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Ausgabe:

1888

Spalte:

307-308

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Im Kampf um die Weltanschauung. Bekennntnisse eines Theologen 1888

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Seite 1

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3°7 Theologifche Literaturzeitung. iS88. Nr. 12. 308

,wichtiger Schriften und Abhandlungen zur Gefchichte
und Lehre der altevangelifchen Gemeinden, von Dr. L. j
Keller', dem der Verfaffer eine befondere Empfehlung
einzelner Bücher angehängt hat.

Rumpenheim. S. Eck.

Im Kampf um die Weltanschauung. Bekenntnifse eines Theologen
. Freiburg i/B., Mohr, 1888. (154 S. 8.) cart.
M. 2. 80.

Ein anziehendes, überall feffelndes, ftellenweife er-
greifendes Büchlein, in welchem in der That ein .Kampf !
um die Weltanfchauung', ein tiefgehender Glaubenskampf
zum beredten, ebenfo einfachen als edeln Ausdruck
gelangt. Diefe .Bekenntnifse eines Theologen'
find frei von jedem fcholaftifchen Formalismus, und
fchlagen einen Ton an, welcher in den Herzen aller Gebildeten
, durch die Erfchütterung alter Vorftellungen Angefochtenen
, einen fympathifchen Wiederhall hervorrufen j
wird. Mit vollfter Aufrichtigkeit legt der Verfaffer die
Zweifel dar, welche das Auseinandergehen von Gut und |
Fromm, der Widerfpruch von Naturgefetz und perfön- j
lichem Gott, ja überhaupt der Widerftreit der Vorftellungen
von Einft und Jetzt, die Gegenfätze von Zeit und Ewig-
keit feinem Denken bereiten. Mit fettem Muth und ftei- j
gender Klarheit ringt er fich durch fchwierige Probleme
und herbe Erfahrungen bis zu Empfindungen und An- j
fichten empor, welche zwar nicht alle Widersprüche löfen,
wohl aber feinem Geifte Befriedigung, feinem Gemüth
Trott und Kraft gewähren. Nicht durch Plan und Methode
, nicht durch Fülle origineller Gedanken zeichnet j
fich vorliegende Schrift aus; fie ift vor allem ein per-
fönlicher Herzensergufs, das .Bekenntnifs' eines aufrichtigen
, nach Wahrheit dürftenden Geiftes. Auch wird das j
Büchlein nicht fowohl durch den in demfelben vertrete-
nen Standpunkt als durch die Charakterzüge der hier
fich abfpiegelnden Individualität einen tiefen Eindruck
machen und auch in den Kreifen der Laienwelt Segen
ftiften. Kühne Confequenz des Denkens und lautere
innige Frömmigkeit, ungehemmte Freiheit der Kritik und
pietätvolles Verftändnifs des Ueberlieferten, feine pfycho- |
logifche Beobachtungsgabe und packende, aus dem vollen
Menfchenleben gegriffene Beifpiele, unbeftechlicher Wahr-
heitsfinn und milde, von allem Parteiwefen grundfätzlich abgekehrte
Weitherzigkeit, welch fchöne wohlthuende Kennzeichen
einer harmonifch durchgebildeten ethifchen und
religiöfen Perfönlichkeit! — Es koftet Ueberwindung an
diefe anfpruchslofen und doch fo gehaltvollen Seiten den !
Mafsftab kritifcher Beurtheilung anzulegen, denn das !
erfte Gefühl, welches der Verf. feinem Lefer abgewinnt
, ift warme Dankbarkeit und Theilnahme. Und
doch wird gerade der Mann, welcher fo freimüthige
Kritik zu üben verfteht, es am erften erwarten, dafs man
die Bedenken, die feine Worte dem ernft Prüfenden erregen
, nicht zurückdränge. Soll ich zunächft geftehen, j
dafs die Anmuth und Liebenswürdigkeit der Darfteilung
mir öfters den tragifchen Ernft des gefchilderten Glaubenskampfes
zu verhüllen fcheint? Ift doch ein folcher
Kampf nicht lediglich, ja felblt nicht in erfter Linie Sache
des Verftandes, fondern tief innerliche Angelegenheit
eines durch fittliche Noth und Schuld bekümmerten und
gequälten Gewiffens! Es wäre allerdings unrecht, zu behaupten
, dafs diefe Seite nicht hervortritt; allein das
Bekenntnifs unferes Theologen bewegt fich doch mit Vorliebe
in aefthetifchen Kategorien, und der Lefer fühlt
fich mehr durch die Schönheit der Gedanken und des
Ausdrucks erquickt, als durch die innere Kraft fittlicher
Motive überwältigt. Daher wohl auch das Gefühl des
Unbehagens, welches bei aller Erbauung manchen Suchenden
und Strebenden gewifs befchleichen wird; felbft nach
dem letzten, in die fpeeififeh chriftlichen Gedanken und
Thatfachen einfuhrenden Capitel werden Viele unbe- j

friedigt und vielleicht rathlos der nacherlebten Glaubens-
krifis gegenüber ftehen. Wie begründet in der That der Verfaffer
die von ihm fo tief empfundenen und oft wundervoll
ausgeführten religiöfen Wahrheiten? ,Du haft nicht
geträumt, fo wird uns verfichert, du haft nicht geträumt,
wenn du an die Liebe Gottes glaubteft . . . Nichts bedroht
deinen Glauben, du darfft getroft glauben wie
vorher, dafs Alles, was Gott thut, vollkommen und gut
ift'. Wo liegt aber die Bürgfchaft hiefür ? Was nöthigt,
was berechtigt mich zu folchem Vertrauen? Fehlt nicht
jenem Bekenntnifs die Grundlage und jener Verficherung
die Beweiskraft, fo lange man abfieht von der Thatfache,
welche allein dem Chriften die felfenfefte Glaubensge-
wifsheit zu vermitteln vermag? Was ich an dem aufrichtigen
Ringen und ernften Suchen und freudigen Bekennen
zu fehr vermiffe, ift eben der Hinweis auf den Grund der
unüberwindlichen Zuverficht, welche den Chriften befeelt
und ihn über irdifche Noth und menfehliche Sünde und
eigene Schuld fiegreich emporhebt; was ich vermiffe,
— ich möchte es in die Worte des Mannes kleiden, der
uns evangelifchen Chriften den Weg zu jener unerfchütter-
lichen Gewifsheit wiedergebahnt hat. ,Gott macht uns
feine Liebe fafst füfs und freundlich, in dem, dafs Chriftus
für uns geftorben ift, da wir noch Sünder waren. Sollte
uns das nicht eine ftarke, unüberwindliche Zuverficht
machen, dafs, ehe wir darum gebeten oder geforgt haben
, ja noch in Sünden für und für wandelten, Chriftus
für unfere Sünden ftirbt? Sieh, alfo mufst du fehn, wie
in Chrifto Gott feine Barmherzigkeit dir fürhält und anbeut
, ohne all deine vorkommende Verdienlte, und aus
folchem Bild feiner Gnade fchöpfen den Glauben und
Zuverficht der Vergebung all deiner Sünd' (Sermon
von guten Werken, E. A.2 XVI, 140). — Wohl ift der
Geilt, der in den herzgewinnenden Seiten unferes Ver-
faffers athmet, der befreiende und befeligende Geilt echten,
lebendigen Chriftenthums, aber mehr als einmal ilt die
Darfteilung fo gehalten, dafs die.Thatfache, auf welche
fchliefslich Alles ankommt, mehr verdeckt als hervorgehoben
wird, ich meine die Thatfache, dafs die religiöfe
Löfung der fich unferem Geilt und Gemüth aufdrängenden
Räthfel einzig und allein in Jefus Chriftus zu finden ift.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Carstensen, Pred. N. F., Das Leben nach dem Tode.

Deutfch von Emil Jonas. (Vom Verfaffer durchge-
fehene Ausg.) Leipzig, Friedrich, 1886. (VII, 224 S. 8.)
M. 3.-

Ein dänifcher Prediger, der unzufrieden damit ift,
wie von angefehenen Geiftlichen der dänifchen Volkskirche
über die Auferitehung von den Todten geredet
wird, bemüht fich, denfelben gegenüber nachzuweifen,
dafs die Lehre von der Auferitehung des Fleifches, wie
fie herkömmlich vorgetragen werde, dem religiöfen Be-
dürfnifs der Gemeinde nicht genüge und in Widerfpruch
zu den Ausfagen der heiligen Schrift ftehe. Nur hat er
es leider nicht dazu gebracht, eine biblifch begründete
Lehre über das Leben nach dem Tode aufzuhellen. Er
befchränkt fich darauf, die einfchlagenden Bibelworte
zufammenzultellen und aus ihnen wider die Lehre von
der Auferitehung des Fleifches zu argumentiren. Aber
von der Aufgabe exegetifcher Forfchung und biblifch-
theologifcher Darfteilung hat er keine Ahnung. Seine
Auslegung verliert fich in Willkürlichkeit und entbehrt
jeglicher wiffenfehaftlichen Methode. Von einer eingehenderen
Benutzung und Verwerthung der exegetifchen
Literatur findet fich keine Spur. Nicht einmal auf den
Grundtext der Bibel geht er zurück und führt anftatt
deffen nur zahlreiche Stellen aus Bibelüberfetzungen an.
Seine Darltellung ilt breit und unerträglich weitfehweifig,
unterbrochen von zahllofen ermüdenden Abfchweifungen,
voll von gehäfligen Ausfällen wider die Vertreter der