubensge-
noffen zum Heidenthum gereizt war (p. 19. 24 etc.), erklärt
es fich, dafs er hier gegen das Heidenthum ftark
offenfiv vorgeht.

Maffebieau beabfichtigt, uns in der nächften Zeit eine
kritifche Studie über die chronologifche Reihenfolge der
Werke Philo's zu geben (p. 63. 65). Aus diefer angekündigten
Abhandlung erfahren wir fchon jetzt, dafs diejenigen
Werke, welche eine Verurtheilung des befchauli-
chen Lebens enthalten, nach der Abfaffung der V. C.
gefchrieben find. Philo, der inzwifchen reichere Erfahrungen
gemacht hatte — ob er felbft Therapeut war,
verräth uns Maffebieau nicht —, hat nachträglich das
Nichtige auch des befchaulichen Lebens erkannt (p. 26.
42. 62). Umgeht Maffebieau durch feine Datirung der
Philonifchen Werke, über deren Werth wir vorläufig nicht
urtheilen können, einen gewichtigen Einwand Lucius', fo
vergifst er doch uns zu zeigen, in welcher Lebensepoche
denn Philo das contemplative Leben Jünglingen, Jungfrauen
und Frauen anempfohlen hat.

Gerade dies mufste uns aber gezeigt werden, weil
Philo unter dem contemplativen (theoretifchen) Leben
genau dasfelbe verftand, was die griechifchen Philofophen
feit Ariftotelcs darunter verftanden: nämlich die wiffen-
fchaftlichc Einkehr des gereiften Mannes.

Diefe Bedeutung des contemplativen Lebens ift Maffebieau
nicht unbekannt (p. 13); um nun aus den Therapeuten
Theoretiker im Sinne der philofophifchen Ueber-
lieferung zu machen, fcheut er fich nicht, den vagen Ausdruck
der V. C. ,Studium der Natur', welcher fich auch

' in den Lebensbefchreibungen chriftlicher Asketen wiederfindet
, durch Citate aus Philo zu ergänzen (p. 34) und aus
der Gebetskammer der Therapeuten ein Studierzimmer
[cabinet de travail p. 32) zu machen. Den etwas fonderba-
ren Namen diefes Studierzimmers hgr'/v, meint der fran-

zöfifche Gelehrte, hätte Philo gewählt ,pour frapper ses
lecteurs de respeet1 (p. 33). Obgleich nur von der Heiligen
Schrift und von den Büchern der Sectenmitglieder

| (Ariftobul? p. 36. 51) die Rede ift, Hattet Maffebieau dann
dies Studierzimmer noch mit den Werken der grofsen
Philofophen Griechenlands auf das liberalfte aus (p. 34).
Auf diefe Weife werden nun freilich unfere Therapeuten
mit einem Schlage Philofophen nach dem Herzen Philo's!
Allein, dafs wir es hier eigentlich nicht mit Denkern,
fondern mit Betern zu thun haben, hätte Maffebieau doch
fchon aus dem zweiten Titel, den die V. C. führt, und
auf den er felbft hinweift (p. 16): neoi Jxerwr, erfehen
follen.

Auch die Verfaffung diefes Vereins fpricht gegen
feinen philofophifchen Charakter. . Maffebieau hat nämlich
die richtige Beobachtung gemacht, dafs die Therapeuten
und die Effäer auf das engfte zufammengehören
(p. 11. 12 etc.), und dafs beide Vereine eine Art Reli-
gionsgenoffenfehaft (Collcgium) bildeten, die ihre regel-
mäfsigenZufammenkünfte mit einem,heiligen' Mahle feierte
1 (p. 44). In der That, beide Vereine, das läfst fich nicht
leugnen, find uns von ein und demfelben Manne befchrie-
ben, beide Berichte flehen und fallen zufammen (p. 20
etc.;. Allein jene Religionsgenoffenfchaften, von Plebejern
gegründet, hatten abfolut nichts mit der Philofophie zu
fchaffen. Daher ftanden diefe Vereine bei den Philofophen
und fo auch bei Philo im üblen Ruf; bei dem
letzteren fchon deshalb, weil fie in Alexandrien, wie wir
befonders aus Contra Flaccum und Ad Cajum erfahren,
■ Vertheidiger der Landesreligion und fomit Centren des
Antifemitismus waren. Wenn alfo beide Vereine, der der
Therapeuten fowohl wie der der Effäer, von ihrem Verfaffer
mit Bewufstfein diefen heidnifchen Genoffenfchaf-
ten nachgebildet und entgegengeftellt werden, fo mufste
der Natur der Sache nach das Schwergewicht in beiden
Darftellungen nothwendig auf die Schilderung des prak-
tifchen Lebens fallen. Bei den Effäern, den ,Praktikern',
giebt dies der Verfaffer ohne weiteres zu; aber auch die
Therapeuten find trotz feiner gegentheiligen Verficherung
keine Theoretiker, denn trotz ihres Titels giebt uns De
Vita Contemplativa keinen Einblick in ein befonderes
(theoretifches) Glaubens- und Lehrfyftem. Mit einem
Wort, Maffebieau ift es nicht gelungen, nachzuweifen,
dafs die Vita Contemplativa etwas anderes ift, als die
Vertheidigung eines Betervereins und feiner gefellfchaft-
lichen Einrichtungen und Gebräuche.

Uebrigens macht fich der Verfaffer aus der Verach-
I tung, mit der die Philofophen auf diefe Art der Verbindung
herabfahen, herzlich wenig, nach ihm verachteten
nämlich feine Therapeuten und Effäer ihrerfeits die Philofophen
auf das grundlichfte. Allerdings verfichert uns
Maffebieau, es feien allein Sophiften gemeint (p. 19. 49;;
abernamentlichaufgeführt werden nur Anaxagoras, Demo-
j krit, Sokrates, Xenophon und Plato! Von Sophiften ift hier
: nirgends die Rede*)- Dies hämifche, ja pietätslofe Ur-
j theil der Vita Contemplativa fucht Maffebieau durch eine
j etwas romanhaft erfundene Stimmung Philo's zu erklären
; auch habe derfelbe ftets Plato unter Mofes gehellt
(p. 24). Von der Unterordnung Plato's unter Mofes (das
Fundament, der Ausgangspunkt des philonifchen Syftems!)
bis zur Verachtung Plato's ift jedoch ein weiter Schritt,
den Philo fchwerlich je gethan hat.

*) Nur einmal heifst es: woneo ol {»'jtogeg, jj ol vvv ooipioxal
[476, 16]. Hieraus folgert M., nur fophiftifche Rhetoren würden verworfen
(p. 38).