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Ausgabe:

1888 Nr. 17

Spalte:

425-426

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Uebinger, Joh.

Titel/Untertitel:

Die Gotteslehre des Nikolaus Cusanus 1888

Rezensent:

Nitzsch, Friedrich August Berthold

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Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 17.

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herabfetzen. Nicht nur dem Studenten möchten wir G.
zum Begleiter bei feiner curforifchen Leetüre wünfehen.
Auch der Geiftliche wird gewifs Förderung und Anregung
in diefen Erklärungen finden. Darum ift nur zu wünfehen,
dafs der Verf. feine dankenswerthe Arbeit fortfetzen
möchte.

Halle aS. Ed. Gräfe.

Uebinger, Dr. Joh., Die Gotteslehre des Nikolaus Cusanus.

Paderborn, F.Schöningh, 1888. (VI, 198 S. gr. 8.) M. 2.40.

Die Gotteslehre des Cufanus ift in den letzten Jahrzehnten
nicht nur in Monographien und Specialabhandlungen
(von Scharpff, Storz, Falckenberg u. A.), fondern
auch in Gefammtwerken über die Gefchichte der Philo-
fophie und ähnlichen Schriften (von Ritter, Stöckl, Erdmann
, Pünjer, Windelband u. A.) oft behandelt worden.
Dies hielt Herrn Dr. Uebinger aber nicht ab, die vorliegende
Studie zu veröffentlichen. Er war fich nämlich
bewufst, thcils über ein vollftändigeres und kritifch mehr
geachtetes Material zu verfügen, als feine Vorgänger,
theils über die Entftehungszeit der einzelnen, nicht
durchweg mit einander übereinftimmenden Schriften
des Philofophen beffer unterrichtet zu fein und unterrichten
zu können, und auf Grund der neugewonnenen
Einficht in die Aufeinanderfolge derfelben glaubte er zum
erften Mal eine genetjfche Darfteilung bieten zu können.
Nun war zwar längft anerkannt, dafs Nikolaus fich zu
Retractationen veranlafst gefehen hat (vgl. z. B. Erd-
mann's Bemerk, über die Schrift de concordantia catliolicd).
Aufserdem lernen wir von Uebinger felbft (f. die Schlufs-
bemerkungen), dafs derfclbe über die Kernpunkte eigentlich
doch immer diefelbe Anficht vorgetragen hat, wenn
auch in verfchiedenen Ausdrücken. Infofern hat fchein-
bar der Verf. die Neuheit und Tragweite feiner Leiftung
nach Einer Seite hin überfchätzt. Indeffen er hat doch
immerhin nachgewiefen, dafs der Philofoph hinfichtlich
mancher Einzelfragen und namentlich in der Methode
der Gotteserkenntnifs fich nicht gleichgeblieben ift (er
unterfcheidet eine frühere ,fymbolifche' von einer fpä-
teren ,exacten' Richtung feiner Speculation). Ferner hat
er durch genaue Erörterung vieler einzelnen an fich mehrdeutigen
Ausfprüche zur Befeftigung der allerdings keineswegs
neuen Anficht beigetragen, dafs der Cufaner
nicht den Pantheiftcn, fondern den Theiften beizuzählen
ift. Ja es ift ihm auch gelungen, zu zeigen, dafs deffen
Lehre von Gott als purus actus, fowie von der Caufa-
lität Gottes (als der causa efficiens, formalis und finalis
des Endlichen) der fcholaftifchcn, wenigftens der tho-
miftifchen, näher fleht, als gewöhnlich angenommen wird
(wenn er auch zu wenig beachtet hat, dafs es ein Unter-
fchied bleibt, ob von Gott als causa formalis im plato-
nifchen oder aber im ariftotelichen Sinne geredet wird;.
Uebinger hat fich alfo nicht ohne Erfolg um eine genauere
Ermittelung der Lehre feines berühmten Landsmannes'
bemüht. Verdienftlicher indeffen, als die (durch häufige
Wiederholungen fremder und eigener Ausfprüche ohnehin
zuweilen ermüdende und etwas breitfpurige) Abhandlung,
welche das Corpus des Büchleins bildet, ift der Anhang,
der uns ein bieditum bietet (S. 150—198). Er enthält
den gedruckten Text des bisher für verloren gehaltenen
Tetralogus des Nikolaus ,de non aliud' (über das
,Nichtandere'), welcher übrigens auch ,Directorium (oder
Dircctio) specidantis' betitelt wird. Nach einer von dem
Nürnberger Hartmann Schedel 1496 gefertigten Hand-
fchrift, die fich jetzt in der kgl. bayerifchen Hof- und
Staatsbibliothek in München befindet, hat er das Ge-
fpräch herausgegeben. Dasfelbe bietet nun freilich nicht
vieles, was nicht auch in anderen Schriften des Autors
im Wcfcntlichen fchon gefagt wäre. Aber dafs es nunmehr
zugänglich ift, ift doch fchon deshalb nicht ohne
Bedeutung, weil der Autor felbft dem neuen von ihm
gewählten Namen (Gottes) hohen Werth beilegt. Nach

feiner Anficht bringt nämlich das Gefpräch diejenige
Gedankenentwicklung zum Abfchlufs, zu der durch feine
Lehre von der Einheit der Gegenfätze der Grund
gelegt ift. Das ,Nichtandere' bedeutet nicht etwa foviel
wie das Selbige, der Name foll vielmehr ausdrücken, dafs
Gott keinem Dinge gegenüberfteht, fondern vor jedem
Unterfchiede der Gegenfätze ift. Das Nähere möge
man in der fleifsigen Abhandlung des Herausgebers
nachlefen.

Kiel. F. Nitzfeh.

Matthis, Pfr. Gust., Die Leiden der Evangelischen in der
Grafschaft Saarwerden (Kantone Saar-Union und Dru-
lingen im Elfafs). Reformation und Gegenreformation
1557—1700, nach den Quellen erzählt. Mit 1 Karte
der Graffchaft Saarwerden. Strafsburg, Heitz, 1888.
(VIII, 272 S. gr. 8.) M. 3.—

,Den Freunden elfäffifcher Kirchengefchichte wird hier
die Erzählung der Schickfale von nahe an 40 Gemeinden
geboten, die fich im nordweftlichen Theile des Landes
befinden und früher die Graffchaft Naffau-Saarwerden
bildeten. Die Gefchichte derfelben ift reich an über-
rafchenden Wendungen und nimmt oft einen tragifchen
Charakter an. Eine 70jährige Leidenszeit ift es, die
fich vor den Augen des Lefers entrollt und das im
fchönften Gedeihen begriffene Reformationswerk gewalt-
fam unterbricht. Aber die Treue eines kleinen Häufleins
rettet das Kleinod des Glaubens durch alle Stürme hindurch
und verhilft ihm zum endlichen Siege'.

So fafst und begrenzt zugleich Pfarrer Matthis die
Aufgabe, die er fich geftellt; und er ift wohl befugt zu der
Verficherung, ,dafs diefe Ereignifse zum erften Male ausführlicher
und nach den Quellen befchrieben werden'.
Weniger richtig ift es aber, wenn er behauptet: ,Alles,
was bisher darüber veröffentlicht worden, befchränkt fich
auf ein Dutzend Seiten im 2. Band von ,Roehrich's Mittheilungen
aus der Gefchichte der evangelifchen Kirche
des Elfaffes' und auf eine Reihe von Artikeln des
Pfarrers Ihme im ,Ev.-luth. Friedensboten', Jahr 1886
(ganz abgefchen von anderen, nach feinem Dafürhalten,
Minderwertigen); denn was Rochrich's Auffatz betrifft,
deffen Titel (,Die evangelifche Kirche in der ehemaligen
Graffchaft Naffau-Saarwerden und einigen angrenzenden
Gemeinden') von Matthis feltfamer Weife

[ verfchwiegen wird, fo enthalten die 32 Seiten desfelben
(alfo mehr als ein Dutzend) eine fehr fehätzenswerthe
Vorarbeit zur Behandlung obigen Gegenftands. Sodann
bietet fich uns für das gefammte Land, das fich zwifchen
den Vogefen und der nordweftlichen Grenze Elfafs-
Lothringens ausdehnt, ein zuverläffiger Führer an in den
von Matthis nur im Vorübergehen erwähnten ,Wande-

j rungen eines Protcftanten in Lothringen'(Strafsburg 1880,
115 Seiten). Wir glauben, dafs durch eine gerechtere
Würdigung der Verdienfte feiner Vorgänger der Werth
der eigenen Arbeit nicht verringert worden wäre. So

j hätte Pfarrer Matthis auch einzelne irrthümliche Angaben
des trefflichen Roehrich berichtigen können, ohne jedesmal
die Aufmerkfamkeit der Lefer mit Abficht darauf
zu lenken oder ihn gar des ,Fabulirens' (Seite 101) anzuklagen
.

Diefe Haltung feinerfeits foll indeffen uns nicht verhindern
, anzuerkennen, dafs in der That in vorliegendem
Buch die politifche und kirchliche Gefchichte der meiften
Gemeinden der genannten Graffchaft in einem noch nicht
dagewefenen Umfang und mit einer Gründlichkeit, die
I nichts zu wünfehen übrig läfst, durchforfcht worden ift
1 und eine muftergiltige Darfteilung gefunden hat. Das
reiche Quellenmaterial, auf das fich diefe letztere erbaut,
ift aus etwa 26 Kirchenbüchern, 8 bis 10 gröfseren und
kleineren Archiven (unter anderen die von Strafsburg,
* Coblenz und Nanzig) zufammengetragen worden. Um

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