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Ausgabe:

1888

Spalte:

13-14

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Besser, K. M.

Titel/Untertitel:

Der Kosmos und die ewigen Ideen 1888

Rezensent:

Thoenes, Karl

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. t.

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decken, die auch anderswo in unterem Vaterlande gemacht
werden, und gewifs ift es richtig, dafs er vorzüglich
das chriftlichc Haus als die Stelle bezeichnet, von
welcher aus eine Befferung der vorhandenen Schäden
ausgehen muffe, und befonders auch die Mitarbeit der
Kirchenvorftände dafür in Anfpruch nimmt, dafs gute
chriftliche Sitte erhalten und Ausfchreitungen gegen die-
felbe bekämpft werden. Ob es fich aber überall empfiehlt
, dafs die Kirchenvorftände befchliefscn, die Keufch-
heitsprädicate beim kirchlichen Aufgebot wieder einzuführen
, die Traurede offenbar unkeufchen Paaren zu
verfagen, uneheliche Kinder ohne Grabrede zu beerdigen
und ähnliches mehr, dürfte zweifelhaft fein.

Lennep. Lic. Dr. Thon es.

Besser, Dr. K. M., Der Kosmos und die ewigen Ideen. Heidelberg
, Weifs' Verl., 1887. (VI, 104 S. 8.) M. I. 50.

Der Verf. handelt im letzten Capitel von Gott. Es
find fehr pofitive Ausfagen, denen wir hier begegnen.
Gott ift nach ihm der Geift, der nur fich felbft gleicht
und alles Ewige in fich vereinigt. Die Ideen offenbaren
ihn, wie er in den Dingen lebt und waltet. Gottes Wille
ift, dafs jedes Wefen mit fich felbft im Einklänge oder
gut fei, denn Gott ift das Gute'. Gottes Dafein bedarf
keines Beweifes. ,So gewifs das Univerfum feftfteht, ift
auch das höchfte Wefen, die Subftanz oder der Geift des
Univerfums, wirklich'. Es ift aufser Zweifel, dafs Gott
auch in der Erfahrung zu erkennen ift, und es ift natürlich
, ,dafs wir ihn als den Allweifen und Allmächtigen,
als den Allgerechten und Allgütigen zu verehren uns
gedrungen fühlen'. — Wie die Eins Individuum und doch
zugleich vollkommen allgemein, ein allgemeines Individuum
ilt, fo leuchtet ein, ,dafs Gott, der eine, ewige und
reine Geift, ein Individuum, doch ein ewiges Individuum
ift', fo dafs wir ihm perfönlich nahe treten können. —
Im Gewiffen ift der perfönliche Verkehr der Menfchen
mit ihrem Schöpfer eine anerkannte Thatfache. Gott
offenbart fich aber auch in der Natur und den Religions-
Itiftern, befonders in Chriflo, der dem menfchlichen Ge-
l'chlechte die Religion des Geiftes und der Liebe verkündigte
. ,Diefes hohe Evangelium, das uns vom Druck
des Irdifchen erlöft und mit Gott aufs innigfte verbindet,
bleibt der Welt für alle Zeiten heilig'.

Man darf fich einigermafsen wundern, wie Dr. Beffer auf
98 Octavfeiten die Probleme, welche von Raum und Zeit,
aufserer und innerer Welt, vom Allgemeinen, vom Denken,
vom Sein, von der Identität und dem Unterfchiede, von
Qualität und Quantität, von der Fans, von den Dingen,
den Beziehungen der Dinge, der Caufalität, dem Grunde,
der Subftanz und dem Begriff handeln und noch von
verfchiedenen andern Gegenftänden mehr, fo weit bearbeiten
kann, dafs Ausfagen über Gott, wie die bezeichneten
, ihm möglich werden. Allein wie wenig tief trotz
der hie und da hervortretenden Bekanntfchaft mit der
wiffenfehaftlichen philofophifchen Arbeit feine Erörterungen
gehen, mögen folgende Sätze zeigen, mit denen
er Kant's Definition von Raum und Zeit widerlegen zu
können glaubt. ,Kant bezeichnete', fo ,heifst es S. II,
.Raum und Zeit bekanntlich als reine, dem Gemüth (!)
angeborene Anfchauungen und wufste diefe kühne Hy-
pothefe energifch und mit Geift zu unterftützen. Doch
dagegen darf erinnert werden, dafs wir dergleichen angeborene
Anfchauungen in unferer Seele nicht entdecken
können. Auch auf die Geometrie beruft fich Kant, um
feine Anficht zu bekräftigen. „Denn die geometrifchen
Satze", fagt er in der transcendentalen Aefthetik § 3, „find
insgefammt apodiktifch, d. i. mit dem Bewufstfein ihrer
Nothwendigkeit verbunden, z. B. der Raum hat drei Ab-
meffungen; dergl. Sätze aber können nicht empirifche
oder Erfahrungsurtheile fein, noch aus ihnen gefchloffen
werden". Doch gerade die Erfahrung lehrt, dafs der
Raum drei Dimenfionen hat, wie ich dies foeben nach-

gewiefen habe'. Fr. Alb. Lange u. a. hätten dem Verf.
zeigen können dafs Kant fo leicht nicht widerlegt
werden kann.

Den Aufftieg von der Welt zu Gott bewirkt Beffer
auf die Weife, dafs er von der Subftanz des Univerfums,
welche wie die übrigen Subftanzen überfinnlicher Natur
und alfo Geift fei, ausgeht. Da diefe alles, was befteht.
umfaffe und nicht nur alle Dinge, fondern auch das
Wefen aller Dinge in fich fchliefse, müffe fie, fo folgert
er, überhaupt als höchftes Wefen oder als der eine höchfte
Geift, dem kein anderer gleicht, bezeichnet werden. Und
fchon oben haben wir geliehen, dafs es ihm keine Schwierigkeit
macht, diefen Geift nach Analogie der Eins
auch als Individuum aufzufaffen. Welch ein weiter Ab-
ftand zwifchen dem höchften Wefen der Metaphyfik und
dem Gotte des Chriftenthums belteht, davon fcheint der
Verf. keine Ahnung zu haben.

Wir glauben, dafs ihm felbft die von ihm dargelegten
philofophifchen und religiöfen Anfchauungen
werthvoll find; auch mögen fie den einen oder andern
feiner Lefer befriedigen; aber weder Philofophen noch
Theologen dürften ihre Wiffcnfchaft durch fie gefördert
fehen.

Lennep. Lic. Dr. Thönes.

Linsenmayer, Stiftsvik. Dr. Ant, Geschichte der Predigt

in Deutschland von Karl dem Grofsen bis zum Ausgange
des 14. Jahrhunderts. München, Stahl sen.,
1886. (VIII, 490 S. gr. 8.) M. 5.80.

Eine meift mit dem Jubiläum unferes Predigerfemi-
nars /.ufammenhängende Menge aufsergewühnlicher Arbeiten
hat die Befprechung diefes Werkes nicht nur über
Gebühr verzögert, fondern vielfach auch genau eingehende
Prüfung verhindert. Doch glaube ich hier eine
Hinweifung auf das jedenfalls fehr tüchtige Buch und
auf einige bei demfelben befonders in Betracht kommende
Punkte nicht länger unterlaffen zu dürfen. Nahe
liegt es, vergleichende Blicke auf die ebenfalls vortrefflichen
, minder oder mehr denfelben Stoff behandelnden
Bücher zu werfen, welche in neuerer Zeit aus der ev.
Kirche hervorgegangen find. Von diefen hat das ganz
anders angelegte, die altdeutfchc Predigt, wenn man
von den auf 109 Seiten gegebenen genauen Berichten
über die Handfchriftcn und über die Sprache als folche
abfieht, in einer 155 Seiten füllenden Abhandlung be-
fprechende, dagegen auf über 300 S. fo viel als möglich
vollftändige Predigten, Tilchreden und Gebete in der
urfprünglichen Sprache mittheilende Werk von Wackcr-
nagel-Rieger ,Altdeutfche Predigten und Gebete aus
Handfchriften, Bafel 1876- — weit weniger Aehnlichkeit
mit Linf., als die 1879 erfchienene ,Gefchichte der
deutfehen Predigt im Mittelalter von R. Cruel'. Zu
letzterer bildet das anzuzeigende Buch grofsentheils eine
überrafchende Parallele, und man wird fich diefer Aehnlichkeit
freuen als eines Beweifes, dafs wiffenfehaftliche
Gewiffenhaftigkeit und Gründlichkeit den durch verfchie-
dene proteftantifche und katholifche Grundanfchauungen
herbeigeführten Zwiefpalt der Auffaffungen bis zu ziemlich
hohem Grade überwindet. Zu meiner Aufgabe hier
wird gehören, anzudeuten, wo diefer Zwiefpalt hauptfächlich
hervortritt, und wo demgemäfs die weitere
Forfchung hauptfächlich anzufetzen hat. Doch zuvor
einiges Andere.

Cruel befpricht die Predigt in Deutfchland von 600
—1520. Dafs Linf. etwa mit 800 anfängt, bewirkt nur
geringen Unterfchied, indem aus früherer Zeit fo wenig
vorliegt, dafs fich mit derfelben auch Cruel nur auf
einigen Seiten befchäftigt. Auf das meide dahin Gehörige
greift zudem Linf. gelegentlich -zurück. Von grofser
Bedeutung dagegen ift, dafs letzterer das 15. Jahrhundert
hinwegläfst.