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Ausgabe:

1888

Spalte:

477-478

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spitta, L.

Titel/Untertitel:

Fragestücke über Kirche und Gottesdienst nebst einem kirchlichen Gebetbüchlein für evangelische Christen 1888

Rezensent:

Köstlin, Heinrich Adolf

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Seite 1

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ficht auf die Principien und die Vergangenheit der evan- ] Ausbreitung der Kirche ganz im Allgemeinen jedem
gelifchen Kirche. Ob es nicht praktifcher wäre, mit dem Chriften bei der heiligen Taufe anvertraut' hat, fondern
zweiten Theil zu beginnen, weil fich daraus viel con- j darum, ob Gott diefelbe feiner Gemeinde als folcher an-
cretere und fchärfer geprägte Begriffe für die Principien- j vertraut hat; Fr. 14 könnte zur Ueberfchätzung des kirchlehre
ergeben und die fortlaufende Abgrenzung gegen liehen Raumes im katholifchen Sinne verleiten; ebenfo,
falfche Anfchauungen unnöthig wird, möchte der Er- | was vom Altar als der ,Stätte des Gemeindeopfers und
wägung werth fein: Baffermann's Gliederung erkläre ich j der heiligen Communion' gefagt ift; Fr. 137—139 ,Was
mir als die für ihn natürlichere, weil er offenbar aus zeichnet diefen [den .beftimmten kirchlichen Haupt-

dem Syftem der praktifchen Theologie herausdenkt und
demgemäfs mit dem Blick auf das Syftem conftruirt.
Ich würde, wenn ich eine Liturgik fchriebe, diefe für fich

gottesdienft'J vor jeder ftillen häuslichen Ei bauung aus?
A. Er hat feine feft beftimmte uralte,Form und Ordnung
'; diefe ,will darftellen, wie jeder Einzelne und

allein behandeln und demgemäfs fchon die Principien- j auch die ganze Kirche zur vollen Gemeinfchaft mit Gott
lehre aus der Gefchichte zu erheben fuchen. Das ift in Chrifto kommt und diefe pflegt' — enthält nicht echt
jedoch reine Methodenfrage und Gefchmacksfache. Doch lutherifche, vielmehr neu-lutherifche Ideen, u. a. m.).
fei es mir erlaubt, für meine Anficht auf § 17 hinzu- Das hindert nicht, die Brauchbarkeit des Büchleins für
weifen, wo das Eigenthümliche des religiöfen Kunflftils i folche Gemeinden anzuerkennen, die an eine durch-
in folgerichtiger Entwickelung des Grundbegriffs des Cul- 1 gebildete liturgifche Ordnung norddeutfeh-lutherifcher
tus als der Darfteilung des chriftlich-frommen Bewufst- [ Obfervanz gewöhnt und mit ihren Formen vertraut find,
feins dahin beftimmt wird: es fei diefes Eigenthümliche p'riedbere • HA Köftlin.

zu bezeichnen ,als andächtig, d. h. ganz verfunken in |__'__'

und hingenommen von Gott, oder als feierlich, d. h. j

ausruhend in diefer Gemeinfchaft mit Gott', wodurch | Meinardus, Ludw., Die deutsche Tonkunst. Eine kulturalles
.Unruhige, Auffallende, Kokette' von dem religiöfen gefchichtliche Charakterfkizze ihres Entwickelungs-
Kunftftil ausgefchloffcn ift. .Innerhalb diefes allgemeinen ganges im 18. und 19. Jahrhundert. Für gebildete Lefer-
Rahmens des religiöfen Kunflftils wird jede Religion kreife Lejpzigj Böhme, 1888. (VII, 286 S. 8.) M. 3. 60 ;
das ihr zu Grunde liegende eigenthümliche Bewufstfein ! V.
in entfprechender Weife in der künftlerifchen Darfteilung j Seb- M- 4- °°-

ausprägen'. Abgefchen davon, dafs die Eigenfchaft des | In die Spalten eines theologifchen Literaturblatts
Andächtigen nur metaphorifeh auf ein Kunflwcrk über- ; bringen wir die Anzeige diefes Buches, weil dasfelbe
tragen werden kann, will diefe Doppclbeflimmung nicht nach Tendenz und Inhalt verdient, dafs gerade die Theoauf
jede Kunftgattung paffen und nicht erfchöpfend er- logen davon Kenntnifs nehmen. Der Verfaffer, vom
feheinen. Geht man von der gefchichtlichen Ent- Luthcrfeft her als der Componift des Oratoriums j.uthcr
Wickelung hier in specie der religiöfen Kunft aus, fo 1 in Worms' vielen bekannt und theuer, gehört zu den
ergeben fich aus der Anfchauung derfelben lebensvolle j Mufikern ernftefler Richtung. Die Tonkunll ifl ihm nicht
Vorfiellungen, Beflimmungen und Merkmale, und der ein blofses müfiiges Spiel, fondern — was ja keinem
Begriff wird dann durch Anwendung des aus der An- Einfichtigen zweifelhaft ift — eine geiflige Macht im
fchauung des gefchichtlichen Chriftenthums gewonnenen j Volke, deren Einflufs auf das geiflige Leben und Em-
Begriffs desfelben auf die concrete Kunfl, bezw. durch j pfänden nicht unterfchätzt werden follte: man mag über
Ausfcheidung der mit demfelben nicht verträglichen j diefen Einflufs klagen, man mag ihn unbequem finden,
Merkmale (der negativen Inftanzen) gewonnen. Doch I man mag mit fo manchen in dem „verfchwenderifchen
der Raum geftattet nicht, alle Gedanken auszubrechen, ! Ueberflufs fo vieler mufikalifchcr Darbietungen und Ge-
zu welchen die kleine, auf wenig Blättern viel enthal- nüffe ein Symptom jener Krankheitserfchcinung unferes
tende Schrift anregt (befonders 55 89.90. 53 a. 100. 101: I volkswirthfchaftlichen Lebens erkennen, das in der in-
Sündenbekenntnifs, Credo, Feft der Unionsfliftung, Con- j duflriellen Sphäre fich als Ueberproduction ankündigt",
flruetion und Idealbild des Prcdigtgottesdienfles, der | man mag jammern über die zur verheerenden Mufik-
Abendmahlsfeier u. a.), die hoffentlich nur den Vorläufer I feuche angefchwollene Mufikpflege — eine Thatfache
des greiseren Werkes bildet, das den ,Entwurf ausführt, j liegt vor, mit welcher der denkende Freund des Volkes,
Vorzüglich würde fich die Schrift dazu eignen, als 1 der Pädagog und wahrlich nicht am wenigften der Theolog
Grundlage für Befprechungen in den Seminarien einge- I zu rechnen hat, welcher er mindeflens feine Beachtung
führt zu werden. ' fchenken mufs, um die vorhandene Kraft, wenn es mög-

Friedberg H. A. Köftlin j ncn m *^er recnien Richtung wirken zu laffen, den

__'______ i Strom des Mufiktreibens dahin zu leiten, dafs er nicht

j zur Verflachung des Geifteslebens, fondern in feinem Theil
Spitta, l'aft. L., Fragestücke über Kirche und Gottesdienst, zur Stärkung der geiftigen Gefundheit beiträgt. Meinar-
nebft einem kirchlichen Gebetbüchlein für evange- j dus geht aus von einer 13etrachtung der modernen Muläk-
lifche Chriften. Hannover, Feefche, 1888. (56 S. 8.) ^uftände im Lichte der von Bach und Händel vollen-

^1 _-0 deten alten Zeit; das Ergebnifs ift ein fehr ernftes:

x'r ■ ; .Beherrfcht von der Laune des zufälligen, befchränkt

Ein liturgifcher Katechismus, dazu beftimmt und ge- ; von der Endlichkeit des Möglichen, zerlplittert von der
eignet, das Verftändnifs für die altüberlieferten liturgifchen Neuerungsfucht der Willkür des einzelnen, fucht das
Bräuche, Formen und Ordnungen, wie fie fich ein Theil der j ziellos umherfchwankendc Mufiktreiben alle Schichten
lutherifchen Kirche des Nordens erhalten hat, zu pflegen j des deutfehen Volkslebens zu durchdringen. Immer
und damit das Intereffe an den liturgifchen Acten und j verfchwommener geftaltet fich das Bild der modernen
Formen, überhaupt an der liturgifchen Ueberlieferung deutfehen Mufikzuftände. Ohne den Anhalt fammelnder
und Gewöhnung zu erhöhen. Das Gotteshaus, deffen | künftlerifcher Grundfätze, einheitlicher Stilgcfetze, klar-
Bau und Einrichtung, die kirchlichen Geräthc und hei- ; bewufster Ausgangspunkte und Ziele prägt das mafslofe,
ligen Gefäfse, der Gottesacker, das Kirchenjahr, die Li- I haftige Treiben eine Signatur aus, auf die man ein an-
turgie u. f. f. werden kurz erklärt. Für füddeutfehe ders bezogenes Urtheil Gutzkow's treffend genug anwen-
Evangelifche ift freilich die Betonung und Ilochhaltung j den kann, indem man fie bezeichnet »als mittelpunktlofc

des Gewordenen als folche n zu ftark, die Werthfchätzung
der kirchlichen Objektivität viel zu grofs (Fr. 4 können
wir uns mit diefer Frageftellung nicht befreunden, denn
nicht darum handelt es fich, ob Gott ,dic Erbauung und

Verbreiterung.« Den Mittelpunkt hatte die Tonkunft in
der durch Bach und Händel vollendeten alten Zeit in
der Kirche. Durch die Loslöfung von ihr gewann fie
wohl ,die volle Freiheit ihrer Entfaltung', dafür verlor