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Ausgabe:

1888 Nr. 1

Spalte:

333-335

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Roth, F. W. E.

Titel/Untertitel:

Lateinische Hymnen des Mittelalters 1888

Rezensent:

Brandes, Wilhelm

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333 Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 13. .^34

enthaltenden Ausgabe von 1591 die demnächflige Ueber-
fendung jenes Theilcs in Auslieht. Er hat ihn auch
wirklich im J. 1592 verfandt, aber nur handfehriftlich.
Diefes intereffante Actenftück fcheint P. nicht bekannt
zu fein. Es wird noch in diefem Jahre in einer von
Döllinger und mir zu veröffentlichenden Sammlung von
unedirten Jesuitica gedruckt erfcheinen, und wir werden
dabei, mit dankbarer Benutzung der von P. zugänglich
gemachten Ratio von 1586, eine vollftändigere und genauere
Darftellung der Entftehungsgefchichte der Ratio
studiorum geben können als P. Unrichtig ift die Anmerkung
S. 207: ,Uie nun folgenden Sätze dürfen (vielmehr
: follen) gelehrt werden'. S. 92 wird zu der Vor-
fchrift der Ratio von 1586, der Profeffor der fcholaftifchen
Theologie folle dem der Exegefe die Erörterung der
Frage überlaffen, utrum daemones possint coire cum foemi-
nis, die weder paffende noch richtige Anmerkung gemacht
: ,Gegen die Hexenprozcffe trat bekanntlich zuerft
ein Jefuit, Fr. von Spee, und zwar mit Lebensgefahr,
auf u. f. w. Irreführend find die von P. S. 26. 30 u. f. w.
in den Abdruck des Textes eingefügten Nummern.

Bonn. F. H. Reufch.

Roth, F. W. E., Lateinische Hymnen des Mittelalters. Als

Nachtrag zu den Hymnenfammlungen von Daniel,
Mone, Vilmar und G. Morel aus Handfchriften und
Incunabeln hrsg. Nebft Befchreibung der benützten
Handfchriften und Drucke und alphabetifchem Re-
gifter der Liederanfänge. Augsburg, Schmid's Verl.,
1887. (X, 165 S. gr. 8.) M. 4.—

Die vorliegende Hymnenfammlung beruht auf einigen
fünfzig bisher unbenutzten Darmftädter Handfchriften,
zumeift der Cölner, Mainzer und Trierer Diöcefen, und
einer Anzahl liturgifcher Drucke derfelben Bezirke. Der
Sammeleifer des Herausgebers und fein guter Wille, für
fein Quellgebiet Achnliches zu leiften, wie Mone, Morel,
Schade u. A. für die ihrigen geleiftet haben, verdienen
gewifs alle Anerkennung: allein der Werth feiner Arbeit
iff nichtsdeftowendiger ein weit geringerer, als er anzunehmen
fcheint und als man felber auf den erften Blick
annehmen möchte.

Was zunächfl die Zufammenfetzung der 438 Nummern
betrifft, fo find nahezu zwei Drittheile davon bereits
in denjenigen Sammlungen, zu welchen die vorlie- i rufungszeichen im Texte. Diefe letzferen ftehen durch-

unberückfichtigt geblieben w.äre; dem Referenten we-
nigftens ift in der an Nichtigkeiten fo überreichen Hymncn-
poefie kaum etwas Nichtigeres vorgekommen. — Aber
auch der Reftbeftand dürfte leicht um ein weiteres Drittel
zufammenfehwinden, wenn man ihn Stück für Stück
durchprüfen wollte. Einmal find dem Herausgeber
Kehreins lateinifche Sequenzen des Mittelalters zwar
bekannt, — er citirt fie gelegentlich, z. B. S. VI und 28
— aber näher angefehen hat er fie nicht: er würde darin
fonft ein gutes Theil feiner heften Stücke fchon abgedruckt
gefunden haben, fo allein aus dem letzten Drittel
feines Buches (Nr. 300 ff.) die Nummern 304, 306, 307,
308, 311, 324, 350, 351, 353, 369, 370, 381,411,419.431
(== Mone 950) und die Sequenz im Nachtrage. Dazu
kommt, dafs fich manche der kürzeren Stücke als Fragmente
bereits bekannter Hymnen herausftellen dürften:
beifpiclsweife find die Nummern 52—54 weitere Ab-
fchnitte des zu 51 angegebenen Hymnus Dan. I, 159,
desgleichen 257 = Mone 684, 13—16, vollends 424 ein
Bruchftück des bereits unter Nr. 56 abgedruckten Liedes
Ilostis ' llerodes impie. Alles in Allem wird man die Zahl
der hier wirklich zum erften Male gebotenen Stücke —
folche, von denen Daniel den Anfang giebt, eingerechnet
— mit 60—80 eher zu hoch als zu niedrig anfchla-
gen. Unter ihnen find einige intereffante Cölner Heiligenlieder
, namentlich aber ein Bufslied und mehrere Marienhymnen
einer ehemals Lütticher Handfchrift sacc. XIII
fowohl wegen ihres Umfanges, als wegen ihrer relativ
gefchickten Darftellungsform hervorzuheben.

Wieweit der Herausgeber feinen Texten eine kritifche
Behandlung hat angedeihen laffen, wird zunächft aus dem
Vorworte nicht klar, obwohl darin viel von Textkritik
im Allgemeinen und Befonderen, von ,fchroffen' Lesarten
und der ,Hartnäckigkeit mancher Handfchriften
für harte Lesarten' die Rede ift. Sollte jedoch die
Aeufserung S. VII ,Ich habe . . . wie ich glaube, diefe
Lieder hergeftellt, dafs die Texte genügen' fich auch
nur auf einen wefentlichen Bruchtheil des gebotenen
Materials beziehen, fo kann Referent nur annehmen,
dafs der Herausgeber fich in einer ftarken Selbfttäufchung
befindet. Zunächft befchränken fich die äufserlichen
Spuren kritifcher Thätigkeit in der ganzen Sammlung
auf ein rundes Dutzend Notizen unter dem Text —
meift handelt es fich dabei um Rafuren oder Unlcfer-
liches — und etwa ebenfoviele eingeklammerte Aus-

gende eine Nachlefe fein will, veröffentlicht. Eine An- j weg an Stellen, wo entweder gar kein Anftofs zu nehmen
zahl derfelben druckt Roth vollftändig wieder ab, und 1 war, wie S. 60 bei fistclla cyrpca (= scirped), S. 65 bei
zwar nicht blofs ,in Lesarten ftark abweichende' (S. VII), karitate, Nr 224, 13 bei soluti, oder aber ein wirklich
fondern felbft folche, deren Text fich nur durch ortho- j vorhandener Fehler der Ueberlicferung mit dem gering-
graphifche Gleichgültigkeiten von demjenigen Daniels | ften ,kritifchen Aufwände' befeitigt werden konnte: fo
unterfcheidet: man vergleiche z. B. Nr. 39 (= Dan. I, [ ift S. 81 ftatt fomidine natürlich forinidine zu fchreiben,
36!), 43 (in 44 nochmals faft vollftändig wiederholt), : Nr. 183, 4 curia ftatt curie, 277, 4 causa ftatt casa, 425,
51, 56. Von den übrigen begnügt fich der Herausgeber i 35 praesto ftatt praesta. Dagegen fehlt jedes kritifche

den Anfangsvers, die frühere Publicationsftelle und die
Lesarten feiner Handfchriften zu geben. Doch auch
dies will mir zumeift eher eine Beladung, als eine Bereicherung
der Nachlefe fcheinen; denn da die benutzten

Zeichen an zahllofon Stellen, wo theils augenfällige,
theils verdeckte Verderbr.ifse, zum Theil fchwerfter Art,
das Verftändnifs des Textes beeinträchtigen oder unmöglich
machen. Ich gebe aufs Gerathewohl eine

Handfchriften mit wenigen Ausnahmen fehr jung find, ! Sammlung folcher Verderbnifse, die fich leicht erweitern
fo ergiebt fich aus dem Variantenwuft kaum hier und liefse: herzuftellen ift Nr. 101, 3 viventum (aus vivettütn),
da ein Gewinn felbft für die Hymnen des fpäteren Mittel- 186, 38 cinetus {t'inctus), ebenda 45 leditur {legitur), ebenda
alters. Was follen aber vollends Lesarten sacc. XV zu j 68 truci (cruaj, 189, 17 Marie {mane 256, 9 ceditur {cre-
Hymnen des Ambrofius oder Venantius? Hier wäre eine ; ditur), ebenda 12 demum (temum), 298, 4 tutum (tuum),
Einfchränkung dringend nöthig gewefen, um die Arbeit ! 356, 23 silent {sileret), 357, 6 quivis (quirens), 413, 5 wahrkünftiger
Kritiker nicht zu erfchweren, ftatt zu ver- fcheinlich ante (auge), ebenda II vernulas [vcrinulas),
ringern. j 416, 38 iuvisti (iniusti) u. f. w. (An der vom Herausgeber

Von dem übrigbleibenden Drittel, welches fich als ! durch eine Fufsnote ausgezeichneten Stelle 188, 17, wo
bislang ungedruckt giebt, kommen zunächft weitere ! ,die Handfchrift undeutlich q ssum nix (vixP)' bietet und
50 Nummern einer Handfchrift saec. XV—XVI in Abzug, ; Roth quod sunt nix gefchrieben hat, ift zufammenzulefen
die Roth felber nicht der vollen Wiedergabe werth ge- j trahe quassum, vix spirantem) Auch fonft ift jede Art
halten und daher nur durch je 4—8 Verfe charakteri- > von handfehriftlichen Fehlern in den Text übernommen:
firt hat. Nach diefen Proben zu urtheilen, würde es falfche Versabtheilungen gegen Reim und Silbenzahl
nichts gefchadet haben, wenn die Handfchrift überhaupt (z. B. 101, Nr. 16, 104, 27—28, 341, Nr. 5 und 9), irr-