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Ausgabe:

1888 Nr. 13

Spalte:

323-326

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stein, Ludw.

Titel/Untertitel:

Die Psychologie der Stoa. I. Bd 1888

Rezensent:

Duemmler, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 13.

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aus den Fundamenten des betreffenden thebanifchen
Tempels.

Ueber die Transfcription aeg. Worte in dem Werke
habe ich mich bereits an anderer Stelle ausgefprochen.
Diefelbe bezweckt durch Einfügung der in koptifchen
Tochterworten oder in griechifchen Umfchriften gegebenen
Vocale die richtige Ausfprache des Aegyptifchen
wenigftens theilweife feftzuftellen. Es liegen hier jedoch
fo zahlreiche fragliche Punkte, die unbekannten Gefetze
des Vocalwechfels vom Altaegyptifchen zum Koptifchen,
die fchwankende Vocalifation im Koptifchen felbft, die
fchlechte Ueberlieferung der griechifchen Transfcriptionen,
deren Vocale auch nicht einfach auf Grund unterer
Schulausfprache gelefen werden dürfen, u. a. m. vor, dafs
das Refultat nur ein hypothetifches und willkürliches
fein kann. Eine Inconfequenz findet fich S. 645 A. 3
und S. 648 A. r, wo dasfelbe dem griechifchen ßugig
entfprechende Wort einmal bair und dann bpayy um-
fchrieben wird.

Bonn. A. Wiedemann.

1. Stein, Dr. Ludw., Die Psychologie der Stoa. i.Bd. Meta-

phyfifch-anthropologifcher Theil. [Berliner Studien
für claff. Philol. u. Archäol. 3. Bd. 1. Hft] Berlin,
Calvary & Co., 1886. (VIII, 216 S. gr. 8.) M. 7. —

2. Stein, Dr.Ludw., Die Erkenntnisstheorie der Stoa. (2. Bd.

der Pfychologie.) [Berliner Studien für claff. Phil. u.
Archäol. 7. Bd. 1. Hft.J Berlin, Calvary & Co., 1888.
(III, 389 S. gr. 8.) M. 12.—

Der Herr Verf. fchickt mit Recht der Erkenntnifs-
theorie der Stoa eine Pfychologie diefer Schule voraus,
da mit Ausnahme der Eleaten allen alten Philofophen
die Erkenntnifstheorie ein Theil der Pfychologie war,
wenn auch theilweife, wie von Plato, die Pfychologie er-
kenntnifstheoretifchenPoftulaten dienftbar gemacht wurde.
Nur würde die natürliche Folge diefer richtigen Einficht
gewefen fein, den TJmrifs der vorftoifchen Erkenntnifstheorie
auch auf die Pfychologie auszudehnen und an
die Spitze des ganzen Werkes zu ftellen. Es fei dem
Referenten geftattet, von diefem Umrifs auszugehen, und
ihn einer eingehenderen Prüfung zu unterwerfen, zumal
da die Darfteilung der Stoifchen Lehren felbft, wo der
Herr Verf. gute Vorarbeiten gewiffenhaft benutzt, weniger
Anlafs zu Einwendungen bietet, als diefer Umrifs, bei
welchem es dem Herrn Verf. weniger darauf ankommt
(S. 71), ,fein durchdachte, ftreng durchgeführte Einzel-
forfchungen zu bieten' .... als vielmehr ,die disiecta
viembra (?) der vorftoifchen Erkenntnifslehre in grofsen
Zügen und allgemeinen Umriffen zu einer organifch zu-
fammenhängenden Einheit ineinander zu fügen'. Da ift
denn zunächft zu betonen, dafs auch dies befcheidenere
Ziel nur dann zu erreichen ift, wenn die neuere Forfchung,
wenigftens foweit fie Chronologie und Wechfelbeziehung
der Syfteme behandelt, eingehend berückfichtigt wird.
Dies ift vom Herrn Verf. leider verfäumt worden, und
fo find in Folge irriger chronologifcher Annahmen in
wichtigen Punkten die caufalen Zufammenhänge ver-
fchoben und damit mittelbar auch die Beurtheilung der
Leiftungen Zenon's auf falfche Grundlage geftellt. Zunächft
ift ein wichtiger Factor faft völlig aufser Rechnung
gelaffen, das Syftem des Leukippos, deffen Exiftenz
auch Herr Dr. Stein nicht leugnet. Er glaubt fich
zu diefer Nichtbeachtung berechtigt durch die, Pfychologie
S. 153 vertretene, Anficht, dafs Leukipp ,nur chrono-
logifch betrachtet, Begründer feiner Schule war, indem er
eigentlich nur recht fpärliche Keime ausgeftreut hatte'.

Diefe Auffaffung ift dem confequenteften Syfteme
des Alterthums gegenüber unhaltbar. Diefe fpärlichen j
Keime könnten doch nur der rmr.oc, die Atome {vugtu)
und die JtVjj fein und damit ift der öiay.oGfiog gegeben. '

Die Beurtheilung der jüngeren Eleaten, des PImpedokles
und des Anaxagoras ift aber ganz wefentlich davon abhängig
, ob fie das atomiftifche Syftem gekannt haben
oder nicht. Ferner war Diogenes von Apollonia nicht
als Anhängfei an die ionifchen Phyfiologen, fondern als
ionifcher Reactionär gegen Anaxagoras nach diefem und
zwar eingehend zu behandeln, da gerade die Stoiker diefem
Forfcher mindeftens foviel als Heraklit verdanken.
Was S. 3 von Diogenes berichtet wird, er fetze das
(pgovtiv in die Luft im Gehirn, ift nicht richtig, an der
angezogenen Stelle ift nur vom Gehör die Rede L Dagegen
wäre der Name des Diogenes faft überall einzusetzen
, wo Herr Dr. Stein nach Siebeck's Vorgang Abhängigkeit
der Stoiker von den (fogenannten) Hippokra-
teifchen Aerzten annimmt, welche auch ihrerfeits von
Diogenes abhängen2). Dem Diogenes verdanken die
Stoiker ihre Pneumalehre, allo ihren Pantheismus und
den davon unzertrennlichen Materialismus. Doch läfst
fich die Abhängigkeit auch an einzelnen Dogmen erweitern
Aufser der Wahrnehmungslehre ift hier befon-
ders lehrreich das Dogma von der Befeelung des Embryos
bei der Geburt, weil die Stoiker fich durch die
Uebernahme diefes Dogma's in Widerfprüche mit ihrem
Syftem verwickeln. Unzweifelhaft ift auch, dafs der teleo-
logifche Beweis für die göttliche Vorfehung von Diogenes
flammt (vgl. frg. 4 und 5). Wenn diefer Beweis für die
Exiftenz der nqövoLa (bei Diogenes frg. 5 ivrjoig) in Xeno-
phon's Memorabilien fo fehr an Stoifche Argumentationen
anklingt, dafs man deshalb die Echtheit des Ca-
pitels in Zweifel gezogen hat, fo erklärt fich diefe Er-
fcheinung ungezwungen daraus, dafs auch der Xeno-
phontifche Sokrates hier dem Diogenes folgt. Im weiteren
Verlauf wird das Verhältnifs Demokrit's zu den Sophiften
nicht richtig beurtheilt. Da Demokrit bereits Ifinwände
des Eleaten Zenon berückfichtigt, welcher feinerfeits Pro-
tagoras kritifirt, fo mufs er die Sätze der Sophiftik voll-
ftändig gekannt haben; in der Vereinigung des dogma-
tifchen Syftems feines Lehrers mit dem Senfualismus
des Protagoras wird feine Hauptarbeit beftanden haben,
feine Erkenntnifstheorie mufs ausgearbeiteter als die der
Sophiften gewefen fein. Unbedingt abzuweifen ift der
S. 34 ff. unternommeneVerfuch, den Unterfchied, welchen
Demokrit zwifchen yvta'u] und Gymuj yvcifirj machte, nur
aus verfchiedener Befchaffenheit der ci'dmla zu erklären.
Die aio&rjGig (welche -/tV^ntg ift), erhält nur Ausflüffe
der avyy.Qif.iuTu, welche trügerifch fein können, die yvijGirj
yroi/iij erfchliefst aus der caadriats felbft als nothwen-
dige Vorbedingung der y.ivrjGig die Atome und das Leere,
welche ficherer find als ihr empirifcher Ausgangspunkt die
(äaihyü. Aufserdem theilte Demokrit nach Sextus wohl
der yvrjolr] yvojfirj die Fähigkeit zu, aus den einzelnen
Sinneswahrnehmungen Schlüffe auf die objectiven Eigen-
fchaften der Dinge wie Geftalt zu ziehen. Farbe ift nicht
objectiv, weil fie nur ein oQUToy ift, dagegen Geftalt, weil
durch yvcofirj aus oipig und u.(f>r gefolgert. (Auch die
yvt]Girj yviüfir) ift natürlich nur Atombewegung.) Es ift
daher natürlich, dafs D. einerfeits dem Sextus als Dog-
matiker erfcheint, andererfeits Ariftoteles als Senfualift,
weil er ein Denken ohne Erfahrungsfubftrat nicht kennt.
In der Ueberficht über die Erkenntnifslehre Platon's S. 70
bemerkt der Herr Verf., dafs man fich feit Schleiermacher
daran gewöhnt habe, bei Piaton zwifchen den
Zeilen zu lefen, dafs er aber darauf verzichten müffe,
auf die betreffende Literatur einzugehen. Dann mufste
er aber eigentlich auch auf die Benutzung Platon's verzichten
. Der Grundfatz: Man kann bei Piaton zwifchen
den Zeilen lefen, man kann ihn aber auch ohne das ver-
ftehen, ift unhaltbar; es handelt fich darum, ob man mufs,

1) Falfch ift auch, wenn ibid. Anm. 2 nach Krifche's Vorgang Planta
IV, 5 wegen modernifirter Terminologie dem Stoiker Diogenes zu-
getheilt wird.

2) Vgl. namentlich Diels Rhein. Muf. 42 S. 1 ff.