Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1888 Nr. 16

Spalte:

410-411

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Witte, J. H.

Titel/Untertitel:

Das Wesen der Seele und die Natur der geistigen Vorgänge 1888

Rezensent:

Müller, Ferd. Aug.

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

409 Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 16. 410

das Eigenthum, das Ideal des Mönchthums, die erfte I einer ungefchichtlichen Anfchauung vom Staate. Frap-
moderne Vertretung des Socialismus feitens eines fo : pant aber ift es, dafs H., indem er fich das Urtheil
eifrigen Katholiken wie Thomas Morus, die focialiftifchen , Gierke's aneignet, in jener Lehre fei ein bedenkliches
Sympathien heutiger katholifcher Kleriker belegt hatte, i Moment heidnifchen Urfprungs confervirt, fchliefslich

H. fucht zunächft die Reihen diefer Zeugen zu ver
ringern. Sätze des Decrets des Gratian hätten nur fo
viel Auctorität, wie ihren Urhebern, hier dem Ulpian zukomme
— eine Anficht, die doch nicht alle namhaften
Kirchenrechtslehrer theilen. Mitden katholifchenlmpulfen
der Wiedertäuferei fei es nichts, eine Verficherung, die
in offenbarer Unkenntnifs der neueren Forfchungen abgegeben
wird. Die Utopia des Morus fei doch kein
Denkmal katholifcher Lehre, was Niemand behauptet
hatte. Bei der Vertheidigung des Thomas aber wird
durch den Staub, den H. durch Zerzaufung jedes Satzes
bis auf den Ausdruck aufwirbelt, die Streitfrage verdunkelt.
R. hat Thomas nicht vorgeworfen, dafs er an das zuge-
ftandene Recht des Privateigenthums fittliche Pflichten
knüpft, fondern dafs er diefelbcn ftatt aus dem chrift-
lichen Urtheil aus Forderungen des Naturrechts herleitet,

dafs ihn, wie H. felbft zugefteht, urfprünglich auf die I keit befürchten zu müffen, verrathen, dafs bereits die

die Reformation für den Schaden verantwortlich macht,
den dies Element geftiftet hat, weil fie das Band gelöft
habe, welches die antiken Elemente in einer beftimmten
Richtung abgebogen habe — NB. foweit es der Kirche
für ihre Zwecke förderlich fchien.

Giefsen. J. Gottfchick.

Witte, Prof. Dr. J. H., Das Wesen der Seele und die Natur
der geistigen Vorgänge im Lichte der Philofophie feit
Kant und ihrer grundlegenden Theorien, hiftorifch-
kritifch dargeftellt. Halle, Pfeffer, 1888. (XVI, 336 S.
gr. 8.) M. 7.-

Vielleicht darf ich in diefem Falle, ohne eine Verallgemeinerung
auf die Methode meiner Recenfionsthätig-

Gutergemeinfchaft hingeführt hätte. Er hat ihm nicht
imputirt, dafs er den Privatbefitz als Unrecht verdamme,
fondern gefagt, dafs er ihn nur als Gegengewicht gegen
Arbeitsfcheu, Unordnung und Streit würdige. ,Was
wünfehten Sie eigentlich an diefer Stelle mehr zu hören?'
fragt H. Nun einfach den Gedanken, dafs die freie Verfügung
über Mittel, Stoff, Ertrag der Arbeit die pofitive
Bedingung für die felbftändige und fruchtbringendeTheil-
nahme an der irdifchen Culturarbeit ift, in welcher fich
der fittliche Charakter bildet. Von diefem pofitiven Werth

Durchlefung der Inhaltsangabe mich lebhaft gegen das
vorliegende Werk eingenommen hat. Denn fo vollftän-
dig Verf. in der Aufzählung der Seelentheorien zu fein
wünfeht, es fehlt diejenige Anficht, welche bei weitem
das erfte Anrecht auf gründliche Prüfung hat: Die Lehre
Fechner's über die Wechfelwirkung von Leib und Seele
und die daraus folgenden Hypothefen über die Natur der
Seele felbft. Allerdings erfordert das vollltändige Ver-
ftändnifs Fechner's ziemlich umfangreiche mathematifche,
einige phyfikalifche und phyfiologifche Kenntnifse; aber

des Eigenthums und der Arbeit weifs eben Thomas j wenn Verf. diefe bei feinen Lefern nicht glaubte voraus-
nichts. Aber H. hat Thomas' Anficht auch abgeftumpft, fetzen zu dürfen, fo konnte er fich mit einer an ,Zenda-
indem er einen Satz nicht genau überfetzt und einen an- 1 vefta', ,die Tagesanficht gegenüber der Nachtanficht' und
dern ausläfst. Wenn Thomas die Anficht verwirft, dafs andere populäre Schriften Fechner's fich anlehnenden
das Privateigenthum ein ab fol u t es Hindernifs des Heiles j Darftellung begnügen. Es würde das Verweilen bei diefen
fei {nullam spem), fo überfetzt II. ,ein Hindernifs'. Sehr j tieffinnigen Lehren das Buch weit anziehender gemacht
mit Unrecht, denn S. th. II, 2 qu. 186, 3 fleht der von
ihm übergangene Satz, dafs der weltliche Belitz zur Weltliebe
verlocke und dafs darum der äufsere Verzicht auf

haben, als es bei feinem jetzigen Inhalt ift.

Diefer befteht, wie uns gleich im Eingang angekündigt
wird, in einer hiftorifchen und fachlichen Discuffion
Privatbefitz das Fundament für den Erwerb vollkommener der ,in den Kreifen der Wiffenfchaft' jetzt wieder leb-
Liebe fei. Es find alfo von der katholifchen Kirche ge- hafter erörterten Frage von der Subftantialität der Seele,
nährte Impulfe, die in den communiftifchen Revolutionen Da ich mir bewufst bin, aufserhalb diefer Kreife zu flehen,

des Mittelalters und der Reformationszeit wirkfam find:
denn auch zu dem Zwang, den die Kirche auf diefem
Punkte verabscheute, hat fie auf anderen in Sachen der
Freiheit und des Gewiffens fich nach Lehre und Praxis
bekannt. Widerlegt hat H. feinen Gegner nur in einem
nebenfächlichen Punkte, in Hinficht des m. E. nicht begründeten
Befremdens R.'s über die Entfcheidung des
Thomas, dafs man im Falle der äufserften Noth fremdes
Eigenthum fich aneignen dürfe.

Lediglich Nebenfachen find es ebenfalls, in denen er
Recht hat, wenn er R.'s Thefe bekämpft, dafs die Lehre
von der Volksfouveränität eine politifche Geiftesgemein-
fchaft der drei Parteien begründe. Nach einem überzeugenden
Auffatz H.'s von 1884 ift der Commentar zum
5. Buch von Ariftotelcs' Politik, aus dem R. eine Stelle
als thomiftifch bezeichnet hatte, nicht von Thomas. Und
nicht Bcllarmin ift der erfte Vertreter der Idee der Volksfouveränität
, fondern fie ift viel früher fchon aus dem
römifchen Recht reeipirt. Aber im Uebrigen ficht H.
wieder gegen Windmühlen; denn einerfeits hat R. die
Identität der katholifchen und der liberalen Staatsdoctrin
fo wenig behauptet, dafs er vielmehr das katholifche
Intereffe an der Lehre vom Urfprung der befonderen
Staatsform aus Befchlufs der Menge, nämlich die Her-
abfetzung des Staats gegen die Kirche, ausdrücklich hervorgehoben
hat. Andcrfeits ändert der Unterfchied
zwifchen der antiken, der liberalen und der katholifchen
Anficht vom Staate, dafs die letztere auf Gott als Begründer
des Naturrechts zurückgreift, lediglich nichts
an dem, worauf es ankommt, an der Gemeinfchaft in

und ich daher vielleicht nicht die Gefammtheit der Hülfs-
mittel kenne, mit denen neuerdings diefe lange für hoffnungslos
gehaltene Frage in Angriff genommen wird, fo
glaube ich mich eines Urtheils über die Ausfichten diefer
Bemühungen enthalten zu follen. Wird folchen Specu-
lationen eine Berechtigung zuerkannt, dann läfst fich
auch der Nutzen eines Buches, wie des vorliegenden, in
dem eine Zufammenftellung der modernen Anflehten
von der Seele, dem Erkennen u. f. w. gegeben wird, anerkennen
.

Doch hätte die Aufgabe weit beffer gelöft werden
können, als feitens Witte's gefchehen ift, denn Auswahl
und Anordnung des Stoffes fowie die Darftellung laffen
fehr viel zu wünfehen übrig. In zwei ganz kurzen Ab-
fchnitten wird Materialismus und fkeptifcher Pofitivismus
(Wundt: die Seele ein gewordenes Ding, aber keine
Subftanz) abgethan; den genannten Philofophen läfst Verf.
durch Lipps gründlich befiegen, worüber fich Wundt
hoffentlich ohne viel Mifsbehagen hinwegfetzen wird.
Dann kommt ein verhältnifsmäfsig langer Abfchnitt,
betitelt: Der Kantianismus und Kriticismus: Die Seele
ein Phänomen, ihr beharrliches Wefen ein Poftulat der
Vernunft (S. 21—229). Zunächft wird hier Kant felbft
mifsverftanden. Mit einer Präcifion, die nichts zu wünfehen
übrig läfst, verwechfelt Verf. Seele und Bewufst-
fein. Nämlich, fo lehrt er uns, nur im Gebiet der fpecu-
lativen Theorie habe Kant die Seele zu einem Phänomen
, die innern Vorgänge zu Erfcheinungen gemacht,
die pofitive Uebcrzeugung vom Wefen des Ge ift es hin-
fichtlich der Selbftändigkeit und Urfprünglichkeit des