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Ausgabe:

1888

Spalte:

336-337

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spitta, Friedrich

Titel/Untertitel:

Die Passionen nach den vier Evangelien von Heinrich Schütz 1888

Rezensent:

Köstlin, Heinrich Adolf

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thümliche Wortzerreifsungen (z. B. in gente 105, 2, qui a Spitta, Friedr., Die Passionen nach den vier Evangelien von

186, 14), Auslaffungen (z. B. fehlt 311, 18 atque) und Heinrich Schütz. Ein Beitrag zur Feier des ßoojahri-

Dittographien (z. B. ift 101, 4 qui aus V. 7 hineingerathen.
1, 25 das erfte nec zu tilgen, 202, 33 für das aus V. 30
wiederholte dulccdine vielmehr decore zu fchreiben); eine
wunderliche Verfchiebung zeigt Nr. 189: der unvollftän-
dige V. 12 ift durch mater aus V. 10 zu ergänzen, an
Stelle des letzteren Wortes virgo aus V 7 einzufetzen

gen Schütz-Jubiläum's. Leipzig, Breitkopf & Härtel,
1886. (V, 65 S. gr. 8.) M. 1. 50.

Die Ergebnifse der Unterfuchung, welche diefe ver-
dienftvolle Schrift anftellt, haben fich feit Erfcheinen
derfelben in mehrmaligen Vorführungen der Schütz'fchen

und diefer Vers wiederum dadurch herzuftellen, dafs aus ! Matthäuspaffion bewährt. Es erfcheint daher angezeigt,

dem unverftändlichen vivaret das nothwendige ut visi-
taret entwickelt wird. Zu diefer bedauerlichen Verfaffung
des Wortlautes fteht die oft ganz fmnlofe Interpunktion

diefelbe noch nachträglich auch weiteren, insbefondere
kirchlich intereffirten Kreifen zu empfehlen, da fie be-
fonders geeignet ift, die kirchliche Bedeutung der Schütz-

(man vergleiche z. B. 55, Str. 2, 191, Str. 34, 256, Str. 7) j fchen Paffionen dem heutigen Vcrftändnifs zu erfchliefsen

vollkommen im Verhältnifs.

Soviel zur Charakteriftik auch der kritifchen Seite
von Roth's Publication: möchten doch künftige Hymnen-

und den richtigen Weg anzudeuten, auf welchem die-
felben, die im evangelifchen Cultus wurzeln und aus dem-
felben hervorgewachfen find, für die Erbauung fruchtbar

fammler, ehe fie an ihre fonlt fo dankenswerthe Arbeit j gemacht werden können. Bekanntlich hat die lutherifche
gehen, lieh die verhältnifsmäfsig geringe Mühe nicht Kirche den aus dem Mittelalter flammenden Gebrauch,
verdriefsen laffen, ein wenig philologifche Methode zu | an beftimmten Sonntagen der füllen Zeit, beziehungs-

lernen, oder falls es ihnen dazu an Zeit und Neigung
Ehlen follte, fich mit dem buchftabentreuen Abdruck
ihrer Vorlagen begnügen, ohne auch nur den Anfchein
einer kritifchen Redaction derfelben zu erwecken.

weife der Carwochc der Gemeinde die Leidensgefchichte
mit vertheilten Rollen gefangsweife, alfo fozufagen litur-
gifch-dramatifch vorzuführen, in den eigenen Cultus herübergenommen
, mit dem ihr eigenen Zartfinn alle Formen

Braunfchweig. W. Brandes. j feend' wflche gee'gnet ^ Ge™eY?de .mit d-m

ö [ Bibelwort, dem gepredigten, durch die Subjectivitat des

I Predigers hindurchgegangenen, wie dem rein objectiven,

Wetzstein, Dr. O., Das deutsche Kirchenlied im 16., 17. und in Lefung und Gelang dargebotenen, bekannt und ver-

18. Jahrhundert. Eine literarhiftorifche Betrachtung traut zu machen. Nur die deutfehe Sprache wurde für

feines Entwickelungsganges. Neuurelitz, Barnewitz, ffer Vo*f™*2,df ^^L^c'u^ *° ^

Luthers getreuer,Affaph', Johann Walther fchon I530zwei

(I, 132 S. gr. 8.) M. 2. - Paffionen in deutfeher Sprache componirt, die nach Mat

Der Verf. will mit diefem handlichen und überficht- thäus für den Palmfonntag, die nach Johannes für den Carlich
gehaltenen Schriftchen ,denen, welche für das in der ; freitag. DieAufführunglderPaffionsgefchichte wurdeftehen-
Kirche gefungene Lied fich intereffiren, zum Studium 1 derGebrauch, unddiefclbe wurde, um indieEintönigkeitdes
umfaffender Werke aber die Zeit nicht finden, in mög- ! anfänglich ausfchliefslich in Anwendung kommenden Cho-
lichft engem Rahmen zunächft einen Ueberblick über ratons(t/iodusc/iora//fcr/igeudi)muükai{chenAusdruckund
die einzelnen Epochen diefer Dichtungsart und eine kurze [ Mannigfaltigkeit zu bringen, von evangelifchen Tonfetzern
Charakterifirung der verfchiedenen Gruppen bieten', j mufikalifch bearbeitet, untcrpietätvollerSchonung des bib-
,Wenn auch aus wiffenfehaftlichen Studien hervorge- i lifchen Textes, fo von Clemens Stephani 1559, Mancinus (f.
gangen', erhebt die Schrift doch ,nicht den Anfpruch, der ' Schöberlein, Schatz des lit. Chor- und Gemeinde-Gefangs
Wiffenfchaft dienen zu wollen'. ,Sollte das Buch an j II S. 362 ff.), Melchior Vulpius, Schultz, Vopelius u. a. u. a.
feinem Theil dazu beitragen helfen, für eine beachtens- j In Leipzig beftand der Gebrauch bis 1766; ihm verdan-
werthe Liedergattung Intereffe anzuregen und gefchicht- ken wir die grofsartigen Paffionen von Johann Scbaftian
liches Verfländnifs für die einzelnen Erfcheinungen der- ! Bach, diefe gewaltigen Zeugnifse vom Gekreuzigten, die
felben zu wecken, fo hat es feinen Zweck erreicht'. Das mit allen Mitteln des künfüerifchen Ausdrucks von feiner
fo anfpruchslos fich einführende Buch will alfo nicht als j Herrlichkeit vor denen zeugen, welche die Predigt nicht
hymnologifche Studie im ftrengen Sinne des Wortes auf- ' erreicht, den — Juden und Heiden. In Dresden wurde
gefafst fein, fondern dem Zwecke der Anregung und der zur Zeit von Heinrich Schütz 1665 ff. (zu diefer Zeit ent-
rafchen Orientirung dienen. Von einem folchen Werke ftanden die Matthäus- und Johannespaffion) am Sonntag
ift in erfter Linie zu fordern, dafs es die Refultate der | Judica die Paffion nach Matthäus, am Palmfonntag die
Specialforfchung richtig, in anfprechender Formt und j nach Lucas und am Carfreitag die nach Johannes auf-
überfichtlicher Gruppirung gebe. Diefen Forderungen geführt. Diefem Gebrauch verdanken wir die drei echten
entfpricht das Buch, das die Hauptperioden in kurzen Paffionen von Schütz, denn die ihm zugefchriebene Marcus-
Strichen richtig charakterifirt, die wichtigften Vertreter Paffion ift wohl nicht von ihm. Während nun Bach die
namhaft macht, ohne allzuviel Namen zu häufen, und - Leidensgefchichte gleichkam in ihrer Spiegelung im gläu-
durch Wärme des Tons geeignet ift, das, Intereffe in ! bigen Gemüth vorführt, eine künftlerifch-mufikalifche
weiteren Kreifen anzuregen. Dafs im Einzelnen manches Verherrlichung des Herrn darfteilt, den die Gemeinde
der Richtigftellung bedarf, dafs da und dort uns Urtheile | durch fein Leiden betend geleitet, hellt Schütz den Ton-
aufftofsen, die wir als nicht fcharf zutreffend bezeichnen fatz abfolut in den Dienft des objectiven Wortes und
müffen, wie wenn der geiftlichen Dichtung des Novalis I Vorgangs: alle Mittel des Ausdrucks, durch die er das
,transcendente Weltvergeffenheit' als Hauptzug nachge- J Recitativ dramatifch belebt mit genialer Meifterfchaft,
fagt wird, oder die wir unfererfeits nur unter Limitirung dienen nicht der Reflexion über die Vorgänge, fondern
hinnehmen könnten, ift unvermeidlich. Wo es fich um 1 der dramatifchen Zeichnung, der farbenreichen Belebung,
Zufammenfaffung von grofsen Perioden und Gruppen 1 der plaftifchen Hervorhebung der Gehalten und Hand
handelt, wird die Subjektivität des Befchauers immer auf
das Bild einwirken.

Friedberg. Köftlin.

lungen. Die Tonkunft verhält fich durchaus dienend zum
Wort. Defshalb kommen die Schütz'fchen Paffionen zu
voller Wirkung auch nur im Gotteshaus und im Rahmen
des Paffionsgottesdienhes: fie fetzen gottesdienhliche
Stimmung, Ernft, Andacht voraus, da fie dem nur nach
mufikalifchem Klang Horchenden den gewohnten Reiz
nicht bieten. Spitta fordert mit Recht gegen Riedel,
welcher das Schönfte aus allen 4 Paffionen (auch der
unechten Marcus-Paffion) zu Einer verknüpft und damit