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Ausgabe:

1888 Nr. 15

Spalte:

372-373

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bois, henri

Titel/Untertitel:

Adersaria critica 1888

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 15

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wirklicher Geifteseinheit mit Mofe heraus in höchfter In- j
tenfität des ihn infpirirenden Gottesgeiftes' (S. 23). Auch
hinhchtlich der Concentrirung des Cultus auf ein Heilig- '
thum ift die Differenz des Deuteronomiums und des
Bundesbuches nur eine relative (S. 25). Aber auch im
Prieftercodex ift das Legislativ-Gefchichtliche nicht frei
gedichtet, fondern aus Ueberlieferungen gefchöpft; der
Grund zur elohiftifchen Legislation war fchon gelegt, als J
das Deuteronom entftand (S. 26f.). Hat fomit fchliefs- |
lieh der Gefammtinhalt des Pentateuch feine Wurzeln in
der mofaifchen Zeit und ift damit im Wefentlichen die
Gefchichtlichkeit diefes Inhalts verbürgt, fo ift es nur
confequent, wenn der Verf. auch die in der Genefis ver-
fchmolzenen Quellenfchriften in der Hauptfache als
gleichwerthige Gefchichtsquellen betrachtet und dem-
gemäfs auslegt. Die Differenzen in ihren Ausfagen werden
dabei nicht geleugnet, wenn fie auch bisweilen in
der Auslegung weit weniger erheblich erfcheinen, als
fie wirklich find. Aber ob z. B. der Verf. von Cap. 5
von 4, 25 und was damit zufammenhängt, nichts wufste
oder nichts wiffen wollte, ,kann uns gleichgültig fein,
denn die Quellenfchriften J und Q find nicht kanonifch
geworden, in ihrer Zufammenarbeitung ift das Deficit der
einen in hiftorifch nicht zu beanftandender Weife durch
das Plus der andern gedeckt' (S. 141).

Es ift nur eine dürftige Skizze, die Referent im Vor-
ftehenden zu geben vermochte. Eine principielle Aus-
einanderfetzung mit den Aufftellungen des Verf.'s gedenkt
Referent, da fie ihm unter den Händen weit über das
Mafs einer Befprechung in diefer Zeitung anfchwoll,
demnächft anderwärts erfcheinen zu laffen. Hier nur fo
viel: die ,grundfätzliche und wefentliche' Verfchiedenheit
der Anficht des Verf.'s von der modernen kommt in der
Hauptfache auf zwei Punkte hinaus. Die Thora ift zwar
nach und nach durch verfchiedene Hände entftanden,
beruht aber in allen ihren Theilen auf fchriftlichen und
mündlichen Traditionen aus Mofe's Zeit, ift alfo fchliefs-
lich bei aller Verfchiedenheit ihrer Theile doch ein Werk
aus einem Geilte, der Niederfchlag der durch Mofe vermittelten
Gottesoffenbarung. Und ferner: die kritifche 1
Analyfe ift infofern von fecundärer Bedeutung, als nicht !
den Quellenfchriften, fondern dem aus ihnen componir-
ten, als Ganzes vorliegenden Buch kanonifche Dignität !
und Glaubwürdigkeit zukommt. Dem gegenüber wird
es eine principielle Auseinanderfetzung mit folgenden
Fragen zu thun haben: wo liegen die Kriterien, nach
welchen inmitten des überaus mannigfaltigen und in vie- |
len Punkten fchlechthin heterogenen Inhalts der Thora
die auf mündlicher Tradition von Mofe her beruhenden !
Beftandtheile ermittelt werden können, wenn doch z. B. j
das Deuteronomium (S. 24) ,durchaus ein Werk aus
Einem Guffe ift'? Wiefern ift aus der j etzt jehoviftifch-
deuteronomifchen Färbung der Mofe zugefchriebenen
Stücke zu erweifen, dafs diefelbe ohne weiteres den ,mo- I
faifchen Urtypus' repräfentirt? Ferner: was beweift die !
von niemandem angezweifelte Tradition über Mofe als
den Befreier des Volks und den Urheber der grofsen
Grundgedanken in der Religion Israels für feinen Antheil
an den Einzelbeftimmungen der codificirten priefterlichen
Thora? Endlich: hat die Ermittelung des ,Kanonifchen'
nicht von einer Vergleichung und einer auf die Ver-
gleichung gegründeten Werthbeftimmung der Quellen-
bellandtheile auszugehen, um zu einer Fellftellung des
Thatfächlichen und für das rechte Verftändnifs der Religion
Israels Mafsgebenden zu gelangen?

Diejenigen, welche mit dem Referenten vielfach eine
andere Antwort auf diefe Fragen geben müffen, als der
Verf., dürfen fich doch für ihr gutes Recht dazu auf feine
eignen Worte berufen. ,Die Einficht', heifst es S. 34,
,dafs der Pentateuch die Thora enthält, aber nicht fie
felber ift . . ., übt eine befreiende Wirkung'. Und S. 35:
,Gott ift der Gott der Wahrheit. Wahrheitsliebe, Beugung
unter den Zwang der Wahrheit, Darangabe traditioneller
Anflehten, welche die Wahrheitsprobe nicht be-
ftehen, ift eine heilige Pflicht, ein Stück der Gottesfurcht'.
Das find goldene Worte, und fie wiegen um fo fchwerer,
als fie der Verf. durch die rückhaltlofe Anerkennung des
guten Rechtes der Kritik längft auch zur That werden
liefs. Der Dienft, den er damit der wiffenfchaftlichen
Schriftforfchung gegenüber den landläufigen Erfchwerun-
gen und Verdächtigungen geleiftet hat, wird ihm unver-
geffen bleiben. Und wenn er fich dabei durch fein Ge-
wiffen verhindert fieht, alle die Confequenzen der kriti-
fchen Forfchung zu ziehen, die anderen unabweisbar
erfcheinen, fo kann er um fo beffer mit denen fühlen, die
nicht minder kräftig durch ihr Gewiffen getrieben werden
, die ,befreiende Wirkung' des als wahr Erkannten
noch voller zur Geltung zu bringen.

Tübingen. E. Kautzfeh.

Evans, Howard Heber, B. A., St. John the author of the
fourth gospel. London, Nisbet & Co., 1888. (XI, 132 S.
gr. 8.) geb. 6 s.

Es verhält fich fo, wie der Verf. S. 5 fagt: der Einfall
, das Buch zu fchreiben, gehört ihm an; dazu nicht
wenige Beiträge zur Feftftellung des Wortfchatzes und
der Lexicographie: ,der Reft ift wenig mehr als eine
Compilation aus den Werken anerkannter Autoritäten der
biblifchen Wiffenfchaft'. In der That erfahren wir faft
auf jeder Seite, wie Archdeacon Farrar, Canon Westcott,
Dean Alford, Bishop Lightfoot, Canon Liddon, Archbishop
Trench, Prebendary Row u. Reverend White fich ausgedrückt
haben. Auch was Verf. von der deutfehen kriti-
fchen Schule weifs, verdankt er nur diefen inländifchen und
folchen ausländifchen Büchern, welche, wie die angeführten
Werke von Reufs, Ebrard, Godet u. a., in englifcher
Ueberfetzung vorliegen. Selbft dafs Baur das 4. Evangelium
für unecht, die Apokalypfe für echt gehalten habe,
wird zuerft durch einen Zeugenbeweis aus der dem Verf.
zugänglichen Literatur feftgeftellt, ehe er fich mit dem
genannten Theologen auseinanderzufetzen beginnt. Seine
Taktik geht einfach dahin, aus der zugeftandenen joha-
neifchen Authentie der Apokalypfe die Anerkennung
gleicher Authentie für das Evangelium zu erzwingen.
Dabei wird nichts vorgetragen, was nicht auch bei uns
fchon verhandelt worden wäre. Nur die passivi, befon-
ders aber S. 67 h und im Anhang S. 118 f. gegebene Zu-
fammenftellung zahlreicher Coincidenzpunkte in Bezug auf
Vorftellungskreis und Sprachgebrauch, zumal auch von
200 Phrafen, welche beiden Werken gemeinfam find,
bringt mancherlei Beachtenswerthes, wenn es auch in der
Richtung z. B. der Anfchauung Weizfäcker's über die Ab-
faffungs- und Verwandtfchaftsverhältnifse beider Schriften
ebenfo gut verwerthbar ift. Aufserdem verfucht der Verf.
noch einen Beweis ,a priori', dafs nicht fowohl die Ab-
faffung eines folchen Evangeliums durch Johannes wunderbar
zu nennen fei, wohl aber es wunderbar gewefen
wäre, wenn Johannes in feiner Lage dem Drang, es zu
fchreiben, hätte widerftehen können, S. 103.

Strafsburg i. E. H. Holtzmann.

Bois, Lic. Henri, Adversaria critica. De priore Pauli ad
Corinthios epistula. Erlangen, Deichen, 1887. (151 S.
gr. 8.) M. 4.—

Verfaffer bietet exegetifche und textkritifche Bemerkungen
und Vorfchläge zu zahlreichen Stellen aus allen
Theilen des 1. Korintherbriefes. Vieles, was überrafcht,
und Einiges erhebt gegründeten Anfpruch auf Beachtung
und Prüfung. So z. B. foll die Stelle 7, 20—24 zwei
zwifchen den identifchen Inhalt der Verfe 20 und 24
hineingeftellte, durchaus fymmetrifch gebaute, ihrem Inhalte
nach fich in umgekehrter Reihenfolge der einzelnen
Momente entfprechende (öfcoimg, V. 22) Satzreihen dar-
ftellen, deren erfte dem Sklaven empfiehlt, die in Chriftus