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Ausgabe:

1888 Nr. 19

Spalte:

467-468

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Basse, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Das Rittergeschlecht und die Stadt Cronberg im Taunus 1888

Rezensent:

Enders, Ernst Ludwig

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467 Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 19. 468

fches Intereffe hat, ich meine die Aeufserung über das | blofs intereffantes, fondern auch lehrreiches Beifpiel, mit
tägliche Opfer des Hohenpriefters (7, 27). Weifs be- welchen Mitteln die Gegenreformation ihre Abfichten
Breitet überhaupt, wie z. B. auch Kurtz, dafs der Verf. durchzuführen fuchte, zu deren Verwirklichung felbft
ein tägliches Opfern des Hohenpriefters vorausfetze; die 1 erzbifchöfliche Kurfürften einen Eidbruch um den andern
grofse Mehrzahl der Ausleger hat von jeher diefe Vor- nicht verfchmähten. — Die Schrift ift, wie hier fchliefs-

ausfetzung in unferer Stelle gefunden; mir fcheint mit
Recht. Die Vorausfetzung ift aber auch hiftorifch nicht
fo unrichtig, wie Manche gemeint haben. Denn wenn
der Hohepriefter auch nicht felbft täglich fungirt hat, fo
unterliegt es doch keinem Zweifel, dafs er in feinem Namen
und auf feine Koften täglich ein Speisopfer mufste
darbringen laffen. Diefes Speisopfer des Hohenpriefters
wurde täglich in Verbindung mit dem Gemeinde-Opfer
dargebracht (f. meine Gefchichte des jüdifchen Volkes II,
234 — 236, 239—241). Die Art, wie der Verfaffer des
Hebräerbriefes 7, 27, in Anlehnung an den Ritus des
Verföhnungstages, (ich hierüber ausdrückt, ift alfo nur
ungenau, nicht aber fchlechthin unrichtig. Er fcheint,
wie auch Philo, eine thatfächliche Kenntnifs davon gehabt
zu haben, dafs der Hohepriefter täglich ein Opfer
für fich mufste darbringen laffen.

Giefsen. E. Schürer.

Basse, Pfr. Dr. Willi.. Das Rittergeschlecht und die Stadt
Cronberg im Taunus. Hiftorifcher Verfuch. Frankfurt a/M.,
Gebr. Knauer, 1886. (IV, 63 S. m. i Photolith. 8.) M. 1.50.

Dem Rittergefchlecht der Cronberg gehört eine der
anziehendften Geltalten der Reformationszeit an: der 1488
geborene und 1549 geftorbene Hartmut v. Cronberg, von
dem Ulmann, Sickingen, S. 186 treffend fagt: ,Seine

eifervolle Ueberzeugung hat faft etwas Puritanifches an I durchfetzte und in feinen wefentlichen Zügen auch für
fich. Mit einer Rückfichtslofigkeit, wie fie nur der übt, j uns noch gültig ift. Für die damalige Zeit ift es in der
der von der Wahrheit feiner Sache aufs tieffte durch- ; That ein Zcugnifs ebenfo für den Scharfblick wie für

lieh nachgetragen fein mag, im Jahre 1886 erfchienen;
weder der Titel, noch die Vorrede, in welcher der Verf.
fagt, dafs er in ,diefem' Jahr im Alterthums verein zu
Frankfurt einen Vortrag darüber gehalten habe, find mit
einer Jahreszahl verfehen.

Oberrad. Enders.

Greyerz, Dr. Otto v., Beat Ludwig v. Muralt (1665—1749).
Eine literar- und kulturgefchichtliche Studie. Frauenfeld
, Huber, 1888. (V, 112 S. gr. 8.) M. 2.40.

.Vorliegende Arbeit hat den Zweck, M.'s Bedeutung
für die Literatur des 18. Jahrhunderts und fein Ver-
dienft um die Hebung der inneren Verhältnifse feines
Vaterlandes zu jener Zeit in Erinnerung zu bringen'.
Mit diefen Worten bezeichnet der Verfaffer feine Aufgabe.
Ich darf wohl vermuthen, dafs nicht eben fehr viele Lefer
diefer Zeitung mit B. L. v. M. in andere als allenfalls
nur fehr flüchtige Berührung gekommen find. Das Intereffe
aber, das ihm der Verf. widmet, hat er in reichftem
Mafsc verdient. In feinen zwifchen 1693 und 98 ge-
fchriebenen, Anfangs nur handfehriftlich verbreiteten,
1725 zuerft im Druck veröffentlichten Lettres sur les
Anglais et les Francais hat er als einer der erften
dasjenige Urtheil über den Charakter der beiden Nationen
vollzogen, welches fich bald immer entfehiedener

drungen ift, trat er überall für Luther in die Schranken'.
Seine Perfon fowie feine traurigen Schickfalc infolge der
Verflechtung in die Sickingen'fche Fehde find denn auch
im vorflehenden Büchelchen auf Grundlage des mannig-

den Charakter M.'s, dafs er die Fürllendicnerei und Mode-
knechtfehaft der Franzofen in ihren Wurzeln: der Sucht,
überall zu gefallen und durch den äufseren Schein zu
glänzen, aufzudecken gewufst hat. Der louange und dem

fach zerftreuten Materials mit befonderer Wärme gefchil- j esprit ift Alles dienftbar, nicht am wenigften die Litera-
dert. Ein genaueres Eingehen auf feine Schriften, be- j tur, der darum alle fittlichen Antriebe, jede Abzweckung
fonders feinen Sendbrief an Luther und deffen Antwort | auf eine Veredlung der Menfchheit fehlen. Diefem esprit
wäre jedoch erwünfeht gewefen; auch könnte, was der { fteht der bon sens der Engländer gegenüber, dem das
Verf. S. 15 f. über den nach der Einnahme feiner Stamm- Gute als wahrhaft zu erftrebendes Ziel gilt. Derfelbe

bürg von 1522—1541 im Exil lebenden und wandernden
Ritter beibringt, chronologifch geflehteter und in manchen
Punkten ausführlicher fein, z. B. das Verhältnifs zu dem
gleichfalls damals vertriebenen Ulrich v. Württemberg

läfst an ihnen freilich die anziehende Leichtigkeit der Umgangsformen
, die P"ähigkeit, über lauter nichts Conver-
fation zu machen, vermiffen, erzieht fie aber zu der charaktervollen
Selbfländigkeit, die ihre Politik befeelt, fie

war kein fo vorübergehendes, wie man es nach den zu einer wahren Philofophie begeiftert, endlich auch ihr
Worten des Verf.'s auffaffen könnte, fondern ein länger | freies Verhalten zur Religion bedingt. In dem etwas
dauerndes, noch 1525 macht Hartmut eine heimliche i fpäter gefchriebenen, aber gleichzeitig veröffentlichten

Reife nach Böhmen, um für Ulrich zu feinem geplanten
Einfall Truppen zu werben. — Der Sohn Hartmut's trat
mit feiner Frau, einer Tochter F"ranz v. Sickingen's, angeblich
,aus eigner Bewegnifs' wieder zur römifchen Kirche
über, liefs feinen Sohn Schweikard im Collegium Ger-
nianuum in Rom erziehen, und als Letzterer Erzbifchof

Brief sur les voyages zieht M. für feine Landsleute die
Confequenzen aus feinen Beobachtungen. Es ift ein fehr
wenig erfreuliches Bild, welches der Verf. auf S. 45 ff.
von den Culturzuftänden der Schweiz in jener Zeit entrollt
: kein namhafter Schriftfteller in Bern von der Reformation
bis auf A. Haller; die PVeiheit verbannt; Pa-

und Kurfürft von Mainz wurde, machte er es fich zur ; trizier, Bürger, Bauer nur durch ein Syffem hochmuthiger

Lebensaufgabe, ,mit der ftärkften Beize die Erinnerungen j Herrfchfucht mit einander verbunden; dabei aber eine

an feines Grofsvaters evangelifche Beftrebungen wegzu- fchmähliche Abhängigkeit von Frankreich, die fich im

ätzen'. Nun begann für das Städtchen Cronberg eine 1 Modeluxus, den Militaircapitulationen, der Rcifefucht der

lange Leidenszeit, in welcher die proteflantifch gebliebene
fchwächere Linie nur wenig Schutz gewähren konnte,
und die nicht abnahm, als nach dem Ausfterben des
Gefchlechts 1704 die Einwohner .kurfürftlich- mainzifche
Unterthanen wurden. Sie dauerte, bis um die Mitte vori-

Vornehmen am grellften kennzeichnet. Gegen diefe letztere
wendet fich M., indem er einheimifche Einfachheit,
Offenheit, Charakterftärke preift gegenüber der Sucht, das
Fremde nachzuahmen und dadurch fchlüpfrige Gewohnheiten
und die Luft an Tand und äufserem Gepränge ein-

gen Jahrhunderts tolerantere Anfchauungen auch in die zuführen. In edler, formvollendeter, oft dichterifch
katholifche Kirche eindrangen und die Bewohner ihren fchöner Sprache werden diefe Gedanken den Lefern vorunter
anderthalbhundertjährigen Stürmen treubewahrten geführt.

evangelifchen Glauben fortan ungehindert ausüben durften
. Der Verf. fchildert mit Benutzung reichen archi-
valifchen Materials diefe Zeit eingehend, und es ift Cronberg
, trotz der Unbedeutendheit des Städtchens, ein nicht

Auf S. 52—81 fucht Greyerz nun den nachweisbaren
Einflufs feftzuftellen, den M.'s Briefe geübt haben. Am
ausfuhrlichften wird der franzöf. Kritik gedacht. In den
zahlreichen Besprechungen, welche von ihr den Briefen