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Ausgabe:

1888

Spalte:

262-263

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fischer, G.

Titel/Untertitel:

Rogate. Kurze Andachten in Sprüchen und Gebeten der heiligen Schrift für alle Tage des Jahres 1888

Rezensent:

Meyer, Ernst Julius

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26i Theologifche Literaturzeitung. 1888. Mr. 10. 2g2

und dem Gebot durch die Lehre von einem Gott, in tionen nicht von Clemens von Rom find, darüber konnte
welchem er feine eigene Liebe hypoftafirt, Wirkfamkeit : den Verf. fein Gewährsmann Stäudlin belehren,
verfchafft. Aus alledem ift fchliefslich bei uns jenes j Die zweite Schrift, in welcher der Verf. mit den
Bewufstfein erwachfen, welches, des befchriebenen Werde- i aus Schopenhauer bekannten Gründen die Unfreiheit des
proceffes unkundig, Wohlwollen als an fich lobens- ' Willens zu erweifen, weiter die Illufion der Freiheit aus
und lohneswerth, Uebelwollen als an fich tadelnswerth ! der Unkenntnifs der Beftimmungsgründe zu erklären
und ftrafwurdig anfleht. — Die Entftehung unferes Ge- j dadurch die Zurechnung einer Handlung als Verdienft
wiffensinhaltes ift damit gewifs in fehr vielen Funkten und Schuld zu befeitigen und endlich die von Kant berichte
dargelegt. Aber der Hauptpunkt ift doch ver- : hauptete intelligible Freiheit als ein Monftrum darzuftellen
hüllt : Eltern und Erzieher mögen mir den Gedanken bemüht ift, zeichnet fich wie die erfte Schrift durch Klarheit
eingewöhnen, dafs gewiffe Handlungen und Gesinnungen j und Confequenz aus, bietet aber nichts Neues und leidet
verboten lind, ganz abgefehen davon, ob fie wirklich an Breite —

Schaden ftiften, und dafs andere geboten find, ohne dafs rur die Verfpatung diefer Anzeige, wie einiger an-

nach dem Warum gefragt werden dürfte; aber diefer ' derer in nächfter Zeit folgender, habe ich um Entfchul-
Gedanke, der mir in Folge der Gewöhnung auch unwill- digung zu bitten.

kürlich auftauchen mag, hat erft dann die Art eines Ge- 1 Tübingen. yjax Reifchle

wiffensurtheils, wenn derfelbe in mein eigenes Selbltge- _.___'

fühl aufgenommen ift. Die Sprödigkeit der eingeprägten . . „ .

Gebote und Verbote gegen die Frage ,Warum?', die ge- Fischer, G.,und 11. Lindenberg, Paftoren, Rogate. Kurze
heimnifsvolle Unergründiichkeit für den hiftorifch nicht I Andachten in Sprüchen und Gebeten der heiligen
Gebildeten erfchöplen noch nicht den Inhalt des Bewufst- Schrift für alle Tage des Jahres. Leipzig Hinrichs
feins: ,an fich lobenswerth und an fich tadelnswerth'. Dafs 1 l888 (VH 395 S. SV geb. M. im- m&'Goldfchn'
ich mich felbft, den Werth meines ganzen Ich nach M 2_ ^ 8 5 ' ^oldlc"n-

jenen Geboten und Verboten beurtheile und darum eben

mich felbft für werth halte, Lob oder Tadel zu em- Die träge Gewohnheit und die Monotonie find Feinde

pfangen, ift das Entfcheidende: diefe felbftändige An- , aller wahren Andacht. Diefelbe bedarf daher immer
eicnung der Gebote und Verbote kann nicht von aufsen wieder neuer Anregung und Belebung, und es rechtfertigt
her eingewöhnt oder eingeprügelt werden, fondern nur I fich deshalb auch die Herausgabe neuer Andachtsbücher,
durch die Erziehung angeregt und unterftützt werden, zumal wenn diefelben fich nicht in den gewohnten Ge-
fie kann fich auch behaupten trotz der Einficht in die J leifen bewegen und unter neuen Gefichtspunkten abge-
Genefis des Inhalts der Gebote und Verbote innerhalb der . fafst find, daher geeignet find, einen frifchen Wechfel in
Gefellfchaft. Dafs auch bei diefer Genefis felbft fchon das die Andacht zu bringen. Dies gilt aber von dem vor-
Bewufstfein von einem Sollen, an welchem der Werth i liegenden Andachtsbuch; die Anlage desfelben ift ein
der ganzen Perfon hängt, einen fehr bedeutenden An- fehr glucklicher Griff. Das Bibelwort bildet recht eigent-
theil hat, <äfst die gefchichtliche Darlegung des Verfaffers ! lieh in diefen Andachten, und mehr noch, als es geungebührlich
zurücktreten: nur um ihrer Schädlichkeit ' wohnlich der Fall ift, den Mittelpunkt. Durch Ver
willen [refp. aus der Neigung des natürlichen Wohlwollens
] follen Religionsftifter übelwollende Handlungen
und Befchaffenheiten gebrandmarkt haben (p. 230); man
wende dielen Satz auf Chrillum an, fo erweift er fich
als Conftruction der Theorie zu lieb! — Solches Con-
ftruiren hat aber vollends freies Feld bei dem Wageftück,
zu erklären, wie in prähiftorifcher Zeit das Häuflein Ge-
wiffen, das Familiengewiffen geworden ift: die Familien

knüpfung kurzer Bibelworte, die in fich verftändlich find
und keiner befonderen Auslegung bedürfen, wird der
Stoff für die Erbauung geboten und zwar, was dabei
das Neue ift, in der Weife, dafs auch für das Gebet, das
der Andacht den rechten Abfchlufs giebt, ausfchliefslich
biblifche Worte gewählt find, jene Gebetsfeufzer und
Gebetswünfche, wie fie fich fo zahlreich in den Pfalmen
und Propheten, vereinzelt auch im Neuen Teftament,
nicrnnP hervorgegangen aus dem Heerdenzufammen- finden^ Für jeden Tag find drei Bibelfprüche gewählt
ESST^-PmSS^S der GefcMechtsgenof.cn ein der erfte fpneht den Hauptgedanken aus, der zweite d

Gebot des Nutzens, Mitleid und Wohlwollen wahrfchein
lieh eine durch natürliche Auswahl bewirkte Erweiterung
des Elterninftinctes etc. Man kann folche Erklärungsversuche
aufbieten, welche, wenn fie z. B. das Wohlwollen
letztlich aus Egoismus erklären wollen, freilich
an iene metaDhvlifchen Phantaüen erinnern können, die

zur Ergänzung, der dritte ift ein kurzes biblifches Gebet,
das in einem angefügten Liedervers den angcfchlagenen
Ion ausklingen läfst.

Die Auswahl der biblifchen Sprüche ift mit grofser
Sorgfalt und nach einem bestimmten Plan in fo umfaffen-
der Weife getroffen, dafs das Ganze des chriftlichen

duVch*Häu7uTg'der Mittelglieder die Vielheit und Be- I Glaubens und der chriftlichen ~Leh7e~ nach feinen' v
ftimmtheit aus dem unterschiedslos Einen begreiflich fchiedenen Seiten darin feine Beleuchtung findet I)ie
machen wollen; man kann aber auch die Hypothefe auf- für jeden Tag ausgewählten Spruche ftimmen in treff
«eilen, dafs die ^?^>^<^^^^^f^m nicht licher Weife zufammen und namentlich find d"e Paralle"-
blofs finnlich-egoiftifche Triebe umfafst. Insbefondere Hellen aus dem Alten und dem Neuen Teftament die
aber ift feftzuhalten: Die Anerkennung der hamilienord- vorzugsweife in der erften Hälfte des Buches zufammen-
nung als eines Gebotes, an welchem nicht blofs der , geftellt find, mit kundiger und ficherer Hand ausgewählt,
eigene Vorthe.l, fondern der Werth der ganzen Perfon Ganz befondere Anerkennung verdient die auf genauefter
hängt, bleibt ein Factum der Vernunft, das nicht als Kenntnifs und gründlichem Verftändnifs der Schrift be
blofses Product de.■ äufseren Einwirkungen zu begreifen ; ruhende, mit behenderem Fleifs und glucklichem Griff
ift; die befondere Geltung des Gebots für die Perfon getroffene Auswahl der biblifchen Gebetsfprüche und
ift überhaupt unerklarbar. . _ : ■ dies um fo mehr, als die Verf. hier einen ganz neuen

Soweit fich der Verf. auf geschichtlichem Boden be- Weg ohne einen uns bekannten Vorgarn' betreten haben
wegt, hat er fehr viel Material für feine Untersuchung Aufgefallen ift uns, dafs die Verf. auf das KircheniX'
gefammelt. Befonders reich und, foviel ich beurtheilen I gar keine Ruckficht nehmen, auch bei den unbeweglichen
kann, auch zuverläffig find die gefammelten Notizen aus , heften nicht. Selbft in die Andachten der beiden Weib
der Rechtsgefchichte; nur waren dabeiZeitbeftimmungen nachtstage, des 25. und 26. December ift kein einiger
häufig erwünscht. Weniger zuverläffig find die Angaben j auf die grofse Feftthatfache von Weihnachten bezü^nrher
aus der Religionsgefchichte: Hypothefen von lylor. von Spruch, noch ein Liedervers aus den köftlichen Weib
Tiele gelten als abfolut ficher; auch ungenaue Citate i nachtliedern unferer Kirche angeführt
finden lieh hier; z. B. dafs die apoftolifchen Conftitu- Was die Liederverfe anlangt, fo haben wir in Bezug